Ausgabe 
14.3.1930
 
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persönliche Erinnerungen an Paul Heyse.

Don Alfred Bock.

verneigte sich Geibel und bahnte dem vierundzwanzigjährigen Kol­legen und jungen Ehemann damit den sorgenfreien Weg zu Deutschlands schönster und unvergessener Novellenkunst. Das einstige Brotstudium der Philologie trug so hundertfältig prächtigere Früchte dank einen königlichen Mäzenatentum, das uns heute schon so legendär erscheinen will wie die Tatsache, daß wir des 100. Geburtstages von Paul Heyse in verehnings- voller Dankbarkeit zu gedenken haben.

Meine L e o p a r d i - Uebersetzung liegt weit zuruck. Ich weiß, daß es eine schwere Arbeit war, denn es handelte sich J)arum, eine Sprache -u finden, die dem tiefen Denker angemessen war.

5 'ha habe eine Ueberfülle von Ideen, darum lege ich als alter Mann die "Feder nicht aus der Hand. Freilich beschleicht einen die Furcht, man "^Meiiw GZundhell" ist eine sehr gute^ Ich schlase wie ein Kind. Das starke Gewitter gestern Nacht habe ich nur w,e aus weiter F-rne 0Cf)3m April 1906 hatte ich von Venedig aus an Heyse nach Gardone geschrieben, ob ihm mein Besuch genehm fei. Umgehend kam die -Ant­wort, daß er mich erwarte. Heyse bewohnte die dick)t am See ge leqene Villa Annina. Abends gegen sechs Uhr ging ich zu ihm.

0Meine Produktion hat seither gestockt begann er, »weil ich bei meiner Frau Krankenpfleger war. Sie ist seit Monaten lewend und erträgt große Schmerzen. Das wirst einen Schmten auf unser Fami lienleben. Ich habe dabei die Verpflichtung gesiihlt, mich gesund zu er­halten und bin es auch. Ich habe meine,?uegeze,chnete Konstitution von meiner Mutter, die selbst eine unverwüstliche Gesundheit besaß.

Das Gespräch wandte sich dem literarischen Geb et.zu. Jan » Novellenstoffe im Kops haben", sagte Heyse,dabei eine weittragende Romanidee rate ich entschieden, den Roman zu beginnen, ber em Erfolges sicherer ist als die Novelle. Es wundert michgar nicht, daßCie von Ihren Auslandreifen keine Stoffe mitbringen. Wer kann sich den« vermessen, als Durchreisender in fremdes Volkstum, gar '" die Seelen der Menschen zu bringen? Meine italienischen Novellen gebe ich gm preis Wirklich echt sind F ö r k e l s italienische Novellen. Uebrigens lebe ich solange hier, daß ich Land und Leute doch em wenig tennen- i gelernt habe. Meine Dramen arbeite ich ost um. Ich denke dabei a eine gute Geige, die erst schön klingt, wenn sie ein paarmal zusammen geschlagen und repariert ist Ich bin überzeugt, daß viele meiner Prosa arbeiten untergehen werde», daß aber meine Theaterstücke auf d-« Bühnen zu neuem Leben erwachen Gegenwärtig sind d e Herren Nea listen am Ruder, das besagt nichts. Es. wird eine Zeit kommen, Die meine Dramen wieder zu Ehren bringt." h£>rrefbe

Von jungen Jahren an bin ich in meiner Weltanschauung berfe» geblieben. Feuerbach und Spinoza sind meine *9* Es war nie meine Art, über die uns gesteckten Grenzen hinaus strevn zu wollen. In mir wohnt eine große Ruhe, die sich auch ohne Unsterb lichkellsglaube»e bewahrt.^ eine verbindliche Art den Men­

schen gegenüber. Im übrigen gehört sie zu den besten. Die SymbolPe beweguiig ist eine vorübergehende, sie ist schon tot. Ungern tourbe ich Ihren Arbeiten das hessische Element vermissen. Es gibt ihnen et Besonderes, Eigenartiges, was mir äußerst sympathisch ist.

I * Dem Münchener Generalmusikdirektor, einem geborenen Gießener.

Im Spätsommer 1905 war's, daß ich Paul H e y f e in München zum erstenmal besuchte. Mit sünfundsiebzig Jahren machte er den Eindruck eines Fünfzigers. Sein Gesicht war noch völlig faltenlos, die tiefblauen Augen strahlten ein lebhaftes Feuer, Freundlichkeit prägte sich in seinen Zügen aus. Er empfing mich in seiner Villa in der Lmsenstraße.

