Ausgabe 
14.2.1930
 
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Maschinen als Handarbeiter.

Von Dr. Franz Mittler.

Eigenartig berührt es, daß unsere Technik, der doch so viel gelingt nd die die größten Schwierigkeiten überwindet, vor manchen sehr einsach erscheinenden Aufgaben vollkommen versagt. Bei Arbeiten, hei denen eine bestimmte Feinfühligkeit, Wie sie nur der menschlichen chand zu eigen ist, unerlätzlich erscheint, bringt sie Maschinen zur Anwendung, die in bezug auf Feinheit des Gefühls unseren Verven nicht nachzustehen scheinen. Es sei an die Mähmaschine, die Stick- und Strickmaschine, es sei an maschinelle Einrichtungen erinnert, hie z. B. selbsttätig merken, ob die Temperatur um einen Grad steigt und die dann irgendein Gerät ehv oder ausschalten. Wie wenig Hände mag es geben, die einen Temperaturunterschied von nur einem Grad empfinden. Aber der Technik, die dies und die vieles andere Wunder- bare schuf, wollte es nicht gelingen, Einrichtungen herzustrllen, die Blumen, Obst oder Baumwolle pflücken, oder wenigstens so pflücken, dah das Ergebnis der Handarbeit gleichkommt, daß also nichts ver­dorben, nichts zerstört, nichts zerrissen wird.

Deshalb werden die Vosen zur Bereitung des Vosenols und wird hie Baumwolle immer noch von fleißigen Händen gepflückt. Das geht langsam. An Versuchen, den Vorgang zu beschleunigen, hat es nicht gefehlt. Auf die merkwürdigsten Ldeen ist man dabei gekommen, soqar Affen hat man abgerichtet, die schneller als der Mensch, die mit geradezu affenartiger Geschwindigkeit arbeiteten. Sie arbeiteten aber nur, wenn sie eben Lust hatten. Die Erfahrungen mit ahnen sollen deshalb keine allzu glänzenden gewesen sein. Auf einzelnen Daumwollpflanzungen sollen sie immerhin noch gehalten werden.

Das Pflücken der Baumwolle ist nun durchaus keine so einfache Sache, wie man sich das vielleicht vorstellt. Die Fasern dürfen nacht zerrissen werden, sie müssen möglichst lang sein, es dürfen keine Hülsen Darin bleiben. Dagegen werden die Samenkörner mitgepfluckt, die man später mit Hilfe einer eigenen Maschine entfernt. Wird dae nötige Sorgfalt aufgewendet, so pflückt auch ein geübter Arbeiter kaum mehr als 75 Kilogramm am Tag. Das war schon vor hundert Jahren so und ist heute immer noch so. Die Technik hat hier eben vollkommen versagt. Letzt endlich ist es gelungen, einen Baumwoll- Pflücker zu bauen, bei dem man unwillkürlich an das Ei des Kolumbus erinnert wird. In der Hauptsache ist er nämlich weiter nichts als ein Staubsauger von sehr großen Abmessungen und mit langen Saugarmen. Auf einem Vädergestell wird ein Benzinmotor auf das Baumwollfeld gefahren, der die Saugeinrichtung in Bewegung setzt. Beim gewöhnlichen Staubsauger befindet sich am Ventilator, der die Luft ansaugt, nur ein einziger Schlauch. Hier sind es deren eine ganze Anzahl und jeder ist sehr lang. Die Schläuche endigen oben in ein trommelförmiges Mundstück, das an der Seite aufgeschnitten, also mit einem viereckigen Ausschnitt versehen ist.

