zeug egoistischer Zärtlichkeit. Keine Bitte an den gefangenen Stieles war umsonst. Aber die Kinder wußten nicht, daß „Monsieur Gaspard" um eines einzigen größeren Kindes willen ihnen gehorchte. Dem verdankte er Drehorgel und Handharmonika. Es war die junge Tochter des Tierhändlers. Von ihrem Tode wußte er nichts.
„Künstler sind Anberechenbar", sagte ein witziger Journalist, als er eines Tages in Paris bekannt wurde, daß Monsieur Gaspard plötzlich nicht mehr spielen wollte. Er stand mit sonderbarem Kopfschütteln im Hintergründe seines Käfigs. Ahimba setzte weder mit Sanftmut noch mit Zorn etwas bei dem riesigen Melancholiker durch.
Die Direktion des Zoologischen Gartens beschloß aus ihrer reichen Erfahrung Gaspard zu verheiraten. Das war ein Universalmittel, auch gegen Verstimmungen bei Dickhäutern. Bei Gaspard aber schlug es fehl — es verschlimmerte sogar den Zustand. Man brachte ihm ein sauberes, silbergraues Weibchen aus Siam, aber er starrte es nur traurig an, er gab leise und schmerzliche Trompetentöne von sich. Niemand wußte, was in ihm vorging. Er sah seine Mutter in der Braut, seine unglückliche Mutter sah er in jedem Elefantenweibchen.
Nun blieb er noch tiefsinniger im Hintergründe des Käfigs. Bittend drängten sich die kleinen Freunde am Gitter. Zärtlich ermunternde Zurufe: „Monsieur Gaspard! Spielen! Bitte!" wurden laut.
Dis Kenner, Zoologen und Tierpsychologen, berieten sich — sie kamen 3u keiner Erklärung. Eines Tages aber ereignete sich ein furchtbarer Zwischenfall: Plötzlich stürmte Gaspard nach vorn, ganz Leben, Kraft und Musik, mit gehobenem Rüssel und flatternden Ohren. Er glaubte zwischen den Kindern die Tochter des Tierhändlers von Marseille entdeckt zu haben. Er hätte „Juliette!" rufen mögen, aber er konnte es nicht, oder vielmehr fein wilder Trompetenton bedeutete dasselbe. Natürlich erregte er nur Entsetzen. Das Gitter schien zu verbrechen, wilde Panik entstand, es gab Arm- und Beinbrüche.
„Monsieur Gaspard hat den Verstand verloren", erzählte man traurig lächelnd in Paris.
Man schloß ihn von der Außenwelt ab. Das Publikum bekam den Wunderelefanten nicht mehr zu sehen.'Doch das war wieder falsch. Er sah nur noch die graue, kalte Mauer — keine Kinder mehr. Er fühlte zum erstenmal die Grausamkeit des Kerkers und begann zu toben. Umsonst gelang es Ahimba, das geliebte Tier an eine Kette zu legen. Es riß sich los, büßte aber die furchtbare Kraftprobe mit schweren Verletzungen.
Nun war es aus mit ihm. Die Zoologen, Tierpsychologen und Mediziner hatten nur noch das Todesurteil. Aber der Vollzug war viel schwieriger, als Fallgruben bauen in der Wildnis. Den Schuß, der zum Ziele führte, wagte niemand. Schließlich entschied man sich zeitgemäß für einen Gasangriff. Man wollte den schleichenden Tod in Gaspards hermetisch verschlossenen Zwinger leiten.
Zuvor aber erfüllte man Ahimbas schluchzende Bitte. Man schob dem Elefanten noch einmal die Instrumente hin, die das Mädchen in Marseille ihm geschenkt hatte. Die Drehorgel berührte er nicht, aber die Hand- Harmonika nahm er und spielte sie ein Weilchen, leise, versagend. Ein Boulevardblatt sprach abends von Monsieur Gaspards „Schwanengesang".
Dann wurde die Kunst der Chemiker aus ihn losgelassen. Endlich war er ungefährlich. Man studierte den riesigen Kadaver. Doch Ahimba berührte ihn nicht mehr. Er zog mit Drehorgel und Handharmonika davon.
Wem sehen wir ähnlich?
Geheimnisse der Vererbung.
Von Dr. E. Feig e.
Es ist fast 1000 zu 1 zu wetten, daß die wenigsten Menschen wissen, wem sie ähnlich sind. Meist wird freilich die Antwort lauten, und sie kann in vielen Fällen richtig sein: den Eltern. Doch schon diese Antwort befriedigt nicht ganz. Es sind ja immer zwei Eltern vorhanden, die sich um den Vorrang streiten ober einander die Schuld zuschreiben. Doch jenseits dieser Fälle liegen die Dinge meist schon hoffnungslos, lieber die großelterliche Generation hinaus reicht die Erinnerung kaum jemals, Bilder find nicht immer vorhanden. Nur der Name gibt äußerlich einen gewissen Anhaltspunkt, der freilich sehr trügerisch sein kann, weil er nur einen Teil der Beziehungen wiedergibt. Dom Naturstandpunkt aus wäre es zweifellos richtiger, die Kinder nach den Familiennamen beider Eltern zu bezeichnen. Doch wir haben das Daterrecht in Europa, auf das jeder Jurist schwört. Der Name ist freilich für die natürlichen Erbbeziehungen im Gegensatz zu der juristisches Meinung nicht immer beweiskräftig, doch das gehört in eine andere Rubrik.
