Ausgabe 
14.4.1930
 
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SietzenerZamilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger

Jahrgang 1950 Montag, den 14-April Nummer 50

Traumbesuch.

Von Po Chü - i *).

In der Nacht träumte ich Verbannter Mich zurück nach Ch'ang-an.

Ich sah wieder die Gesichter Alter Freunde.

Unterm Aprilhimmel der Träume

Nahmen sie mich bei der Hand, In die Frühlingswinde zu wandern. Zusammen kamen wir in das Dorf Des Friedens, der Ruhe.

Unsere Pferde hielten vor dem Tor meines Freundes: Jüan Chän faß ganz allein.

Als er mich sah, lächelte Licht

Ihm über Aug und Mund.

Er zeigt auf die Blumen im sonnigen Hof, Er öffnet Wein im Sommerkühlhaus.

Er schien zu grüßen: nichts hat sich verändert.

Er schien zu bedauern: daß unser« Seelen Sich treffen mußten im Flug.

Schon zerfielen die Tore des Dorfes

Hart ist die Zeit!

Ich erwachte und dachte

Ihn noch bei mir.

Ich streckte aus meine Hand Da war er nicht mehr.

Mster U

Von Paul Morand.

Verzeihung, mein Herr, ist hier die fünfte Avenue Nummer 489?" Ja, tönen Sie nicht lesen?"

Nein, mein Herr!"

Um drei Uhr morgens versuchte Mister Doolittle, der von Texas Guinan kam, seine Behausung zu erreichen. Cs regnete. Er dachte nicht mehr an die niedrige Decke des Nachtlokals und die amüsant buntfarbenen Lampen, sondern fuhr durch die fünfte Avenue, indem er zu dieser ein­samen Stunde die Breite der Straße ausnützte und seinen Wagen im Halbschlaf lenkte, als ein Mann auf dem Trottoir ihm ein Zeichen zum Anhalten gab. Mister Doolittle bremste, machte kurz kehrt, kletterte fluchend von seinem Sitz, gleichwohl erfreut über diese letzte Gelegenheit, sich nicht schlafen zu legen. Vor ihm stand ein großer magerer Chinese, staubig, voller Spinnweben: durch zwei alte, wie ein Meßgewand mit Bindfaden zusammengebundenen Matten schlecht vor dem Regen geschützt, und hielt einen weißen Hahn am Seil. Mister Doolittle glaubte es mit einem zweifelhaften Zutreider für Oviumhöhlen zu tun zu haben und wollte gerade den Wagen wieder in Gang setzen, als der andere sagte:

Verzeihen Sie mir, mein Herr, ich bin unwürdig, ich bin sehr un­würdig. Ich mochte Sie um einen Dienst bitten, der Sie nichts kosten wird. Mein Name ist U. Ich bin weder aus Neuyork, noch von 1930: ich bin aus Kansu und dem neunten Jahrhundert."

Mister Doolittle war so berauscht, daß er es ganz natürlich fand, in per fünften Avenue von einem Manne angefprochen zu werden, der tau­send Jahre älter war als er.

»Sind Sie ein Gespenst?" fragte er.

Ja," antwortete der Chinese,und ein notleidendes Gespenst.

Ich bin Ire, wie Sie wohl bemerken werden", entgegnete Mister Doolittle,und ich liebe die Geister leidenschaftlich. Was kann ich für Sie tun?"

.Nun wohl", begann das Phantom von neuem.Sie wissen, daß man wahrend der Epoche der Tang ich lebte unter dieser Dynastie und starb im Jahre 837 Ihrer Zeitrechnung mit den Toten Statuen ans gebranntem Ton beisetzte, die, sowie sie unter die Erde gelangten, zu leben begannen und ihren Dienst bei den Verstorbenen aufnahmen. Mein Crad umschloß nach dem Brauch Diener mit gekreuzten Händen, U.«n- äermnen, wildblickende Krieger, Dromedare, verziert mit Schmelzguß ans b-unem Email, Wildschweine, Pferde aus roter Erde, eine ganze prach- 9..e iHeilerei; Schattenbild dessen, was ich auf Erden hatte verlassen wusfen, wo ich Gelehrter und Ehren-Vizekönig von Kansu war. Diese

*) Nachdichtung nach dem Chinesischen von Albert E h r e n st e i n.

