Ausgabe 
14.3.1930
 
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Ich lese täglich meine Zeitung. Auch um Politik muß sich der Dichte i .it kümmern, als er weih, was um ihn herum vorgeht. Politisch mitzuraten ist bedenklich. Wir haben es an Spielhagen er­lebt, der jetzt schon bei Lebzeiten tot ist."

F r c y t a g wird in denBildern aus der deutschen Vergangenheit" und in seinenJournalisten" weiterleben. SeineFabier" sind ein weit besseres Stück, aber dieJournalisten" dienen dem Geschmack des Pu­blikums, worauf es am Ende ankommt. Uebcrhaupt ist es doch der Stoss, der darüber entscheidet, ob ein Werk Dauer haben soll."

Besuch am 8. September 1906 in München.Seit wir uns in Gar- doiis zuletzt gesehen, habe ich viel durchgemacht. Das Magenübel meiner Frau will nicht weichen. Ich selbst habe mir in St. Moritz einen Bron­chialkatarrh geholt. Schade, daß Sie nicht hier in München wohnen, wir könnten dann öfter unsere Gedanken austauschen. Ich will mit meinen jüngeren Kollegen die Fühlung nicht verlieren."

Wir sprachen über Gottfried Keller.Er war rauh und abweisend," sagte Heyse,nur da, wo er sich zudringliche, ihm unsympathische Men­schen vom Leibe halten wollte. Mir war er ein lieber Freund und gegen meine Damen von einer Zartheit, die ich ihm nicht zugetraut hätte."

Ich gebe demnächst einen neuen Band Novellen bei Cotta heraus und ein neuer Roman beschäftigt mich. Literarische Bewegungen habe ich in meinem Leben so viele mitgemacht und wieder verschwinden sehen, daß ich an ihre Dauer nicht glaube. Was hat denn Dauer? Wo Lebens- gefühl dahintersteckt und ein großer Mensch. Die Tendenz schadet, sie muß von großen Gesichtspunkten ausgehen und sich mit fern wirkenden Ereignissen verknüpfen."

Die Jungen legen mich zum alten Eisen. Wer sein Verhältnis zu mir gefunden hat, behält es pietätvoll bei. Die Mehrheit der jungen Literaten wundert sich sehr, daß ich immer noch aus dem Plan er­scheine."

Ebers schrieb bei jedem Buch an fünfzig Rezensenten und forderte sie auf, über ihn zu berichten. Ich habe mich nie um Rezensenten in meinem Leben gekümmert. MeineKinder der Welt" werden bleiben, denn sie erleben immer neue Auslagen."

Besuch am 6. November 1911. Wir reden über Keller.Daß meine Tochter einmal in Zürich tüchtig Bier trank, hat ihr Keller so hoch an- gerechnct, daß er in seinen Briefen stets nach meiner trinkfesten Tochter fragte."

Meine Frau ist eben dabei, meine sechzigjährige Korrespondenz zu ordnen, die nach meinen Tod herausgegeben werden soll. Ich selbst kann die Sichtung nicht übernehmen, da zu viel wehmütige Erinne­rungen in mir wachgerufen werden, wenn ich die Briefe der Abgeschie­denen sehe und lese."

In München gibt es keinen Pöbel, und jeder genießt die Freiheit, zu tun und zu lassen was er will. König Max rief fast jede Woche einen Kreis von Gelehrten und Künstlern, die ihm Vorträge halten mußten. Er war unablässig bemüht, den Kreis seines Wissens zu er­weitern. (Seibel hat sich hier durchaus akklimatisiert. Auch Liebig gehörte zu unserer Runde."

Heyse zeigte mir L e n b a ch sche Gemälde, auch einen wundervollen Böcklin, den ihm der Meister selbst geschenkt hatte. Ich entdeckte ein interessantes Bild C h a m i s s o s, das der Dichter Robert R e i n i ck gemalt hat.

Ich gehe jetzt an die Redaktion meiner Jugenderinnerungen", fuhr Heyse fort.Als ich sie in Druck gab, war ich eben von schwerer Lungen­entzündung genesen und sah nichts mehr durch, was ich nun nachhole."

Ich als Berliner habe mich hier in München schnell heimisch ge­fühlt. Das ungezwungene Leben, das Zurücktreten des Kastengeistes, die Freiheit, die jedem hier gewährt wird zu leben wie er will, das alles läßt Berlin vermissen. München hat eine alte Kultur, hat eine eigene Atmosphäre und umgängliche Menschen. In Berlin gibt es ein tüchtiges Kleinbürgertum, das in München fehlt. Die Unterhaltung, die meine alte Mutter mit ihrem Berliner Kutscher führte, wäre hier unmöglich. Eben weiß hier niemand, was es heißtzu Muttern gehen", denn der Münchner bevorzugt vor dem Heim das Wirtshaus."

