Ausgabe 
12.12.1930
 
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In ter Neujahrsnacht war's, daß die Wecklersanna von der Post- 'botenmarie aus dem Schlaf geweckt wurde: ein Eilbrief aus Mainz. Die Befpannungsabteilung, der Karl zugeteilt war, meldete, der Fahrer Weck- ler habe einen Unfall erlitten, fei schwer verletzt in das Lazarett ge­bracht worden.

Die Wecklersanna war zuerst wie versteinert. Schreckhafte Vorstel­lungen stürmten auf sie ein.

Vor Morgengrauen hastete sie in die Stadt und fuhr mit dem ersten Zug nach Mainz.

In dem Kupee saßen Urlauber, die während der Feiertage in der Heimat gewesen waren und nun wieder ins Feld hinausgingen. Das A und O ihre? Auslassungen war:

's gibt keine Gerechtigkeit mehr. Zu Haus schießen die Reklamierten mit Butterwecken, wir müssen ins Trommelfeuer. Der Krieg hängt uns zum Hals heraus!"

Ein Mann in gesetzten Jahren, auf dessen Schultern das Haar lang herabfiel, erhob sich.

Es gibt ein Mittel, das Wunder tut und die Menschen von dem unermeßlichen Elend befreit: die Rückkehr zum lebendigen Gott. Rufe mich an in der Rot, spricht der Herr, so will ich dich erretten!"

Er überreichte jedem der Soldaten ein Traktätchen. Ein und der andre las es. Eine Unterhaltung schloß sich daran, wobei die Feldgrauen und der Gemeinschaftsmann ohne Leidenschaft ihre schnurstracks zu­widerlaufenden Ansichten verfochten.

Die Wecklersanna hörte die Reden und Gegenreden wie aus weiter Ferne. All ihre Gedanken kreisten um die bange Frage: würde sie ihren Jungen noch am Leben treffen?

Als sie den Vorraum des Lazaretts in Mainz betrat, geleitete der wachhabende Unteroffizier sie zum Chefarzt. Dieser, ein grauköpfiger alter Herr, saß über Akten gebeugt an seinem Schreibtisch.

Da er den Namen der Eintretenden hörte, erhob er sich.

Ihr Sohn", sprach er teilnehmend,ist heut früh kurz nach vier ohne Todeskampf sanft eingeschlasen!"

Er gab der Wecklersanna die Hand.

Der Unglücksfall, berichtete er, hatte sich ereignet, als Karl Weckler damit beschäftigt war, einem Pferd das alte Hufeisen abzunehmen. Das bösartige Tier schleuderte nicht nur den Mann, der es hielt, zu Boden, es traf, ausschlagend, Karl Weckler mit solcher Wucht, daß er auf der Stelle das Bewußtsein verlor. Ein Stollen hatte sich ihm in die Stirn gebohrt. Er war dann der Verletzung erlegen.

In ihrem gewaltigen Schmerz verlor die Wecklersanna ihre Selbst­beherrschung nicht. Sie bat, man möge sie zu ihrem toten Jungen führen.

Den Aermsten hatte die Stirnwunde arg entstellt. An der Lager­statt brach seine Mutter zusammen. Eine barmherzige Schwester sprach ihr liebreich zu.

Ich will mein'Karl daheim haben!" rief sie mit schluchzender Stimme.

Die Schwester versprach ihr, dafür Sorge zu tragen, daß die Leiche alsbald in die Heimat übergeführt werde.

Nachdem die Wecklersanna im Zimmer der Schwester ein Viertel­stündchen ausgeruht hatte, begab sie sich in die Gaustraße zur Quartier­geberin des Karl, die Sachen ihres Sohnes in Empfang zu nehmen.

Frau Luckhardt, eine früh gealterte Vierzigerin mit einem kleinen, schmalen Gesicht, in das die Mühsal ihre Furchen gezogen hatte, bewohnte im obersten Stock eines baufälligen Hauses drei dürftig eingerichtete Stübchen. Eins davon hatte sie dem Karl überlassen.

Ich hatte Ihren Jungen so gern wie mein eigen Kind!" richtete sie an die Wecklersannna das Wort.Er war goldtreu. Und dankbar. Und rein. Mit einem wahren Feuereifer war er in den Dienst gegangen. Er ist dann einem Leuteschinder in die Händ geraten. Der hat ihn mit Ro­heit und Härte behandelt. Daß er beim Militär soviel Unmenschlichkeit und Ungerechtigkeit sah, hat ihn arg verdrossen. Er war ohne Falsch wie meine Tauben. An denen hat er viel Spaß gehabt. Ich hatte meine liebe Not, daß er ihnen nicht zuviel Futter gab. Sonntags ist er als mit mir spazieren gegangen. Und da hat er mehr gefragt, als ich ant­worten könnt. Er wollt wissen, wo das Gold im Rhein liegt. In der Stadt hat er in jedes Gäßchen hineingucken müssen. Einmal kamen wir in der Löhrstraße an einer Schmiede vorbei. Da war er glückselig. Und Hai geredet wie ein Alter. Von Ihne hat er mit großer Liebe gesprochen. Er hat oft Sehnsucht nach Haus gehabt. Er hat's Ihnen aber nicht schreiben wollen. Er ist nicht in das Morden hinausgekommen. Da ist ihm viel erspart geblieben, dem lieben Jungen!"

