Ausgabe 
12.12.1930
 
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Unterhaltungsbeilage zum Sietzener Anzeiger

Jahrgang l930 Freitag, den l2. Dezember Nummer 96

Winter im Ziegelofen.

Von Theodor Kramer.

Kein Rauch steigt aus dem Schlot vor meinem Fenster, im Ziegelschuppen ist es heute still;

gesorgt ward, daß die Glut im Schacht ersticke, wie ich der Kerze roten Docht zerdrücke, wenn es schon spät ist und ich schlafen will.

Es lohnt sich nicht, im Flecken nachzufragen, die letzten Rüben sind schon ausgetan; die Bauern können selbst ihr Reisig schneiden, der Wind weht durch die schwarzen Krüppelweiden schon feuchte Flocken und verschneit die Bahn.

Noch liegt der bittre Lehm mir auf der Lunge und schon gebricht's im Haus an Brot und Milch; die blanken Schaufeln meiner Nägel spüren leer unter sich die Kuppen stehn und führen sie hin, wo steif noch starrt der Hose Zwilch.

Vorm Sparherd ruht der Schürknecht in der Asche, der Schnee wächst blau und lautlos um mein Haus; und da ich in die letzte Wärme fliehe und übers Ohr mir beide Kotzen ziehe, ist mir, ich geh nicht heut nur nicht mehr aus.

Oer Schneemann.

Märchen von Hans Christian Andersen.

In mir knackt es förmlich, so wunderbar kalt ist es!" sagte der Schnee­mann.Der Wind beißt einen direkt lebendig! Und wie die Glühende da mich anglotzt!" Damit meinte er die Sonne, die eben unterging.Sie soll mich nicht zum Blinzeln bringen; ich werde die Brocken schon sest- halten."

Das waren die zwei großen dreieckigen Ziegelsteinstücken, die ihm als Augen dienten. Der Mund war ein Stück von einer alten Harke; deshalb hatte er auch Zähne.

Er war unter dem Hurrageschrei der Knaben geboren, begrüßt vom Schellengeläut und Peitschenknall der Schlitten.

Die Sonne ging unter, der Vollmond ging auf, rund und groß, klar und schön in der blauen Luft.

Da haben wir sie wieder von einer anderen Seite", sagte der Schneemann. Er glaubte, die Sonne zeige sich wieder.Das Glotzen habe ich ihr jetzt abgewöhnt! Mag sie nun da hängen und leuchten, damit ich mich selbst sehen kann. Wüßte ich nur, wie man es anstellt, um von der Stelle zu kommen! Ich möchte so gern weiter! Könnte ich das, so würde ich jetzt hinunterlaufen und schlittern, wie ich es bei den Knaben sah. Aber auf das Laufen verstehe ich mich nicht."

Weg, weg!" kläffte der alte Kettenhund. Er war etwas heiser; denn früher hatte er als Stubenhund unter dem Ofen gelegen.Die Sonne wird dich schon laufen lehren! Das habe ich mich deinem Vorgänger letztes Jahr erlebt und bei dessen Vorgänger auch, weg, weg weg sind sie alle!"

Ich verstehe dich nicht, Kamerad!" sagte der Schneemann.Soll die da oben mich laufen lehren?" Er meinte den Mond.Ja, vorhin lief sie ja, lief davon, als ich sie scharf ansah; nun ist sie von einer anderen Seite wieder herangeschlichen."

Du weißt rein gar nichts", sagte der Kettenhund,aber du bist ja auch eben frisch gebacken! Was du jetzt siehst, heißt Mond, und das, was fortgegangen ist, war die Sonne. Sie kommt morgen wieder und wird dir schon beibringen, nach dem Wallgraben hinunterzulaufen. Wir bekommen bald anderes Wetter; ich spür's in meinem linken Hinterbein, da reißt's. Wir bekommen Witterungswechsel."

Ich verstehe ihn nicht", sagte der Schneemann;aber ich habe die Empfindung, daß er mir etwas Unangenehmes sagt. Sie, die mich an­glotzte und dann wegging, und die er Sonne nennt, sie ist auch nicht mein Freund; ich habe das so im Gefühl."

Weg, weg!" kläffte der Kettenhund, ging dreimal um sich selbst herum und legte sich dann in sein Haus, um zu schlafen.

Das Wetter schlug wirklich um. Ein Nebel, zäh und feucht, legte sich gegen Morgen über die ganze Gegend. Als es zu tagen begann, wehte ,e,'.n. bißchen, und der Frost packte kräftig zu aber was für ein Anblick, als die Sonne nun aufging! Alle Büsche und Bäume standen im Nauhreif wie ein ganzer Wald weißer Korallen; es war gleichsam, als seien alle Zweige mit strahlend weißen Blüten überstreut. Die unendlich vielen und feinen Verästelungen, die man im Sommer vor Blättern gar nicht sieht, waren wie ein Spitzengewebe und so leuchtend weiß, als ströme | weiger Glanz aus jedem Zweige. Die Hängebirke bewegte sich im Wind; *

sie war voller Leben wie die Bäume zur Sommerszeit. Es war eine bei­spiellose Pracht!

Wie zauberhaft!" sagte ein junges Mädchen, das mit einem jungen Mann zusammen im Garten just vor dem Schneemann stehen blieb, von wo sie über die schimmernden Bäume hinschaute.Schöneres hat auch der Sommer nicht!" sagte sie, und ihre Augen strahlten.

