schien sich über ihre Abwesenheit zu wundern. Auch zwei Pferde fehlten, aber auch nach den Tieren fragte niemand. Neber dem ganzen Hause lag es wie eine Betäubung.
Die Mamelucken fanden sich in der Vorhalle vor dem Badezimmer zusammen. Wir warteten, ohne zu sprechen. Als die zehne vollzählig waren, traten Elfy Bey und der Ulema zu uns. Sie befahlen uns, das Glaubensbekenntnis dreimal zu wiederholen. Dann mußten wir beim gerecht strafenden, allwissenden Gott schwören, keinem sterblichen Menschen, keinem Tier, keinem toten Dinge, auch nicht einer dem andern zu sagen, was wir sehen werden. Der Ulema sprach die Worte vor. Jeder mußte sie nachsprechen. ,Und wer von euch eine Silbe verrät', sagte Elfy Bey zum Schluß, ,dem werde ich mit eigner Hand die Zunge ausreißen, und sein Leib soll vor der Moschee Sultan Hassans lebendig gepfählt werden. Das schwöre ich, Elfy Bey, beim einigen Gott.' Dann sagte er den andern, was ich wußte.
Sechs von uns mußten ihn aus dem Bad heben — er war in Stücken — und die Stücke kleiden. Ich und die drei übrigen hatten die Staatskutsche Mohammed Alis aus dem Schuppen zu holen, säubern zu lassen und mit vier weißen Hengsten zu bespannen. Dann wurde das ganze Gefolge benachrichtigt, daß der Pascha um die siebente Stunde aufbrechen werde, um nach der Abbasiye zu fahren.
Ich hatte die Kutsche an das Harimstor zu bringen. Während ich sodann meine eignen Sachen zusammenraffte und sechs Pferde satteln ließ — El Dogan für mich —, hatten sie ihn hineingesetzt, aufrecht, in prächtigem Staatskleid, den Turban mit einem Schleier bedeckt, einen reichgestickten Sitarn* nach Beduinenart über den unteren Teil des Gesichts gebunden, als wollte er sich vor dem Staub schützen. Neben ihm saß der Ulema und stützte ihn, auf dem Vordersitze Elfy Bey und sein getreuer Freund, der oberste der Eunuchen, der ihn hielt, wenn er bei einem Stoß des Wagens noch vorn fallen wollte. Zwei von uns faßen auf dem Kutschbock, zwei standen hinten, nach französischer Art, auf dem Brett für die Diener. Die sechs Berittenen umgaben den Wagen. So zogen wir aus. In den Dörfern, durch die wir kamen, standen die Fellachin, segneten den Propheten und begrüßten den Herrn, dessen Wink für sie Leben uni) Tod war--gewesen war.
Und so ging es um di« erste Stunde der Nacht durch Kairo. Auch hier grüßte uns die hundertköpfige Menge lautlos, wie es Sitte ist, und sah ihren Herrscher schwankend zwischen seinen Begleitern, todbleich trotz des roten Scheins der Fackeln, die wir, wie gewöhnlich bei seinen Nachtfahrten, neben dem Wagen hertrugen. Die Stille war ehrfurchtsvoller, schwüler als sonst. Es war, als ob sie ahnten, was sie sahen. Doch ging alles gut. Er ist krank, sagten sie sich; keiner merkte die Wahrheit. Als wir das Bab el Nasir hinter uns hatten und in der Wüste wieder langsam durch den tiefen Sand fuhren, pries der Ulema Gott und ließ den Pascha fallen. Elfy wurde grob, nach Soldatenart, schimpfte den alten Herrn kräftig und richtete die Leiche wieder auf. Ich habe das selbst gesehen.
Das geschah aber alles, um Zeit zu gewinnen. Il Hami, den der Ulema ,mein Söhnchen' nannte, obgleich er schon ein großer Junge war, befand sich in Damiette. Man hatte ihn wegen seiner schwachen Gesundheit nach Syrien schicken wollen. Er sollte nun so rasch wie möglich nach Kairo zurückgebracht werden, um dort auf der Zitadelle den Truppen und sodann in der Stadt dem Volke als ihr neuer Vizekönig gezeigt zu werden. Alles übrige wollte Elfy besorgen, der schon als Knabe geholfen hatte, die Mameluckensürsten des großen Paschas abzuschlachten. Er hätte sich jetzt ebensowenig gescheut, die Hand an seine Söhne zu legen, wenn es Gott zugelassen hatte. Gelang der Plan, so waren er und seine Freunde Herren von Aegypten, solange es ihnen beliebte und sie das Kind in Händen hatten.
