Ausgabe 
15.8.1930
 
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SietzenerZamilienbMer

Unterhaltungsbeilage zum Glehener Anzeiger

Jahrgang 1950 ~ Freitag, den ^.August Nummer 62

Ritt im Mondenschein.

Von Ludwig Achim von Arnim.

Herz zum Herzen ist nicht weit Unter lichten Sternen, Und das Äug', von Tau geweiht. Blickt zu lieben Fernen;

Unterm Hufschlag klingt di« Welt, Und di« Himmel schweigen, Zwischen beiden mit gesellt Will der Mond sich zeigen.

Zeigt sich heut in roter Glut An dem Erdenrande, Gleich als ob mit heißem Blut Er auf Erden lande, Doch nun flieht er scheu empor, Glänzt in reinem Lichte, Und ich scheue mich auch vor Seinem Angesichte.

Robespierres Diktatur.

Von Professor Dr. A. Wahl *.

Mit der Hinrichtung Heberts war Robespierre siegreich der Gefahr entgangen, von einem noch extremeren und wilderen Terroristen über­flügelt und vernichtet zu werden. Zum ersten Male seit 1789 hatte nicht der Rabiateste gesiegt. Nun beschloß er, seine Diktatur dadurch zu begrün­den, daß er seinen letzten Nebenbuhler Danton, den nunmehrRechts­stehenden", umbrachte. Der bildet« jetzt vor allem deswegen für ihn eine Gefahr, weil er Mild« predigte und dadurch vielleicht plötzlich wieder eine große Macht werden konnte, da die Schreckensherrschaft natürlich längst dem stärksten Widerwillen begegnete. In seiner taktisch geschickten Weise ließ Robespierre zuerst einig« einflußreiche Freunde Dantons, darunter ein Mitglied des Wohlfahrtsausschußes, verhaften, dann durch St.Jufte eine an Verleumdungen reiche Anklageschrift gegen Danton, Desmoulins u. a. verfassen, und sie daraufhin ins Gefängnis werfen. Auch ihr Prozeß strotzt« von Rechtsbrüchen. Man hatte sich den grausamen Witz geleistet, Danton zu beschuldigen, die Monarchie wieder Herstellen zu wollen. Am 5. April 1794 wurde er mit vier seiner Genossen guillo­tiniert. Er hatte durch feine Haltung in den letzten Monaten seines Lebens etwas von dem Pielen und Schweren, das er verbrochen hatte, wieder gutgemacht. Es war sicher ehrlich, wenn er meinte, er wolle lieber guillotiniert werden als weiter guillotinieren. Er hat auch gesagt, er habe die Menschheit satt. Wie sollte ein- Mann, der sich noch einen Rest von gesundem Gefühl bewahrt hatte, im damaligen Frankreich anders emp­finden?

Robespierre war Diktator. In erster Linie infolge seiner Beherr­schung des Wohlfahrtsausschusses, des Konvents und des Jakobinerklubs. Nach dem Sturze Heberts hatte er aber auch auf das Rathaus seine Anhänger gebracht. Wie ist es diesem Manne gelungen, Alleinherrscher von Frankreich, wenn auch nur auf ein paar Monate, zu werden? Wirk­lich gewissermaßen von selber, weil er, derzum Henker gewordene Schul­meister", der am meisten charakteristische Vertreter des Geistes der Zeit gewesen wäre? Das hat bekanntlich Taine gemeint. So rational pflegt es indessen in der Weltgeschichte doch nicht zuzugehen. Robespierre ist empor­gekommen sicher in erster Linie, weil er politisch und besonders taktisch höher begabt war als die Mehrzahl der Rivalen. Er hatte ferner ein feines Gefühl dafür, daß Frankreich nicht gegen die Religion regiert werden könne. Er war meistens maßvoll, wenn über Berfolgungsdekrete hegen die Kirche beraten wurde. Er legte istehrfach in den verschiedenen Nationalversammlungen ein eindrucksvolles Bekenntnis seines Glaubens on einen, die Geschicke der Menschen leitenden Gott ab. Er widerstand dem Gedanken des Kultus der Vernunft. Und zwar das alles, ohne daß er Wt der Religion irgendwie zugänglich gewesen wäre. Gerade in dieser Haltung zeigte er sich als ein Taktiker, der seine Genossen überragte. Es m auch ganz deutlich, daß er Sinn für das Regieren an sich hatte. Im­mer wieder fordert er Einheitlichkeit und Kraft der staatlichen Aktion, so ganz im Gegensatz zu den Ideen von 1789.

* Durch Abdruck dieses Kapitels machen wir unser« Leser empfehlend aus Professor Wahls soeben erschieneneGeschichte der Fran- °,o n s ch e n Revolution" aufmerksam, die viele bisher nicht beachtete Zusammenhänge und Jdeenoerbindungen beleuchtet und die Revolütions- °eu so in neuem Lichte zeigt. (Verlag von Quelle 8- Meyer in Leipzig. E Sammlung Wissenschaft und Bildung. Geb. 1,80 Mark.)

Allein, daß auch er als Politiker völlig unzureichend war, sollten die vier Monate seiner Diktatur beweisen. In der auswärtigen Politik hatte er keinen leitenden Gedanken. Er rang völlig vergeblich mit den wirt­schaftlichen Schwierigkeiten. Die wiederum reiche Ernte von 1794 fand feine Schnitter. Längst war in Paris das Fleisch rationiert. Vor den Bäckerläden stand man Queue, wie in Deutschland im Weltkriege. Wie hier wurden Höchstpreise festgesetzt mit denselben Folgen: die Waren verschwanden, konnten aber hinten herum für exorbitante Preise erlangt werden. Und keine Härte, keine Hinrichtung von Ertappten verhinderte derartigen Schleichhandel.

