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glücklicher
Derantvortttch: Dr. Han« Thtzriot. — Druck und Derlag: Brühl'sch« AniversitätS^Duch. und Strindruckerei. Jt. Lange. Sieben.
geblieben.
Der Gatte mit der lahmen Hand war noch ein klein wenig
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„Als Haydn", so schloß der Freiherr, „mich in jenen herrlichen Maitagen I Bratsche spielen hörte, rühmte er gar nichts an meinem Spiel, außer mein rechtes Handgelenk. Er meinte, die linke Hand, in welcher die Fertigkeit des Geigers sitzt, wolle mir noch nicht recht gehorchen, aber das rechte Handgelenk, welches den Bogen führt, das rechte Handgelenk, in welchem die Seele des Vortrags ruht, das — meinte Haydn — fei vortrefflich entwickelt. Doch mir ziemt es nicht, zu klagen über mein gelähmtes rechtes Handgelenk, wenn an demselben Tage die rechte Hand des Vaterlandes gelahmt und fein tapferes Heer vernichtet wurde."
Im folgenden Monat brachte der Friede von Luneville dem gefangenen Freiherrn die Freiheit. Auf der Heimreise traf er in Wien mit seinem Schwager zusammen. Der Graf hatte sich bei Hohenlinden aufs tapferste hervorgetan; man weissagte ihm eine glänzende Soldatenlaufbahn. Er ließ den Freiherrn sein neues Geschick und Glück etwas fühlen, gerade io, wie er ihm weiland feine größere Virtuosität recht deutlich unter die Nase S geigt hatte, und pries den ersten Konsul als den wahren Helden dieser eit, ja als einen Erlöser der Staaten und Völker.
Geblendet von der gewaltigen Person und dem märchenhaften Lebensgang Bonapartes, begannen ihn viele Deutsche selbst damals schon als einen Halbgott zu bewundern, und wen er von anderen gepriesen sah, den pries auch der Graf. Den Freiherrn schmerzte diese Umwandlung tiefer, als das gelähmte Handgelenk. Zwar mied er allen Streit, allein er beschloß auch, niemals mehr mit seinem Schwager Quartett zu geigen (wobei er vergaß, daß er ja selber gar nicht mehr geigen konnte) und den Grasen aus dem Musikzimmer auf Schloß Strüth zu verbannen wie den Ignaz Pleyel. Hätte er geahnt, daß Beethoven in Bälde gar eine Symphonie „Bonaparte" komponieren werde, er hätte auch ihn zu den beiden anderen gleich im voraus in den großen Bann getan!
Allein wenn ihn der Graf in der Politik jetzt ebensowenig mehr verstand als in der Musik, so verstand ihn des Grafen Schwester, seine Frau, doch immer besser in beiden Stücken. Als er ihr nach dem schmerzlich glückseligen Wiedersehen bald genug erzählte, daß ihr Bruder als reiner Soldat und Bewunderer alles Bewunderten nun gar ein ganzer Bonapartist geworden, da brach sie in helle Tränen aus, und als er sie trösten wollte, sagte sie: „Du hast bei Hohenlinden nur den Bogenstrich verloren, ich aber habe dort meinen Bruder verloren. Wäre er dort gleichfalls gefangen worden, so würde er sich jetzt nicht von Bonaparte haben fangen lassen, und er hätte nicht so gut gegen die Franzosen gefochten, so würde er jetzt nicht schwärmen für die Franzosen."
Dieser Ausspruch gewann Helenen vollends ihres Mannes Herz, und er schalt sich im stillen einen Toren, daß er so lange noch nebenbei an Erato gedacht und es jemals bedauern konnte, daß er den Bericht von der Schlacht bei Novi so musikalisch gelesen habe.
Und da er nun also doch wieder auf [einen alten Satz zurückkam, daß uns eine gute Musik immer und überall gut führe, so faßte er sich denn auch rechten Mut und fragte nach der Notenmappe.
Mit verklärtem Gesichte brachte sie Helene herbei, setzte sich ans Klavier und spielte ihm den Gaßmann samt seinen vergessenen Kameraden mit einer Wärme und Wahrheit des Vortrags, wie er es selber gar nie für möglich gehalten. Sie trug mehr hinein, als darin lag, und doch nichts Fremdes, und das ist das höchste Geheimnis alles künstlerischen Spielens. Die Melodien mochten manchmal etwas hausbacken fein, sie wurden aber feelenvoll unter ihrer Hand; denn der Geist der Liebe, der geprüften, bekümmerten, getrösteten Liebe sprach jetzt aus ihnen, und den hatte Helene hinemgehaucht und war doch im rechten Ton und Tempo des Andantes
als an dem Tage, wo Haydn auf dem Schlosse erschien, und damit ist die höchste Stufe irdischen Glückes bezeichnet. — „Gleich morgen", rief er, „muß der Riß zum Saalbau entworfen werden!" — Helene aber beschwer ihn, nie mehr eine Silbe vom Saalbau zu reden. Sie besaß jetzt das vollste Verständnis fürs Andante.
