Ausgabe 
12.12.1930
 
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rinnen, die mit einem Messer in der Hand nach Muscheln tauchen und diese dann in oben auf dem Wasser schwimmende Körbe werfen. Das Pfe-fen ist ein Lebenszeichen, das sie sich gegenseitig geben. Die Männer liegen unterdessen in den Booten am Ufer, auf die Ausbeute wartend. Stundenlang tauchen diese tapferen Frauen, um dann ans User zu gehen und ihre Kinder zu stillen. Ihre Körper aber sind fest und schön.

Das dumpfe Dröhnen koreanischer Trommeln, die zitternden Töne von Pfeifen und Violen klingen über die glatte, ruhige Fläche des Meeres. Eine der charakteristischen koreanischen Festgesellschaften, bestehend aus jungen Leuten und schönen anmutigenGisaings" (Tanzmädchen), naht. Unter dem Jubel der Gesellschaft ahmt der Bootsmann, von zu reichlich genossenem Reiswein schon stark betrunken, den Tanz einer Gisaing nach. Das Bild wirkt so unendlich drollig, daß wir schnell eine Aufnahme machen. Aber kaum hat der Mann dies bemerkt, als er auch schon schimpfend und schreiend mit einem Stock auf uns losgeht. Nur mit Mühe gelingt es den Mädchen, ihn zu beruhigen. Ein Jüngling fischt aus den im Wasser liegenden Netzen eine Seegurke, der er den Hals umdreht und uns zur Speise anbietet. Um ihn nicht zu verletzen, essen wir sie, und siehe sie war gewürzig und wohlschmeckend.

Die größten Ueberraschungen bei Reisen in fremden Ländern erlebt man immer bei den Mahlzeiten. In unserem japanischen Gasthaus über­reichte man uns zum Frühstück kalte Kartoffeln, die auf Zahn­stocher gespießt waren!

In Genzang versäumen wir den Zug und müssen im koreanischen Gasthaus übernachten. Diese Nacht steht mir als die schrecklichst« vor Augen! An das harte Schlafen waren wir ja nun gewöhnt, aber hier in anscheinend sauberem Raum fällt ein ganzes Heer von Wanzen und Flöhen über uns her. Unmöglich zu stehen, zu sitzen, von Schlaf keine Rede!! Verzweifelt nehme ich meine Decke, um auf der Veranda Schutz zu suchen, aber hier ist es noch ärger, zu den Wanzen gesellen sich Scharen von Moskitos, die im Nu mein Gesicht so zerstochen haben, daß es ganz entstellt ist. Und nebenan sitzen die Wirtsleute und plappern, mein Gebaren erstaunt betrachtend, laut und monoton aus der Bibel. Im anderen Zimmer singt ein Student ein Lied nach der MelodieAn der schönen blauen Donau". Trotz meines Aergers muß ich schließlich doch über die komische Situation lachen!

Nebenbei bemerkt stammen viele Melodien koreanischer Lieder aus deutschen Volksliederbüchern.

In der Hauptstadt Söul kommen wir im eleganten, von Japanern geleiteten europäischen Hotel, zum erstenmal seit Wochen wieder mit westlicher Zivilisation in Berührung. Es war nicht unangenehm.

Oer Schlund.

Roman von Alfred Bock.

(Sortierung.}

Das erzählte der Hannwilm, indes die Kerzen lustig flimmerten. Er nickte der Wecklersanna zu. Es war ihm, als strahlte ein neues Licht in sein Leben.

Eine der Mägde trug das Abendessen auf: Schweinbraten und Kar­toffelsalat. Unter großem Schweigen wurde das schmackhafte Gericht verzehrt.

Danach rückte man zusammen. Cs wurde vom Schnee, von der Kälte gesprochen, vom Mühlarzt, dem ein Hirnschlag die rechte Seite gelähmt hatte, vom Mattheis Fink, der am Nachmittag in der Mühle gewesen war und lamentierte, weil sein Ochs schlotterte.

Der Knecht, dem das Gespräch zu trocken dünkte, tischte Schnurren von der Kinzenbacher Mühle auf, wo er vier Jahre gearbeitet hatte. Dort ein alter Mann, der Hannhechel, das Gnadenbrot. Der war so dumm, daß ihn die Gänse bissen. Einmal war auf der Mühle der Schimmel an Kolik erkrankt. Des Müllers Aeltester, der Görjel, ging in die Stadt, den Tierarzt zu holen. Dieser hatte sich den Fuß verstaucht, gab aber an, wie das Tier zu behandeln sei. Der Görjel, der sich in Schalkstücken gefiel, sah, die Oberstadt durchschreitend, in einem Drogen­geschäft Kokosnüsse ausgestellt. Er kaufte eine und legte sie, sobald er in die Mühle zurückgekehrt war, neben den stöhnenden Schimmel. Bei sinkendem Tag kam der alte Hannhechel in den Stall, starrte mit weit aufgerissenen Augen die Kokosnuß an und rannte zum Müller.Das Geld für den Viehdoktor könnt Ihr etz sparen", keuchte er.Wann ich 's net mit meinen eigenen Augen gesehn hätt, tat ich's net glauben: der Schimmel hat ein Ei gelegt. Dademit hat sich die Krankheit gebrochen. Geht hin und guckt selber nach!"