Der Diktator verwendete allzu viel Zeit auf das völlig hoffnungs­lose Unternehmen, durch Feste und leer-demonstrative Maßnahmen repu­blikanischen Geist zu erzeugen. Was bedeutete derlei gegenüber der Tat­sache, daß diese zu liebende Republik täglich in ungeheurem Umfange das Blut Unschuldiger vergoß? Denn die Diktatur Robespierre brachte nicht etwa eine Milderung, sondern eine Verschärfung des Schreckens. Schließlich wurde im Juni die Einrichtung der Verteidigung und des Zeugenbeweises vor dem Revolutionstribunal grauenhafterweise abgeschafft. Die Mordmaschine arbeitete jetzt noch schneller. Vom März bis zum An­fang Juni wurden in Paris allein von der Provinz kann hier nicht die Rede fein dochnur" 1200 Menschen umgebracht. Im Juni und Juli aber bis zum Sturz Robespierres 1350. Meist Unschuldige, selbst nach den grausamen Auffassungen des eigenen revolutionären Rechtes. Leute, die auf Grund irgendeiner elenden Denunziation verhaftet worden waren, verleumdet von irgendeinem Menschen, der sie los sein wollte. Oder solche, di« gelegentlich ein unvorsichtiges Wort gesprochen, oder einen Bries ge­schrieben hatten, in dem sich eine Kritik gegen die blutigen Tyrannen Frankreichs sand. Darunter auch Männer, die sich gerade um die Revo­lution die höchsten Verdienste erworben hatten. Wer einmal im Gefängnis saß, war fast unfehlbar verloren. Rach ein paar Wochen oder Monaten mußte er neuen Opfern Platz machen indem er das Blutgerüst bestieg.

Es ist beinahe unbegreiflich, daß ein verhältnismäßig kluger Mann wie Robespierre nicht gesehen hat, daß eine derartige Regierungsweise seinen Untergang mit Notwendigkeit in sich trug. Gewiß, er war nicht unbedroht. Seine eigene große Beliebtheit, di« er neben seinen Phrasen und Selbstanpreisungen, vor allem seiner tatsächlich vorhandenen Un­bestechlichkeit verdankte, hatte durch die Ermordung Dantons bei vielen, gerade der Extremen, doch einen schweren Stoß erlitten. Denn Danton mit seiner brutalen und dann wieder jovialen Art lag im Grunde dem französischen Volke weit mehr, als der dürre und dürftige Robespierre. Ader trotzdem: die sofortig« Beendigung der Schreckensherrschaft, nach­dem er unbestrittener Diktator Frankreichs geworden war, wäre zweifel­los die richtige Politik gewesen. Gewiß war auch sie gewagt. Aber welcher Weg war damals nicht gefährlich?

Mit diesen Betrachtungen ist schon die Frage nach den Gründen von Robespierres Sturz gestellt. Der letzte und wichtigste bleibt die Fortdauer der Schreckensherrschaft, die zur Vernichtung ihres Hauptträgers führen mußte Dazu kam, daß die Vorwände immer mehr dahin schwanden, unter denen dieses groteske Regierungssystem aufrecht erhalten wurde. Von diesen war einer die Gefahr, di« dem Leben derGuten", derPatrioten von denFaktiösen" drohen sollte. Diese Gefahr, bis dahin zeitweise wirk- lich vorhanden, war nach der Vernichtung der Hebertisten beseitigt. Oder vielmehr, die Gefahr, die über dem Leben fast jedes Bürgers schwebte, qinq von bei an von dem Manne aus, bet fid) als bas fiaupt berGuten zu bezeichnen pflegte. Der weitaus wichtigste Vorwand für die Schreckensherrschaft aber war die auswärtige Lage gewesen und die Wahrscheinlichkeit, daß der Feind nach Paris einbringe und dort em entsetzliches Strafgericht vollziehe. Um den äußeren Feind besagen zu kön­nen müsse man ben inneren erschrecken und vernichten, dieser schon alte Satz mußte immer wieder herhalten. Nur inmitten einer Angstpsychose konnte so etwas, wie die Schreckensherrschaft, aufrecht erhalten bleiben. Nun fiel aber seit der Errichtung der Schreckensherrschaft in immer wach­sendem Maße jeder wirkliche Grund zur Angst von dem Landesfeind fort.

Dazu kam weiteres. Robespierre war emporgekommen durch Schlau­heit und Verschlagenheit, nicht aber durch die Wucht seiner Persönlichkeit. Seine Reden waren zwar fanatisch, und selbst der Klang seiner ©Umme hatte etwas Ausreizendes. Aber er sprach zu lang, mit zu vielen Wieder- Holungen, ja häufig langweilig und jedenfalls nicht so, daß er die Massen des Pariser Pöbels hinreißen konnte, wie es der brutale Danton ober ber gemeine Hebert vermocht hatten. Jebensfalls sollte es sich Heraus­stellen, baß biete Masten nicht mehr in berselben Weise funktionierten, wie mehrer« Jahre lang. Von allen den genannten Ursachen seines Sturzes aber blieb zweifellos die am stärksten wirkende die Methode des Schreckens an sich, die zum Rückschlag, zur Tat aus bem Mut der Ver­zweiflung heraus führen mußte.

Der Diktator scheint biefe letztere Tatsache selbst empfunden zu haben. Aber er handelte nicht entschlossen genug dementsprechend. Er hatte nam- lich noch einen Pfeil in seinem Köcher, auf den er hoffte, ein Mittel, bas