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..Gießen-
Verantwortlich: Dr. Hans Thhriot. — Druck und Verlag: Vrühl'sche Univerfitäts-Duch» und Steindruckerei. L. Lange,
Alten ist. Und die Alte sagt dann:
„Gott, Thilde, wenn ich dich nich hätte."
„Latz doch, Mutter, wir haben es ja." ,
„Ja, Thilde, es is schon wahr, aber wenn es manwleibt.
gleich, und bloß wenn man nichts hak.. .*
„Ja, ja, Mutter. Nun wollen wir aber schlafen."
Der Wunsch der Alten ging ganz ersichtlich dahin, daß sich TW, wieder verheiraten sollte. Hugo war ein sehr hübscher Mann gewest und aus einem sehr guten Haus. Und wenn sie damals, wo sie bloß ein armes Mädchen war, den Großmann gekriegt hatte, so konnte sie jey jeden heiraten, denn sie hatte ja nun einen Titel und war eine junge Witwe, und die Trauer stand ihr gut, und wenn sie zum Schulrat ging mit dem geteilten langen Schleier, sahen ihr die Leute nach.
Als die Alte aber merkte, daß Thilde die Heiratsidee ganz entschieden ablehnte und wirklich nur Lehrerin werden wollte, kam sie auf einen andern Plan, der geraume Zeit nach der Unterhaltung über den alten Grafen und das mutmaßlich verscherzte Glück auch wieder nächtlicherweile erörtert wurde. Diesmal nicht in dem sauerstoffarmen Alkoven, sondern noch in der Vorderstube, die Alte steif aufrecht auf dem Sofa, Thild« zurückgelehnt auf der Chaiselongue.
„Na, Thilde, du warst ja heute wieder da. Wann glaubst du denn, daß es so weit is?"
„Du meinst mit dem Examen und mit der Stelle und möchtest wissen, wann ich das erste Gehalt kriege?"
„Ja, Kind, das mein ich. Du willst immer davon nichts hören, aber es ist doch was Sicheres."
„Ach, sicher ist das andere auch."
„Meinst du? Na, ich will es dir wünschen. Aber wenn es auch nich fo sicher is, das mit der Schule, das is doch nu die Hauptsache. Das IM du ja selber gesagt, und da habe ich dich nu schon lange fragen wollen, ob du nich das mit der Witwe fallen lassen und deinen Mädchennamen wieder aufnehmen willst. Es werden ja so viele mit andern Namen getauft, und bei dir is es nich mal so, da kommt das Alte bloß wieder obenauf."
Thilde schüttelte den Kopf, ersichtlich mit einiger Verstimmung. Aber die Alte, die sich, solange sie den Wiederverheiratungsplan verfolgte, von „Witwe" viel versprochen hatte, wollte bei der veränderten Sachlage mit ihrem neuen Plan nicht nachlassen und fuhr fort:
„Ich denke mir, Thilde, du mußt es nu lieber so nehmen, als ob es ... ja, wie heißt es doch, wenn was ganz kurze Zeit gedauert und dann wieder vorbei is..."
„Ich weiß schon, was du meinst."
„... also so nehmen, wie wenn es gar nich gewesen wäre. Daß dir als Witwe was zugute getan wird, kann ich mir nich denken, und Fräil- lein is doch das Gewöhnliche ..."
Thilde richtete sich auf, nahm ein von Waldenstein mitgebrachtes Luftkissen in den Rücken und sagte:
„Ja, Mutter, was denkst du dir eigentlich dabei! Das ist doch wie eine Defraudation, wie Unterschlagung, wie Lug und Trug."
„Gott, Thilde, rede doch nich so was."
„Doch, Mutter, das ist Ableugnung des Tatsächlichen und straffällig.' „Gott, Gott..."
„Ich habe dir wohl öfters gesagt, wenn du so beständig anbohrtest und alles wissen wolltest, was auch nicht richtig war und immer nur davon kam, daß du gegen den armen Hugo was hattest — nun, da habe ich dir wohl mal gesagt, daß es nicht so was Besonderes gewesen sei, was ich vielleicht nicht hätte sagen sollen, denn alles, was man in der Art sagt, wird doch bloß mißverstanden. Und nun bist du gerade doch so wie die andern Menschen! Aber es ist alles falsch, was du da denkst, und ich muß dir sagen, ich glaube beinah, daß er besser hätte nicht heiraten sollen. Er sah so stark aus mit seinem Vollbart, aber er wer nur schwach auf der Brust, und ich bin ganz sicher, es hat ihm geschadet... Und nun soll es gar nichts gewesen sein. Das wäre ja doch schändlich uw undankbar, wenn ich ihm so was in sein Grab nachsagen sollte! Fräulein Möhring! Was denkst du dir nur! Ich bin kein Fräulein und habe meinen Stolz als Frau und Witwe, wenn ich auch kein Pfand semer Lieb« unter meinem Herzen trage."