Ein andermal hatte der Hannhechel sich auf dem Heimweg von der Stadt in der Dunkelheit verirrt. Ratlos lief er hin und her, bis er endlich den Mühlbach entdeckte. Damit er nun nicht wieder die Richtung verlöre, zog er Schuhe und Strümpfe aus und patschte im Bach der Mühle zu. Trätschnaß, aber sidel wie ein Kutscherspitz, langte er dort an.

Die Geschichten erregten große Heiterkeit. Auch der Hannwilm gab einen Spaß zum besten. Sein Vater hatte aus Londorf ein Faß Brannt­wein bezogen. Das lief aus. Er rollte es in den Stall und stellte eine Schüssel darunter, den rinnenden Schnaps aufzufangen. Adam, der Kn:cht, wurde zum Dickwurzputzen in den Stall geschickt, wo ihm der Branntweinduft in die Nase stieg. Da er die Schüssel unter dem Faß bemerkte, setzte er sie rasch an den Mund und schlurchte in langen Zügen das feurige Naß. Beschwipst erschien er beim Mittagessen. Kaum, daß er seinen Hunger gestillt, wollte er wieder in den Stall. Der Müller aber, der Lunte roch, hielt ihn mit den Worten zurück:Alleweil wird in der Scheuer Häcksel geschnitten!" Der Adam, der sonst vom Dickwurz- putzen kein Freund gewesen war, erwiderte, die Hand in die Hüfte stem­mend:Mit dem Häcksel, daß laß ich noch gehn. Heut will ich die Dick- wurz erst fertig putzen!"

Glock zehn brach die Wecklersanna auf.

Willst du dann bei dem Wusterwetter die Nacht net hierbleiben?" fragte der Hannwilm mit gespanntem Blick.

Nee", erwiderte sie, ohne zu fackeln,ich geh heim!"

Draußen wirbelten die Flocken, ein rauher Wind fuhr durch das Tal. Die Wecklersanna wickelte ihr Tuch fester um den Kopf. Diesen Abend wäre sie wahrhaft glücklich gewesen, wenn sie ihren Karl bei sich gehabt hätte. Der war nun längst ausgebildet, jede Stunde konnte die Nachricht kommen, daß er ins Feld gerückt war. In der Schmiede bei den Dreiern setzten sie ihm hart zu. Dennoch klangen seine Briefe zufrieden. Immer wieder fragte er an, wann del Neumüller und seine Mutter in der Kirche auegerufen würden. Pressierte es denn so? Der Hannwilm hatte die Jugendfreundin nicht darüber im Zweifel gelassen, daß er sie als seine Frau einsetzen werde. Tag für Tag gab der Hann­wilm feiner Freude Ausdruck, daß er nichts mehr zu verdöstem brauchte. Dessenungeachtet ward die Wecklersanna durch [ein bleiches Aussehen in Unruhe versetzt. Sie hatte sich hinter den Knecht gesteckt, daß der im Betrieb seinen Herrn nicht aus den Augen ließ und die gröbste Arbeit verrichtete. Die Sorgen machten das Herz ihr schwer. Freilich, mit Sor­gen konnte man keinen Strohhalm brechen. Sie mußte den ganzen Sinn daraus richten, ihrer neuen Stellung gerecht zu werden. Daß der Knecht und die Mägde sie als künftige Herrin achteten, gewährte ihr große Befriedigung. Sie ging ihnen mit Flinkheit und Fleiß voran und begegnete ihnen mit Freunolichkeit. Ihre Meinung war: man mußte darauf sehen, daß die Dienstleuie ihre Pflicht erfüllten; man durfte aber nicht zu viel von ihnen verlangen. Wer arbeitete, sollte auch ruhen. Aus der Ruhe floß neue Kraft. Bei wohlgeordneter Tätigkeit blieb es nicht aus, daß das Geschäft einen guten Fortgang nahm. Den ganzen Tag über herrschte in der Mühle starker Verkehr. Die Bäcker als die häu­figsten Mahlgäste waren froh, daß sie wieder gutes Brot backen konnten. Wenn die Stadtfrauen mit Körben und Kisten kamen, wurde der Mehl- taften im Handumdrehen leer. Diele waren fo entkräftet, daß sie kaum noch die Wcgstener hatten. Die Stadt, jammerten sie, war zum Sodom und Gomorrha geworden. Schieber und Schlicher hatten Oberwasser. Sie Überboten einander, was sie erwuchert hatten, zu verprassen ober ihrer Spielwut zu opfern. Schwankende wurden durch schlechtes Beispiel verführt. Am hellichten Tag ging der Diebesteufel um, niemand war mehr feines Eigentums sicher. In Ecken und Winkeln sah man das Hungertuch aufgehängt, Armut wurde zur Hurenmutter. Das Dorf, sprachen die Stadtfrauen, konnte sich glücklich preisen. Da war's noch nicht so übel bestellt. Die Wecklersanna runzelte die Stirn. Sie wußte, daß Schandsal und Unrechtlichkeit sich im Bauernmark fester und fester fraßen. Es war wie eine schreckliche Krankheit, die der Krieg herauf- beschworen, die die Menschen durchmachen mußten. Wer mochte sie heilen? Die selbst voller Beulen waren, konnten es nicht. Die Stracken, die Unverdorbenen, so dünn sie auch gesät sein mochten, mußten sich zu- fammentun. Wenn man die Menschen so weit brachte, daß einer dem andern gönnte, was er sich selber wünschte, hörte die Krankheit auf. Die Zeit war noch fern. Einmal, so hosste man, würde sie kommen.