So gedachte Frau Luckhardt des Abgeschiedenen, umarmte die Weck­lersanna und küßte sie auf beide Wangen.

Karls Habseligkeiten hatte sie bereitgelegt und tat's nicht anders, daß sie der Wecklersanna das Päckchen bis an den Bahnhof trug.

Ins Herz getroffen fuhr die Verlassene heim. Nun ihr der Karl ge­nommen war, stand die Zeit für sie still, sand kein Sonnenstrahl mehr zu ihr hin.

Am Tag, da der Karl der Erde wiedergegeben ward, trat der Neu- müller vor die Jugendfreundin und sprach:

's wird dir artlich vorkommen, was ich dir etz sag. Und daß ich dir's heut sag. Mit dem Sterben, das ist schnell geschehen,s hat den Karl belangt, 's kann auch mich belangen. Der Tod geht vor einem her, nur daß man ihn net sieht. Wenn ich mich fortgemacht hab, soll's net heißen, daß ich ehrlos war. Ich weiß, was ist dir schuldig bin. Morn gehn wir zwei zum Bürgermeister und unterschreiben, daß wir aus- gehängt werden!"

Ohne ein Wort zu erwidern, holte die Wecklersanna den Brief ihres Karl, worin er guten Mutes geschrieben hatte:Hoffentlich ist es nun bald soweit, daß ich den Neumüller vor den Leuten Vater nennen kann!"

s war ihm net vergönnt", sagte der Hannwilm bewegt.Und das ist ewig schad!"

Drei Wochen später gab der Pfarrer den Reumüller und die Wecklers­anna zusammen.

12.

Nach einem harten Winter begannen im März die Lüfte milder zu wehen. Im Mühlgarten streckten die Bäume ihr noch kahles Geäste ver­langend der wärmeren Sonne entgegen. Aus den Rabatten kündeten die goldgelben Blüten des Himmelschlüssels den Frühling an. Eine Magd brachte allerlei Sämereien in die gelockerte Erde. Auf dem Bleichplatz ließ der Knecht ein paar Kälbchen sich tummeln. Die hatten bis jetzt im Stall gestanden. Im Freien sollten ihre Glieder Kraft und Gelenkigkeit gewinnen.

Der Neumüller schritt die schmalen Gartenwege auf und ab. Er hatte den schweren, nassen Boden mit Kalk und Holzasche durchschichten lasse«» und hoffte auf reicheren Ertrag.

Gen Süden, nahe der Umzäunung, stand eine Edeltanne, auf dem Grundstück die einzige ihrer Art. Als Junge von vierzehn Jahren hatte der Neumüller sie gepflanzt, hatte sie gehegt und gepflegt. Setzte sie neue Triebe an, war's ihm, als spürte er selber neue Kräftigkeit. Eine Zeitlang hatte der Baum gekränkelt, doch hatte er sich wieder erholt, war in die Höhe und Breite gewachsen. Auf seiner Wanderung durch den Garten betrachtete der Neumüller nachdensam die Edeltanne. Die gedieh fort und fort, hatte gesundes Mark. Und er? Wenn kein Stäub- chen mehr von ihm übrig war, trotzte die Tanne noch Wind und Wetter. Es schuckerte ihn. Die ganze Woche schon war's ihm nicht just. Er fühlte sich auf der Brust beengt, litt wieder an Schwindel und Schwäche. Seiner Frau verschwieg er's. Dem alten Boller hatte er sich anvertraut. Der verordnete morgens und abends einen Eßlöffel voll Spitzwegerich­sast. Battete es nichts, so schadete es nichts. Er hatte dem Tod vielmal ins Auge geschaut und fürchtete ihn nicht. Gleichwohl, zehn, zwanzig Jährchen hätte er gern noch mitgemacht. Warum? Weil ihm kriminat- wohl in seiner Eheschaft war. Ob auch der Kummer um den Tod des Karl in ihr wühlte, der Wecklersanna güldengut Wesen war unwandel­bar. Wenn er was zuweilen passierte mit dem linken Fuß zuerst aufstand, steckte sie das Kräutchen Geduld an die Brust: das beste Mittel gegen seine Raupen. Die Wahrheit zu sagen: sie hatte ihn im Sack. Aber er fühlte sich mollicht dabei. Er konnte ihr ruhig das Regiment über­lassen. So leicht trat ihr niemand den Pantossel aus. Sie kannte keine ängstliche Sparsamkeit, sie wußte, was nötig und was zu entbehren war. Sie hatte die Augen in allen Ecken. Die Zeit hatte Eile. Wupp! flog eine Woche hin. Am liebsten waren ihm die Abendstunden, wenn in der Wohnstube die Lampe brannte. Dann saßen sie friedsam beieinander. Ueberschauten, was sie gearbeitet hatten. Schwätzten über dies und jenes. Daß die Wecklersanna sich in andrer Leute Angelegenheiten mischte oder gar schlecht von einem Menschen sprach, lag nicht in ihrer Natur. Sie hatte sich wohl gemerkt, daß er vom Krieg nichts hören wollte. Sie war klug bis in die Fingerspitzen. Er hatte sie gern wie in jungen Jahren und schätzte sie als treue Helferin.

