Gießener ZamilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Siehener Anzeiger
Jahrgang MV Mitag, den März Nummer 2\
Vorfrühling.
Von Paul Heyse.
Stürme brausten über Nacht, Und die kahlen Wipfel troffen.
Frühe war mein Herz erwacht. Schüchtern zwischen Furcht und Hoffen.
Horch, ein traut gefchwätz'ger Ton Dringt zu mir vom Wald hernieder. Nisten in den Zweigen schon Die geliebten Amseln wieder?
Dort am Weg der weiße Streif — Zweifelnd frag ich mein Gemüter Jst's ein später Winterreif, Oder erste Schlehenblüte?
Oer Dichter Paul Heyse.
Iu feinem 100. Geburtstage.
Von Geheimrat Prof. Dr. Oskar Watzel, Bonn.
Nachdruck verboten.
Die Jahrhundertfeier von Paul Heyses Geburtstag fällt nicht auf eine Augenblick, der sich viel um den einst Hochberühmten und Hochgeschätzten kümmert. Vor einem halben Jahrhundert war Heyse in einer Zeit reichentwickelter Novellenkunst ein anerkannter Führer, als Schaffender wie als lehrender Wegweiser. Er galt für den größten Novellisten der Deutschen: seine Lehre von der Novelle, die sogenannte „Falken- t h e o r i«" — sie stützt sich auf Boccaccios Novelle vom Falken —, schien den Nagel auf den Kopf zu treffen. Gegen das Ende des Jahrhunderts hin begann die Abkehr von Heyse sich einzustellen und durchzusetzen. Bis heute wirkt sich das aus. Vor etwa einem Jahrzehnt meinte ein junger Forscher, der früh dahinging, der Tag fei gekommen, Heyse wieder zu neuem Leben zu wecken. Er legte Briefe Heyses vor und fügte ihnen sorgsame Erklärungen an. Sie sind wichtige Zeugnisse für Entwicklung und Wesen deutschen Dichtens, aber sie haben den Novellisten Heyse uns kaum nähergerückt, noch weniger den Dramatiker, nicht einmal den feinfühligen Lyriker.
Dennoch war ein gut Stück Undank beteiligt, als die Jugend am Ausgang des Jahrhunderts über Heyse den Stab zu brechen anfing. Was oft geschieht, geschah auch da. Man verurteilt den Ervssner einer Bahn, auf der man selbst sich bewegt, verurteilt ihn, weil man auf dieser Bahn ein paar Schritte weitergekammen ist, macht ihm zum Vorwurf, daß er nicht gleich weit vordringt, übersieht indes, daß es schwerer war, die neue Richtung zu beginnen, als hinterdrein sie noch grundsätzlicher durchzuführen. Einer der nächstliegenden Belege für solches Schicksal ist Hein e. Ihn entwerteten am liebsten seine unmittelbaren Nachfolger. Hieß es eines Tages, Heine nehme Seelenvorgänge zu sehr in Bausch und Bogen, reiche nicht von fern heran an jüngere Fähigkeit, die feinsten Abschattungen von Seelenzuständen zu erfassen so kam der Vorwurf aus dem Munde von Dichtern, die zunächst von Heine gelernt hatten, versteckte oder auch gern verhüllte Seelenregungen aufzudecken. Sie hatten gegen Heine nur das ein« auszuspielen, daß — wie man das nannte — er nicht ganz so „differenziert" sei wie sie selbst. (Jetzt ist die hochgestiegene Differenziertheit der Menschen von etwa 1900 den meisten unwichtg geworden; freilich kommt das nicht Heine zugute, dem Ahnherrn der Ueberdifferenzierten.)
„Sind wir ein Spiel von jedem Druck der Luft?" Fausts Frage wurde um 1900 von deutschen Dichtern ständig wiederholt, vor allem von Hofmannsthal und Schnitzler, überhaupt von den Wienern. Soeben erwog Heinz Mertens in einer tiefdringenden Arbeit die Vorliebe der Wiener Dichter aus der Umwelt Hofmannsthal für den unheldenhaften oder vielmehr passiven Menschen. Ueberkultivierte sind hier willensschwach geworden, sind nur noch von ihren Stimmungen abhängig. Jeder Eindruck kann ihr Handeln bestimmen und umstimmen, soweit bei derartig leidendem Verhalten noch von Handeln überhaupt die Rede sein darf.
Che noch ein einziger dieser Wiener ein Werk veröffentlicht hatte, warf ein fachkundiger Erforscher von Dichtung — er war auch Oesterreicher — den Novellen Heyses vor, die Luft, die in ihnen ihre linden, lauen Wellen schlage, sei zu schwül, zu drückend. Augenblickliche Schwäche entscheide das Geschick, nicht nur der Sturm leidenschaftlichen Gefühls. Die Helden würden von Stimmungen getragen, sie hätten keinen festen, durchgreifenden Willen. Unmännlich nannte er sie. Dies Urteil zeugt für den nahen Zusammenhang, der zwischen Heyse und den späteren Dichtern besteht. Nur noch unmännlicher wurde bei ihnen der Mann. Stärker spricht bei Heyse
noch die Stimme des Bluts. Leidenschaft fordert ihr Recht, überzeugt, daß jedes Verzichten nur Unheil bringe. Heilig ist für Heyse der angeborene Instinkt. Ihn im Dienst eines allgemein bindenden sittlichen Gebots einschränken, macht nach Heyses Ueberzeugung nur unglücklich. So stark spricht das Blut kaum noch bei den jüngeren Wienern; sie sind zu sehr gewöhnt, ihr Innenleben zu zerdeuten und zu zerfasern, ihr Instinkt ist gebrochen. Das gilt auch von ihren Menschen. An dieser wichtigen Stelle mag ihnen Heyse wie der Anwalt einer überwundenen Welt erschienen fein. Aber ihnen noch ist wichtiges Lebensziel, sich auszuleben. Was aber war djes „Sich-ausleben" anderes als ein bewußter Kampf gegen Selbstüberwindung und für die Wünsche der Triebe, der Kampf, der bei Heyse stets ausgefochten wird?