„Gott, Thilde, wie du redest..." ,
„Ja, so sagt man, Mutter, das ist gerade das richtige Wort. Und ist bloß ein Zufall, daß es so ist, wie es ist..."
„Meinst du?" .. ....., .
„Ja, das meine ich, und mitunter denk« ich, es wäre doch hübsch nna besonders für dich, wenn es anders gekommen wäre."
„Ja, Kind, wenn du so denkst..."
Das war kurz vor dem Examen gewesen, das Thilde weit glänzend« bestand als Hugo damals das seine. Noch am selben Tag sagte man daß eine Stelle für sie frei fei. Man freute sich, sie ihr geben zu kenn Am ersten Oktober trat sie ein, in Berlin N, zwischen Moabit und -leg • Sie ging mutig ans Werk, hatte frischere Farben als früher un» w gekleidet wie an dem Tag, als sie von Woldenstein wieder m ve eingetroffen war, nur ohne Krimstecher. Das seitens der SchuldeM in sie gesetzte Vertrauen hat sie gerechtfertigt. Hinaus fährt sie,1 Morgen mit der Straßenbahn, den Weg zurück macht ste zu ouz kauft' öfters was ein für die Mutter, eine Tüte voll Prunellen, Pfannkuchen, einen Geraniumtopf oder wohl auch am Dramen b, Tor eine Hafenleber, weil sie weiß, daß Hafenleber das Liebllngsg
Mathilde Möhring.
Roman von Theodor Fontane.
(Schluß.)
Ich dachte wunder, was ich aus ihm gemacht hätte, und nun finde ich. daß er mehr Einfluß auf mich gehabt hat, als ich auf ihn. Rechnen werde ich wohl immer, das steckt wohl drin, aber nicht zu scharf, und will hilfreich sein und für die Runtschen sorgen, schon deshalb, weck dl« Runtschen sein «einzige Renonce war. Und wenn er das sieht, wird er mir’s danken, aber er wird's wohl nicht sehen...
Und dann ging sie wieder auf und ab und trat ans Fünfter, und da, wo damals der Mond gestanden hatte, hing ein graues Gewölk. Aber während ihr Auge noch darauf ruht«, rötete sich s, und die Sonne gab ihm einen goldenen Saum.
Vielleicht ist das meine Zukunft, dachte Thilde
Und sie holte sich den Regenmantel aus dem Entree, deckte sich damit zu, verfolgte noch eine Weile das Licht- und Schattenspiel an Wand und Decke und schlief ein. *
Zu Thildens besonderen Eigenschaften gehörte von Jugend auf die Gabe des Sichanpassens, Sichhineinlebens in die jedesmalige Situation. Wäre Hugo am Leben und im Amt geblieben und nach Ablauf feiner Woldensieiner Amtszeit zum Oberbürgermeister einer Provinz,alhaupt- stadt gewählt worden, so würde seine Frau bei Besuchen des Oberprasi- denten ja selbst bei Kaiserparaden die Honneurs des Hauses mit vollkommener Unbefangenheit und ausreichender Geschicklichkeit gemacht ^Seiit, wo sie sich nach einem kurzen Erfolg auf die Stufe zurückversetzt sah von der sie ausgegangen war, sand sie sich auch dann zurecht und nahm ihr altes Geben ohne jede weitläufige Betrachtung und zedenfalls ohne Klage darüber wieder auf.
