alte
aus, aus
Mond läßt sich herab an goldner Kette badet sich im dampfenden Asphalt.
Häuser drängen dichter an den Zug, ein Theater zeigt die hellen Gänge.
Der und
Die und Der
Dann donnert eine Brücke übern Fluß und wirft uns in den Schoß der Bahnhofshalle. Und eher, als man will, versinken alle Erregungen schon im Willkommenkuß.
Elefantenspaziergang in Eppelingen
Von Georg Hirschfeld.
Oie Ankunst.
Von Max Herrmann-Neisse.
Die Ankunft ist das Schönste überall, von jeder Fahrt die letzten zehn Minuten; die Räder scheinen sich beschwingt zu sputen wie Pferde witternd einen warmen Stall.
In Flammen naht die Stadt, und es zerstiebt die dunkle Aengstigung der Abendweiten.
Schon fühlst du den Empfang sich vorbereiten und weißt dich von den Wartenden geliebt.
Ein Vorort sagt sein überhörtes „Halt!" Laternen rennen mit uns um die Wette.
Flackern empor — da rutscht auch schon der Knüppel fort unter wankender Hand, der Oberkörper, seiner Stütze beraubt, sinkt nach vorn und der Alte schlägt kopfüber in Gras und Moos.
Dort bleibt er liegen. Er rührt sich nicht mehr, ganz blaß sieht er und feine Augen sind verdreht, daß nur noch das Weiße schimmert
gebrochenem Lid.
Der alte Landstreicher ist tot.
Blauschwarz ragen die Tannen in schweigender Schwermut. Der Landstreicher liegt da im Gras, das in dämmernder Hitze über seinem Leibe läutet. Das Licht der Sommersonne rieselt in goldenen Bächen an grauen Buchenstämmen herab und tanzt in flammenden Flecken auf seinem zerrissenen Rock, ein grüner Käfer läuft in einer Furche seiner Wange entlang wie in einem Rinnsal des Weges, Bienen summen und tauchen hold in die wiegenden Kelche der Blumen, duftbetäubt schwankt ein Falter auf wehendem Halm — im Rankenwerk steigender Säulen sitzt der kleine Vogel und singt ein Lied über dem Toten.
Die Nacht wird kommen mit rieselnden Sternen und ein neuer Tag — viele Nächte und viele Tage, Wochen, Monde, Jahre. Aber der alte Landstreicher wird nicht mehr wandern, lieber seinem verwesenden Leichnam werden Fliegen in glitzernden Schwärmen tanzen, er wird zerfallen und zu Staub sich wandeln wie alle Dinge dieses Sterns, und die Erde wird ihn aufnehmen in ihren Schoß, gütig, voller Erbarmen und feine
Armut segnend.
Der alte Landstreicher ist tot.
So sagen wir.
Aber ist Tod nicht — Heimat?
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Neubau wuchs zu märchenhafter Länge, als unser Blitz in seine Stuben schlug.
Leider blieb er nicht harmlos — deshalb bcdaure ich ihn. Es nQt schließlich Verluste aus beiden Seiten. Armer Willi! Wir wollten ja nut in Eppelingen ein wenig spazierengehen.
Die Einwohner dieser freundlichen Stadt standen gedrängt und gafften Rach dem Löwenwagen kamen wir. Der fatale Geruch, den ich einatmen muhte, reizte mich noch mehr. Vor einem verwitterten Tor sollten wir nach links abschwenken. Ich hob den Rüssel und gab ein leises Signal, „Komm, Selika", rief der Wärter. Doch Selika kam ausnahmsweise nicht Plötzlich trat ich mit dem rechten Vorderfuß auf die Kette — der überraschte Selim purzelte — und ich durcheilte in scharfem Trabe das Tor. Sofort wußte ich, daß drei zu mir hielten — auch Fred, Leila und Willi schleuderten ihre Führer zur Seite und rannten mir nach. Leider ließen sie sich alsbald von dem mörderischen Geschrei der Eppelinger verwirren. Diese neugierigen Menschen hatten wohl einen Elefanten bisher nut hinter Gitterstäben gesehen — vier befreite, urplötzlich in der Hauptstraße ihrer Stadt, äußerst geschwinde, mit erhobenen Rüsseln — das war für sie zuviel. Sie stoben auseinander, warfen die Nachbarn zu Boden, stiegen über Frauen weg, als ob Wahnwitz sie ergriffen hätte.