Was im Blut liegt wirkt sich bei Heyse wie ein unüberwindliches Schicksal aus. Ist es Zufall, daß Heyse ungefähr zu der Zeit zu veröffentlichen beginnt, als auf deutscher Erde der Materialismus feine entscheidenden Siege erficht? Wirklich ist Heyse einer der frühesten deutschen Dichter, die dem Geist und der Fähigkeit, sich selbst zu bestimmen, sein Recht nehmen und es der Materie übergeben. Seine nächsten Altersgenossen und Freunde tun das noch nicht: Keller nicht und auch nicht Storm, am wenigsten Raabe. Gesehen vom Blickpunkt des Materialismus, der fortan — wenn auch unter wechselnden Namen — die Dichtung des Jahrhunderts, nicht bloß die deutsche, bedingen und bestimmen sollte? ist Heyse damals der modernste Dichtex. Auch von dieser Seite nimmt er vorweg, was die Wiener nur weitersühren. Mit dem Materialismus stimmt er überein in der Abkehr von einer Sittlichkeit, wie sie von Kant vertreten worden war. Dann in dem Aufruf zu Sittenfreiheit und zu Lockerung der Ehebande. Sein Roman „Im Paradiese" von 1875 bekämpft in solchem Sinne die bestehenden Zustände. Endlich nimmt sein etwas älterer Roman „Die Kinder der Welt" religiöse Gebundenheit aufs Korn und möchte in ihr ganz materialistisch nur „traditionellen Schlendrian" entdecken.
Wie stark Heyse dem Materialismus zuneigt, wie willig er dessen Geschäft treibt, wird leicht übersehen. Er gilt als Dichter von edler, kunstvoll gezügelter Gebärde, als Träger eines Formwillens, der sich nach Goethes Vorbild an der klassischen Antike geschult hat. Materialisttsche Dichtung nimmt meist ungefügere Gebärden auf, hat vor allem eine unverkennbare Neigung zum Häßlichen. Das erwies sich noch zur Zeit der großen Erfolge Heyses, als der deutsche Naturalismus sich an Zola zu bilden anschickte. Heyses unentwegter Schönheitskult ließ damals vergessen, wieweit er schon demselben Materialismus sich ergeben hatte, dem, wie Zola, die deutschen Naturalisten huldigten. Tatsächlich blieb Heyse an der Stelle stehen, die schon von Heine erreicht worden war. Auch Heine wollte Schönheit mit materialistischer Weltbewertung verknüpfen. Als Heine gegen den Spiritualismus des Christentums, aber auch Kants, den Sensualismus der Antike ausspielte, gegen Nazarenismus den Hellenismus, wollte auch er eine neue Welk des Schönen anbahnen. Er stützt« sich dabei auf die Weltanschauung des frühen deutschen Materialismus. Noch drang er nicht so weit vor wie Heyse, tat später sogar ein paar Schritte zurück. Doch was ihm vorschwebte, die Wiedererweckung antiker Freude an sinnebannender Schönheit, trägt auch Heyses Dichten. Am greifbarsten erweist sich das an Heyses bezeichnendster, vielleicht auch bester Leistung, an der Novelle „Der letzte Zentaur".
Heyses erste Premiere.
Von Alfred Richard Meyer.
Cs war der 14. Mai 1854. Im Hause des Universitätsprofessors, Mitglieds des Senats der Kunstakademie, Vortragenden Rats im Kultusministerium, Franz Kugler, in der unteren Berliner Friedrichstraße, unweit vom Belle-Alliance-Platz, flammten Kerzen in allen Räumen und ließen die Kopie des heiligen Franziskus von Murillo über dem Klavier heller aufleuchten, von dem leise Klänge den Polterabend des jungen Dichters Paul Heyse einleiteten, der des Hauses Tochter Margarete morgen als Gattin heimführen würde, des Kammergerichtsrats Hitzig Enkelin, der unser Poet allhier schon vor Jahren sein Märchen von Fedelint und Funzifudelchen erzählt hatte. Alle neun Musen schienen das Glück des jungen Paares segnen zu wollen.
Die Einzelanreden an das Brautpaar waren verklungen. Verzitternder Gläserhall lag noch in der Luft. Da ertönte hinter einer primitiv auf- gebauten und durch dichte Vorhänge geheimnisvoll abgeschlossenen Bühne ein wiederholtes Klingelzeichen. Schnell setzte man die Stühle zum Parkett zusammen, vorne dem jungen Paar die Ehrensessel reservierend. Daß sich inzwischen ein paar der berühmtesten Gäste davongemacht hatten, fiel niemandem auf. Was es geben würde? Ein richtiges Theaterstück! Gewiß war es extra für den heutigen Abend geschrieben und würbe die Hauptüberraschung bringen. Ruhig! Und schon teilte sich der Vorhang beim letzten Klingeln über einer Szene, die in einem bürgerlichen Wohnzimmer zu spielen schien. Seltsam!