Und so lebten und musizierten beide dann noch lange recht einträchtig miteinander. Auch ward bald wieder regelmäßig jeden Montag Quartett auf Schloß Strüth gespielt, natürlich ohne den Grasen, und da der Freiherr bloß zuhörte und inwendig Musik mitmachte, so soll es weit besser gegangen sein als je zuvor.
In der Tendenzmusik des Andantes hatte Helene ihre frühere Tendenzmusik der Koketterie überwunden und gesühnt, und der Freiherr erkannte nun gar wohl, daß ihre Liebe für ihn zuletzt auch feine Liebe geweckt, und daß Helene in dieser Liebe die Unnatur ihres Wesens begraben, ihn selber aber erst recht hellsehend gemacht habe für ihre versteckten und verkannten Vorzüge.
Andererseits aber meinte er, neben der Liebe dürfe man dabei der Musik doch auch ihr Verdienst nicht schmälern. Die echte Musik sei Selbst- und Wellvergessenheit. „Wir vergessen unser schlechtes Selbst in der Musi!, um unseres besseres Selbst erst recht in uns zu finden. — So hat auch Helene ihr gutes Selbst doch erst durch die Musik gefunden. Oder habe ich vielleicht über der guten Musik ihre Schwächen vergessen? Gleichviel! Und es mag unentschieden bleiben, ob sie den Geist des Andantes fürs Leben gewonnen hat, indem sie Gaßmann und Stamitz so liebevoll gehorsam studierte, oder ob durch den Geist des Andantes, der in den Prüfungen des Lebens über sie kam, umgekehrt erst das Verständnis für <W mann und Stamitz ihr zugewachfen ist."
So sprach der Freiherr, wenn er für sich allein war, und sagte es nicht einmal seiner Frau. Laut dagegen sagte er oftmals und vielen Leute« „Gute Musik — namentlich Streichquartett — ist ein Selbst- und Web' vergessen, in welchem wir uns selbst erst recht finden. Die wenigst«" Menschen aber ahnen, wie solches Selbstvergessen zu so gar vielen Dmg«" und zu allen Zeiten nützlich ist, ausgenommen, wenn man während einer Schlacht auf einem einsamen Reserveposten steht."
Das Quarieik.
Novelle von Wilhelm Heinrich Riehl.
(Schluß.)
„Vergiß mir aber auch die ölte Notenmappe nicht", so schloß er endlich, „spiele die Stürflein fleißig mir zulieb — und auch wegen des Saalbaues. Es ist nur eine kleine Musik, aber der ehrliche deutsche Geist des Andantes ruht darin, und man kann sich auch im Andante hoch emporschwingen."
Die Vorbereitungen zur Abreise wurden rasch getroffen. Das Vaterland bedurfte in der Tat jedes Armes, und die Gefahr rückte mit Gewitter- schnelle immer näher. Die kurze Waffenruhe, welche auf die Schlachten des Juni und Juli gefolgt, war nur ein Aufatmen zu neuem Kampfe.
Helene ließ sich's nicht nehmen, dem scheidenden Gatten mit eigener Hand das mäßige Gepäck zu rüsten, und als sie unter geheimem Schauder auch ein Kästchen voll Verbandzeug ordnete, gab er ihr ein Notenheft und bat sie, dasselbe gleichfalls in dieses Kästchen zu legen. Es war ein handschriftliches Quartett von Beethoven, das erste von jenen sechsen, die im folgenden Jahre als des jungen Meisters achtzehntes Werk erscheinen sollten.
So begaben sich denn die beiden Schwäger gemeinsam zum Heere, welches gegen die obere Donau aufbrach.
Der Graf war gerade so ausgezeichnet als Soldat wie als Violinspieler: dieselbe glänzende kecke Bravour, welche er im Geigenbogen hatte, saß auch in seinem Degen. Ganz anders der Freiherr. Bei ihm ruhte alles so tief inwendig, daß er auch im Felde linkisch und unanstellig blieb und im Exerzitium anfangs kaum weniger umwarf als im Quartett. Er besaß jenen Mut, der bis zum äußersten kalt ausharrt, wann die Gefahr hereingebrochen ist, nicht aber jene herausfordernde Tapferkeit, welche die Gefahr aufsucht und mit ihr scherzt. Doch erkannten die Kameraden bald in ihm den festen, tüchtigen Mann und hatten ihn gerne trotz feinem wunderlichen Wesen.
