Ausgabe 
13.1.1930
 
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Er hatte in Wahrheit nicht daran gedacht, sondern dem Segen, mit dem ihn sein Vater beim Abschied aus den Armen gelassen, getrost eine von keiner Kugel überwindliche Stärke zugemessen. Jetzt aber erschien ihm das Sterben hier zwischen den Trümmern des französischen Bauernhofs nicht als die einfache Erfüllung eines vorherbestimmten und nicht weiter bejammernswerten, sondern nur unabänderlichen Geschickes; von da an verbrachte er den Tag in keiner ängstlichen, sondern verwunderten Span­nung, wann und wie es sich denn ereignen werde. Allein, während von den Kameraden einer nach dem andern zusammenstürzte und still auf dem Gesicht liegen blieb oder sich mit aufgerissenen Kleidern blutüber­gossen und wie trunkenen Ganges nach rückwärts davon machte, geschah ihm nichts.

Endlich, es ging schon auf den Abend zu, hatte die Batterie sich völ­lig verschossen, Nachschub blieb aus, und der Rest der Bedienungsmann­schaft sammelte sich, eines Befehls zum Verlassen der Stellung oder der Gefangennahme gewärtig, erschöpft in einem der Unterstände. Plötzli während in allernächster Nähe aufprasselndes Gewehrfeuer und das grelle Schreien der erneut angreiscnden Farbigen das unmittelbar bevorstehende Ende anzukündigen- schienen, befiel den Freiwilligen eine wilde Unruhe, die ihn zwang, sich an dem Wachtmeister vorbei, der eben nach den sehn- lichst erwarteten Reserven.ausspähen wollte, ins Freie zu drängen. Da sah er auch schon auf der ein wenig erhöht zur Linken der Batterie hin- zichenden Straße von der Jnfanteriestellung her helmlos, wirres, gelbes Haar tief in die Stirn hängend, einen Mann auf allen Vieren heran­kriechen, den er sofort zu erkennen vermeinte. Er wollte hinüberspringen, um ihn in Deckung zu ziehen, doch hielt ihn der Wachtmeister, einen Befehl brüllend, am Rocke fest, und in der Tat hatte die Batterie am gleichen Tage mehrere Leute verloren, die auf dieser Straße zurückstre­benden Getroffenen hatten beistehen wollen. Im gleichen Augenblick knickte der Verwundete, der in seiner Bewegung innegehalten hatte und regungslos herüberstarrte, mit den Armen zusammen und rollte auf die Seite. Dann machte er abgewendeten Gesichts mit den Händen eine Be­wegung, als verlange ihn sehr zu trinken. Jetzt riß sich der Freiwillige gewaltsam los und setzte hinüber. Doch erkannte er, während er bei ihm niederkniete und den Stöpsel der Flasche, die er vom Gürtel nestelte, mit den Zähnen herausriß, daß er sich getäuscht hatte. Der Verwundete war nicht jener Landwehrmann, er trug die Abzeichen eines fremden Regi­ments. Als er ihm den Nacken hob und ihm dis Flasche an die Lippen setzte, schüttelte er plötzlich den Kopf und sah ihn traurig und fast ver­legen an, als bedauere er sehr, so viel Mühe gemacht zu haben und jetzt nicht einmal mehr trinken zu können. Danach rollte er den Kopf auf die Seite, machte eine wegwerfende Bewegung mit der Hand und lag mit brechenden Äugen still. Fast zugleich fuhr dem Jungen, der sich eben auf­richten wollte, von der Flanke her eine Kugel durch die Kehle, und er stürzte lang über den Toten hin, fast, als wolle er ihn küssen. Dann raffte er sich hoch und taumelte, das herausgerissene Taschentuch vor die Wunde pressend, dem laut scheltenden und jammernden Wachtmeister vor die Füße.

