Schneemann.
(Aus den. Dänischen von L. Tronier-Funder.)
„Ich hatte das nicht aus! sagte er. „Wie gut es ihr steht, wenn sie die Zunge herausstreckt!"
Die Nacht war sehr lang, aber nicht sür den Schneemann. Er stand in süße Gedanken vertieft, und sie gefroren, daß sie krachten.
Am Morgen waren die Kellersenster zugcfroren mit den herrlichsten Eisblumen, die sich ein Schneemann nur wünfchen kann; aber sie verbargen den Ofen, er konnte sie nicht sehen. Cs knackte, es knirschte, es war ein Frostwetter, das einen Schneemann erfreuen mußte; aber er war nicht erfreut. Er hätte sich glücklich fühlen können und müssen; aber er war nicht glücklich. Er krankte an der Sehnsucht nach dem Ofen.
„Das ist eine schlimme Krankheit sür einen Schneemann", sagte der Kettenhund. ,, , , ,, ...
,Zch habe auch an dieser Krankheit gelitten; aber ich habe sie überwunden — weg, weg! — Und nun wird das Wetter umschlagen.
Und es schlug um; es wurde Tauwetter.
Das Tauwstter nahm zu, der Schneemann nahm ab. Er sagte nicht viel, er klagte nicht, und das sind die richtigen Zeichen.
Eines Morgen stürzte er zusammen. Dort, wo er gestanden, ragte etwas wie ein'Besenstiel in die Luft. Da herum hatten ihn die Knaben ^"^^Jetzt^kann ich verstehen, was es mit seiner Sehnsucht auf sich hatte!" sagte der Kettenhund. „Der Schneemann hatte einen Feuerhaken im Leibe, und der war es, der ihn innerlich so bewegte. Nun, er hat überwunden — weg, weg!"
Und bald war auch der Winter überwunden.
, Weg, weg!" kläffte der Kettenhund. Aber die kleinen Mädchen aus dem Hofe sangen Frühlingslieder, und niemand dachte mehr an den
Das Land der Morgenstitte.
In den Diamanlbergen von Korea.
Von Erna-Elisabeth M e i n e r s.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
Peking, im Spätherbst 1930.
Still und geheimnisvoll wie der Urwald sind die Diamantbcrge von Korea. Aus dem tiefen Humus, der sich aus dem zersetzten Laub und aus modernden Stämmen im Laufe von Jahrhunderten gebildet hat, ragen knorrige Baumstämme empor, mit Moos und Flechten bewachsen, von Schmarotzern überwuchert; Schlinggewächse schwingen sich von Ast zu Ast, umklammern die Stämme der Bäume in tödlicher Umarmung. An rieselnden Bergbächen wachsen hohe Farne, in schattiger Dämmerung glühen Orchideen. Wild starren Felszacken in die Luft, von ihrer stellen Höhe gießen sich Wasserfälle wie Brautschleier in den mit Steinen und Felsblöcken spielenden Fluß. Dichtes Gebüsch, starres Unterholz, dorniges Gestrüpp wehren dem Menschen den Eintritt.
Doch vor Jahrhunderten schon, als der Buddhismus in China sich auszubreitsn begann, kamen buddhistische Mönche mit Axt und Messer, rodeten hier und da aus, bauten zum Preise Buddhas Tempel und schufen Wege durch die Wildnis. Die herrliche Natur ringsum ober blieb unberührt, und fo kommt es, daß inmitten von bebautem Land, ausgerodeten Wildern, ein Stück Urwald liegt — heiliges Land!
Als die Japaner von Korea Besitz nahmen und das Land zu kolonisieren begannen, legten sie von den entfernt liegenden Bahnstationen Autostraßen an, bauten, sowohl im „inneren" als im „äußeren Kongo Hotels, so das heilige Gebiet dem Fremden zugänglich machend. Die Hotels, obwohl komfortabel, schmiegen sich als bescheidene Blockhäuser in den Rahmen der Landschaft.
