Der Lehrer lachte, und der Schulinspektor lachte auch. Als Lehrling betrug er sich musterhaft. Darum wunderte sie sich bah, daß ihr der Meister Möckel letzt einen Floh ins Ohr setzen wollte. „Der Neumüllern ihr Stadtmädchen, die Kampmann", brunkelte er, „scharmutziert mit deinem Karl. Mir schwant, das gibt ein Gejuck!" „Spar dir den Odem", entgegnete sie, „der Karl hat eine stracke Natur, dem kommt keine Bube- lutsch bei!" Brummelnd war der Meister abgezogen. Sie hatte den Karl vorgenommen, hatte ihn fest ins Auge gefaßt. An der Sache mit der Kampmann war nicht so viel, als man vom Nagel schabte. Der Karl war offen, verschwieg ihr nichts. Dafür legte sie die Hand ins Feuer!
*
Auf dem Römerhang, der gegen das Dorf hin von heckendichtem Gesträuch besäumt war, lag der warme Glanz der Nachmittagssonne. Aus dem Gras lugten die gelben Blüten des Habichtskrauts und purpurroter Thymian hervor, lieber den Placken strich der Atem des nahen Waldes.
Unter dem Gezweig einer Eschs hatte sich die Helene Kampmann lang hingestreckt und blinzelte den Wecklerskarl, der vor ihr stand, an. Um ihr rotblondes Haar hatte sie ein blaues Band geschlungen. In Anbetracht ihrer vierzehn Jahrs war sie schon mächtig ins Breite gewachsen. Sie hatte ein rundes Gesicht und volle Lippen.
„Was ist das für ein Vogel, der da singt?" fragte sie.
Der Wecklerskarl, ein hagerer Junge mit lebhaften braunen Augen, antwortete:
„Das weißt du doch!"
„Woher soll ich das wissen?"
„Da kannst du mir leid tun. Ein Buchfink ist's!"
„So was gibt's bei uns in der kladderigen Herner Straße nich. Schmutzfinken, die laufen da genug herum!"
„Meine Mutter ist als Kind auch in Bochum gewesen!"
„Sei froh, daß du hier bist. Ich wollte mich zu Hause schon mal vergiften!"
„Warum?"
„Weil ich's nich mehr aushalten konnte."
„Wer hat dich dann so geextert?"
„Wenn ich dir alles sagen wollte, müßte ich bis morgen früh erzählen." „War's dann so schlimm?"
„Das soll wohl sein. Denk dir, mein lütter Bruder, der Leonhard, geht an Krücken. Den hat noch niemand lachen sehen."
„Ach, Herrje!"
„Meine Eltern leben wie Hund und Katze."
„Gibt's dann Klopffisch?"
„Das kommt auch vor."
„Meine Mutter sagt zu mir: ,Du bist faul und unfolgsam!' Es war mal kein Geld da. Und da hat sie mich gezwungen, daß ich betteln ging. Wie's mein Vater erfuhr, hat er mich gehörig geplüstert. Ich wäre auch nie wieder betteln gegangen. Die Frau ©Untermann über uns hat mir manchmal fünfzig Pfennige geschenkt. Und da habe ich mir beim Gärtner Seringhaus Nelken geholt. Die habe ich auf der Straße verkauft. Und brachte oft zwei, auch drei Mark nach Hause. Du hast keine Ahnung, wie das ist, wenn man hungern muß. Mein Äruder Leonhard und ich, wir haben oft gehungert. Meine Mutter hat ober fast jeden Tag eine teure Ansichtspostkarte an ihren Freund Schmitz in Wattenscheid geschrieben. Dafür hatte sie Geld. Wie meine Großmutter noch lebte, hatten wir Kinder es besser. Sonntags bin ich zu Hause immer auf den Friedhof gegangen, habe mir vom Gärtner eine Gießkanne geliehen und habe das Grab der Großmutter begossen. Kein Brot im Hause haben und nich flauen, das ist nich so einfach, Karl. Du weist gar nich, wie gut du's hast. Hier bin ich wie im Himmel! Heute mittag hatten wir eine dicke Erbsensuppe, Schweinefleisch mit Sauerkraut und Kartoffelbrei. War das sein!"
Der Wecklerskarl nahm den Kopf zurück.
„Wir haben kein Fleisch gehabt, und ich bin doch satt worden!" Die Kampmann setzte sich auf.