Ich habe Heyses Worte so hingeschrieben, wie sie sich meinen Aus­zeichnungen gemäß zwanglos aus unseren Gesprächen ergaben. Seit dem Winter 1911 habe ich den Dichter nicht mehr gesehen, wohl aber öfter Nachricht von ihm erhalten, die von seinem wechselnden Befinden Kunde gab. Heyses letzter Brief an mich, datiert vom 4. Juni 1913, lautet wie folgt:

Lieber Verehrtester!

Ihre warmen Wort haben mir sehr wohlgetan. Ich fange endlich an, für Lebensfreunden wieder Sinn zu haben und keine bestätigt mich in der Erkenntnis, daß es der Mühe wert war, noch einmal ans Licht des Tages zurückzukehren, mehr und erquickender, als der Blick in Freun­desaugen und der Druck von Freundeshänden. Ich hatte, nachdem die Hauptnöte überstanden waren, noch ein lästiges Nachspiel, Gicht und Vrouchialkatarrh, durchzumachen. Nun fühle ich mich in allen Haupt­sachen frischer und kräftiger als vor der Erkrankung bis auf die geistige Regsamkeit, die nut zu etwas literarischem Handwerk, Uebersetzen ita­lienischer Märchen und alter Komödien aus dem Cinquecento ausreicht. Doch ist das ja sehr vorteilhaft, weil kein seniler Trieb mich zu unzuläng­licher Produktion verführt. Meine Frau ist von ihrer Kur in Baden bei Zürich seit zehn Tagen zurückgekehrt, hossentlich re bene gesta, was bie Nachwirkung beweisen soll. Ich aber kann meine vortrefflicheSchwe­ster" noch immer nicht ganz entbehren, da ich durch Pflege von kundiger «eite verwöhnt bin. Auss Land, nach meinem lieben Bayrischen Gmein, wage ich mich nicht, ehe ich vor Rückfällen sicher bin und auf einen warmen Sommer rechnen kann. Doch in meinem Gärtchen läßt sich's wohl aushalten. Seien Sie herzlichst gegrüßt, werter Freund, und bleiben Sie hold und treu Ihrem uralten Paul Heyse.

Karl Stieler sagt einmal von Heyse:Man Ist nie eine Stunde chn ihn: zusammen, ohne daß man etwas fürs Leben mitnimmt." Wenn einer die Wahrheit dieser Worte empsunden hat, bin ich es. Ich habe Ule 311 denen gehört, die Über denviekschreibenden Heyse" die Achsel gezuckt haben. Ich bin mir immer bewußt gewesen, was wir Jüngeren

ihm zu verdanken haben. Seine Werke, insoweit sie überhaupt noch ge­lesen werden, erscheinen unserem jungen Geschlecht blaßblütig, sind der Jetztzeit fremd geworden. Dessen ungeachtet muh daraus hingedeutet wer­den, daß Heyse die Novelle zu einem hohen Grad künstlerischer Ge­staltung brachte. Auch daß er sich als glänzender Uebersetzer italienischer Dichter bewährte, bleibt sein unbestreitbares Verdienst. In seinem Leben regierte das Glück. Vielleicht, daß es durch seine lange Dauer ein wenig von seinem Glanz verlor. In HeysesBuch der Freundschaft" heißt es: Was man in Wahrheit Liebe und Freundschaft nennt, muß auf einem Grund wurzeln, der mit dem Verstand nichts gemein hat, auf einem dunklen unerforschlichen und unergründlichen Zug der Natur." Die Wort« formulieren das Problem, von dem die meisten Schriften Heyses han­deln. Nicht das seine Phantasie an die Tiefen des Unermeßlichen rührt, ober in seinen Werken waltet reine Menschlichkeit, heiliger Ernst. Und das Beste zuletzt: Heyse war ein ganzer Mann, der dem Finsteren, Ver­rosteten und Veralteten gegenüber das Recht der freien Persönlichkeit verkündet hat.

Gemüt und Tonart.

Von Dr. Anton Maye r.

Viele Menschen, die den Steuerungen der bildenden Kunst und der Literatur gegenüber nicht eben allzuviel empfinden, geben sich rückhalts­los den Eindrücken der Tonkunst hin; sie fühlen sich freudig oder trau­rig und folgen, vielleicht ohne sich Rechenschaft zu geben, dem Ausdrucks­willen des Tonsetzers, der ihnen eine Lösung ihres Innern ermöglicht. Es handelt sich nicht etwa nur um Opernmusik, die durch das Hilfsmittel der szenisck)en Handlung, des dramatischen Ablaufs der Geschehnisse auch dem musikalisch weniger geübten Ohre eine starke Stütze bietet; auch die sogenannteabsolute" oder reine Instrumental-Musik ist sehr wohl in der Lage, durch ihren Stimmungsgehalt den in der Tonkunst Unbewanderten fortzureißen: Melodie und Rhythmus spielen dabei die größte Rolle. Wenn wir von einer in den letzten Jahren gepflegten, jetzt bereits im wörtlichsten Sinne wieder im Slbtlingen befindlichen Komponierweift, der sogenanntenatonalen" oder, was dasselbe bedeutet,polytonalen" Manier absehen, so werden Melodie und Rhythmus von den Tonarten getragen, in denen die jeweiligen Stücke geschrieben sind. Es ist nun ganz und gar nicht gleichgültig, welche von diesen Tonarten grade gehört wird; der Hörer braucht sich ihrer nicht bewußt zu werden, und wird in starker Weise von ihr geführt und bestimmt, etwa wie wenn jemand in Gedanken verloren einen Sonnenuntergang betrachtet, der die ver­schiedensten Gefühle zu erwecken im Stande ist, ohne sich mit Klarheit und Ueberlegung die Grundfarben der Himmels, ein tiefes Gelb, ein zartes Rosa, ein sacht aussteigendes Grün vor seine körperlichen Augen zu füh­ren, da er mit denen der Seele genießt. Aehnlich verhalt es sich mit den Tonarten, deren psychische Werte nicht mit den leiblichen, sondern den seelischen Ohren vernommen werden.