Wir erreichen von dem malerischen Hafen Genzang aus, der aus halbem Wege zwischen Fusan und Wladiwostok liegt, den äußeren Kvngo. Noch regenreichen Monaten sind alle Autostraßen von reißenden Wild- bächen zerstört, die japanischen Hotels verödet. Wie sollte man durch die wilden Täler, die zerklüfteten Berge zu den Tempeln gelangen? Guter Rat war teuer. Mit unseren geringen Sprachkenntnissen gelang es uns endlich, zwei Koreaner zu dingen, die unser Gepäck auf Traggestellen über die Berge schaffen sollten. In China ist es ein Leichtes, Kulis für alle nur möglichen Arbeiten um einen geringen Preis zu bekommen. In Korea jedoch ist es anders. Der Koreaner leistet wahrhaftig Großartiges in der Kunst nichts zu tun. Er geht im Sonnenschein spazieren oder sitzt mit gekreuzten Beinen, ein Pfeifchen rauchend, im Schatten feines Hauses. Die Arbeit überläßt er der Frau., Obwohl diese nur gering geschätzt wird, ist sie die wirtschaftliche Triebfeder im Hauswesen und im Leben der Nation. Sie plagt sich von morgens bis abends, damit ihr Herr und Gebieter sich in aller Ruhe einem bequemen, ja , verhältnismäßig üpvigen Lebenswandel hingeben kann. Sie verrichtet die meiste Arbeit des Mannes im Hause, auf dem Felde, im Geschäft. Brechen schwere und trübe Tage herein, denen ihr träger Gebieter gänzlich erliegt, ist sie es, die das Hauswesen zusammenhält. Die Frauen liefern auch die Schneider und Wäscher der Nation. So merkwürdig es ist: alle Bewohner Koreas sind trotz unhyqienischster Lebensweise in Weiß gekleidet und meistens in sauberes Weiß. So besteht ein großer Teil der Frauenarbeit im Waschen. Zu allen Tages- und Nachtstunden hört man das rhythmische Klopfen der Waschstöcke, ein charakteristisches Geräusch für Stadt und Land. ,,
Es ist ein malerischer Anblick, die träumerischen Bewohner des „Landes der Morgenstille" in ihren weißen Beinkleidern, Röcken und Schuhen gemessen und würdig durch, die Straßen wandeln zu sehen. Ihre Untätigkeit steht ihnen gut an, denn rasche Bewegungen würden sich mit ihrer Tracht durchaus nicht vereinen. SI» tragen ein talarahnliches Gewand aus Grasleinewand. Eine Unterjacke aus Korbgeflecht sorgt dafür, daß es glatt bleibt und schön absteht. Gar wunderlich sind ihre Kopfbedeckungen. Auf einem Gestell aus gestreifter Gaze sitzt ein Zylinderhut mit breiter Krempe, der unter dem Kinn mit bernsteingeschmückten Bändern zusammengehalien wird. Bei Regenwetter
kommt eine spitze Kapuze aus Oeliuch darüber. Die bärtigen Gesichter der Männer haben weiche Züge, ihr langes Haar ist auf dem Kopfe zu
Weih-
leerer korea- fehlen chtne-
einem Knoten aufgesteckt.
Interessant wie die Männer sind auch die Frauen. Ihre Gewandung ist wahrlich seltsam. Die Europäerin wandelt in kurzen Röckchen einher, bei der Koreanerin ist alles bedeckt, nur die Brust ist freigelassen. Eine Art Zuavcnjäckchen reicht gerade bis dahin, und der weite bauschige Rock, der an einem breiten Gürtel befestigt ist, beginnt erst einige Zentimeter unterhalb. In großen Städten jedoch verschwindet der Zwischenraum jetzt mehr und mehr. In kleinen Orten tragen die Frauen noch, aus der Zeit, da die Männer eifersüchtig über ihre Tugend wachten, einen weißen Ueberwurf, der Kopf und Gesicht verhüllt. Man meint, eine Schar Gespenster einherwandeln zu sehen. Biele Koreanerinnen sind schön, sie haben feine ovale Gesichter, das gescheitette Haar ist tief zu einem Knoten im Nacken verschlungen.
Unsere Träger sind drollig anzusehen mit ihren feierlichen Hüten und schweren Traggestellen. Der Weg über die Berge zu einem der vier großen Tempel zeigt uns «in herrliches Stück Natur. Wlld zerklüftete Berge umschließen die Täler. Friedlich ist es und still. Hinter den granitenen Häuptern liegen die Versuchungen und die Trübsal der Welt. Uralte Wälder schmücken die tiefen Einschnitte zwischen den Bergen, unzählige Blumen, wohin man blickt. Ein Bergbach schäumt über hohe Felsblöcke, bildet Becken von tiefgrüner Farbe. Der Weg ist mühsam, oft gilt es, die durch den Regen tosenden Bäche zu durchqueren. Schuhe und Strümpfe in der Hand, springt man von Stein zu Stein, gegenseitig muß man sich über hohe Felsblöcke ziehen und schieben. Die Koreaner, gestützt auf lange Stöcke, sind äußerst gewandt. Eine Schar koreanischer Schüler hat sich den Uebergang leicht gemacht: aller Kleidung entledigt, tummeln sie sich durch den blitzenden Schaum.
Die letzten Strahlen der Sonne huschen^ über die Felsfpitzen, als in einer Felsschlucht die geschweiften Dächer des Klosters auftauchen. Feierliche Glockentöne durchzittern die Luft, Weihrauch im Opfer- bccken vor einer riesigen in Fels gehauenen Buddhastatue mischt sich mit dem Duft der Föhren. Es ist, als ob der Hauch von milder Sanftmut ringsum zu den Tröstungen einladen wollte, die dieses buddhistische Asyl gewährt. Wir werden vom Abt mit einem Getränk aus Honigwasser willkommen geheißen. Der Tempel ist sauber, im Stil ein Gemisch von Japanischem und Chinesischem. Die Wände sind bemalt mit Szenen aus dem Leben Gauthama Buddhas. Auf dem Altar vor der goldenen Statue des Amitabha, des Buddhas des „westlichen Paradieses", stehen ° " - rauchgesäße, Leuchter und buddhistisch« Symbole.