„Denk dir, die Minna Nolte aus Hattingen wird hier bei Bürgermeisters schrecklich verwöhnt. Und stiehlt Eier und Butter. Und schickt die gestohlenen Sachen nach Hause. So was täte ich nie!"
Der Karl zog die Brauen zusammen.
„Hat die Spriez dann net das siebente Gebot gelernt?"
Die Kampmann lachte.
„Was heißt siebentes Gebot? Daß ich nich stehle, dazu brauche ich vom lieben Gott kein Gebot. So viel Pli muß man von selber haben. Mein Vater hat mal ein Flugblatt mitgsbracht. Da stand: „Es gibt keinen Gott. Es ist alles Natur."
Der Wecklerskarl spuckte aus.
„Pfui Deubel! Das muß ein schlechter Kerl fein, der so was geschrieben hat!"
Die Kampmann legte sich wieder lang hin.
„Ach, Karl! Was wollen wir uns da streiten! Du denkst, was du willst, und ich denke, was ich will. Ich will mein Leben genießen. Bist du klug, machst du's just so!"
Der Karl trat einen Schritt zurück.
„Wann ich meinem Meister mit so Geschwätzer tarn, trag ich hinter die Ohren geschlagen, daß ich den Himmel für eine Baßgeig angucken tüt’."
„Was ist denn ein Schmied?" spöttelte die Kampmann. „Der muß sich sein lebelang schinden. So ein gescheiter Kerl wie du! Elektriker solltest du werden. Da kannst du Möpkes verbienenl"
„Wie man fein Brot verdient", versetzte der Karl, „ist ganz gleich. Wann man's nur ehrlich verdient. Ich mach jetzt bald mein Gesellenstück. Dann geh ich fort und schaff in der Stadt."
„O weh!" seufzte die Kampmann, „dann werde ich dich nich mehr sehen!"
Der Karl zuckte die Achseln.
„Das kann schon fein."
„Weißt du noch, Karl? Erst hast du mich so von oben herunter angekuckt. Das hat mich furchtbar geärgert. Jetzt sind wir befreundet. Das ist doch nett. Ich muß dir was sagen. Ich träume am helltcyien Tag. Und immer von dir!"
„Schwätz doch so kein dumm Zeug!"
„Ich will auf dem Platz sterben, wenn's nich wahr ist! Ich hab mal einen Roman gelesen. Da wollte ein Junge von einem Mädchen nichts wissen. Und sie war so treu. Und ist ihm nachgelaufen. Und sie war in Verzweiflung. Er war steinhart. Und da hat sie sich die langen, blonden Zöpfe abgeschnitten. Und dann hat sie sich das Gesicht mit Vitriol begossen. Wenn du so eklig gegen mich bist, Eiskückel, tue ich das auch!"
„Wie soll ich dann gegen dich sein?" fragte der Karl unsicher.
„Lieb sollst du sein, nur ein bißchen lieb!" rief sie mit erwachender Leidenschaft.
Dem Jungen stieg das Blut ins Gesicht.
„Wenn du mir gut bist", bisperte sie, „lache ich die ganze Welt aus. Kuck mal, man hat doch ein Herz. Ich bin so unglücklich, Karl! Ich habe keine Heimat. Ich habe nur die blasse Not gesehen und habe meine Mutter fluchen hören. Du bist mein Freund. Ich will dir was anver- trauen. Das würde ich keinem Menschen sonst sagen. Dir sage ich's. Einmal war die Mutier abends um zehn Uhr noch nich zu Hause. Der Vater lag krank zu Bett. Und da hat er mich weggeschickt. Ich sollte die Mutter suchen. Und da bin ich in der Nacht Ijerumgelaufen. Straßauf, straßab. Endlich traf ich sie. In der Brückstraße. Und sie war knüll. Und war ein Auflauf von Menschen. Und da wollte ich sie mitnehmen. Und da hat sie geschrien, als ob ihr ein Messer an der Kehle steckte. Und da ist ein Schutzmann gekommen und hat uns beide ins Polizeigefängnis gebracht. Und da hat meine Mutter ihren Rausch ausgeschlafen. Und ich saß dabei. Und habe die ganze Nacht gemeint. Und habe mir den Tod gewünscht. Kuck, Karl, so war mein Leben!"
„Daß man da ftorrig wird, das kann ich verstehn!" sagte der Karl mitleidvoll.