Eine Voraussetzung dürfte aber fast allenthalben bekannt sein, nämlich, daß die Kinder in ihren äußeren und inneren Anlagen mit keinem der beiden Eltern völlig identisch sind. Fast immer sind kleine Abweichungen vorhanden, die mehr nach der einen oder anderen Seite schlagen; selbst bei „verblüffender" Aehnlichkeit lassen sich immer einige Züge des anderen Elternteiles wiederfinden. Und sieht man genauer zu, so lassen sich zuweilen auch Aehnlichkeiten mit den Großeltern entdecken, ja es können die Eltern in dieser Beziehung sogar Übersprungen werden. Hier wird die Sache aber schon verwickelter, denn wir haben jeweils zwei Eltern, aber bereits vier Großeltern, acht Urgroßeltern usw., falls keine Heiraten innerhalb der Verwandtschaft stattge'sunden haben, und wer Lust an Rechenkunststücken hat, mag die Zahl seiner Vorfahren noch weiter rückwärts berechnen; beginnen wir mit der elterlichen Generation, die ays zwei Individuen besteht, so muffen wir die Zahl 2 nach rückwärts durch Multiplikation mit sich selbst vervielfältigen. Der Mathematiker würde das einfacher ausdrücken: in jeder Generation weiter rückwärts wird die Potenz der Grundzahl 2 um 1 erhöht, wir müssen beispielsweise in der zehnten Ahnengeneration die Zahl 2 (Eltern) zehnmal mit sich selbst vervielfältigen, um die wirkliche Zahl der Ahnen in dieser Generation zu erhalten. •
Man mache die Probe auf dieses Exempel: die Lösung beträgt 1024 Ahnen, die sich an unserer Entstehung beteiligt haben. Forschen wir weiter, so kämen wir bald zu astronomischen Zahlen. Rechnen wir jede Generation mit rund 30 Jahren, so wären wir um das Jahr 1000 unserer Zeitrechnung bei 30 Generationen angelangt. Diese 30 Generationen entsprechen nach unserem Rechenexempel -nicht weniger als 1073 750 Ahnen. Da um jene Zeit die ganze Bevölkerung Deutschlands kaum größer gewesen sein dürfte, kann sich jeder Zeitgenosse als Nachkomme aller Deutschen jener Zeit fühlen. Wir werden freilich sehen, daß die Geschichte einen Haken hat. Zunächst kommt es aber noch besser.
Die moderne Vererbungsforschung hak uns gelehrt, daß wir unseren Eltern unter allen Umständen .Ähnlich" sind, auch wenn das äußerlich nicht bemerkbar ist. Teils sichtbar, teils unsichtbar schleppen wir aber die Anlagen beider Eltern mit uns herum, und daraus läßt sich das Rätsel leicht lösen, weshalb die Enkel oft genug Züge ihrer Großeltern tragen. Einzelne von den Eltern übertragene, bei ihnen selbst vielleicht nicht einmal sichtbare Anlagen der Großeltern kommen bei den Kindern wieder zum Vorschein, sie „spalten heraus", wie der Fachmann sagt. Jetzt wird die Sache verhängnisvoll: sollten wir wirklich mit sämtlichen Eigentümlichkeiten jener über eine Million Ahnen aus unserer 30. Ahnengeneration behaftet sein? Wer phantasievoll ist, kann ja noch ein Stück rückwärts gehen und alle großen Männer oder Frauen der Geschichte in seine Ahnengalerie einverleiben lassen, um die Wahrscheinlichkeit der eigenen Genialität zu berechnen. Wir können daraus leicht ermessen, warum die genialen Leute so selten sind. Die Anlagen verteilen sich allzu stark, es bleibt für jeden einzelnen Erdenbürger ja nur ein winziger Bruchteil jener Genialität und, das ist wenigstens ein Trost, auch der Minderwertigkeit übrig. Damit sich zwei Menschen völlig gleichen, müssen sie auch dieselben Anlagen von ihren betreffenden Eltern erhalten. Es verhält sich dabei ähnlich wie bei der Lotterie. Unter jenen 30 Generationen kann ja nur einmal in mehr als über eine Million Fällen der Zufall zur Zufammenführung genau der gleichen Anlagen führen — immer unter der Voraussetzung, daß keine Lerwandtenheiraten Vorgelegen haben.
