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Siefjener^amilienblätter
Kummer 79
________Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
Jahrgang 1930 Montag, den rz. Oktober -------
I tust an^Prlzenten?" dnen hechten Eindruck. Und welch ein Wer. 2Beto?eiMamOtI Bewunderung auf den kindlichen Mund, aus dem soviel „Prozente bekommen Sie auch schon?"
I , , "2ch bin doch keine Debütantin mehr, die der Verkäuferin hilft aber I selbst noch keine Verantwortung hat." ■^u.uitTin yujc, aver
„Na, ist's denn schon so lange her .. ?"
„Schon über ein halbes Jahr bin ich aus der Hausschule "
I „Da war es gewiß lustig?" 1 '
banklst imnmerinÄ"Iänber' in Wis ist alles luftig. Schul-
„Aber so Jungen und Mädchen durcheinander ..
I I,n£ n.'cht durcheinander. Es gibt eine Klasse für die jungen I eine kur die jungen Männer und noch eine besondere für
I Ult \DluDiT15.
„JDOT--braUt^n allerdings eine besondere. Aber die jungen Mädchen | und Manner, lernen tue nicht ungefähr dasselbe?" ’
I ^auZ- Ein Mann, das ist doch was andres. (Das sagte dies I stolZe Kmd mit dem durch nichts zu erschütternden Respekt der Französin I ;’ot starken Geschlecht.) Da ist der Außendienst, die Verkaufsstände
\3prt',nm Dazu gehört Sicherheit und Geschicklichkeit und auch Kraft I bind em Mann verdient mehr als ein Mädchen."
»Wird man sehr streng beaufsichtigt?"
'£?' «5 gibt Kontrollbeamte und Aufseher. Die notieren, wie oft man 311 spat kommt und wie man arbeitet und ob eine sich zu sehr schminkt oder zu dem dunklen Kleid, das wir im Dienst tragen, einen zu au -
I chllenden Kragen oder Ausschnitt hat. Sie sagen es ihr ober nicht direkt.
I Sie machen die Seeonde darauf aufmerksam."
„Ich zittere vor der Seeonde!"
T®05 war meine erste Bemerkung, über die sie ein bißchen lachte. Sann zupfte und naschie sie eine Weile stumm an ihrer Artischocke und
I • ^ ei ^u Zeit nach dem Eingang. Die Freundin kam noch immer
I mcyl. '
^.,ost hier oder auch manchmal in der netten Cremerie- $0^™ ein Stückchen weiter die Straße hinauf, wo man an Stein- tsichchen sitzt und einen sogenannten Lunch bekommt, niedliche Portionen auf winzigen Desserttellern ..." v
„Haben Sie die gern?"
„Ja, ich finde sie reizend. War auch heute erst da, bekam aber keinen Platz unter all den verbannten Prinzessinnen, die von Zwergentellern essen. Nun heute war es mein Glück, denn ich bin hierhergekommen und habe eine so liebenswürdige und belehrende Bekanntschaft gemacht Aber sonst sitze ich da gern in der Quetschecke als geduldetes männliches Wesen und höre der Musik der Gäbelchen, Löffelchen und Sümmchen zu."
Meine Schilderung scheint wenig Eindruck zu machen. Das kleine Wesen neben mir sieht hinüber zu der lebhaften Brünetten in der Männergruppe am Nebentisch, die zu allem, was sie ißt, immer wieder Essig und Del nimmt und ihren Nachbarn mutwillig Salz und Pfeffer auf ihre Teller schüttet. Bisweilen wandern die Blicke auch hinaus zu der Ballustrade mit den Blattpflanzen in Henkelvasen. Die Musik da oben spielt einen Walzer. Aus Gedanken auffahrend, sagte sie bann:
„Ich gehe nur selten ins Restaurant. Meistens esse ich in unserer Kantine. Da wird man sehr gut ernährt und hat noch Zeit, ein wenig vor die Tur zu gehen und an einer Bar einen Kaffee zu nehmen."
Darauf erging ich mich, wie es dem Fremden ziemt, in längerer Lobrede über den Reiz der Pariser Mittagspause, der Midinettenstunde.
Ja , gab sie zu, „die ist ganz schön, aber lustiger ist doch der große Kehraus am Abend. Um 6 Uhr sind manchmal noch Kunden da, die man nicht los wird. Aber um 6.25 Uhr klingelt es. Dann werden die Tische eingehullt und zugedeckt. Jeder macht sein Päckchen. Es muß allerdings von jedem Rayon immer eine für die Nachzügler bleiben ..."
„Und bann", falle ich ein, „flaniert man durch die Straßen an den Schaufenstern entlang."
Damit habe ich wieder kein Glück.
„Flanieren? Nein, ich muß mich eilen, an der Gare Saint-Lazare den frühen Zug zu erwischen. Meine Familie wohnt in Suresnes. In der Stadt sind die Wohnungen so teuer. Und da draußen habe ich's immer noch besser als die armen Mädchen, die in Paris in Familienpensionen unterkommen, wo sie um neun zu Hause sein müssen."
„Alle?"
„Nun ja, wer nicht gerade ein kleines Extraleben führt ..."