Der törichte Aufruhr raubte meinen Geschwistern leider die Besinnung. Nach links und rechts hinter dem Stadttor stürzten sie sich durch Gärten und Gassen — ich hörte nur das Getöse — ich sah sie nicht mehr. Ich wollte Eppelingen kennenlernen und lief allein durch die Hauptstraße weiter, dem Marktplatz zu. Hinter mir hörte ich alsbald Selim rufen. Er machte es sehr dumm, denn er hätte als Afrikaner wissen müssen daß es unmöglich ist, einen freien Elefanten einzuholen. Die Wucht unseres Laufes ist viel zu groß — man muß uns umzingeln, und darauf war ich natürlich gefaßt. Auch auf Hindernisse, über die ich stürzen sollte. Nun, so weit war es noch nicht. Eine ungeheure Verwirrung herrscht Ich muß gestehen, daß mich der Tumult mehr von meinem guten Vorsatz abbrachte, als der Kampf mit meinen Verfolgern. Menschenleer war plötzlich der Markt, kindische Angst lauerte hinter Türen und Fenstern, sie sahen mir zu, sie überlegten, wie sie sich vor mir retten sollten.
Nur im Tor des Rathauses wurden einige Polizeibeamte sichtbar, zu denen sich Soldaten gesellten. „Nicht schießen, meine Herren! Um alles in der Welt — nur nicht schießen!" Wer rief das? Direktor Gasparn war schon da. Er beobachtete mich. „Selika!" rief er bittend. Nein, mein Lieber — nicht schießen, darin hast du recht, aber mein Spaziergang in Eppelingen soll erst anfangen.
Dieser Marktplatz ist recht hübsch. Die alten, sauberen Häuser gefallen mir. Es ist so interessant, was da alles in den Auslagen liegt. Aber mein Blut ist in Wallung, wie noch nie. Zum ersten Mal reizt mich, was ben Menschen offenbar am wichtigsten ist: ihre kleine, nette Ordnung.
Plötzlich verliere ich meine angeborene Höflichkeit. Plötzlich wird es mir ganz gleichgültig, was dem Menschen lieb und wertvoll ist. Nachdem ich vom nächsten Balkan einige Blumenstöcke heruntergeholt, ergreift mich einen böse Lust, all den wichtigtuenden Kram durcheinander zu wirbeln.
„Jesus Maria, er geht zum Bäcker Busch!"
Was kreischen sie da? Aber beim Bäcker Busch riecht es gut. Ein leichter Tritt beseitigt das Schaufenster — alsbald zieht mein Rüffel ben Kord mit frisch gebackenen Semmeln heraus. Weinen sie hinter mir? Nein — sie lachen. Ein meckerndes, angstvolles Gelächter zittert in allen Häu em. Ich sehe einen Schutzmann auf einem Bein tanzen — ein Soldat chlägt sich auf beide Knie.
„Guten App'titt!" schreit eine dicke Frau.
„Wenn's weiter nichts ist!" — Das war Direktor Gasparri.
Nur Geduld, mein strenger Gebieter. Nachdem ich ein Dutzend Semmeln verzehrt habe, wende ich mich den bunten Torten zu, jongliere mit braunen Broten und schleudere den Kübel mit Schlagsahne in den benachbarten Laden für Herrengarderabe. Von einem kleinem Imbiß angenehm erfrischt, wende ich mich zum Gemüse und Obst, nasche aber nur, was obenauf liegt. In einen großen Eierkorb zu treten, kann ist mir nicht versagen. Es klatscht und knirscht ganz erbärmlich. Im Nu ist alles gelb, was vorher noch weiß und trocken war.
Wie es in einem Herrengarderobegeschäft aussieht, interessiert mich - aber im nächsten Augenblick huscht ein Männchen daraus hervor, mit direkt unter dem Rüssel fort. Es ist trotz feiner krummen Beine so flint, daß ich ihm nur erstaunt nachsehen kann. „Herr Lustig! Mit der Kasse!' so jubelt es rings am Markt. Der Laden enttäuscht mich. Es herrscht dort eine häßliche Lust. Ich stülpe mir nur ein Kleidungsstück, das mir gefällt, über den Kopf. So betrete ich, während ich das Kreischen der Mensche" ignoriere, wieder den Markt.
Eilig, als ob ich mir noch vor Geschäftsschluß etwas kaufen wallte, stürme ich in das Lampengeschäft, dessen Glitzern mich schon lange anlollt Mein Eindringen ist aber mit einem derartigen Getöse verbunden, dah ich alsbald umkehre. Es klirrt und kracht und schreit und poltert. Ich Ein von Glasscherben überschüttet, mein Rüssel blutet. Das erregt mich noch w.ehr. Ich kann mein Blut nicht sehen. Weniger zerbrechlich erscheint mit das benachbarte Musikaliengeschäft. Da ist ja nur Papier, taufend hefte und Bucher und Blätter, mit winzigen schwarzen Zeichen. Ich hole dem Rüssel eine weihe Büste vorn Postament und betrachte sie — Beethoven steht darauf — der Mensch gefällt mir — der sieht nicht so aus, ® ob er sich vor mir verkriechen würde. Ich stelle ihn behutsam auf dos Postament zurück.