Wenn wir aber die wirkliche Wahrscheinlichkeit, daß wir unseren Ahnen völlig gleichen, beredjnen wollen, müssen mir uns noch vergegenwärtigen, daß jeder Mensch nicht nur aus zwei Erbhälsten, denen seiner Eltern, besteht, sondern daß seine einzelnen Anlagen in der Mehrzahl unabhängig voneinander vererbt werden können. Betrachten wir zwanzig verschiedene solcher Anlagen der vier Großeltern — Haarfarbe, Augen- farbe, Gröhe, Nasenform, musikalische Anlage, Hautbeschaffenheit usw. —, fo können fünf Enkel mit je vier dieser verschiedenen Anlagen versehen sein, sie sind zwar nahe miteinander verwandt, führen vielleicht auch denselben Namen, haben aber vom Standpunkt der Vererbung oder der „Aehnlichkeit" mite'nanber nichts zu tun. Das ist ein sehr extremes Bet- piel, kann aber häufig vorkommen. Wir können jetzt schon leichter ver- tehen, warum.die Menschen selbst einer Stadt ober eines Dorfes sich o sehr unterscheiden, daß es fast ausgeschlossen ist, zwei äußerlich völlig übereinstimmende Leute aufzusinden. Unterscheiden sich die Eltern nur in sechs Merkmalen — in Wirklichkeit sind es viel mehr —, fo können bereits 64 verschiedene „Arten" von Kindern entstehen, falls so kinderreiche Familien überhaupt denkbar wären. Die Kombinationsmöglichkeit der gebildeten Erbanlagen ist noch viel größer, doch wir wollen von weiteren Berechnungen absehen. Es könnte damit vielleicht Schaden angerichtet werden. Von Bedeutung wird diese Frage praktisch ja höchstens bei Pflanzen ober niederen Tieren, die tatsächlich über solche Nachkommenzahlen verfügen können.
In Wahrheit ist es ja auch nicht fo schlimm. Trotz dieser astronomischen Zahlen finden wir häufiger Aehnlichkeiten, als oft zu vermuten ist. Selbst „Doppelgänger" sind nicht gar so selten. Ueberlegen wir es uns genau, so ist der Vorrat an verschiedenen Erbanlagen, durch bie sich die Angehörigen eines Volkes ober einer Familiengemeinschaft unterscheiden können, nicht so unendlich groß. Wir müssen daran denken, daß wir alle letzten Endes von Adam und Eva abftammen. Dadurch schränken sich die Möglichkeiten ein und erst recht, wenn wir nicht in fo sagenhafte Zeiten zurückgehen. Manche Anlagen können ganz verschwinden, manche erhalten sich mit hartnäckiger Beharrlichkeit. Hätten wir genügend alte Ahnentafeln und Aufzeichnungen, fo würde sich bald Herausstellen, daß im Sinne des Naturgeschehens Verwandtschaftsbeziehungen zwischen Familien bestehen, die sich gegenseitig keinesfalls mehr Erbrechte zugestehen würben — auch ber Racker Staat würbe bei dem Aussterben einer Familie auf fein Erbrecht, falls kein Testament vorliegt, keinesfalls verzichten.
Solche längst vergessenen Verwandtschaftsbeziehungen schränken unsere Ahnengalerie sehr erheblich ein; es ist beispielsweise eine paradoxe Erscheinung, baß die ahnenstolzen, burch Stanbesrücksichten aufeinanber angewiesenen Fürstengeschlechter die wenigsten Ahnen besitzen. Gerade daraus entsprang ost ihr Untergang, denn die allzu starke Zusammenführung immer derselben Erbanlagen führt körperliche und geistige Gebrechen herbei. Dock) dieser „Ahnenverlust", ber jeben Menschen betrifft, führt zu gewissen llebereinftimmungen ber körperlichen und geistigen Anlagen innerhalb eines Bezirkes ober eines Volkes. Deswegen können von Zeit zu Zeit „Doppelgänger" ober uns sehr ähnliche Personen auftreten, die scheinbar miteinander überhaupt nicht verwandt sind.
Vom Standpunkt des Raturgeschehens aus können diese Personen enger miteinander verwandt sein als leibliche Geschwister. Es ist bei ihnen ber seltene Fall eingetreten — man vergegenwärtige sich unsere Zahlenbeispiele oben — baß die ursprünglichen Anlagen einer vielleicht schon für Menschengedenken unendlich weit zurückliegenden Ahnengeneration in derselben Weise wie bei dieser vereinigt worden sind. Wir lernen daraus, daß sich die Menschen trotz naher Verwandtschaft nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich sehr selten ähneln können, weiter aber, daß die gesetzliche Verwandtschaft mit der natürlichen nicht gleichzusetzcn ist und daß eine Familie nicht mit dem letzten männlichen Miede auszusterben braucht. In Wirklichkeit können gerade ihre typischen Eigentümlichkeiten durch die weibliche Linie mit ganz anderem Namen fortgcsührt werden.