Dieses Mundstück wird mit Hilfe einer Schlaufe an Der Hand des Pflückers befestigt. Er kann in jede Hand ein Mundstuck nehmen, so daß er also mit beiden Händen gleichzeitig zu halten vermag, älnter dem Saugschlauch ist noch ein zweiter dunneveu Schlauch befestigt, durch den Luft hindurchgeblasen wird. Auch bmm Staubsauger ist bekanntlich eine Oeffnung vorhanden, aus der die angefaugte Luft wieder herausbläst, nachdem sie durch em 'Autor gegangen ist. Vähert der Arbeiter seine Hand einer Daumwolislocke, die nur auf der Staude sitzt, so kommt zunächst die aus dem dünneren Schlauch austretende Druckluft zur Wirkung, sie bläst die Flocke aus und reinigt sie von Staub und anderen Verunreinigungen. Eme ge­ringe Drehung der Hand, und der Luftstrom bläst nunmehr an der gereinigten Flocke vorbei. Gleichzeitig kommt die Saugtrommel zur Wirkung. Diese Wirkung ist so stark, daß sie die Flocke gegen die Oeffnung zieht. Die Fasern werden mit ihren Spitzen hineingesaugt. Hier werden sie von zwei im Innern der Trommel sitzenden Walzen ergriffen, die sich gegenläufig drehen. Die Drehung wird ebenfalls durch die vom Ventilator bewegte Luft hervorgebracht. Die beiden Walzen packeir die Enden der Fasern,, ziehen sie zwischen sich hinein und reißen so die ganze Baumwollflocke los. Lst sie zwischen oen Walzen hindurchgegangen, so wird sie durch den Luftstrom und den weiten Schlauch hindurch nach dem Sammelsack geführt. Das alles geht natürlich schneller vor sich, als es sich beschreiben läßt. Die Baumwolle wird dabei in keiner Weise verletzt. Sie kommt bereits vorgermnigt im Sack an und kann vor allem auch bei nassem Wetter gepflückt werden, weil ja der starke zuerst angeblasene Luftstrom trocknmrd tomt. Bisher war ein Pflücken bei nassem Wetter nicht möglich. Leder Schlauch leistet ungefähr das Doppelte wie ein Arbeiter. Da dieser «aber zwei Schläuche handhaben kann, so steigt die Leistung des einzelnen auf das Vierfache.

Die neuzeitlichen Rationalisierungsbestrebungen machen es nötig, die Zeiten möglichst abzukürzen, während deren die Lokomotiven nicht benutzt werden können. Le stärker eine Lokomotive ausgenutzt wird, desto größer wird die Wirtschaftlichkeit des Eisenbahnbetriebs. Die Zeiten, für deren Abkürzung gesorgt werden muh, sind die der Reinigung sowie die der Ausnahme von Wasser und von Kohlen. Eine eigenartige neue Kohlungsvorrichtung, die elektrisch betrieben wird, ermöglicht es nunmehr, den Vorgang der Kohlenausnahme ganz erheblich zu beschleunigen. Beben dem Gleise, auf dem die zu bedienende Lokomotive steht, läuft ein zweites Kohlungsgleis entlang. Auf ihm werden kleine offene Karren angefahren oder bereitgestellt, Die mit Kohlen gefüllt sind. Dort, wo sich der Tender der Lokomotive befindet, ist ein eisernes Gerüst errichtet, das mit einer elektrischen Hebe- und Kippvorrichtung versehen ist. Wird der Strom eingeschaltet, so wird der erste Karren gepackt und am Gerüst emporgezogen. Dabei legt sich über ihn eine breite Rinne mit schiefeni Boden. Sind Rinne und Karren über dem Tender angelangl so werden beide gekippt. Der Inhalt des Karrens ergießt sich in di^ Rinne, auf deren schiefem

Boden er in den Tender hineinrutscht. Aus diese Weise wird Karre« um Karren mit großer Geschwindigkeit entleert.

Hans Amstein.

Erzählung von Hermann Hesse.

(Schluß.»

Schon früh erwachte ich wieder, noch vor fünf Uhr, zog mich an und ging vor Hansens Fenster. Er lag im zerwühlten Bett und schlief einen tiefen, schweren Schlaf, er hatte Schweiß auf der Stirn und sah elend aus. Ich lief ins Feld hinaus, sah still und abseits die kleine schmucke Forstei liegen und Wiesen, Obstgärten, Acker und Wald wie sonst. Mein Kopf war wüster als je nach einer Kneiperei, und eine kleine Weile kam mir im Hinschlendern das Geschehene ganz abhanden wie ein Alp, der beim Erwachen fort ist, als wäre nichts gewesen.

Llls ich wieder in den Garten kam, stand mein Freund an fernem Fenster im Erdgeschoß, wandte sich aber, als er mich sah, sogleich ins Zimmer zurück. Diese kleine, feige Gebärde des bösen Gewissens tat mir unsäglich weh. Doch half das Bedauern nichts. Ich stieg zu ihm hinein. Als er sich nun mir zuwandte, erschrak ich stark, denn er sah grau und zerfurcht aus im Gesicht und hielt sich so mühsam auf den Beinen wie ein überjagter Gaul.

Was hast du, Hans? fragte ich.

Ach nichts. Ich hab' nicht geschlafen.

Aber er wich meinen Augen aus und ich fühlte noch einmal denselben bösen Schmerz, wie vorher, als er vor mir vom Fenster floh. Ich setzte mich aufs Gesimse und sah ihn an.

Hans, sagte ich, ich weih, wer bei dir gewesen ist. Was hat die Sa­lome mit dir angefangen? . . .

Da sah er mich an, hilflos und schmerzlich wie em Wild beim Schuss

Laß gut sein, sagte er, laß nur gut fein. Es hilft ja nichts.

