uns allen spielte und zu ihrem Zeitvertreib uns drei unglücklich gemacht hatte. Es schien mir jetzt Zeit, gl gen mein leidiges Verliebtscin zu kämp­fen und der Spielerei womöglich ein Ende zu machen.

Ich fragte: Darf ich Sie nach Hause begleiten?

Ich bleibe noch hier, sagte sie. Sie nicht?

Nein, ich gehe.

O, Sie wollen mich ganz allein lassen? Es wäre so hübsch, noch ein bisschen dazusitzen und zu schwatzen. Sie plaudern ost so lustig.

Ich stand auf. Fräulein Salome, sagte ich. Sie sind gar zu liebens­würdig. Ich muh jetzt gehen. Sie haben ja Männer genug, mit denen Sie spielen können.

Sie lachte hell auf. Dann adieu! rief sie lustig und ich ging davon wie geschlagen. *

Als ich nach Hause kam, hatte Hans auf mich gewartet und zog mich gleich in sein Stüblein. Was er mir sagte, war alles ziemlich klar und verständlich, verwirrte mich aber trotzdem. Er war so von Salome be­sessen, das; von der armen Berta kaum mehr die Rede war. Immerhin sah er ein, daß er nicht länger Gast im Hause sein dürfe, und kündigte auf Nachmittag seine Abreise an. Das war deutlich und begreiflich, und ich konnte nichts dagegen sagen; nur nahm ich ihm das Versprechen ab, ehrlich mit Berta zu reden, ehe er ausreiße. Nun kam aber die Haupt­sache. Da Hans vor unklaren und zweideutigen Verhältnissen seiner gan­zen Natur nach einen, Abscheu hatte, wollte er sogleich die Salome sich sichern und ihr Wort oder das ihres Pflegevaters mitnehmen, da er ohnehin sonst kaum eine Erlaubnis haben werde, unser Nest wieder auf­zusuchen.

Vergeblich riet ich ihm, abzuwarten. Er war heillos aufgeregt, und erst später fiel mir ein, daß wahrscheinlich sein empfindliches Ehrgefühl darauf bestand, aus der für ihn nicht eben ehrenvollen Verwicklung irgendwie als Sieger hervorzugehen und seine bis jetzt doch nicht schuld­lose Leidenschaft durch eine entscheidende Haltung vor sich selber und vor den Leuten zu rechtfertigen.

Ich gab mir alle Mühe, ihn umzustimmen. Ich machte sogar die von mir selber geliebte Salome schlecht, indem ich andeutete, ihre Leidenschaft für ihn sei wohl nicht echt und nur eine kleine Eitelkeit gewesen, über die sie vielleicht schon wieder lache.

Es war umsonst, er hörte kaum zu. Und dann bat er mich flehentlich, mit ihm in die Oberförsterei zu gehen. Er selber war schon im Gehrock. Mir war sonderbar genug dabei zumute. Ich sollte ihm nun das Mäd­chen freien helfen, in die ich selber seit so und so viel Semestern, wenn schon hoffnungslos, verliebt war.

Es gab keinen kleinen Kampf. Aber schließlich gab ich nach, denn Hans war von einem so ungewohnten, leidenschaftlichen Geist beseelt, als regierte ihn irgendein Dämon, dem nicht zu widerstehen war.

Also zog auch ich den schwarzen Rock an und ging mit Hans Amstein ins Haus des Oberförsters. Der Gang war für uns beide eine Dual, dabei war es höllisch heiß, es ging gegen Mittag, und ich konnte im zuge­knöpften Staatsrock kaum mehr Luft bekommen. Meine Aufgabe war, vor allem den Oberförster festzuhalten und Hans eine Unterredung mit Salome zu ermöglichen.

Die Magd führte uns in die schöne Besuchsstube, der Oberförster und seine Tochter kamen gleichzeitig herein, und bald ging ich mit dem Alten ins Nebenzimmer, um mir ein paar Jagdflinten zeigen zu lasien. Die beiden anderen blieben allein im Besuchszimmer zurück.

Der Oberförster war auf seine feine, ruhige Art freundlich gegen mich, und ich besah jede Flinte so umständlich als möglich. Doch wär mir gar nicht wohl dabei, denn ich hatte beständig ein Ohr auf das Nebenzimmer gespitzt, und was ich dort vernahm, war nicht geeignet, mich zu be­ruhigen.

Die anfänglich halblaute Unterhaltung der beiden war bald zu einem Flüstern geworden, das eine gute Weile dauerte, dann wurden einzelne Ausrufe hörbar, und plötzlich, nachdem ich minutenlang in peinlicher Bangigkeit gehorcht und Komödie gespielt hatte, vernahm ich, und leider auch der Oberförster, Hans Arnsteins Stimme aufgeregt und mit einem überlauten, fast schreienden Ton.