Die Sache lag so und so, folglich mußt« sie so und so ge^ndhabt werden: Nur keine nutzlosen Betrachtungen! Es handelte für sie sich kernen Augenblick darum, ihre Situation in irgendein Gegenteil zu verkehren, sondern immer nur darum, aus der Situation, wie sie nun einmal war, das Beste zu machen, und dies tat fie voll Ueberzeugung und auf ihre Weise, rücksichtsvoll und doch auch wieder entschieden. Soweit es möglich, war sie der Alten zu Willen und unerschöpflich in kleinen Guttaten und Aufmerksamkeiten, und ging so weit, daß sie wie vordem das bloß alkovenhafte Schlafzimmer mit ihr teilte. Den ganzen Tag aber sich beständig von ihr über Spittel und ähnliche Dinge unterhalten zu lassen oder Fragen zu beantworten, die sich fast immer auf >hr mttmes Wolden- fteiner Leben bezogen, dazu war sie nicht mehr gewillt und hatte dementsprechend kategorisch erklärt, daß fie wenigstens den -tag über allein ^''sas^mit dem Vermieten müsse ein Ende haben. Und so hatte sie sich denn drüben eingerichtet, und als die Alte sah, daß Thilde viel schrieb und sich unter Büchern und Karten vergrub und, wenn sie zu Tische kam (die Runtschen muhte das Essen jetzt holen), oft rote Backen vom Lernen hatte, konnte sie sich denken, was Thilde vorhatte.
Sie konnte sich's denken und war auch nich teigentstch dagegen. Aber wenn sie sich auch recht gut entsann, daß der Seminarlehrer schon damals, ehe Möhring starb, immer van Thildens schönen Gaben gesprochen hatte, so ging sie doch davon aus, daß „Lehrerin" nicht recht was sei, M, daß jedes andere Unterkommen, wenn auch von etwas fraglicher Beschaffenheit, dem immer noch vorzuziehen wäre.
Bei Tage wagte sie mit solchen Betrachtungen nich recht hervorzutreten, aber wenn sie zu Bett gegangen waren und ^on eme Weile ganz ruhig gelegen hatten, richtete sich die Alte von ihrem Kissen auf und sagte, während von der Straße her durch die nach vorn hinaus offen- stehende Tür ein schwacher Lichtschimmer sie traf:
„Thilde, schläfst du schon?"
„Nein, Mutter, aber beinah... Willst du noch was?
.Nein, Thilde, wollen will ich nichts. Mir is bloß so furchtbar angst wegen deiner Lernerei. Du siehst so spack aus und hast solchen Glanz tn den Augen. Er hat ja doch die Schwindsucht gehabt, und am Ende...
„Nun?" , , .
„Am Ende wär es doch möglich .... und wenn es so is, is doch frische Luft immer das beste und nich so viel sitzen."
Gewiß, frische Luft ist immer gut, aber wo soll ich sie hernehmen? Hier ist sie nicht gut, und wenn es nicht wegen deines Rheumatismus wäre..."
„Nein, Thilde, daß das Fenster offen steht, das geht nich, aber du könntest doch die frische Luft haben."
„Ich? Woher denn?" r ,
„Ja, Thilde, du hast mir doch gleich in deinem ersten Brief getrieben, ich meine in deinem ersten, als er tot war, da hast du mir geschrieben von wegen ,Hausdame' und mit Gehalt. Und wenig kann es doch nich gewesen sein, weil er ja so reich is, wie du mir geschrieben hast. Und alt is er auch, und da hättest du nu die schöne frische Luft gehabt und di« gute Verpflegung. Ich will ja nichts fag«n, aber was wir heute hatten, hatte doch keine Kraft mehr. Und wenn du ihn ordentlich gepflegt hattest, und das hättest du gewiß, denn du hast ja Mitleid mit jedem und mit mir auch, denn du bist gut, Thilde, ja, Thilde, denn hätten wir jetzt vielleicht was. Einer, der so reich is, kann doch nich so mir nichts, dir nichts sterben, ohne was zu hinterlaffen. Und vielleicht, daß er noch ganz sulcht..
„Was denkst du denn! Ich will von Woldenstein gar nicht reden. Aber hier! Was würden hier die Leute gejagt haben. ,Die hat es eilig/ Und die Petermann, der alte Giftzahn, die hätte gesagt: ,Es wird wohl eine mulmige Geschichte gewesen sein/"
„Ach, Thilde, dessentwegen mutz man sein Gluck nich fortstoßen. Die Leute sagen immer so was, aber wenn man was hat, denn is es
»Es wird schon." — m.hnfoarop^
Von Hugo Großmann wird selten gesprochen, ferne +9 9 ,ini aber hängt mit einer schwarzen Schleife über der J zweimal im Jahr kriegt er auf das Grab in Woldenstein ein Schulze legt ihn nieder und schreibt jedesmal ein paar fteuno aj