Indessen waren durch den wunderbarsten Zufall die blutschlagenden Gefäße des Halses nicht verletzt, oder sie bluteten doch im Augenblick nicht, und so gelangte er, mühselig Atem ziehend und der Stimme fürs Erste völlig beraubt, aber doch lebend und bei einiger Besinnung, noch in derselben Nacht in das nächste Feldlazarett hinter diesem Abschnitt der deutschen Stellungen. Die Aerzte unternahmen sofort einen Eingriff, der ihm das Atmen erleichtern sollte; er gelang mit leidlichem Glück. Als er am Nachmittag des anderen Tages in einem weiten Saal, der in ein Lazarett verwandelten Wagenhalle eines Gutshofes, wie es schien, er­wachte, gewahrte er im Bett zu seiner Linken den Landwehrmann. Er erkannte'ihn gleich, obwohl er sehr verändert schien. Man hatte ihm das Haar militärisch geordnet und den Bart gestutzt, offenbar, um ungehindert an eine Wunde gelangen zu können, die er in den Hals oder in den unteren Teil der Kinnbacken empfangen haben mußte. Bon einigen Kissen im Rücken gestützt, saß er aufrecht in seinem Bett, den Hals dick ver­bunden, und atmete nur mühsam; doch schien er das nicht zu beachten oder verbergen zu wollen, denn er sah unbewegten Gesichtes geradeaus. Sein Auge erschien jetzt fast groß und hatte alle Unruhe völlig verloren. Der Junge klopfte, um sich bemerklich zu machen, mit der Hand an das Holz seiner Bettstatt; nun drehte jener langsam das Antlitz herüber, aber erstaunte nicht, sondern lächelte nur karg und machte dann, indem er die Augenlider niederschlug, eine beruhigende und bejahende Gebärde, als wisse er alles längst, auch das Zukünstige, und als solle der andere ihn nur sorgen und machen lassen. Hierauf wendete er das Gesicht wieder gradaus, legte den Finger an die Lippen und sah klaren und gefaßten Ausdrucks wieder in die Ferne. Der Freiwillige legte sich getröstet zu­rück und sank bald wieder in tiefen Schlaf, aus dem er erst mitten in der Nacht erwachte. Er hörte nämlich den Nebenmann zu seinem Entsetzen in pfeifenden und immer schnelleren Stößen atmen, meinte auch, im trüben Licht der Nachtlampe die Gestalten der Aerzte um ihn bemüht zu sehen.Er muh sterben", dachte er,und ich muß mit ihm dahin, es kann ja nicht anders sein", und jetzt zum ersten Male fiel die Angst vor dem Tod über ihn her. Er zog sich die Decken über den Kopf, um ihn nicht mehr zu hören, nichts mehr zu wissen von alledem, einzuschlafen, sich fortzutraumen mit aller Gewalt; und mußte doch in einer grausigen Neugier wieder und wieder hinüberhorchen. Da begann auch ihm der Atem rasselnd zu gehen, ängstlicher {lotterte sein Herz in der Brust, von Strömen des Schweißes übergossen, richtete er sich empor; mit langen Schlägen begann der Saal um ihn zu schwanken und sich im Kreise vor- und rückwärts zu drehen. Aber ganz plötzlich war es drüben ruhig, das Licht erlosch, die Gestalten entfernten sich, er lauschte: schön und gleich­mäßig kam ein Atem daher.Er hat es überstanden, wir haben es über­standen", dachte der Junge und lachte vor Glück. Er streckte sich aus und schloß die Augen. Halb schon umbämmert, tastete er mit der Hand nach der nackten Brust über dem Herzen. Das Gangwerk klopfte ruhig und stark.

Als er am anderen Morgen erwachte, wunderbar gestärkt, kühl von Haut und mit dem gewissen Gefühl der Genesung, sah er, wie zwei

Soldaten eine lange vom Kopf bis zu Füßen in das weiße Bettlaken eingebündelte und reglose Gestalt vom Lager neben ihm herunterhoben und hinausschleppten. Er fuhr auf und streckte die Arme aus, seine Lip­pen bewegten sich, als wollte er etwas rufen, doch kam ihm kein Ton aus der Kehle. Dann saß er lange mit glühenden Augen still. Er begriff, daß er, vielleicht schon sehr bald, nach Hause kommen würde. Als eine Weile darauf der eine der beiden Soldaten zurückkehrte und mit einem Schwamm den Namen und die Regimentsnummer auf der über dem leer geworde­nen .Bett befindlichen Tafel zu löschen begann, sank er zurück und legte beide Hände vor das Gesicht. Man brachte ihn später in ein Lazarett nach Deutschland, wo er genesen ist.

Gaspard, der Wunderelefant.

Von Georg Hirschfeld.

Ohne Namen und als einziges Kind wuchs ein kleiner Dickhäuter, Elephas Indiens, bei seiner Mutter auf. Dies bedarf keiner näheren Be­trachtung. Mit Schicksal und Charakter eines Elefanten hat der euro­päische Ruhm nichts gemein. Seine Sprache bleibt den Menschen un­bekannt, Kind sein ist hier das Namenlose und Einmalige, Unverkenn­bare. Die Elefantenmutter spricht diese stumme Sprache. Ihre hellen Trompetenstöße sind nur Signale des Geschlechts und der Warnung.

Er blieb also bei seiner Mutter. Auch das ist nichts Ungewöhnliches. Aber er hatte eine besondere Mutter, die einsam leben wollte, eine Kuh, die den Bullen vertrieb. Der andere Bulle, dem sie ihre Zuneigung ge­schenkt, wurde im Zweikampf von ihrem verschmähten Gatten getötet. Nun zog sie mit dem Sohne allein durch die Wildnis.

Er lernte das Leben bei der Herde überhaupt nicht kennen. Er kannte nur die Töne und Erscheinungen des Waldes. Dies wurde die Ursache seiner einzigartigen Musikalität.