Was gibt's denn? rief der Oberförster und riß die Tür auf.

Salome mar aufgestanden und sagte ruhig: Herr Amstein hat mich mit einem Antrag beehrt, Papa. Ich glaube ihn ablehnen zu müssen. Hans war außer sich.

Daß du dich nicht schämst! rief er heftig. Erst hast du mich fast mit Gewalt von der anderen weggezogen und jetzt

Der Oberförster unterbrach ihn. Sehr kühl und ein wenig hochmütig bat er um Erklärung der Szene. Da nun Hans nach längerem Schwei­gen mit mühsam gedämpfter, vor Zorn und Aufregung keuchender Stimme zu berichten anfing, sich verwirrte und ins Stocken geriet, glaubte ich eingreifen zu müssen und habe damit wahrscheinlich die ganze Sache vollends verdorben.

Ich bat den Oberförster um eine kurze Unterredung und erzählte ihm alles, was ich wußte. Ich verschwieg keine von den kleinen Künsten, mit denen Salome meinen Freund an sich gezogen hatte. Ich verschwieg auch nicht, was ich in der Nacht gesehen hatte. Der alte Herr erwiderte keinen Ton, er hörte aufmerksam zu, schloß die Augen und machte ein leidendes Gesicht. Nach fünf Minuten waren wir schon wieder im Besuchszimmer, wo wir Hans allein wartend fanden.

Ich höre da merkwürdige Sachen, sagte der Oberförster mit künstlich fester Stimme, immerhin scheint meine Tochter Ihnen einige Avancen ge­macht zu haben. Nur vergessen Sie, daß Salome noch ein Kind ist.

Ein Kind, sagte er, ein Kind!

Ich werde das Mädchen zur Rede stellen und erwarte Sie morgen um diese Zeit zu einer weiteren Aussprache.

Mit einer steifen Gebärde entließ er uns, und wir schlichen still und demütig aus dem Hause. Plötzlich mußten wir aber eilen, denn über unserem Städtchen brach ein tolles Gewitter aus, und trotz aller Sorge

tnt Herzen liefen wir doch wie die Windhunde, um unsere Staotsröcke zu retten.

Beim Mittagessen war mein Onkel von einer gewaltsamen heiteren ' Laune, wir drei jungen Leute hatten aber weder zum Essen, noch zuni s Reden viel Lust. Berta hatte einstweilen nur gefühlt, daß Hans ihr! irgendwie entfremdet sei, und blickte nun traurig und angstvoll bald; mich, bald den Amstein an, daß es einem bis in die Knochen ging.

Nach dem Essen legten wir uns mit Zigarren auf den Holzbalkon und j hörten dem Donnern zu. Auf dem glühenden Erdboden verdampfte der Regen in Schwaden und füllte alle Wiesen und Gärten mit Nebel an, die Lust mar voll von Wasserdunst und starkem Grasgeruch. Ich mochte nicht mit Hans sprechen, ein Gefühl von Aerger und Bitterkeit befiel mich gegen ihn, und so oft ich ihn ansah, fiel der Anblick von gestern mir wieder ein, wie er und das Mädchen stumm mit Gewalt aneinander- gepreßt den Garten verließen. Ich machte mir bittere Vorwürfe darüber, - daß ich das Nachtabenteuer dem Oberförster verraten hatte.

Plötzlich ging die Balkontür auf, und es trat eine große, dunkle Ge- stakt herein, von Regen triefend. Erst als sie den langen Mantel aus-1 einanderschlug, erkannte ich die schone Salome, und ehe noch ein Wort gesprochen war, drückte ich mich an ihr vorbei durch die Tür, die sie! sogleich schloß.

In der Wohnstube saß Berta bei einer Handarbeit und sah bekümmert aus. Einen Augenblick überwog in.mir das Mitleid mit dem verlassenen . Mädchen alles andere. Berta, aus dem Balkon ist die Salome beim Hans Amstein, sagte ich zu ihr.

Da stand sie auf, legte ihre Arbeit weg und wurde weiß im Gesicht, j Ich sah, wie sie zitterte, und ich dachte, sie würde nun sogleich in Tränen ! ausbrechen. Aber sie biß sich auf die Lippen und blieb stumm.