Und solch einen Kerl wie den da oben gar nicht", sagte der jung« Mann und zeigte auf den Schneemann.

Das junge Mädchen lachte, nickte dem Schneemann zu und tanzte dann mit ihrem Freunde über den knirschenden Schnee.

Wer waren die beiden?" fragte der Schneemann den Kettenhund. Du bist älter auf dem Hofe als ich, kennst du sie?"

Selbstredend", sagte der Kettenhund.Sie hat mich ja gestreichelt, und er hat mir einen Knochen gegeben; die beiße ich nicht."

Aber was ftetten sie hier vor?" fragte der Schneemann.

Liebesleueueueute! sagte der Kettenhund.Sie sollen zusam­men in eine Hundehütte und miteinander Knochen abnagen, weg, weg!"

Haben die beiden ebenso viel zu sagen, wie du und ich?" fragte der Schneemann.

Sie gehören ja zur Herrschaft", sagte der Kettenhund.Es ist wirk­lich sehr, sehr wenig, was man weiß, wenn man gestern erst geboren ist, das merke ich an dir! Ich habe mein Alter und meine Erfahrungen, ich kenne alle hier auf dem Hofe. Und ich habe Zeiten gesehen, wo ich nicht in der Kelte an der Kette lag weg, weg!"

Kälte ist wunderbar", sagte der Schneemann.Erzähle, erzähle! Aber du darsst Nicht mit der Kette rasseln, sonst knackt es in mir."

Weg, weg!" kläffte der Kettenhund.Ein Hündchen bin ich gewesen, klein und niedlich, sagten sie. Damals lag ich auf einem Samtstuhl und auf dem Schoße der obersten Herrschaft, wurde auf die Schnauze geküßt und bekam die Pfoten mit einem gestickten Taschentuch abgewischt. Ich hießSchönchen" undWollebeinchen"; aber dann wurde ich ihnen zu groß. Deshalb gaben sie mich in die Kelleretage zur Haushälterin. Von dort, wo du stehst, kannst du hineinsehen. Es war da zwar nicht ganz so vornehm wie oben, aber dafür gemütlicher. Ich wurde nicht mehr gedrückt und von den Kindern umhergeschleppt wie oben, ich hatte ebenso gutes Futter wie oben, aber viel mehr! Ich hatte mein eigenes Kissen, und dann gab es dort einen Ofen, und das ist um diese Jahreszeit schöner als alle Herrlichkeit der Welt. Ich verkroch mich so darunter, daß ich ganz ver­schwand. Ja, von dem Ofen träume ich noch immer weg, weg!"

Sieht ein Ofen so schön aus?" fragte der Schneemann.'Aehnelt er mir?"

Er ist genau das Gegenteil von dir! Kohlschwarz ist er, und er hat einen langen Hals mit einer Messingtrommel. Er frißt Scheite, daß ihm die Glut aus dem Maule schlägt. Man muß sich neben ihm halten, ganz dicht daneben ober darunter; das ist ein unnennbares Behagen! Durch das Fenster mußt du ihn doch sehen können, dort, wo du stehst."

Und der Schneemann guckte, und wirklich sah er ein schwarzes, blank­poliertes Ding mit einer Messingtrommel, aus dem unten das Feuer her- ausleuchtete. Dem Schneemann wurde ganz eigen zu Sinn; es Überkam ihn etwas, worüber er sich selbst keine Rechenschaft ablegen konnte, was aber alle Menschen kennen, wenn sie nicht eben Schneemänner sind.

Und weshalb hast du sie verlassen?" fragte der Schneemann. Er fühlte, daß der Ofen ein weibliches Wesen fein mußte.

Ich mußte leider", sagte der Kettenhund.Sie warfen mich hinaus und legten mich hier an die Kette. Ich hatte dem jüngsten Junker ins Bein gebissen, weil er mir den Knochen fortstieß, an dem ich nagte, Knochen um Knochen, dachte ich! Aber sie nahmen es übel, und seit der Zeit liege ich an der Kette und meine klare Stimme ist weg weg! Das war das Ende vom Lied."

Der Schneemann hörte nicht mehr, er blickte hinab in die Kelleretage der Haushälterin, wo der Ofen auf feinen vier eisernen Beinen stand, ebenso groß wie der Schneemann selbst.

Es knackt so seltsam in mir", sagte er.Werde ich nie dort hinein- kommen? Es ist ein so unschuldiger Wunsch, und unsere unschuldigen Wünsche werden doch wohl gewiß erfüllt. Es ist mein höchster Wunsch, mein einziger Wunsch, und es wäre fast ungerecht, wenn er nicht erfüllt würde. Ich muß hinein, ich muß mich an sie lehnen, und sollte ich das Fenster zerschlagen."

Dort hinein kommst du nie!" sagte der Kettenhund,und kämst du an den Ofen, so wärest du weg, weg!"

Ich bin schon so gut wie weg", sagte der Schneemann.

Den ganzen Tag über stand der Schneemann und sah zum Fenster hinein. Um die Dunkelstunde wurde die Stube noch einladender; vom Ofen her leuchtete es so milde, wie weder Sonne noch Mond leuch­ten, wie eben nur ein Ofen leuchten kann, wenn etwas in ihm steckt. Dcffnete man feine Tür, so schlug die Lohe heraus, das war fo seine Gewohnheit, und des Schneemanns Gesicht erglühte bann rot bis hinab auf die Brust.