Ausgabe 
13.10.1930
 
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Ach, wissen Sie*, ist di« Antwort,wir Pariserinnen, wir über­legen. Das ist man von der Familie her gewohnt. Man tut, was man kann. Und wenn man Chance hat, wird man glücklich. Manche sind es gleich von Natur, aber die riskieren zuviel. Vor dem Kriege soll das anders gewesen sein. Wer jetzt, wo man mit fünfzehn Jahren ansängt, sich selbst zu ernähren ..."

Mir fällt der schöne Berliner Schlager ein:

Oh, wie praktisch, oh, wie praktisch ist die Berlinerin.

Heut ist schon jeder Backfisch eine Verdienerin."

Denken Sie manchmal ans Heiraten?" frage ich weiter. Und sie: Ich lasse mir noch Zeit, bis ich Cathcrinette geworden bin. Sie wissen doch, was das ist?"

Gewiß. Ich habe sie am Tag der Heiligen Katharina gesehen, die munteren Fünfundzwanzigjährigen, auf ihrem Wettmarsch von Mont- parnasse nach dem Montmartre mit Radlern und Autos und Film­opernteuren hinterdrein!"

Meine älteste Schwester war dabei, sie trug ein entzückendes Häub­chen und hat ein großes Champagnerfrühstück im Atelier und abends das Fest im Lunapark mitgemacht. Drei Tage später hat sie sich verlobt."

Und so lange wollen Sie warten, nur um im Catherinettenhäubchen bewundert zu werden?"

Ich habe es noch so gut zu Hause. Manche Mädchen bei uns heiraten junge Männer aus dem Magazin, bisweilen sogar aus dem eigenen Rayon. Es gibt Phantastinnen, die wollen in die große Welt heiraten, wie die Mannequins der Modehäuser. Aber das scheint mir auch so ein Vorkriegsgeschmack zu (ein."

Mit einmal dreht sie das Köpfchen schräg zu mir herauf:

Und Sie? Was sind Sie eigentlich von Beruf?"

Raten Sie!"

Nicht schwer. Journalist."

Bravo. Woran haben Sie das gemerkt?"

Daran, daß Sie mich interviewt haben."

Habe ich das getan? Da kann ich ja ganz stolz fein."

Na, die Auskünfte hätten Sie noch viel genauer in unserer Presse­abteilung kriegen können."

Aber nicht aus so jungem, hübschem Munde!"

Doch! Neulich war ein Amerikaner da, der wollte über das Leben der Pariser Verkäuferin Bescheid wissen. Da haben sie ihm meine Freun­din Claire zur Verfügung gestellt, die in der ,Interpretation' arbeitet. Sie wissen, das ist die Abteilung, die ausländischen Besuchern sprachkundige Mädchen mitgibt, die sie durch die verschiedenen Rayons führen und den Dolmetsch machen. Claire war lange in England, sie ist ..."

... wohl kaum so hübsch wie Sie."

Schmeichler! Sie ist viel hübscher, sie ist blond."

Hat ihr nachher der Amerikaner seinen Artikel geschickt?" Nein, aber einen entzückenden Strauß Chrysanthemen." Und dann hat er sie gewiß zum Souper eingeladen." Da hätte Claire ihn schön abfahren lassen."

Seid ihr so streng? Schade. Ich hätte Sie nämlich auch gern ein­geladen, um Sie über etwas anderes als das Magazin zu interviewen." lieber was denn?"

lieber Ihr Herz."

Das müssen wir wohl auf später verschieben", sagt sie mit hoch- gezogenen Brauen,jetzt muß ich Sie bitten, mich zu entschuldigen. Denn da kommt der schlechte Mensch, auf den ich die ganze Zeit gewartet habe, noch gerade zum Kaffee zurecht!"

So habe ich die hübsche Nachbarin nicht einmal zu der Midinetten­mahlzeit einladen können, die sie in meiner Gesellschaft genossen hat. Ich brachte es nicht fertig, mit dem jungen'Mann, der sich zu ihr setzte, Bekanntschaft zu machen. Er hatte ein Menjourbärichen. Ich glaube nicht, daß er aus ihrem Rayon war.

Vergil und der deutsche Geist.

Zum 2000. ©eburfstage des Dichters.

Von Dr. Paul L a n d a u.