Der Lehrer kam in den Garten, gleich darauf der Schollehupper. Der war wie gewöhnlich mit Neuigkeiten vollgepfropft und schlug alle Re­gister auf. Der rote Körber im Engelsgäßchen hatte für fünftausend Mark eine Gewann am Hundsbusch gekauft. Als man ihm vorstellte, er habe zweitausend Mark zuviel auf die Zündpfanne gelegt, sagte er groß- sprauzig:Das tut nix. Die verdien ich in vier Wochen an Butterweck'!" Die Schmulse am Grenzweg hatte sich nach langem Zureden entschlossen, ihre Goldfüchse herauszurücken, doch nur in dem Fall, daß man ihr Silbergeld dafür gab. Auf Ansuchen hatte der scheppe Bender der Auf­sichtsbehörde Meldung erstattet, daß er zwölf Hühner halte. In aller Frühe der Bauer lag noch in den Federn «vor der Gendarm auf dem Hof erschienen, öffnete die Klappe zum Hühnerstall und streute ein Säckchen Futter aus. Alsbald spazierte der Hahn daher, in seiner Ge­folgschaft nicht zwölf, sondern zweiundzwanzig Hühner. Der scheppe Ben­der wurde wegen falscher Angabe zu einer Geldstrafe verurteilt. Das störte seine Gemütsruhe nicht, denn seine schlaue Berechnung beim Eier- verkauf machte den Schaden rasch wieder wett. Wuchernest «vurde das Dorf im Kreis genannt. Daß es den schmachvollen Namen verdiente, konnte kein redlich Denkender leugnen.

Auch der Lehrer hatte wieder schlimme Erfahrungen gemacht. Er hatte seine Schulkinder in die Häuser geschickt, für das Rote Kreuz zu sammeln. Während zu Beginn des Krieges die Gelder für gute Zwecke reichlich flössen, war das Ergebnis der Sammlung diesmal geradezu kläg­lich ausgefallen. Bauern, die den Verlust eines Sohnes beklagten, auch solche, die wegen ungenügender Fruchtablieferung gemaßregelt worden waren, hatten die Kinder kurzweg abgewiesen. In vielen Familien war ständiger Streit. Des Haders Ursprung war Mein und Dein. Wahrheit und Äufrichtigkeit lagen unter der Bank. Ins Ungemessene wuchs das Hamstern der Städter. Dicke Bauern, die sich den Säckel füllten, ver­weigerten armen Dörflern die Lebensmittel. Je näher die Stadt, desto härter die Herzen. Draußen gaben sie Blut und Leben hin, kämpften um einen guten Frieden. Wie die Würfel fielen, stand dahin. Kam's erst soweit, daß der Kern des Volks, der Bauer, verdarb, mußte man um die Zukunft des Vaterlandes bangen.

Noch ganz unter dem Eindruck dessen, was ihm am Nachmittag zu­getragen worden war, saß der Neumllller abends niedergedrückt bei seiner Frau. Seine trüben Gedanken zu verscheuchen, las sie ihm aus einem vergilbten Kalender vor, den er als Erbstück von seinem Groß­vater her bewahrte. Sie las nicht planlos durcheinander, sie suchte die Stücke bedachtsam aus. Je nachdem das, was sie wählte, belustigend oder ihr Gefühl erregend auf sie wirkte, stufte sie ihre Vortragsart ab. Zu­weilen hielt sie inne, schaltete eigne Bemerkungen ein und zog neue Lehren aus alten Geschichten. Immer verstand sie's, die Aufmerksamkeit ihres Mannes zu fesseln.

Sein Blick ruhte voll auf ihr. Es drang ihrn warm ans Herz. Mochte die Welt in ihren Fugen krachen, solange die reine Quelle neben ihm sprang, hatte er keinen Grund, mutlos zu werden.

Eines Morgens offenbarte ihm seine Frau, daß sie guter Hoff­nung sei. (Schluß folgt.)

Verantwortlich: Dr. HanS Thhriot. Druck und Verlag: Drühl'sche UniversitätS^Duch- und Steindruckerei« R. Lange, Gießem