In Kairo verliefen die folgenden zwei Tage wie jeder andre. Man war es gewohnt und zufrieden, wenn sich der Vizekönig, wie er es häufig tat, Wochen lang in der Abbasiye begrub. So kamen friedliche Tage für jedermann, und die Händler und Gewerbsleute, die Soldaten und die Ulemas taten, was ihnen gut dünkte. Niemand ahnte diesmal, daß kein Herr im Lande war."
„Gegen Abend des zweiten Tages verlieh mich die Geduld", fiel Halim Pascha ein, wie wenn ihm Rames Bey zu langsam erzählte. „Auch war es unmöglich, Said und seine Reiter länger zu verstecken. Der Astrologe Soliman den Aschraf war halb tot und fast verhungert von meinen Leuten am Nilufer gefunden worden. Er war, wie alles andre, auf dem Wege von Benha nach Kairo, um sich zu verbergen. Denn der alte Spitzbube hatte manches auf dem Gewissen, das er nur tragen konnte, solange sein Herr lebte. Ich ließ ihm zu essen und zu trinken geben, und als er wieder sprechen konnte, wollte er mir etliches aus den Sternen weissagen. Ich nahm ihn aber bei den Ohren und wußte bald mehr, als mir die Sterne sagen konnten. Meine Mutter hatte recht gehabt. Rames hatte nicht gelogen.
Ich schickte im Namen des Vizekönigs einen Befehl an den Gouverneur der Zitadelle: um Mitternacht das Tor El Affab für den Herrn Aegyptens zu öffnen. In jener Nacht ritt sodann mein Bruder Said als Vizekönig in die alte Burg ein und ließ am frühen Morgen die Geschütze gegen die Abbasiye und gegen die Kasernen in der Stadt richten. Es war eine unnötige Vorsicht. In derselben Nacht war Prinz II Hami aus Damiette zurückgekommen, und schon am frühen Morgen stand der Ulema vor dem Tor der Zitadelle und begehrte Einlaß im Namen des Vizekönigs. Man holte Said, und Said empfing den frommen Mann. Der Pascha, mein Bruder, erzählte mir nachher oft, wie er ihn ehrerbietig begrüßt und selbst in den Audienzsaal hineinkomplimentiert habe. Mit entsetztem Erstaunen habe sich der unglückliche Schriftgelehrte niedergelassen und die niedlichste Kaffeefchale auf dem Boden zerbrochen, so habe er gezittert. Doch Said, der zu jener Zeit ein freundliches und fröhliches Herz hatte, das nichts verstimmen konnte, lachte ihn aus und schickte ihn mit abgeschnittenem
* Litam heißt das Tuch, mit dem die Beduinen sich den unteren Teil des Gesichtes verhüllen, um es vor der Sonne zu schützen.
Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Verlag: Brühl
Bark zu Elfy Bey zuruck, dem er sagen ließ: er möge sich beruhigen- das Spiel fei ausaespielt. Eine Stunde später erschoß sich der Kriegsminister. Er war kein Moslim, der sich beugt, wenn Gottes Hand ihn niederdrückt. Und auch der Ulema starb aus Gram. Er konnte den ab geschnittenen Bart nicht verschmerzen, obgleich ihn Said zu trösten suchte und ihn bei jeder Begegnung auf den Willen Gottes hinwies, der die Bärte abschneidet, wem er will.
»Und El Dogan hast du vergessen?" fragte Rames Bey in vorwurss- vollem Ton, als Halim schwieg und sich behaglich in seine Kissen zurück- lchnte.
„Und dich, o Mamelmk der Mamelucken!" lachte der Prinz. „Du hast recht. Die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Sobald die Pistole Elfys aus- geraucht hatte, saß der Unglücksrabe wieder auf seinem Liebling und jagte nach Schubra. Ich nahm sie auf, wie sie es verdienten, Pferd und Reiter, und solange sie leben, sollen sie unter meinem Dache wohnen, was auch kommen mag. Rames Bey hat mir dieses Versprechen bezahlt, als er mich vor sechs Jahren bei Kassr-Seyat mitten aus meinen ertrinkenden Vettern und Brüdern heraussischle. El Dogan — ja, Herr Eyth, das ist eine kuriose Geschichte — bezahlt es täglich, heute noch."
„Wie habe ich das zu verstehen, Hoheit?" fragte ich.
„Sie werden lachen; manchmal lache ich selbst. — Ich ritt das Pferd in jener unruhigen Woche zum erstenmal. Wahrhaftig, es ist die Perle der Koschlanis! Ich ritt mit meinem ganzen Hofe zur Zitadelle, um Said als meinen Herrn zu begrüßen. Er war wie ein großes Kind, voll guter Wünsche für uns alle, voll schöner Vorsätze für das Land, und wir freuten uns mit ihm. Man konnte wieder aufatmen.
