Ausgabe 
13.1.1930
 
Einzelbild herunterladen

SiehenerZamilienbliitter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang MV Montag, den Januar Nummer <

Dom großen Frost Anno 1929.

Von Theodor Kramer.

Nach Stephanie ist heftiger Schneewind gekommen, hat die Riegel verschneit und die Senke benommen, daß Ne Schilftegel wie der leibhaftige Schnee breit gestanden sind rund um den Neusiedlersee.

Und hernach ist das Naß in den Brunnen gefroren, auf der Fahrt haben Schlitten die Kufen verloren;

und es haben die ältesten Leute im Land also grimmige Frost' nicht zeitlebens gekannt.

Ganz absonderlich hats auf den Höhen gebissen, hat den Knechten beim Schlägern die Lungen zerrissen; vor den Weinkellern hat man gefunden die -Reh mit zerschnittenen Sehnen im glasigen Schnee.

Und die Nacht nach dem Lostag ist sternklar geblieben; langer Frost hat das Saatkorn im Boden zerrieben, hat die Reben verbrannt und gespalten zumeist und den See tief von Ufer zu Ufer vereist.

Und die Wildenten haben ans Eis ihren Kragen scharf gelegt und nur matt mit den Flügeln geschlagen; wer den Weg nicht gescheut hat und zwiefach Gewand, hat sie korbweis fangen können im Schilf mit der Hand.

Oer Nebenmann.

Von Paul Alverdes.

In einer Herbstnacht des Jahres 1916, während heftiger Angriffe der Verbündeten auf die Stellungen der Deutschen südlich von La B. in Frankreich, befand sich ein kaum dem Knabenalter entwachsener Frei­williger allein in einem der Unterstände seiner Batterie. Er hatte befehls­gemäß für die Kameraden seines Geschützes draußen, die seit den gleich nach Mittag bei dichtem Nebel unvermutet losgebrochenen Anlaufen marokkanischer und indischer Divisionen ohne Aufhören luden und feuer­ten, an einem eisernen Oefcl>en Suppe gekocht. Eben war er im Begriffe, mit einem großen Schöpflöffel das dampfende Getränk in die am Boden unter ihm stehenden Feldkessel zu-verteilen, als die Zeltbahnen, die den Eingang schräg über ihm verhängten, auseinandergerissen wurden und ein fremder Soldat die Erdstusen herab stolperte. Es war ein riesen­hafter Mensch in einem viel zu engen und zu kurzen Mäntelchen von verwittertem und ausgeblichenem Grau. Sein Tornister war hochbepackt, das Gewehr hing ihm an Tragriemen vor der Brust und um den Nacken hatte er sechs oder sieben prallgefüllte Patronengurte geschlungen, die ihn mit ihrem Gewicht nach vorne zogen.Da ist er wieder", dachte der Freiwillige verwirrt und bestürzt, denn es war ihm plötzlich, als kenne er dieses Gesicht mit dem strohgelben Kinnbart und dem dichten Haar von gleicher Farbe, das unter dem nach rückwärts geschobenem Helm her­vorquoll, seit langem.

Von flatterndem und heulendem Eisen gejagt, war er schon einmal und unzählige Male Hand in Hand mit eben diesem Mann über das Nebelfeld der Trichter gerannt oder im nächtlichen Labyrinth der Grä­ben umhergeirrt. Aber er besann sich vergebens, die heraufbeschworenen Gesichter vertauschten sich, wieder und wieder, andere blickten aus immer anderen her, Bärtige und Unbärtige, Schöne und Verzerrte, doch fand er diesen einen nicht wieder, und nicht, was ihn mit ihm verband. Dies alles währte nur eine Sekunde, dann vergaß er darauf.

Kamerad", sagte der Fremde und nahm den Helm herunter und hielt ihn in der Hand, wie die Bettler den Hut halten,Kamerad, hier ist es richtig." Er blickte auf die Suppenkessel.Ja!" schrie der Freiwil­lige mit einer verzweifelten Lustigkeit und verneigte sich tief, denn eben war es wieder, als verhielte eine der in flachstem Bogen unaufhörlich über die Stellung hinheulenden Schiffsgranaten mitten über dem Unter­stand in den Lüften kreisend ihren Lauf, um ihr Ziel desto gewisser, in den Lüften kreisend M finden, ja, hier fei es richtig, «s wohnten gute Menschen rings umher. Er komme, fuhr der Fremde stockend fort, nach­dem er den Einschlag abgewartet hatte, er komme von Urlaub und sei weit gelaufen von der Bahn bis hier her. Er gehöre zur preußischen Landwehr, die dort vorne irgendwo eingesetzt sei. Er suche sein Bataillon. Es hungere ihn.

Wortlos reichte ihm der Freiwillige einen der Kessel, den jener, seinen Helm eilig zwischen die Knie klemmend, mit beiden Fäusten an den Mund hob. Ohne abzufetzen, trank er ihn mit langen Schlucken leer, wobei er den Blick nicht von dem Gesicht des Gebers wandte. Dann gab er das Gefäß zurück, wischte sich mit einem inbrünstig gemurmeltenKamerad" den Bart und sah sich mit einer Art höflicher Aufmerksamkeit im Raume um. Er hatte unter fast weißen buschigen Brauen kleine Augen von sehr hellem Blau, deren suchender und sehr unruhiger Blick aber eher willig als ängstlich zu nennen war. Etwas zaudernd, und mit einem besorgte« Blick nach dem Eingang des Unterstandes, füllte ihm der Junge ben Kessel von neuem; damals begannen die Vorräte knapp zu werden und das unbedenkliche Teilen der Ration mit Angehörigen fremder Truppe« wurde hier und da schon von Vorgesetzten als ein Vergehen gegen die eigenen Kameraden bestraft.

