Ausgabe 
15.9.1930
 
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SietzenerZamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang Montag, den |5. September Hummer

Am Schraubstock.

Von Max E y t f).

Backen aus Eisen, Packt, bis ihr brecht!

Zähne, die beißen, Halten nicht schlecht.

Härte den Meißel, Halte ihn scharf, Schleife ihn öfter. Als er's bedarf.

Fasse den Hammer Am Ende des Stiels, Freu dich am Takte Des klingenden Spiels.

Drücke drauf! 's ist um die Feile nicht schad'.

Was du auch tun magst, Feile gerat)!

Hart ist das Eisen, Härter der Stahl,_ Am härtsten di« Stunden Gar manches Mal.

Tropft von der Stirne Schwarz dir der »schweiß. Wird es dem Hammer, Der Feile zu heiß. Kannst du nicht biegen Stahl oder Guß, Will dir nicht brechen, Was brechen muß, Bist du nur selber Nicht daran schuld: Wahre dir, wahre Mut und Geduld!

Dunkle Blätter.

Aus dem Taschenbuch eines deulschen Ingenieure.

Von Max E y t h.

Die folgenden Kapitel bilden einen selbständigen, in sich geschlossenen Abschnitt des bei der Deutschen Verlags-Anstalt, Stuttgart und Berlin, erschienenen BuchesHinter Pflug u n d S ch r a u b st o ck", das neben demSchneider von Ulm" den schwäbischen Dichter-Ingenieur Max Eyth vor allem bekannt gemacht hat.

Das Jagdschloß.

Dunkle Blätter aus den alten Zeiten des Papyrus wie aus den neuen des Papiers gibt es genug in diesem sonnigen Lande, doch liegen sie nicht am Wege der Herdenreisenden von Stangen und Cook. Im grellen Licht, das selbst die Wüste ausstrahlt, gehen die meisten achtlos au ihnen vorüber. Natürlich! Man kommt nicht nach Aegypten, um dunkle Blätter zu betrachten. So muß ich wohl ausführlich erzählen, wie $ dazu kam, eines der dunkelsten so nahe zu streifen, daß es mir auf «'ochen den ägyptischen Sonnenschein verleidete. Die überaus sach- und landeskundigen Herdenreisenden würden mir sonst kaum glauben. Sie hatten nichts dergleichen bemerkt. Es war alles so hell, so klar, so durch­sichtig unter dem blauleuchtenden Himmel, di« Fellachin, ein mit dem Wenigsten zufriedenes, lärinendes, malerisch zerlumptes Völkchen, und die Paschas so komisch! wenn sie auch nicht immer ganz so gesittet und liebenswürdig sein mochten wie wir selbst, sobald mir auf Reisen sind. Das wenigstens war der Eindruck, den die Mehrzahl der eingeborenen oberen zehn Zehner von Alexandrien und Kairo gegen die Mitte der iochziger Jahre auf uns machte.

. Das Schicksal gestattete mir jedoch nicht, meine Beobachtungen auf di« Merweltsstraß« der hereinbrechenden Touristenflut zu beschränken. Ich l*Qt eines Tages, zum Beispiel, in einem Brunnenschacht zu Terranis bei Damiette, den Kopf und ein ängstlich flackerndes Oellämpchen in dem Agen Dentilkasten einer hundertachtzigpferdigen Dampfpumps alten Schlages, die sich seit einigen Tagen hartnäckig geweigert hatte, die um­fegenden Reisfelder mit dem nötigen Trinkwasser zu versorgen. Es war 2 «Mr turmhohen Wasserhebemaschinen, wie sie in Bergwerken üblich l no und von englischen Ingenieuren und Agenten zum Beginn der land­

wirtschaftlichen Entwicklung neuen Stils gut genug für Aegypten gehal­ten wurden. Das drei Zentner schwere messingen« Säugventil, einer großen Glocke ähnlich, hing provisorisch an einer Kette, welche kunstvoll in einen Baststrick überging, der über eine Seilscheibe am Dach des Ma- fchinenhauses lief. Am andern Ende des Seiles hingen fünf Fellachin und gaben sich den Anschein, ein« qualvoll schwere Last emporzuziehen. Auf dem Zylinderdeckel, zwei Stockwerke über mir, saß mit gekreuzten Beinen, behaglich wie ein Pascha der alten Schule, mein Dragoman Abu-Sa und übersetzte brüllend die englischen Kommandoworte, di« aus der dunkeln Tiefe zu ihm heraufdrangen, in verständliches Fellaharabisch, worauf die fünf Mann lebenden Gegengewichts nicht ohne häufige An­rufung Allahs und feines Propheten den Strick anzogen oder nachließen.