Das Gastzimmer, das man uns anweist, ist ein sauberer, fast Raum, den man von der Veranda aus auf Strümpfen betritt. Die Nischen Häuser haben darin Aehnlichkeit mit den japanischen. Nur die Matten; der Boden ist hart und wird, in Anlehnung an den fischen Gang, von außen geheizt. Der Koreaner schläft ohne Unterlage auf diesem geheizten Boden, fein Kopfkissen ist ein ausgehöhlter Klotz, eine Decks genügt zum Zudecken. Die einzigen Dekorationsgegenstände sind kunstvoll mit Messing beschlagene Kommoden. Leider hatten wir in Unkenntnis der Verhältnisse unsere Federbetten in Söul gelassen und mußten nun auf dem harten Boden kampieren. Wir erduldeten Folterqualen; Gliederschmerzen überall, Herzbeklemmungen infolge des heißen Fußbodens. Selbst im Hochsommer muh des Nachts geheizt werden. Entgegen aller oktasiatifchen Gebräuche der Europäer sind wir auch ohne Koch gereist. Unsere Witzbegierde, ganz wie das koreanische Volk zu leben, mußten wir schwer büßen: ,
Ein kleiner Priesterschüler holt täglich das Essen aus dem Wirtshaus in der Nähe des Tempels. Was für ein Effen! Tag für Tag gibt es „Kimfchi", die Nationalspeife der Koreaner, gesäuerter Weißkohl nut Paprika so scharf gewürzt, daß er wie Feuer in der Kehle brennt, dazu Reis. Delikatessen sind in Oel gesottene und gesalzene Baumrinden oder auf gleiche Weise bereitetes Moos von den Felsen. Fleisch und Fisch gibt es in diesen heiligen Klosterbezirken nicht. .
Die Spaziergänge im Walde, wo zerfallene Einsiedeleien zwischen qesprenkelten Moosen vermodern, wo in kleinen Hütten Mönche, die sich der Gemeinschaft der Klöster entzogen haben, ein gottnahes Dasein fuhren, entschädigen für alle Entbehrungen. Eigenartig berührt es uns, daß man inmitten dieses mittelalterlichen Lebens Scharen englisch sprechender junger Leute trifft. Die amerikanischen Missionen haben zahllose Schulen über ganz Korea verbreitet, eingerichtet. Knaben und Mädchen genießen hier für wenig Geld eine amerikanifche Erziehung, und nicht wenige werden zum Christentum bekehrt. Dabei folterte man noch vor achtzig Jahren eindringende Missionare aufs grausamste.
Schön wie der innere ist auch der durch seine wildzerkluftete Küste und die eigenartigen Felsbildungen im Meer berühmte: Seekongo. Aber die Fischerdörfchen am Meeresufer, durch ihre tief herabhängenden Strohdächer fast malaiisch aussehend, sind, im Vergleich zu den Dörfern >m Innern, schmutzig und verwahrlost. Ebenso die Bewohner. Faul liegen die Männer in der prallen Sonne und schlafen, wahrend die Frauen die Netze flicken. In der Luft liegt der Geruch der getrockneten Fische, vermischt mit den Ausdünstungen faulenden Kehrichts. Hühner picken an den zum Trocknen ausgelegten Fischen, Hunde walzen sich daraus. Hier hat sich gar ein Mann eine Menge Fisch« ausgeschicktet und benutzt sie als Kissen für sein müdes Haupt. Angesichts dieser Nachlässigkeit yr die Behauptung wohl ganz glaubhaft, daß viele Krankheiten der Koreaner ihre Urfache in dem getrockneten Fisch finden, den sie so gierig verschlingen. Der Handel mit gesalzenen und getrockneten Fischen gehl nach allen Teilen des Landes. Die Küste ist fo reich an ,tischen, datz leicht der Grund zu einem blühenden Exporthandel hätte gelegt werben können; aber das träge, schmutzig«, träumerische Volk läßt sich alles von den tüchtigen Japanern aus der Hand reihen. Da der schmutzige Zustano den Aufenthalt im Fischerdorf gefährlich macht, wohnen wir in dem sauberen javanischen Gasthof außerhalb. .
Der Blick über das sanhirblau schimmernde Meer auf die Pitwresren, mit Grün bewachsenen Felseninselchen ist herrlich. Die Bucht ist erfuul von einem fortwährenden zischenden Pfeifen; es sind M us chels t j «ye