Nein, mußte ich sagen, du bist mir Antwort schuldig. Ich will Nichts von der Berta sagen und von ihres Vvters Haus, wo wir zu Gast sind. Das ist nicht die Hauptsache. Aber was soll aus uns werden, aus dir und ans mir und aus dieser Salome? Wirst du nächste Nacht wieder mit ihr da hinausgehen, Hans? m

Er stöhnte. Ich weiß nicht. Ich kann letzt kein Wort sagen. Nachher, nachher. *

Da war einstweilen nichts zu wollen. Ich ging zum Kaffee hinauf und sagte droben, Hans schlafe noch. Dann nahm ich eine Stute und wollte in die kühle Schlucht zum Angeln gehen. Es trieb mich aber wider Willen vor die Forstei. Dort legte ich mich am Weg in die Haselbüsche und wartete und spürte kaum, wie gottlos heiß und schwul der Morgen war. Darüber schlief ich ein wenig ein und als ich aufwachte, war's von Hufschlag und Stimmen. Die schone Salome fuhr mit einem Forstgehilfen in ihrem kleinen Wagen zu Wald, hatte Angelzeug und Fischkorb mit und lachte wie eine Lerche in den Morgen hinein. Der junge Forstmann hielt einen Sonnenschirm über sie ausgespannt, wäh­rend sie kutschierte, und lachte ein bißchen verlegen mit. Sie war hell und leicht gekleidet, mit einem riesengroßen dünnen Strohhut und sah so frisch und froh und glücklich aus wie ein Kind am ersten Ferientag. Ich dachte an meinen Hans und an fein graues Armsündergesicht, war erstaunt und hätte sie viel lieber traurig gesehen. Der Wagen fuhr im munteren Trab talabwärts und war bald verschwunden.

Vielleicht wäre es nun gut gewesen, nach Hause zu gehen und nach Hans zu schauen. Mir graute davor und ich ging statt dessen dem Wagen nach zur Schlucht hinunter. Ich glaubte, ich tue es aus Mitleid mit meinem Freund und aus Verlangen nach Kühle und Waldstille, aber wahrscheinlich ist es mehr das schöne, sonderbare Mädchen gewesen, das mich gezogen hat. Wirklich begegnete mir weiter unten ihr umkehrender Wagen, vom Forstgehilfen langsam kutschiert, und ich wußte nun, daß ich sie am Forellenbach finden würde. Da spürte ich, obwohl ich längst im Waldschatten war, auf einmal die große Schwüle, ich ging langsamer und begann mir den Schweiß aus dem Gesicht zu wischen. Als ich an den Bach kam, sah ich das Mädchen noch nicht, und ich machte eine Rast und steckte den Kopf ins kalke, schnelle Wasser, bis mich fror. Dann ging ich behutsam über die Felsen bachabwärts. Das Wasser schäumte und lärmte und ich glitt jeden Augenblick auf den nassen Steinen aus, weil ich fortwährend spionierte, wo Salome wohl fei.

Da stand sie denn auch plötzlich erschreckend nah hinter einem moosigen Block, mit aufgerafften Kleidern und barfuß bis an die Knie. Ich blieb stehen und verlor ganz den Atem darüber, sie so schön und frisch und allein vor mir zu sehen. Einer ihrer Füße stand im Wasser und ver­schwand im Schaum, der andere trat ins Moos und war weih und schön geformt.

Guten Morgen, Fräulein.

Sie nickte mir zu und ich stellte mich in nächster Nähe auf, rollte die Schnur vom Stock und fing zu angeln an. Sprechen mochte ich nicht, aber auch die Fischerei war mir nicht wichtig, ich war zu müde und zu dumm im Kopf. Darum ließ ich die Angel hängen und fing keinen Schwanz, und als ich zu merken glaubte, daß Salome sich darüber amü­sierte, und Grimassen schnitt, legte ich die Rute weg und setzte mich ein wenig beiseite in die moosigen Felsen. Da saß ich nun faul in der Kühle und schaute ihr zu, wie sie hantierte und watete. Es ging nicht sehr lang, da hörte sie auch auf, sich anzustrengen, sie spritzte eine Hand voll Wasser zu mir herüber und fragte: Soll ich auch kommen?

Nun fing sie an, ihre Strümpfe und Schuhe anzulegen und als sie einen anhatte, fragte sie. Warum helfen Sie mir nicht?

Ich hatte es für unschicklich, antwortete ich.

Sie fragte naiv: Warum? worauf ich keine Antwort wußte. Es war für mich eine sonderbare Stunde und keineswegs angenehm. Je schöner das Mädchen mir erschien und je vertraulicher sie nun mit mir tat, desto mehr mußte ich an meinen Freund Hans Amstein und an die Berta denken und fühlte einen Zorn gegen Salome in mir anwachsen, die mit