Ich muß hinübergehen, sagte sie plötzlich und ging. Ich schaute zu, wie! sie sich fteif aufrecht hielt, wie sie die Balkontür ausmachte und hinter sich wieder schloß. Eine Weile sah ich die Tür an und versuchte mir vorzu­stellen, was jetzt da draußen geschehe. Aber ich hatte nichts dabei zu tun.; Ich ging in meine Stube hinunter, legte mich auf zwei Stühle, rauchte! und hörte dem Regen zu. Ich versuchte mir vorzustellen, was nun droben zwischen den dreien vorgehe, und diesmal war mirs am meisten um die Berta leid.

Der Regen hatte längst aufgehört, und der warme Boden war schon: fast überall wieder trocken. Ich ging in die Wohnstube hinaus, wo Berte, den Tisch deckte.

Ist die Salome fort? fragte ich.

Schon lange. Wo warst du denn?

Ich habe geschlafen. Wo ist Hans?

Ausgegangen.

Was habt ihr miteinander gehabt?

Ach laß mich!

Nein, ich ließ sie nicht; sie mußte erzählen. Sie tat es leise, und ruhig und sah mich ans einem blassen Gesichtchen heraus mit stiller Festigkeit an. Das sanfte Mädchen war tapferer, als ich geglaubt hatte, und viel-j leicht tapferer als wie beiden Männer.

Als Berta den Balkon betreten hatte, war Hans vor der hochmütig aufgerichteten Salome gekniet. Die Berta nahm sich mit Gewalt zu­sammen. Sie Zwang den Amstein, aufzustehen und ihr Rechenschaft zu geben. Da berichtete er ihr alles, die Salome aber stand daneben, hörte zu und lachte zuweilen. Als er zu Ende war, entstand ein Schweigen uni) dauerte so lange bis die Salome ihren Mantel wieder umnahm nnb gehen wollte. Da sagte Berta: Du bleibst da! und zu Hans: Sie hat dich- eingefangen, jetzt muß sie dich auch haben; zwischen mir und dir ist es je ! doch vorbei!

Was die Salome nun antwortete, erfuhr ich nicht genau. Aber es muh' bös gewesen sein sie hat kein Herz im Leibe, sagte Berta und ab' sie dann zur Tür ging, wurde sie von niemand mehr zurückgehalten und! ging unbegleitet die Treppe hinunter. Hans aber bat mein armes Kusin- l - chen um Verzeihung. Er werde noch heute fortgehen, sie möge ihn vcr-j geffen, er fei ihrer nicht wert gewesen und dergleichen. Und er war ge<! gangen.

Als Berta mir das erzählt hatte, wollte ich irgend etwas Tröstendes antworten. Aber ehe ich ein Wort herausbrachte, hatte sie sich über den halbgedeckten Tisch geworfen und wurde von einem unheimlichen Schluch­zen geschüttelt. Sie litt keine Berührung und kein Wort, ich konnte nur danebenstehen und zuwarten, bis sie wieder zu sich kam.

Geh, geh doch! sagte sie endlich, und ich ging.

Als Hans zum Abendessen noch nicht zurück war und auch auf die Nacht nicht heimkam, war ich nicht sehr erstaunt. Vermutlich war er ab­gereist. Zwar war sein kleiner Koffer noch da, doch würde er schon darum schreiben. Sehr nobel war diese Flucht nicht, aber durchaus nicht un­begreiflich. Schümm war nur das, daß ich jetzt genötigt war, dem Dnte! die leidigen Affären mitzuteilen. Es gab ein gewaltiges Unwetter, und ich zog mich sehr früh auf meine Bude zurück.

Am anderen Morgen weckt mich Gespräch und Geräusch vor dem Haus. Cs war kaum fünf Uhr vorbei. Dann wird die Torglocke gezogen. Ich schlüpfe in die Hosen und gehe hinaus.

Auf ein paar Fichtenäften liegt Hans Amstein in seinem grauen, wollenen Ferienrock. Ein Waldschütz und drei Holzarbeiter haben ihn ge­bracht. Natürlich sind auch schon ein paar Zuschauer da.

Weiter? Nein, mein Bester. Die Geschichte ist aus. Heutzutage sind ja Studentenselbstmorde keine Raritäten mehr, aber damals hatte man Re­spekt vor Leben und Tod, und man hat von meinem Hans noch lange gesprochen. Und auch ich habe der leichtsinnigen Salome bis heute nicht verziehen.

Na, sie hat wohl ein gutes Teil abgebüßt. Damals nahm sie cs Nia)> schwer, aber es tarn auch für sie eine Zeit, wo sie das Leben ernst nehmen mußte. Sie hat keinen leichten Weg gehabt. Sie ist auch nicht alt geworden. Es wäre noch eine Geschichte! Aber nicht für heute. Wollen wir noch eine Boutcille anbrechen?

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck und Verlag: Bruhl'sche UniversitätS-Duch- und Steindruckerei, R. Lange, Gieße«-