Es ist hier nicht der Ort, die sehr komplizierte Entstehung der Ton­arten zu erörtern und ihr Verhältnis zueinander wissenschaftlich zu unter­suchen. Nehmen wir also, ohne lange Vorstudien zu machen, ihre Vielheit als gegeben an, und betrachten wir ihre Charaktere, die für das musik­liebende, aber nicht musikgelehrte Publikum von Wichtigkeit sind.

Der erste und einfachste Unterschied, den auch der Laie sofort zu hören im Stande ist, dürfte der zwischen Dur und Moll fein. Nur soviel fei zum theoretischen Verständnis des Unterschiedes beider Arten gesagt, daß beim Grundakkord der Molltonart die Terz um einen halben Ton ernie­drigt wird, also zur kleinen Terz wird; d. h. also z. B. für die Tonart C-Moll die Folge C-Es-G, während die Dur-Tonart C-E-G bringt. F-Moll: F-As-C, F-Dur: F-A-C und fo fort. Was hat es mit diesem Unterschied in Hinsicht auf den Ausdruck auf sich? Die Molltonart ist das Symbol für Trübes, Trauriges, Melancholisches, Weiches wenigstens für unser modernes Empfinden; im 17. Jahrhundert mar es noch nicht ausschließlich so. Damals bedeutete die Molltonart, und zwar besonders G-Moll, auch Zärtlichkeit, Hlngegebensein; infolgedesftn wurden die Lie­beslieder in Moll geschrieben, da den damaligen Menschen das Schmachten und Sehnen des unglücklichen Liebhabers, die verhaltene ßeb denschaft einer liebenden Frau nur durch die gedämpfte Stimmung der Molltonart wiedergegeben zu werden schien. Auch die Einstellung der Antike war, wie aus" der uns überlieferten griechischen Musiktheorie her­vorgeht. eine andere zu dem, was wir heute mit Moll bezeichnen würden: ganz stimmt der Vergleich nicht, da die Tonfolge der Alten eine andere als die unserige war" Immerhin können wir diedorische" Tonart der Grieck;en etma nrit unserem A-Moll identifizieren; Plato, der in seinem BuchDer Staat" genaue Anweisungen über die Frage gibt, welche Ton­arten zu empfehlen und welche zu verbieten feien, kommt zu dem Schluß, daß die dorische die Gemüter der Jünglinge infolge ihrer herben Trotzig­keit stärke, mährend dielydische" in ihrer Weichheit (etwa E-Dur) die Herzen widerstandslos und schlapp mache eine Stelle von großer Bedeutung für die Erkenntnis der ungeheueren griechischen Musikalität: denn wie sollte der Philosoph sonst zu solchen Vorschriften kommen, wenn die Einflüsse der Tonarten auf die Seelen der Griechen nicht in der Tat viel stärker gewesen wären, als sie es jemals in irgendwelchen anderen Zeiten und Ländern gewesen sind!

Empfinden wir also Moll heute im allgemeinen als tragisch, die Ton­art der Trauermärsche oder wenigstens melancholisch, so hat es doch geniale Komponisten gegeben, welche den Moll-Charaker zu andern ver­standen, wie z. V. Beethoven in seinem hinreißenden Scherzo der neunten Sinfonie, in dem die Tonart D-Moll, die im ersten Satze von wilder und düsterer Zerrisfenheit ist, einen spöttisch-verwegenen Charakter bekommt, wie denn manchmal sogar eine diabolische Lustigkeit in Moll­tonarten zu finden ist. Caspars H-Moll-Lied im ersten Akt desFrei­schütz" mit dem Plccolopsiss atmet in der Tat eine gewisse packende Ver­ruchtheit, die uns mehr zu fesseln im Stande ist als Maxons etwas lar­moyante Dur-Schwärmerei für Agathe. Wie überall, so gibt es auch hier eine ganze Menge Uebergänge und Grenzgebiete, so daß der Charakter einer Tonart im Laufe eines Stückes als wechselnder Ausdruck des Inhal-