Dichter und dichter wirbelten die Flocken. Eilends schritt die Wecklers­anna voran, .Weihnachten Schnee, Ostern Klee', sagte die Bauernregel. Jede Regel hatte ihr Aber. Was sollte man tun? Den Kopf oben halten und mit allen Kräften dem Frühling entgegengehn.

Mitten in der Nacht wachte der Neumüller auf. Er hatte einen selt­samen Traum gehabt. Es war Johannistag. Er machte den gewohnten Spaziergang zum Pfaffenteich. Dort traf er die Wecklersanna, die eine Last Weißzeug gewaschen hatte:Du hast keine Stützen, hast kein Waschseil", sagte er zu ihr,wie willst du die Wäsch trocknen?"Das wirst du gleich gewahr werden", versetzte sie, nahm die Wäschestücke und warf sie in die Luft, wo sie an den schräg herabfallenden Sonnenstrahlen hängen blieben,'s wird net lang dauern, dann ist alles trocken", sprach sie.Wir können derweil ein bißchen spazieren gehn!" Sie schlugen die Richtung nach dem Weiherwald ein. Das Marschieren wurde ihm blut­sauer, denn es war eine barbarische Hitze. Auf der Zehntwiese blühten an langen Stengeln blaßrote Blumen, dergleichen er noch nie gesehen hatte. Ihre Staubfäden waren wunderhaft ineinander verschlungen, daß sie zierliche Schiffchen bildeten. Die Wecklersanna pflückte einen großen Strauß. Als sie in den Wald tarnen, lag da fein Kompaniekamerad Heinrich Erb, rackemaustot. Die Wecklersanna beugte sich zu ihm nieder, legte ihm den Blumenstrauß auf die Brust und hob leise zu fingen an:

Wie mancher gute Kamerad Muß bleiben auf dem Feld, Wir Deutschen fragen nichts danach, Wir sind dazu bestellt!"

Sie sang mit fo ergreifender Stimme, daß er Tränen vergoß. Dar­über wurde er wach. Die Glieder waren ihm bleischwer. Er fühlte am Herzen einen brennenden Schmerz.

Er stand auf, kühlte die Brust mit Wasser. Der Schmerz ließ nach. Er legte sich wieder.

Seit er im Krieg gewesen war, quälten ihn schwere Träume. Schlach­tenlärm und gefallene Kameraden spielten darin eine große Rolle. Kurios, wie die Wecklersanna die Wäschestücke an der Sonne aus- gehängt hatte. Das hatte er deutlich vor sich gesehen. Er hatte auch von Blumen geträumt. Wer von Blumen träumte, hatte Glück zu erwarten. Er brauchte es nicht zu erwarten, es war mit der Jugendfreundin schon bei ihm eingekehrt. Dank erfüllte sein Herz. Von allem, was die Wecklersanna tat, ging ein stiller Segen aus. Man hörte fein lautes Wort von ihr. Wenn sie fragte und sie hatte viel zu fragen geschah'-- auf eine verständige und bescheidene Weise. Kein Wunder, daß man ihr freundlich Antwort gab. Sie konnte auch schweigen. Und dachte ihr Teil. Vor ihrem festen Blick hielt nichts Un­gutes stand. Manchmal tarn er sich ihr gegenüber ganz klein, ganz nachgültig vor. An ihrer kernhasten Art richtete er sich auf. Stark und qut, das war das Beste, was man von einem Menschen sagen konnte. Die Wecklersanna war stark und gut. Was für eine Wohltat, sie um sich zu Haden! Er war wie verwandelt, fein Leben war sonnenhell. Im Frühjahr das war beschlossene Sache trat er mit ihr in die Ehe- schast.

Heitere Bilder umschwebten ihn. Ein Lächeln auf btn Lippen büffelte er ein.