Eines Morgens stürzte die Mutter neben ihm in eine Fallgrube. Er hatte das Fliehen nur an ihrer Seite gelernt. Jetzt mutzte er stehen blei­ben und mit dem kleinen Rüssel den großen, zuckenden Leib betasten. Die Tierhändler aus Europa wagten sich heran und sahen, daß die Vor­derbeine der Mutter gebrochen waren. Sie gaben ihr denGnadenschuß" und nahmen die Stoßzähne mit. Alles andere hatte keinen Wert. Aber das niedliche Junge, das nicht einmal davonlief, war ein Gewinn. Es wurde zu Schiff gebracht.

In Marseille blieb Gaspard, wie man ihn unterwegs getauft hatte, bis er zum Manne wurde. Er war ein sonderbarer Elefant, und man lachte viel über ihn. Er konnte stundenlang in seinem öden Zwinger stehen und mit verzückten Bewegungen den Kopf heben. Dabei blähten sich die kleinen Ohren, und der Rüffel griff zärtlich ins Leere. Was er immer suchte, ergründete man nichtes sah nur so aus". War es die Mutter? War es die Heimat? Man warf ihm Zucker hin, aber er lieh ihn liegen.

Da kam ein neuer Wärter, Ahimba aus Bombay. Dieser Inder ver­stand Gaspard. Er brachte ihn zunäcksit mit dem Munde auf den rechten Weg. Er ahmte die Stimmen der Dschungel täuschend nach, Bügel, Assen, Raubtiere. Gaspard wurde sehr aufgeregt. Gaspard meinte.Es sah aber nur so aus." , ,

Die junge Tochter des Tierhändlers schenkte Gaspard eine Drehorgel. Er beroch den stummen Kasten und stellte fest, daß er nichts Eßbares bedeutete. Sein äußerst empfindlicher Rüffel aber beschäftigte sich mit jedem Handgriff. So kam er plötzlich zum Spielen.Wie er sich freut!" rief Ahimba und tanzte.Das hat ihm gefehlt", sagte die Tochter des Tierhändlers gerührt.Davon hat er mehr als von deinem Pfeifen und Brüllen." _

Dem war aber nicht so. Die Stimme der Wildnis ersetzte ihm die Drehorgel nicht, doch es war wenigstens Musik, und alles, was tönte, hieß Freiheit. Der kluge Gaspard drehte die Orgel immerfort, bas Pro­gramm war sehr klein, und man mußte ihm schließlich das schlimme In­strument sortnehmen. Ader nur Ahimba wagte bas. Er gewöhnte Gaspard daran, mit Kunstpausen zu spielen.

Die Tochter des Tierhändlers machte einen zweiten Versuch.Aber Kind", sagte der Vater,bas ist ja eine Handharmonika die soll ein Elefant spielen?"Seine Füße sinb geschickter als unsere Hande! rief das Mädchen. Anfangs hätte Gaspard das seltsame Ding fast zer­treten sobald es aber seine verborgene Musik enthüllte, konnte er es spielen. Er setzte sich ohne viel Belehrung wie ein Türke nieder und hielt die Harmonika empfindsam zwischen den Vorderfüßen. Es war zum Totlachen, und Gaspard wurde schon in Marseille berühmt.

Dennoch verkaufte man ihn bald, als die Tochter des Tierhändlers plötzlich starb, und dem Vater alles gleichgültig wurde. Gaspard machte Karriere" er kam nach Paris.

Ahimba blieb sein Wärter und war em geschästskluger Inder, der den Engländern large gedient hatte. Er ahnte, was in Paris aus Gaspard zu machen war. Der neue Elefant des Zoologischen Gartens wurde die große Attraktion. Schönheit, Kraft und Talent man sah ihm sogar einen neuen Tanz von den plumpen Füßen ab. Seltsam nämlich loste jedes Klingen, das Gaspard erzeugte, auch seine eigene Bewegung aus. Er tanzte nicht etwa die trivialen Weisen der Drehorgel und der Har­monika er phantasierte gleichsam auf ihren Themen, er vertiefte und bereicherte sie. Wahrscheinlich hörte er viel mehr mit seinem inneren Ge­hör so urteilten gelehrte Männer, Mitglieder der Academie fran^aise, die sich auch schon für den Wunderelefanten interessierten.

Ahimba aber vollendete dieDressur". Er lehrte Gaspard nicht zuletzt die Trinkgelder einsammeln, die für den Wärter bestimmt waren. Das Füttern brauchte vor Gaspars Käfig nicht verboten zu werden. Er war ein seltsam geistiger und zurückhaltender Elefant. Seine tägliche Ration Heu genügte ihm alles andere boten Drehorgel und Handharmonika.

Ganz Paris drängte sich zu feinem Gitter.

Gaspard aber sah nur die Kinder. Die staunende Liebe in diesen Augen war ihm wertvoll und bedeutete eine Verwandtschaft mit seinem ! Gefühl. Kinder waren Menschen alle anderen Altersstufen übersah 1 Gaspard. Er blieb ihren Wünschen gefügig, er machte sich zum Spiel-