Nun ging alles ganz gut bis zum 3. Dezember, dem Schlachttage von Hohenlinden. Der Freiherr stand fern vom Schlachtfelde in Reserve zur Bedeckung einiger Vorratswagen am Saume der großen Tannenwälder, welche sich hier von den Hügeln zur Fläche herniederziehen und jeden Ausblick nach dem Kampfplätze verwehrten. Ja, man hörte sogar nur dumpf und in Pausen das schwere Geschütz- und Massenfeuer herübergrollen: denn ein heftiger Wind kam von der entgegengesetzten Seite und trieb schwarze Wolken herbei, die sich in den dicksten Schneewirbeln entluden.
Der Freiherr war abgestiegen und hinkte, todmüde von einem erschöpfenden Ritt und doch innerlich ruhelos, gedankenvoll unter den schützenden Bäumen auf und ab, seine Soldaten, die im tiefsten Schnee gelagert in etwas ausgiebigerer Weis« rasteten, immer im Auge haltend. Endlich lehnte er sich wider eine alte Tanne, den Blick in die weite Ebene gewandt. Er dachte an Helene und das Andante und an den schweren Kampf da drüben und an das neue Quartett aus F von Beethoven beim Verbandzeug, und alle diese vier Dinge hatten zugleich etwas Erhebendes und dennoch Beklemmendes für ihn, daß sie sich seltsam zu einem Ganzen zusammenwoben. Und wenn zuzeiten «in kurzes Rottenfeuer rhythmisch durch den verschneiten Wald herüberhallte und dann ein paar kurze Kanonenschläge hintendrein, so war es ihm, als intoniere auch die Schlacht jenes Thema, mit welchem der erste Satz des Quartetts ganz tief im Einklang aller vier Instrumente anhebt. — „Was ist das doch für eine dämonische, friedlose Musik", dachte er, „die man selbst aus dem Schlachtendonner kann widerklingen hören; der Geist des Andantes ruht nicht auf ihr. Kein Haydnsches Quartetthema würde auf dieses Rotten- und Geschützfeuer passen."
Im selben Augenblicke aber schlug ihm ein anderes Feuer ans Ohr, so nah«, daß es ganz und gar aufhörte, musikalisch zu fein; Flintenkugeln pfiffen ihm um den Kopf, feindliches Fußvolk brach aus dem Walde, und feindliche Reiter sprengten im Felde hinter der Waldeck« hervor; im Nu war er umringt, abgeschnitten, seine Leute niedergehauen oder zerstreut, die Wagen genommen. Er setzte sich verzweifelt zur Wehr, allein ein Hieb über den rechten Arm entwaffnete ihn: er mußte sich gefangen geben.
Zum Verluste der Schlacht von Hohenlinden hatte der Freiherr übrigens durch seinen Quartetteifer nicht beigetragen; denn sie war schon verloren, bevor er gefangen ward, und eben jene abgebrochenen Salven, aus welchen er das Beethovensche Thema herausgehört, bezeichneten bereits die vollendete Katastrophe, das letzte Ringen der in Moreaus Hinterhalt gefallenen Armee.
Helene hatte diesmal ein betrübtes Neujahr. Seit jenem 3. Dezember war sie ohne alle Nachricht von ihrem Manne. Sie wollte verzweifeln in der Qual der Ungewißheit. Wenn sie aber gar den Mui verlor, dann griff sie zu der Notenmappe, und es war seltsam, wie die Armut dieser alten, trockenen Musik ihr jetzt wohlbat, und wie sie sich da aufs unmittelbarste berührt fühlte von dem im kleinen so tiefen und liebevollen Geiste ihres Mannes, dessen jugendliche Phantasie sich einst an den dürftigen, aber doch wahren, reinen und gesunden Weisen erquickt hatte, ja, wie sie in denselben den fernen, vielleicht schon verstorbenen Gatten erst recht verstehen (ernte. Daß sie sich aber so schwer in die Empfindung dieser Musik hineinarbeitete, mar ihr jetzt ein wohltuendes Geschäft, und die unlesbare Schrift zu entziffern und den unspielbaren Klaviersatz etwas zu verbessern, ein wahrer Genuß; tat sie's doch, wie er gebeten, i h m zulieb.
Endlich zu Ausgangs Januars kam ein Brief ihres Gemahls. Das Blatt zeigte seinen Namen und war von ihm geschrieben, aber sie fand seine gewohnten Schriftzüge nicht: er hatte mit der linken Hand schreiben müssen. Der Brief meldete die Verwundung und Gefangenschaft. Die Wund« war geheilt, allein das rechte Handgelenk gelähmt für immer. —