Es gibt Dichter, deren weltgeschichtliche Bedeutung erst durch die Ein­wirkung auf die Geistesgeschichte klar hervortritt. Was ein Homer, Dante, Cervantes, Goethe nach ihrem irdischen Tode der Menschheit geleistet haben, schafft für ihr Werk den unendlichen Hintergrund. Bei keinem aber ist dieses welthistorische Relief stärker als bei Vergil, denn-als Künstler zweiten Ranges-hat er in den beiden Jahrtausenden seit seiner Geburt eine Rolle gespielt, die ganz ersten Ranges ist und von der keines andern Poeten erreicht wird. Deshalb danken wir Deutschen an diesem Festtag der Erinnerung weniger dem Poeten, der der Mehrzahl unter uns kaum noch etwas bedeutet, als dem Befruchter unsres geistigen Schaffens, das er als Vorbild und auch als Gegenbild unsres künstlerischen Ideals unendlich gefördert.

Rirgends zeigt sich der Unterschied des germanischen und romanischen ästhetischen Kanons so deutlich wie in dem Verhältnis zu dem latei­nischen Rationalbichter. Die Italiener verehren in ihm den Verherrlicher der Weltmacht Roms, die heute unter ihnen wieder als lebendiges Ziel erwacht, aber auch die Franzosen, deren größter Kritiker Sainte-Deuve die fein berechnete Harmonie seines Sttls vielleicht am tiefsten erfaßt hat, haben eigentlich nie aufgehört, in ihm den maßgebenden Klassiker zu sehen. Die Germanen jedoch, die über Rom hinaus stets das Land der Griechen mit der Seele suchten, haben mit der Entdeckung Homers sich von Vergil abgewandt, sich ihm überhaupt nie so völlig hingegeben. Bei dieser berechtigten Höherwertung des originalen und ewigen Genies ist man bei uns gegen denKlassizisten", der vom Thron des Klassikers herabgestohen wurde, ungerecht gewesen. Erst in neuerer Zeit haben unsere Altphilologen die vollendete Technik und sprachliche Reinheit seiner Kunstmeisterschaft aufgezeigt, so daß R. M. Meyer in seiner »Weltlite­

ratur'' eine Bergil-Renaiffance vorausfagie. Sie scheint sich jetzt anzu. bahnen, in den Äbersetzungen R.A.Schröders, die zum erstenmal bi« Form des Römers wirklich in unsrer Sprache wiedergeben, und in dem zu dem Jubiläum erschienenen Werk von Walter Wili, das die Eiger, art seines Schaffens als Ausdruck altrömischer Kultur und seine über, nationale und überzeitliche Weltgeltung mit stärkster Einfühlung bat. gestellt Hai.

Als Vergil starb, seine letzte Dichtung, dieAeneis" unvollendet hinterlaffend, wurde sie sofort als Rationalepos anerkannt, in den Schuler gelesen, und seine Verse begleiteten den Römer durchs Leben, wie u. a. die Vergil-Zitate zeigen, die man an den Wänden pompejanischer Häulet findet. Der Chor der Lobredner schwoll immer höher: man feierte ihr als den »Plato unter den Dichtern", als »unfehlbar" und »unerreicht', und selbst Augustin, der das Griechische verabscheute und Homer alj Lügner verdammte, lobt diesen Meister lateinischer Beredsamkeit. Je mehr im Laufe des Mittelalters die Kenntnis des Griechischen verloren ging, die ganze hellenische Kultur verschüttet wurde, je mehr das lateinische als Sprache und Kern der Kirche die Herrschaft behauptete, desto hellet strahlte der Stern Vergils als des ersten aller Gichter, und alle Poesie klammerte sich an sein Vorbild; man flickte in den sog. »Vergil-Centonen' ganze Gedichte aus den »Lappen" seiner Verse zusammen. Die erste nähere deutsche Berührung mit dem Altertum, die »Renaiffance" unter Karl bem Großen, steht ganz im Zeichen Vergils, der Einhards Lieblingsdichtet war, dessenEklogen" sogar im volkstümlichen Mimus fortlebten uni der dem Mönch Ekkehard von St. Gallen die Hand führte, als er bai altdeutsche Heldenlied von Walther und Hildegund in lateinischen Hexa, meiern gestaltete. So wird der Römer zum Erzieher, an besten Hand die deutsche Dichtung ihre ersten Gehversuche unternimmt: im Annolied, bei Otfried, in den Ribelungen hat man vergilsche Züge aufgespürt; sie sind vorherrschend in dem ersten Heldengedicht, das die Blüte unsrer rittet« lichen epischen Poesie einleitet, in der den Stoff der Aeneis behandeln, den »Eneit" des Heinrich von Veldeke, und klingen noch nach auf bet Höhe dieser Kunst, bei Wolfram von Eschenbach und Gottfried von Stich bürg.