' 9 Ich war oft der Gast Carl Alexanders in Weimar , sagte er im Lauf der Unterhaltung.Das Ideal des Großherzogs war es blieb aber un­erfüllt einen neuen Dichterkreis um sich zu scharen, rote weiland sein Großvater Carl August. Einmal redete er mir eine gute Stunde lang zm meinen Wohnsitz nach Weimar zu verlegen. Ich lehnte ab. Ich hatte mich in der Enge des Weimarer Hosledens nicht roohlgesuhlt. Dort ist sich alles Tag um Tag nah, zu nah. Es werden an den einzelnen große Anspruä)e gestellt und der Gedanke, aus meiner Arbeit heraus nachmittags nach Ettersburg ober Belvedere an dos Hoflager befohlen zu werden war mir unbehaglich. Es geht nichts über die künstlerische Freiheit, die ich hier ge- |*c?tfamroar cs* mir mit Hermann von L i n g g ergangen. Produ­zierte er ein schönes Gedicht, so schrieb ich ihm begeistert. Er aber he> e für mich nie ein anerkennendes Wort. Das kam daher, weil er auf meine günstige materielle Sage mit eifersüchtigen Augen blickte, wahrend es ihm selbst nicht zum besten ging. Jetzt besorge ich eine Auswahl seiner Gedachte und habe meine Not, unter vielen Plattheiten Perlen zu einem Band aus sieben Bänden herauszufischen. ßingg verosfentlichte aus Not Gedickte die künstlerisch von ihm nicht zu verantworten waren.

Ehe ich eine Arbeit niederschreibe, steht sie völlig fertig> vor meinem inneren Auge. Oft ringe ich zwei Jahre mit einem Stoff. Ist alles durch­dacht geht die Niederschrift sehr rasch vonstatten. Meine Romane- und Novellenstoffe erzähle ich niemand. Das wurde mir den Dust wegnehmen. Anders halte ich es mit den Dramen, die ich gern mit meinen Freunden

I bespreche? Hier hat man bei den Ausführungen nut einem vielköpfigen Publikum zu rechnen. In der Epik wende ich mich an ben emzelnen Leier und kann ganz meinem Eigensten und innersten folgen. Ich sprach mit Hermann Levi* einmal davon, wie sich ® c e 4 $ ? u c " f L-Moll-Snmphonie auf die bekannten vier Schlage aufbaue, aber aus uier geniale Schläge. So kann aus einem bedeutenden Motiv ein ganzes Bucl/entstehen.)Freilich kommt es darauf an, wie das Motiv angepackt

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Aller chlimmsten von ihnen habe man gar einen Preis ausgefetzt, um feinen ^anderen als den böfen Räuber Borfcht handle es sich.

Der Mann und Gatte - ach, das war doch n^rnand anderes als , Freund Fritz Eggers, mit dem Paul Heyse »n Revolutlonsfahr mit Flinte und Schleppsäbel, eine Feder im grünen ,Schlapphut, 'M Stu­dentenkorps mitmarschiert war und die Nachte un Schweizerfaal de I Schlosses Pbomit verbracht hatte, ganz unblutige Verse zu schm'eden oder auch politisch-patriotische Klänge, die dann, zustunmen mit denAutoren <-Er,Zt, crualer L K Aegidy, Bernhard Endrulat, alsFünf- I Pebn neue deutsche Lieder" im Drucke erschienen. Fritz Eggers der nun auf der Bühne so tat, als ob er mit jener grau, einer Tante der Braut Margarete verheiratet wäre und Angst vor Räubergesindel habe. I Eine ganz witz- und reizlose Szene - mußte fiefy ber junge ^«utigam aefteben die man konnte ja abwarten vielleicht doch noch recht gewaltsam in irgendeinen Zusammenhang nut dem bislang so harmonisch verlaufenen Polterabend gebracht wurde. Warum lachte man denn da hinten im Parkett immer so unterdrückt wo es doch bei Gott gar nichts zu lachen gab! Etwas unmutig sah sich Paul urn.^ Aber die Braut zupfte ^ihn leise am Aermel, die Aufmerksamkeit lieber wieder der Bühne zuzuwenben. ., I