Als ich abends zurückkehrte und an der Moschee von Sultan Hassan vorüberritt, saß dort ein Bettler, ein verlumpter Derwisch. Er lief herbei und küßte meinen Steigbügel. Ich warf ihm ein Geldstück zu; er segnete El Dogan und sprach:
,Du reitest auf dem Pferde deines Glücks, o Pascha, Sohn des großen Paschas! mein Herr! Und du, o Dogan, trägst das Glück des Volks und den Segen der Zukunft.'
,Woher weißt du feinen Namen, o Derwisch?' fragte ich verwundert. Ich liebe das Derwischgeschwätz nicht allzusehr.
,Weißt du nicht, daß die Sterne sprechen?' antwortete er. Da erkannte ich Abbas Paschas Astrologen und wollte ihm einen Tritt geben. Der Spitzbube hätte ihn reichlich verdient.
.Trete den Wurm nicht, o Fürst, der im Staube liegt', sagte er, nach dem er sich mit großer Behendigkeit durch einen Sprung aus dem Bereich meines Steigbügels gestellt hatte. ,Und pflege El Dogan, hüte El Dogan! er trägt dein Glück und dein Leben!' Es war der Unsinn eines Narren. Allein — que voulez-vous? — ich ritt nachdenklicher, als ich gekommen war, nach Schubra zurück."
„Und du weißt jetzt, o Bafchmahandi, was du getan hast", sagte Rames Bey. Wären wir zu Berlin gesessen Unter den Linden, oder zu Paris auf dem Boulevard des Italiens, fast denselben Sternenhiminel über uns, so hätte ich gedacht: ,Jch weiß, daß ihr alle arme, abergläubische Narren seid, die sich von Bettlern regieren lassen!' Hier aber fühlte ich den Gedanken nur wie aus weiter Ferne und wie einen unangenehmen Mihton. Halims Augen, die, während er erzählte, meist halb geschlossen und wie verschleiert gewesen waren, sahen wieder klar und munter in den vollen Mond hinauf, auf dem man Berge und Täler unterscheiden konnte, wie auf einer guten Landkarte. Ein feines Lächeln spielte um seinen Mund, die Ironie des Mannes, der seine eignen Schwächen liebt und verspottet. Dann sah er auf die Uhr.
„Jetzt ist es geschehen, Herr Eyth, wenn unsre Schriftgelehrten die Wahrheit sagen. Jetzt hat Allah mit eigner Hand den Baum des Lebens geschüttelt, und mein Blatt, oder das Ihre, oder Rames Beys oder alle drei sind zur Erde geflattert. Dann war dies unsre letzte Nacht des Nuß min Schaabcm. Möchten Sie nicht unter dem Baume suchen? Jetzt zählt er die Blätter. Allah ist rasch im Zusammenrechnen. Sie lachen?"
„Ich lache nicht, Hoheit", sagte ich. „Die Poesie des Todes ist nicht zum Lachen, welche Form sie auch annimmt."
„Und die Wirklichkeit des Lebens auch nicht, die stündlich so nah am Tode vorbeistreift", sagt« er. „In solchen Nächten packt uns der Kinderglaube. Sie haben auch den Ihren, denke ich mir. Uebrigens — es ist Zeit! — gehen wir schlafen!"
Wir standen auf. Die Mamelucken stürzten herbei, um Rauchzeug und Kissen wegzutragen. Ein kurzes „Gute Nacht", eine Verbeugung orientalischen Stils, bei der ich mir diesmal besondere Mühe gab, — dann ging ich zu meinem Zelt. •
Unter der aufgeschlagenen Zelttüre blieb ich noch kurze Zeit stehen und sah mich um. Das Bild der einsamen, mondstrahlenden Nacht wollte mich nicht loslassen. Ich sah Rames Bey, der zwölf Schritte von Hakims Zelt einen kleinen Teppich sorgfältig auf den Boden breitete und dann verschwand. Nach einigen Minuten trat Halim aus seinem Zett auf den Teppich zu. Er ging in Strümpfen und hatte den Stambulrock abgelegt. So betrat er den Teppich und stand feierlich, die Daumen der offenen Hände an die Ohren haltend, gegen Osten gewendet. Es war kein Zweifel: Halim Pascha tat, was ich ihn in Schubra nie hatte tun sehen: er betete. Scheinbar allein in der Welt ging er durch die eigentümlichen Zeremonien des Esche (des Nachtgebets), sich verbeugend, auf den Knien liegend, den Teppich mit der Stirn berührend, dann wieder aufstehend und zum zweitenmal den Kopf bis zur Erde beugend, alles mit der ruhigen, sanften Feierlichkeit, die aus dem betenden Araber ein Bild des Friedens und der Ergebung macht. Die halbeuropäische Tracht trug allerdings nicht dazu bei, diesen Eindruck zu verstärken. Aber sie störte kaum. w war, als ob die ganze Natur mit der betenden Gestalt verschmelzen wollte und sie heiligte.
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