Vergil war unterdesten zu den höchsten Ehren der Christenheit auf. gestiegen. Während man in der Karolingischen Zeit Sigulf zum Vorwmf gemacht, daß er einen Heiden den Klösterschülern in die Hand gegeben, verlangte der Mönch Probus, daß Vergil nebst Cicero unter die Heilige» versetzt werde. Maßgebend war dafür die Stelle in seiner 4. Ekloge, in der er die Geburt eines welterlösenden Knaben in nahe Aussicht stellte und die als Vorhersage Christi gedeutet wurde. So ward er zum Pt«, pheten des Heilandes, und als solchen erkor ihn sich Dante zum Führer durch Hölle und Fegefeuer in seinerGöttlichen Komödie". Aber biet Erhöhung des Heiden, seine fast unbegrenzte Verehrung, die unhem« liche Dämonie der höllischen Umgebung, die geschäftige Phantasie bet Volksaberglaubens wirkten zusammen, um im späteren Mittelalter, als die Bekämpfung aller Ungläubigen wieder stärker wurde, Vergil unter die bösen Geister zu versehen, ihn als Zauberer und Schwarzkünstler bat. zustellen. In Märchen und Romanen erscheint er als der mächtige Ae« kromant, der einen Automaten auf kupfernem Roh Roms Straßen toi Schädlingen säubern läßt, der mit seiner Ritterschar ein Zauberbuch vm Magnetberg holt und in seinem magischen Spiegel alle Welteretgniff! schaut. Im deutschen Volksbuch von »Zaubrer Virgilius" wird er zun Vorläufer Fausts, und seine Hirtengedichte werden jetzt als das8* lieb des Satan", verdammt. Roch Paracelsus hat ihn als einen Schum des Teufels bezeichnet und davor gewarnt, seiner »Aigromantia" z> folgen, die keine »natürliche Magie" sei.

Als Petrarca sich in seiner Jugend mit antiken Schriften beschäftigst warf lein Vater alle die .Ketzer" ins Feuer, holte ihm aber dann bei Vergil und Eicero wieder heraus. Damit ist gleichsam symbolisch «« Auferstehung des Dichters aus der Hölle des Mittelalters bezeichn! Petrarca setzt ihn in seine Stellung als größten Dichter wieder ein, uw der Humanismus hat an dieser Herrscherstellung nicht gerüttelt, totem preisenden Lobreden und Aachahmungen von Celles und Eoban Hisst bis Aikodemas Frischlin beweisen. Aber in der Renaiffance, die g» chffche Sprache und Kultur aus langer Erstarrung erweckte, tritt z« aeben Vergil sein großer Rebenbuhler Homer, und der Streit um bei Vorrang dieser beiden wird nun durch mehr als zwei Jahrhunderte« Mittelpunkt literarischer Wertung und ästhetischer Bildung. Vergil Ms im 16. und 17. Jahrhundert durch die Äbersetzungen Murners, Spreng-, Schirmers, Valentins in die deutsche Sprache eingekleidet, freilich in bew naiver und galant-barocker Weise, aber auch Homer muh sich solche AM kerade gefallen lasten, und fein Bild wird ganz nach dem Vergils S' modelt als das eines kunstgerechten, mit der epischen Maschinerie to- trauten Heldendichters. Das Sentimentale, Galante und Romantische w Aeneis machte sich dem Barock schmackhaster als Ilias und Odyssee, u die gezierten Hirtengedichte des Römers boten die beste Grundlage die Schäfer-Mode, die bis ins Rokoko sich mehr von den fein getuW» Bildchen Vergils als den derb-natürlichen Szenen des Thevkrit W Vor allem aber war es die maßgebende Poetik des Julius Caesar o liger, die die »Göttlichkeit des Vergil" hoch über Homer stellte. M Justi hat einmal das lange Sündenregister, das der berühmte PWM den beiden griechischen Epen ankreidet, einen der größten Rarrensir w der Weltgeschichte genannt, aber sein Ansehen wirkte unerfdjuttert bis t 18. Jahrhundert. Ebenso wie der deutsche Jakob B a ld e in seinem W Wettstreit Vergil die Krone reicht, zieht der Franzose Aaprn mP, Vergleich zwischen Vergil und Homer den ersteren unbedingt Dor. faire folgt in seiner »Henriade" hauptsächlich der Aeneis,und alsu' sched gegen die »unnatürliche" Poesie Klopstocks seine Schllbknapl Schönaich aufruft, bietet dieser in seinem Epos »Hermann" eine st Nachahmung Vergils. «16«

Als Friedrich der Große 1790 sich mit Gellert unterhielt, W?., «, die damals noch brennende Frage vor:Welcher ist schöner m ß J / pöe, Homer oder Vergil?", und als der Leipziger Dichter Hom Vorzug geben wollte, »weil er das Original ist", entschied 1 A(| I »Aber Vergil ist viel polierter." Der König huldigte dem franz I