Nachdem er sich dann abermals getränkt halte, wollte der Fremde mit einem erlegenenDenn so mache es gut hier, Kumpel", die Stiegen wieder hinaufzusteigen, doch siel nun dem Freiwilligen eine Schachtel mit Kuchen ein, die ihm eine Verwandte dieser Tage geschickt hatte und die er auf einem Breit zu Häupten seines Schlafplatzes verwahrte. Er rief ihn zurück, trat auf eine Erdstufe vor ihm hin und band ihm das Schä^ telchen mit einer Schnur an den Tragriemen des Tornisters. Der Große hielt still und blickte ihm auf die Hände, wobei er mit herzlichen Seuf­zern fein Bedauern über die Wegnahme so kostbarer Dinge auszudrücken schien. Plötzlich aber hob er das Gesicht, legte die riesige Hand grüßend an den Helmschirm und verharrte sehr lange so, indem er dem Kleinen mit dem reinsten Ausdruck der bewundernden und entzückten Liebe zu­lächelte. Dieser errötete langsam über fein ganzes Gesicht und gab ihm das Lächeln zurück. Gleich darauf verschwand der Fremde durch bk Zelttücher.

Als eine Weile später der Freiwillige, die mit Tragbügel aneinander gebündelten Feldkessel in beiden Händen ins Freie trat, schauerte eben: wieder ein Gewölk von Schrapnellen und noch eins mit grün funkelnde» Lichtern über die immer noch wie rasend feuernde Batterie hinweg. Set Landwehrmann stand noch im Feuerschatten der Stalltrümmer, unter welchen sich der Unterstand befand, sah kopfschüttelnd zum Himmel auf und seufzte ein bedauerndesAch Gott, ach mein Heiland!" nach dem andern. Dann trat er im bleichen Schein der im weiten Halbrund steigen­den und fallenden Leuchtkugeln noch einmal vor den Jungen hin, spähte ihm schweigend und kummervoll ins Gesicht, wandte sich fort und setzte sich wankend unter seiner Last im Trab in Bewegung, dorthin, wo kms Feuer der Infanterie nun wilder aufkochte. Nicht lange danach stellt^ da der Angriff zusammengebrochen schien, die Batterie das Schießen ein, und auch der Freiwillige legte sich zu den Kameraden auf die Matratzen. Doch fand er, obwohl er zu Tode erschöpft war, keinen Schlaf; die Er­scheinung des fremden Landwehrmanns begann ihn wieder zu beunruhi­gen;es geht ihm schlecht", dachte er angstvoll aufhorchend, als verwor­rener Lärm von den Gräben herüberscholl,sie bringen ihn um, er hakte ein Gesicht, als müsse er bald sterben, und nun weiß ich auch, woher ich es kannte". Endlich zog er sich, um nichts mehr hören zu müssen, seine dicke, wollene Mütze über die Ohren und schlief auch ein, doch hatte ek einen sonderbaren Traum.

Er sah ein riesiges Blachfeld im Morgengrauen, auf dem unzählige Soldaten in grauen Mänteln und grauen Helmen beieinander standen» Es mußte die ganze Armee sein. Sie waren in lauter Kreisen aufgestellt, di« Gesichter einander zugekehrt, wie zum Ringelspiel. Nun schien es zu beginnen, indem sie alle die Hände grüßend an den Helm hoben und sich vor einander verneigten. Sie -sahen alle ganz gleich aus, denn sie hatten einer wie der andere das Gesicht jenes flachsbärtigen Landwehrmanns. Aber plötzlich flammte der Himmel von züngelnden Blitzen, ein unge­heuerer Donnerschlag erschütterte die Luft, und nun stürmten die Soldaten wild durcheinander, ihre Waffen schwingend, und waren im Augenblick verwandelt, jeder in eine andere Gestalt.

Zugleich erwachte der Träumende vollends, die Wache brüllte bett Alarmruf, ble Kanoniere stürzten fluchend die Stufen hinauf ins Freitz wo das Krachen von Handgranaten, das Klirren und Rasseln des In­fanteriefeuers und das verworrene Geschrei durcheinander befehlender Männerstimmen schon ganz in der Nähe erscholl. Hinter den andern drein an fein Geschütz stolpernd, meinte der Freiwillige über dem Däm­mernebel des grauenden Morgens etwas wie Himmelsbläue zu ahnen, es wird noch einmal schön", dachte er, auch sangen über ihm und ringsum Schwärme von Vögeln. Doch ward er zugleich inne, daß es das Pfeifen und Zwitschern von Gewehrkugeln war, sie strichen dicht und tief über die Mulde dahin; der Wipfel einer Weide, hinter deren Stamm er sich niederwarf, um den Einschlag einer heranziehenden Gra­nate abzuwarten, bestreute ihn mit einem Regen unaufhörlich und lautlos herabsinkender Zweige und Aest«. Zugleich, nicht anders, als fei es längst fo ausgemacht und beschlossen und als habe er nur einstweilen darauf vergessen gehabt, siel ihm ein, daß ja heute sein Sterbetag sei.