Jahrgang (950
Hreitag, den l4-§ebruar
Nummer 13
SiehenerZamilienblAter
Unterhaltungsbeilage zum Lietzener Anzeiger
Das Märchen.
Von Leo Sternberg.
Während wir schliefen, schmolz von Dächern und Baum
der flockige Schnee ... Und da wir erwachten, war der weiße Traum zerronnen ... Gluckernde Schmelzwasser flössen und erdige. Weinbergsbäche durchspülten die Gossen.
Warum zerrann uns dos Märchen, während wir schliefen?
Warum, da wir morgens erwachten, zerliefen zu Seen die gefiederten Berge, und Nebel lag mit seinem feuchten Schleier auf schweigsamem Tag?
Abenteuer bei Nacht.
Bon Frank F. Braun.
Assessor Hecht kam gegen 11 Uhr nachts nach Hause und stieg die Treppe in das Hochparterre, das er mit einer Wirtschafterin bewohnte. Er befand sich heute abend an sich in gereizter Stimmung; jetzt vor der Tür ward er rot vor Aerger, denn seine Wirtschafterin, die um diese Zeit ihren Schlaf hielt, aus dem erwiesenermaßen ein stundenlanges Klingeln sie nicht erwecken tonnte, diese Wirtschafterin hatte innen die Schlüssel steckenlasfen. So mußte es doch sein? Oder weshalb bekam er die Tür nicht auf?
Er war einen Augenblick unschlüssig. Lärm schlagen? Die Frau war schwerhörig und schlief. Im Hotel kampieren? Ohne Nochtanzug, ohne Zahnbürste? — lächerliche Situation!
Da siel ihm ein: seine Schlafzimmertür, die aus den kleinen Balkon führte, würde wie stets offenstehen. Das Zimmer lag nach hinten heraus; es war vom Hof her mit einer Leiter unschwer zu erreichen. Und Borrmanns im Erdgeschoß besaßen solche Leiter! Er entschloß sich, ging wieder hinunter und klingelte Herrn Borrmann heraus; der hatte noch nicht geschlafen, war vertraglich und wandte sich mit dem Assessor auf den Hof. Sie legten die Leiter an und Hecht stieg in seine Wohnung ein.
Als er sein Schlafzimmer betrat, erstaunte er. Das war doch nicht möglich? In dem Nebenzimmer, seinem Herrenzimmer, brannte Licht? Er schlich sich näher; vielleicht warnte ihn eine Ahnung; er trat sehr leise auf. Einbrecher? Jener unverständliche Anruf vor einer Viertelstunde: wie lange kann ich Sie noch im Justizgebäude erreichen, Herr Assessor? Eine Stunde etwa werde ich noch hier zu tun haben, hatte er geantworwt; wer spricht denn dort? Da hatte der Anrufende rasch gesagt: märten toie auf mich, ich komme; und hatte abgehängt. — Aber Hecht hatte nicht gewartet. Seine Gedanken jagten sich, wie er da im Schlafzimmer stand. Mochte ein Zusammenhang zwischen jenem Anruf und diesein Licht dort nebenan bestehen? Hatte Frau Ziebusch vielleicht nur vergessen, es abzudrehen? Er beugte sich zu dem Schlüsselloch der zweiteiligen Schiebetür hinunter. War dort nebenan etwas zu erkennen? ...
Da fuhr er zusammen. Er hatte nie bisher erfahren, daß in diesem Zimemr Dielen knarrten. Die Stille machte es wohl, daß dieser Ton so hart in den Raum sprang. Nebenan erlosch in der gleichen Sekunde das Licht.
Hecht spürte, wie sein Herz aussetzte; es gab das also wirklich, es war nicht nur eine Redewendung der Schriftsteller; der Schreck, als sich erwies, daß dort im Nebengemach ein Mensch sein mußte, durchfuhr ihn wie eine Lähmung.
Aber zum Glück nicht lange. Das Blut schoß rauschend wieder in den Kreislauf, und der Instinkt sprang auf: Flucht! Aber er verwies sich. Kein Feigling sein! Feststcllen, was dort geschieht! Rasch die Waffe aus dem 'Nachttisch holen, dann vorwärts!
Kam er bis zu diesem Gedanken, war das nicht doch eine Konstruktion des Nachher? Die Schiebetür glitt auseinander, wie von Geisterhand geschoben. Niemand ward sichtbar. Aber er, Hecht stand ja mitten im Zimmer nun, stand vorgeneigt noch, als machte er dem Unbekannten, das ihn erwartete, eine Verbeugung.
„Rühren Sie sich nicht!" sagte eine Männerstimme, „ich erkenne jede Ihrer Bewegungen!"
Hecht fühlte, das seine Zähne aufeinanders'chlugen. Er sah den Sprecher nicht, hörte nur aus dem Dunkel die Worte.
„Kommen Sie vollends herein," forderte der Fremde, „ziehen Sie die Tür hinter sich zu. So. — Schalten Sie das Licht ein!" -
Das Zimmer war dunkel. Der Mann muhte sich zur Rechten hinter dem Schreibtisch befinden. Hecht sah ihn nicht, wie vermochte jener ihn zu erkennen? Wenn er jetzt die Deckenbeleuchtung einschaltete — der schwarze Knopf war gleich neben der Türe — muhte er in vollem Licht
stehen. War der Fremde ein Einbrecher, und das galt es anzunehmen, bot er ihm dann ein Ziel für Schuß oder Fausthieb wie nie zuvor. Hecht zögerte; er ahnte nicht, daß diese Sekunden seine Rettung waren.