Ich atmete erleichtert auf, trotz der scheinbar unerquicklichen Umgebung von Nilschlamm, triefendem Wasser und ägyptischer Finsternis, in der ich wie ein Molch herumkroch. Die Ursache des Jammers, der mich Hals über Kopf von Kairo hierher, nach der nördlichsten Besitzung Halim Paschas, gesprengt hatte damals eine Reise von zwei Tagen trotz aller Beförderungsmittel, die mir zur Verfügung standen, war endlich nach mehrtägigem Suchen gefunden. Ein großer Fisch hatte ein Loch int Saugkorb der Rohrleitung benutzt und sich in feiner Neugierde bis zum ersten Ventil der Pumpe durchgearbeitet. Dort war er zwischen Ventil und Vertilführung mit abgeschnittenem Kopf und auch sonst lebens­gefährlich verletzt stecken geblieben. Nach dieser Heldentat, die das Ventil an dem unberufenen Eindringling verübt hatte, weigerte es sich, seins gewöhnliche Alltagsarbeit weiter zu verrichten, so daß die große Pumpe stöhnend und ächzend, pustend und gurgelnd seit fünf Tagen aufgehört hatte, Wasser zu geben. Manchmal, je nachdem der tote Fisch sich in dem Ventilkasten drehte, stieg plötzlich das Wasser im Druckrohr mächtig und hoffnungsvoll empor; dann aber, mit einem alles erschütternden Knall in den untersten Tiefen des Schachtes, lief das kostbare Naß zischend und sprudelnd wieder davon. Es ist nicht immer ganz einfach, derartige faule Fische in dem Riesenleib einer Dampfpumpe sofort zu entdecken, namentlich ehe man weiß, ob sie überhaupt vorhanden sind. Deshalb war ich nach meiner Entdeckung in der heften Stimmung. Die Reisernte von Terranis brauchte nicht verloren zu fein. Es handelte sich jetzt bloß darum, den kopflosen Fisch aus dem Ventil herauszubekommen und ihn, soweit die Fellachin damit zu tun hatten, zu verspeisen. War dies geschehen, so mußte di« Pumpe wieder ihre viereinhalb Tonnen Wasser in der Sekunde speien wie zuvor.

Ich beleuchtet« das Ungetüm von allen Seiten. Es stak fest zwischen Ventil und Bentilführung und sah mit seinen zerfetzten Flossen kläglich, säst mitieiderregend aus.Das kann schließlich jedem passieren!" dachte ich, mit dem Kopf unter der hängenden Glocke,zum Beispiel auch mir, wenn Abu-Sa ein falsches Kommando gibt und die drei Zentner Messing auf mich herunterkämen." Ich getraute mir deshalb nicht einmalFest­halten!" hinaufzuschreien. Wie leicht konnte das Wort mißverstanden oder falsch übersetzt werden; und dann wäre der Fisch nicht schlimmer daran gewesen als ich und die wertvolle Reisernte sicherlich verdurstet.

Und wirklich: oben schien plötzlich eine große Bewegung auszubrechen: rasche Tritt«, einzelne Ruse, verwirrtes Schreien. Der tote Fisch begann zu zittern, und das Ventil tat einen Ruck. Ich bin nie aus einem Ventil- taften so schnell herausgekommen wie damals. Sobald ich aber bemerkte, daß all meine Gliedmaßen noch aneinander hingen und mir nichts fehlte, bemächtigt« fick meiner ein heiliger Zorn, der wohl jeden erfaßt, dem aus Versehen der Kopf abgeschnitten zu werden drohte. Das Gefühl der Dank­barkeit gegen «ine gütige Vorsehung verslüchtet sich in solch kritischen Augenblicken vielleicht allzu rasch. Ich flog die Leiter hinaus, um mich auszusprechen.

Dazu kam es allerdings nicht. Man wird innerlich ruhiger, wenn man an einer senkrechten Leiter von fünfundzwanzig Sprossen sehr rasch emporklettert. Und bann sah ich sofort, daß sich etwas Außerordentliches ereignet haben muhte. Abu-Sa hatte feinen beherrschenden Sitz auf dem Zylinderdeckel verlassen. Nur noch zwei der Fellachin hingen gewissenhaft, aber jammernd an dem Strick, jeden Augenblick gewärtig, von dem schwebenden Ventil in die Lust gehoben zu werden. Die andern drei hatten sich in harmloser Neugier zu der Gruppe gesellt, die in der Mitte des Maschinenhauses den aufgeregt keuchenden Nasir den Gutsver­walter von Terranis, den majestätischen Scheck) «l Beled den Dorf­schulzen, und einen Mamelucken Halim Paschas* umgab, dessen dampfendes Pferd zwischen den Eseln der beiden Würdenträger vor dec Türe stand.

Achmed «( Soyer,der kleine Achmed", ein mir wohlbekannter Sein» biener Halims, ber in Schubra für bie Tschibuks seines Herrn verant­wortlich war, schien etwas erstaunt, benn er hatte mich noch nie in einem Ueberjug von Nilschlamm gesehen, wie ich ihn aus bem Schacht herauf­brachte. 'Doch zog er sofort ein kleines Billett aus der Brusttasche seines

* Halim Pascha, Onkel bes damaligen Vizekönigs.