Da hatte sich ein seltsames Geräusch bemerkbar gemacht. Woher kam es? Das schienen auch Eggers und Frau, die so Nachdenklichen, nich zu wissen und noch nicht einmal zu ahnen. Ja da war ja noch jemand auf ber Bühne, den man bislang gar nicht bemerkt hatte^ Ein Kind im schottisch-karierten Kinderröckchen, mit einem grell bemalten Pferdchen spielend. Dieses Pferd aus Holz sa, das kannte Paulche» __weil er früher schon damit gespielt hatte und doch nicht recht daran I alauben wollte daß ihm dieses Tier schon srüh so etwas rote em Pegasus werden sollte! Woher tarn das Geräusch? Seltsam! Und wer war das Kind? Nein das konnte doch nicht gut möglich sein! Aus dem winzigen Teppich spielte kein anderer als der als Kind verkleidete Adolf Menzel, der Äaler berTafelrunde Friedrichs II. in Sans­souci" und desFlötenkonzertes" daselbst, er ber gerade die Folge Aus König Friedrichs Zeit" dem Leipziger Holzschneider Kretzfch- mar übersandt hatte und an 600 - sechshundert! - kolorierten Litho­graphien Die Armee Friedrichs des Großen in ihrer Uniformierung arbeitete, von denen ein Gesamtexemplar weit über fünfhundert Taler kosten sollte! Menzel hier Pferdchen spielend undDado! rufend, ab ganz langsam aha, also daher kam das rätselhafte Geräusch! unter dem Biedermeiersofa ein gewaltiger roter Haarbusch herDorgetrodjenp tarn ber dem Freunde Wilhelm L ü b k e aus Dortmund gehörte, der war damals noch Philologe und erst allmählich zum Kunsthistorlschen hin- übcrschwenkend, was er bisher nur mit einer Schrift über bte mit eb | elterliche Kunst in Westfalen bewies, aber gleichzeitig letzt hier auch kein anderer als ber gefürchtete und gesuchte Räuber Borscht, der kniend und händeringend das Ehepaar bat, ihn nicht zu "erraten, son­dern ihn schweigend fliehen zu laffen. »Dada! meckerte noch einmal das Kind Menzel und zeigte stolz auf fein Pferdchen. Ja, tneCMti würben großmütig genug fein und Gnade vor Recht ergehen lassen.

Und da fiel auch schon ber Vorhang. Lauter Beifall donnerte aus dem Parkett auf. Nur das junge Paar sah sich kopfschüttelnd au. Oder täuschte sich Paul nicht? Lies da seiner lieben Margarete nicht cm spöttisches Lachen um die feinen, fest zufammengekmfsenen Lippen?

Da aber ertönte das Klingelzeichen schon wieder 3um zweiten und letzten Akt, der nur eine Fortsetzung des Unheimlichen bringen sollte. Da war wieder das Ehepaar und führte sein schon damals ach so berühmtes Kind Adolf an der Hand. Die Umgebung rmgs -das soll e ein Wald sein? Die Herrschaften sagten es wenigstens und wollten gar nicht damit einverstanden sein, daß Adolfchen hier Blumen suche. Denn man hatte sich im Walde verirrt! Wovon man freilich dem ahnungs­losen Kindchen nichts verraten durfte.Blumen! triumphierte das lustig durch die Gegend und fing erst mörderisch an zu schreien, als von links und rechts einige sehr verdächtige Gesellen mit rußgeschwärzten Ge­sichtern auftauchten und die Eltern barsch aufforderten, sich schleunigst aller Geldbörsen und auch der kostbaren Ooerkleider zu entledigen. Wird's bald!" bornierte eine martialische Stimme die baß Erschrockenen an, die sich bleich in ihr Schicksal fanden und der häßlichen Aufforde­rung schnellstens nachzukommen suchten. Wie der böse Borfcht vorhin auf ben Knien, fo flehten sie jetzt viel einbringlicher um Gnade. Aber der dunkle, einsame Wald ringsum schien alle Hilferufe unbarmherzig zu verschlucken. Die Räuber blieben bei ihrem Verlangen, so sehr auch Klein-Adolf jetzt in das Jammern miteinftinimte. Da aber betrat noch einer die Szene! Einer mit einem gewaltigen roten L-chopf: Wil­helm Lübke und Borscht zugleich! Woher kam er? Aus einem mit einer Decke verhangenen Kleiderschrank, der das dichteste Dickicht vorzustellen hatte ,^)alt!" schmetterte er durch seine Stimme und durch das Feuer seiner bezwingenden Augen die schnöden Gesellen nieder.Hall! Und dann richtete er die zitternden Knienden artig und hilfsbereit auf:Be­ruhigen Sie fich bitte! Ich bin esI Borscht! Der dankbare Räuber!

Wie das Stück sich denn auchDer dankbare Räuber' be­titelte, das damit beendet war und das o, oh, jetzt dämmerte es Paul- chen dunkel, nicht ganz so dunkel, wie ihn eben noch das wilde Wald­dickicht angegraut hatte! sein eigenes dramatisches Erstlingswerk war, daß er, ein Zwölfjähriger, einst in ein kleines Oktav-Schulheft geschrieben hatte ganze sechs Seiten lang, von der Mutter liebevoll ausbewahrt und nun zur Uraufführung gebracht und dem unbändigen Gelächter der Polterabend-Gesellschaft des Sohnes ausgeliefert ein Lacherfolg, rote er dem später so berühmten und gar als ersten deutschen Dichter mit dem Nobelpreis Ausgezeichneten nie roieder zuteil werden sollte, ihm, der nur wenige Monate später, nachdem die Cholera ihr Wüten in München endlich einstellte, befrackt und fchwarzkravattiert, wie es bei den Symposien Usus war, vom Hofmarschall Baron von Z o l l e r dem König Max II. vorgestellt und durch ein königliches Ehrengehalt ausgezeichnet