Sie wischte sich die Tränen aus den Augen.
„Du bist ein guter Mensch! Daß ich aus dem grauen Dunst heraus bin, das ist für mich ein großes Glück. Meine Mutter will mich los [ein. Zu mir ist noch niemand gut gewesen. Du bist jetzt mein Freund. Kuck mal, meine Mitschülerin, die Luise Strunk, hak schon ein Verhältnis. Und macht sich gar nichts aus ihrem Verehrer. Das ist schlecht von ihr. Ick könnte so was nich. Du lieber Gott, wieviel Jungen sind mir schon nachgestiegen! Ich wollte keinen. Ich muß einen lieb haben. Dich habe ich lieb!"
Der Wecklerskarl in scheuer Blödigkeit brachte kein Wort heraus.
„Hilf mir auf", bat sie, „ich bin so matt!"
Er machte eine linkische Gebärde, rührte sich nicht vom Fleck.
„Püschen, püschen, peck, peck, peck", rief sie verliebt, „gib die Händchen, streck, streck, streck!"
Zaghaft tat er ein paar Schritte vorwärts. Beugte sich zu ihr nieder. Schon hatte sie seine Hände ergriffen und zog ihn zu sich herab.
„Du bist min beste Jung!"
Sie bedeckte seinen Mund mit Küssen.
„Laß mich los, laß mich los!" wehrte er sich.
Sie aber als die Stärkere hielt ihn mit kräftigen Armen umschlungen.
6.
Wenn der Speckmichel in Friedenszeiten ein Schwein geschlachtet hatte, lud er Verwandte und Bekannte zum Schmaus. Obwohl er am Pfennig hing, wie der Teufel an einer armen Seele, gab er, dem Brauch folgend, Bedürftigen und Kindern, die mit Schüsseln und Töpfen kamen, von Metzelsuppe und Wurst ihr Teil. Der Krieg hatte den Schlachtfesten ein Ende bereitet. Ward jetzt ein Schweinchen vom Geben zum Tod gebracht, handelte es sich vor allem darum, den Wiegemeister hinters Licht zu führen, dergestalt, daß ein leichteres Tier gewogen und ein schwereres geschlachtet wurde. Das Wiegeschweinchen, in seiner Tätigkeit wohlgeübt, lief, sobald man es aus dem Stall gelassen, schier von selbst zur Gemeindewaage und drollerte vergnüglich grunzend wieder nach Haus. Neben diesen von Amts wegen erlaubten Schlachtungen hatte sich der Speckmichel auf Gcheimschlachtungen verlegt. Die nahm er nächtens in seiner Scheune vor. Der Metzger steckte mit ihm unter einer Decke und erhielt seinen Gewinnanteil. Aus der Kreisstadt stellte sich gegen Mitternacht Herr Friemel, der Oberkellner des Gasthofs zum schwarzen Adler, ein, um dann mit Fleisch beloben in der Dunkelheit wieder zu verschwinden. Was der Speckmichel bei solchen Gelegenheiten dem Adlerwirt abknöpsie, holle der aus seinen Gästen doppelt heraus.
Heut war der Oberkellner, ein Mann in mittleren Jahren, lang wie eine Hopfenstange, in der Nacht schon vor elf erschienen und schaute, eine Zigarre anzündend, dem Metzger zu, der vom Rücken eines geschlachteten Schweins den Speck ablöste.
„Na, Meister", näselte er, „da schneiden Sie mehr heraus wie aus meinem Bein!" „ ,
„Ich schätz, Sie gabeln net schlecht, Herr Friemel", sagte der Metzger, „'s gibt so Leut, die werden net fett und wann man sie in Butter brät."
„Was glauben Sie denn? Ich habe dreißig Pfund abgenommen!
„Babberlababb!"
„Auf Ehr' und Gewissen! Aber ich will von mir gar nicht reden. Gestern haben sie den Steuerrat Rudolph begraben. Der Mann ift tat’ sächlich an schlechter Ernährung gestorben. Ihr Bauern schimpft auf cu Herrn Beamten. Ob mit Recht oder Unrecht, will ich dahingestellt [em lassen. (Fortsetzung folgt)
Verantwortlich: Dr. HanS Thtzrivt. — Druck und Verlag: Brühl'sche UniversitätS-Duch- und Steindruckerei. R. Lange, Diebe"'