Der Fremde sagte: „Sie wissen nicht, wo der Schalter ist — ich konnte mir das denken Links bei der Tür. Strecken Sie den Arm aus. Sie werden ihn erfühlen."
Hecht tastete zur Wand. Das Licht ergoß sich von der Decke herab.
Hinter dem Schreibtisch stand ein Mann im grauen Regenmantel; er hatte einen gleichfarbenen Hut auf, der das Gesicht beschattete. In der Hand hielt er einen Revolver. Die beiden Menschen sahen sich an; sie hatten sich nie vorher gesehen.
„Was wollen Sie hier?" fragte der Fremde.
Hecht war verblüfft. Wie denn, jener fragte ihn dies? Der Mann im Regenmantel nickte spöttisch. „Ein bißchen einbrechen, wie?"
Das offene Fenster war zu verlockend. Sie haben sich gedacht, es schlafe alles, oder ich fei noch nicht da? Pech, mein Freund!"
Hecht antwortete nicht. Er war zu verdutzt. Der Fremde nahm dies Schweigen als Eingeständnis.
„Wissen Sie auch, daß ich berechtigt bin. Sie über den Haufen zu schießen?" Er hielt den Revolver, betrachtete ihn überlegend und da, als der Assessor diesem Blick unwillkürlich folgte, erfuhr er die neue Ueber- raschung wie einen Schreck. Jener Mann im Filzhut hielt seinen, Hecht? Revolver in der Hand, der dort auf dem Schreibtisch zu ligeit pflegte, Und dieser Revolver war nicht geladen!
Er lag da sonst, Briefbeschwerer ober Zierstück; Hecht besaß nicht einmal Patronen dazu. Sein eleganter kleiner Browning befand sich geladen und gesichert in der Nachttischschublade nebenan im Schlafzimmer-
Der Mann im Regenmantel schien unschlüssig. Die Situation war wohl auch nicht ganz einfach. „Was soll geschehen?" sagte er. „Soll ich Sie einfach davonjagen, oen Weg zurück, den toie hereingekommen sind?"
Das war das Stichwort für Assesior Hecht. Den Weg zurück, den er gekommen war! Durch das Schlafzimmer am Nachttisch vorbei. Die Rettung! Hecht nickte, er hatte noch kein Wort herausgebracht; jetzt angesichts der Waffe in der Hand des anderen, die nutzlos fein würde, fand er öle Sprache wieder. „Ja," bat er, „taffen Sie inich entkommen; Sie wissen nicht, wie ich in diese Lage gekommen bin." Er tat ein Kopfnicken und schritt zur Türe in das Nebenzimmer. Was hinter seinem Rücken geschah, war ohne Belang für ihn. Er trat an den Nachttisch, zog den Kasten auf. Da lag die Waffe. Er riß sie heraus, drehte sich um und stand da, bereit, die letzten fünf Minuten seiner Niederlage zu rächen.
„Hände hoch!"
„Der Mann im Regenmantel senkte den Kopf. Er legte den Revolver aus den Tisch. Die Hände hab er nicht auf, er stützte sie gefaustet auf die Schreibtifchplatte. „Also doch", sagte er leise, mehr zu sich selber. Dann hob er Den Kops.
„Im Anfang hatte ich das Gefühl, daß Sie der Wohnungsinhaber feien, aber als Sie so unsicher blieben, den Lichtschalter scheinbar nicht fanden und sich von mir einschüchtern ließen, glaubte ich, mein Spiel gegen einen Zuspätgekommenen meiner Art durchführen zu können." Er ließ den .Kopf wieder sinken.
„Sie haben gewonnen", sagte er tonlos. „Was soll jetzt geschehen?"
Assesior Hecht lächelte. Diese Waffe in der Hand verlieh Sicherheit und Ueberlegenheit.
„Was suchen Sie hier?" fragte er.
Der fremde Mensch zuckte die Achseln. „Ich kam durch die ®arten, gelangte in den Hof, sah die Leiter, das offene dunkle Zimmer — und stieg ein. Ich suchte, was zur Hand fein würde."
„Sie leugnen wenigstens nicht."
Er sah den Mann an. Das fremde Gesicht blieb im Schatten des Hutes. Gut dachte er, ich will ihn nicht kennen. Er holte tief Atem. Die« war immerhin ein Entschluß.
„Sie wollten mich, als Sie Sieger waren, entwischen lassen," sagte Hecht dann, „ich will Gleiches mit Gleichem vergelten. Gehen Sie, wie Sie gekommen sind!" — „Danke!" sagte der Mann.
Er legte die Hand an den Hut und schritt zur Türe.
Hecht trat zur toeitc, aber das war überflüssige Vorsicht, der Einbrecher dachte nicht an einen Angriff. Er durchschritt das Schlafzimmer und trat auf den Balkon. Die Leiter war nicht mehr angelehnt, aber der Mann ließ sich im Klimmzug am Gitter herunter; da war das letzte Stück, das er sich sollen lassen mußte, nicht mehr bedeutend. Er verschwand im Dunkel des Hofes und der Gärten.
Assessor Hecht schloß seine Balkontüre und zog die Gardinen zu.
Dieses Nachtstück war zu Ende.
Vorhang. Applaudierte niemand?
Er war großzügig gewesen; er hätte sich Zuschauer gewünscht. Lang- fam schritt er in das Herrenzimmer zurück, trat hinter den Schreibtisch. Hier hatte der Einbrecher gestanden. Auf dem Tisch lag der Abschnitt