Aber fangen lasse ich mich nicht. Ich ahne schon, daß man hinter mit her ist und mich in diesem Musikaliengeschäft umzingeln will. PW'» mache ich kehrt, wirble den ganzen Papierkram durcheinander und ftutme wieder auf den Markt hinaus. Sie stieben davon. , ,
Thomas Mutzenbecher? Optiker? „Lieber Gott, erbarm’ dich meinet!
Mit diesem Aufschrei werde ich im nächsten Laden empfangen. Watm fürchtet sich die arme Frau, die in einem Lehnstuhl hockt und oifej":. nicht aufstehen kann? Es liegt mir ja vollständig fern, ihr ein re anzutun. Es interessiert mich nur, mir einen Optikerladen anzusty«' Ach sehe da Röhrchen und Scheibchen, alles sehr niedlich und ' Ach ergreife es mit dem Rüssel, um es genau betrachten zu können, » es aber wieder an seine Stelle. Immerhin möchte ich mir ein Anow - aus dem hübschen Optikerladen mitnehmen. Draußen entdecke ich en
heiße Selika und bin die Größte im Zirkus Gasparri. Ich bin Gefangenschaft aufgewachsen — was meine Schwestern und Brü- Afrika fühlen, kenne ich nur vom Hörenblasen. Meine ältesten Erinnerungen leben in Hamburg, bei Herrn Hagenbeck, den ich einmal mit dem Rüssel ergriff und mir auf den Kopf fetzte. Ihn zu verletzen war nicht meine Absicht — es fiel mir nur so ein.
Um den Zirkusdirektor und feine Herrschaft über mich steht es so: Er sieht nur immer meinen und meiner Geschwister duldsamen Ernst — bas täuscht ihn und er schreibt unfern frommen Gehorsam seiner Kunst zu. Es erheitert mich oft, wenn ich sehe, wie stolz der Herr Direktor auf uns ist. Er führt uns immer persönlich vor, wir sind die große Nummer des Programms — feine zwölf afrikanischen Riesenelefanten. Ich, Selika, die größte, knie zuletzt vor ihm, und er schwingt sich auf meinen Hals, vnd ich trage ihn unter dem Jubel der Menge aus der Manege. Meine elf Geschwister folgen mit erhobenem Rüssel.
®ir ziehen durch die Städte Deutschlands. Es scheint dort unendlich viele Städte zu geben. Plötzlich, als wir nach Eppelingen kamen, riß mir bte Geduld. Es hätte nicht unbedingt Eppelingen zu sein brauchen Ich bebaure letzt auch den ganzen Borfall, den ich verschuldete. Als Größte und Aelteste, besonders aber als Weibchen, hätte ich Sanftmut bewahren fallen. Aber sie haben an mir einen großen Fehler begangen. Ich hatte em Kmd. Der braune Jack war fein Vater. Er ist nun auch schon tot wie mein Baby Ach, mein süßes kleines Baby. Es war zu zart, wie die meisten unserer Kinder in der Gefangenschaft. Es hätte noch lange bei mir ruhen müssen, aber ich mußte wieder die Pauke schlagen
. ®ul^ern ,!'e sich wirklich, daß mein Dasein nun keinen Sinn mehr hatte? Ader sie sollen sich noch mehr wundern — ich will sie doch mal alle in Bewegung setzen, den ganzen, hochmütigen Menschenkram.
äch war wohl schon in der Eisenbahn unruhig, denn Selim, mein schwarzer Wärter, sah mich mißtrauisch an. Er ist mein Landsmann und weiß mehr von uns als der Herr Direktor.
Ich wußte, wie mein Beispiel wirken würde, aber ich bildete mir nicht ein, daß ich alle elf in das Abenteuer mitreißen würde. Ich rechnete bestimmt nur mit dreien: Fred, Leila und Willi. So kam es. Unsere Ver- ftandigung besteht nicht aus Lauten, sondern aus einer sanften Berührung öer Ruffel und einem besonderen Heben der Ohren. Selim kennt das — bas Signal mußte deshalb gegeben werden, als er nicht aufpaßte. Wir ttos^ftn!** md>t 0CtoeUt' Qber ber streich sollte möglichst
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