chinesisches Sprichwort sagt:Eine häßliche Frau ist ein Schatz in der Familie". Man könnte das Gleiche von den Begräbnisstatuen behaupten, denn diese Schönheit machte sie begehrenswert. Es ist zwei Monate her, Statuen behüteten meinen Schlummer, meine Mahlzeiten, wie es der Ritus vorschreibt. Das Unglück wollte, daß sie sehr schön waren. Ein ungefähr um den achten Mond herum, daß ein Kaufmann aus Neuyork, der in Kansu Altertümer zusammenscharrte, sich bie Gesetzlosigkeit zunutze machte, der diese unglückliche Provinz verfallen ist, um mein Grab öff­nen zu lassen. Die Anzahl der allegorischen Inschriften und der Reich­tum des Grabmahls hatten feine Aufmerksamkeit erregt Ich selbst hatte es zu meinen Lebzeiten aufgezeichnet. Achtezehn Astrologen waren zuvor über die Wahl und Lage des Geländes befragt worden, das st« unter hundert mit Hilfe des magischen Kornpaß und Spiegels erkoren: kein Stern von oben, kein Drache von unten störten meine Ruhe... Eines Morgens höre ich hämmern, Licht blendet mich und ich sehe einen kleinen schwarzen Mann in grauem Anzug und weißen Gamaschen, eine Rose im Knopfloch, der sich über mich beugt; sein Haar war wie das Fell des neugeborenen Lammes. Hinter ihm stand beladen mit Geldsäcken ein Wagen mit vier Rädern ahne Pferde, wie der Ihrige. Der so gewogt hatte, die Weit des Lichtes mit der Welt der Schatten zu vereinigen, ließ durch feinen .Comprador' dem Orts-Unterpräfekten eine Entschädigung anbieten und nahm alle Statuen mit sich, die mein Grab schmückten und verteidigten. Aehnlich den Füchsen, die in unseren Legenden in die Häu­ser einbrechen und sich dessen bemächtigen, was ihnen gefällt, fuhr dieser Mensch, nachdem er meine Grabstätte geschändet hatte, alsbald mit seiner Bente in einer Dschunke mit Feuer über das Meer.

Seitdem, mein Herr, kenne ich keine Ruhe mehr. Die Toten der Um­gegend, die wissen, daß ich nun ohne Verteidigung bin, stehlen mir die Lebensrnittel, das RhizinusA, den Jngwertrank, die Wohlgerüche und Kerzen, welche meine Nachkommen ehrfurchtsvoll mir bringen...Ich muß fortgehen, um zu essen. So bin ich einer dieser .Bettelgeister' geworden, vor denen jeder ehrbare Chinese einen Abscheu hat. Ich muß mich von den Eingeweiden der Hühner ernähren, von toten Katzen. Es kommt vor, daß ich um die Häuser schleiche, in denen man Schweine schlachtet, daß ich mich ich, ein Vizekönig flach aijf den Bauch lege und das Blut­gerinnsel aus dem Staub der Straße ausleck«. Ohne von der gemischten Gesellschaft der Gfpenster ohne Grabstätte zu reden, mit denen ich gezwun­gen bin von jetzt ab zu verkehren. So bin ich sehen Sie selbst nur noch ein Faden... Meine Seele wird niemals mehr genügend Kraft haben, um sich wieder in Fleisch und Blut zu verwandeln. Das ist tragisch; ich kann zu keinem höheren Rang ernannt werden und ich bin ein Schat­ten, der um jede Beförderung nach dem Tode gebracht ist!"

Der Chinese lüftete feine Strohmatten: fein hohler Bauch war trans­parent; durch ihn hindurch erblickte Mister Doolittle ein Skelett und kaum das Skelett mit einem grünlichen Ring umrandenden Astralkörper, und im Innern dieses Körpers die erleuchteten Fenster der Plaza.

Nachdem ich lange gesucht habe", fuhr Mister U fort,entdeckte Ich, daß mein Dieb Willy I. heißt und in Neuyork wohnt. Meine Nachfor­schungen wurden ungemein erschwert, weil ich am Tage unbeweglich in meinem Grabe liege und nur des Nachts hinter ihm her sein tarnt. Jetzt ist das Schwierigste getan: ich habe fein Haus gefunden. Aber vor wem Klage erheben? In China ist eine Trommel nahe der Tür der Man­darine aufgehängt: wenn ein Kläger darauf schlägt, muß der Würden­träger alsbald den Fall anhören und sein Urteil abgeben. Allein, ich finde nichts Aehnliches in Amerika. Wo ist Ihre Justiz?"

Davon weiß ich nichts", entgegenete Mister Doolittle,ich habe Ihnen gesagt, daß ich Ire bin. Ich bin Politiker. Meine Angelegenheiten mache ich ohne Justiz ab."

Und beachten Sie wohl, mein Herr, daß mir nicht einmal das Hilfs­mittel bleibt, mich an Mister I. zu rächen, indem ich mich in seinem Hause vor ihm töte wie es der Brauch ist, da ich schon verstorben bin Sonst würde ich natürlich, um ihm Unannehmlichkeiten zu bereiten, zu sterben suchen, und zwar auf die schlimmste Art: durch Erhängen. Ich würde, um ihn öffentlich dafür verantwortlich zu machen, meine Anklage­rede in meinen Schuh stecken oder aus Raffinement, damit er völlig entlarvt wird, den genauen Beweggrund meines Selbstmordes auf meine Haut schreiben. Aber das Unmögliche kann niemand verlangen... So bleibt mir nichts übrig, als meine Angelegenheiten mit Ihrer Hilfe selbst zu erledigen. Hier ist also Nummer 489, wie ich schon vorhin fragte, als ich Sie ansprach?" ~

Und Mister U zeigte mit feinem fleischlcyen Finger auf einen großen Renaiffavcepalast aus Ziegeln und Steinen, im Tudorstil, an dem nichts auf ein Geschäftshaus deutete außer zwei fpitzgefchnittenen Taxnsbäumen und einer entzückenden Tafel aus schwarzem Marmor, die so unauffällig wie eine Visitenkarte war und auf der zu lesen stand:

Willy I.......

Sachverständiger und Händler in chinesischen Altertümern der besten Zeit.