„Was für Dessert?" fragt das Mädchen im weißen Häubchen, das uns mit dem Kellner abwechselnd bedient. Meine Nachbarin wählt Schokoladeneis. Als sie das einlöffelt, bekommt sie Flimmer in die Augen. Die Musik spielt einen flotten Walzer.
Unvermittelt frage ich:
„Finden Sie das Leben schön?"
Einer Schönen.
(3m Spiegel zu lesen) Don Eduard Mörike.
Ein artig Lob, du wirst es nicht verwehren, Obwohl gewohnt, es jeden Tag zu hören, Gern möcht ich denn das platte „®u bist schön" 3n lauter feinen Wendungen gestehn: Doch wenn es mir an Worten nun gebricht. Verschmäh' ich auch ein listig Mittel nicht: 3ch weiß mit wundersamer Schrift zu necken And meine Meinung zierlich zu verstecken. Damit ich aber gleich die Angeduld versöhne, Führ' ich mit meinem Blatt vors Spiegelglas die Schöne, And was kein Schmeichler ungestraft gewagt- Ihr eigen Bild hat es ihr nun gesagt.
Frühstück mit einer Verkäuferin.
Von Franz H e s s e l, z. Zt. Paris.
„r[M l^eim I'sch' °ls diese anmutige kleine Person im Restaurant erschien. Der .Kapellmeister an der Ballustrade des oberen Saales dirigierte gcrabe mit runden Dpernberoegungen das alte ,Ah, sieh mich vor Wonne beben. Dazu ruckten und wiegten viele der Mittagsmädchen, die in dem wetten Vogelbauer vor grüngestrichenem Gitterwerk an ihren papiergedeckten Tischen nisteten und von den Tellern pickten. In den Spiegel» wanden schimmerten, von Glühbirnen bestrahlt, die Goldblätter der Be- w'ichtungskorper. Es war bei dem trüben Wetter in dem dunklen unteren «aal schon Licht gemacht worden.
Da stand sie in ihrem Regenmantel und sah sich suchend um „Mademoiselle ist allein?" fragte der Kellner/ „Ein Tisch mit zwei Plätzen", verlangte sie.
r.1,™ nebeiL^ir wird vorgerückt, sie schlüpft auf die Bank. Wir Hen Ellbogen an Ellbogen. Ich habe eine Nachbarin. Sie zerrt an ihren AfEln, schwingt den Mantel nach hinten auf den krippenähnlichen Mer. Zum Vorschein kommt em schwarzes Kleid mit weißem Kragen öer Dorn mit einer Brosche zugesteckt ist. Unter der enganliegenden Kappe Mt eine einzelne Locke bis in die Nähe der blaßblauen, etwas (trennen Augen. 0
,,12ß^roir jns Gespräch gekommen sind, weiß ich nicht mehr; wahr- Heinlich ergaki es sich, als ich ihr die Karte, und sie mir die Salatmenaqe Kickte. Sie hatte Eile, zu bestellen. „Schrecklich, wenn man mit unpünft» yn Leuten verabredet ist", sagte sie, „ich muß um ein Uhr wieder im Magazin sein. • ।
„Viel Besorgungen?"
„Sie der andern. Ich bin Verkäuferin."
Au» konnte ich sachliches Interesse zeigen, mit unterrichten lassen.
„üer Ladentisch", sagte ich, „ist mir immer wie die Rampe einer ^utjne vorgekommen. Was hinter den Kulissen geschieht, bleibt unfer» Mein em Geheimnis."
SOva^Angestellte Organisation", erwiderte sie stolz. „Wir sind fast „Und viele hübsche Mädchen darunter."
"wi^3 Hsibschsein kommt es nicht an, sondern auf die Karriere." »Aue weit kann man es denn bringen?"
. ."Ws zur Seeonde, die gleich unter dem Rayonchef steht. Sie wissen ch, der Herr mit der weißen Krawatte, an den Sie sich wenden, wenn I ° Ml-frieden sind." I
"Weil Sie mich so schlecht behandelt haben ..."
iibiii?05t/°l™nt "icht vor. Man hat doch seine Lehrzeit in der Haus- I schabt. Und da lernt man nicht nur das Zettel- und Nummern- I das schnelle Kopfrechnen, wenn zum Beispiel eine Dame zwei ter 15 von einem Stoff zu 3,45 verlangt ..." sondern auch?"
... ; die wahre Höflichkeit und die Kunst, die Wünsche des Käufers
JJ^en und ihn nicht das Falsche wählen zu lassen." j
6n ich. Dienst am Kunden! Ganz wie bei uns. Laut sage ich: I L »Alen Sie ihn doch ruhig das Falsche wegtragen. Dann sind Sie I ^ ‘?nb bie Ware schneller los."
«ltr ,3 da werde ich belehrt: „Ich bitte Sie, mein Herr, das wäre dach den „rette Zeit. Bedenken Sie: bei uns kann alles umgetauscht wer- I hau'm ^nommen natürlich Zahnbürsten und hygienische Artikel über- I
• -wenn nun auf dem Konto der Verkäuferin häufig der Vermerk I


