Ausgabe 
13.1.1930
 
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Carsten Curator.

Novelle von Theodor Storm.

(Fonsetzung.)

Wie schon seit lange bei allem Unerwarteten, das ihm.angekündigt wurde, war der Gedanke an seinen Heinrich ihm durch den Kopf gefahren. Derselbe stand seit kurzem bei einem hiesigen Senator im Geschäft; aber der strenge alte Herr, mit dem Carstens selbst einst bei dessen Vater in der Kaufmannslehre gewesen war, hatte sich bis jetzt zufrieden gezeigt und nur einmal ein scharfes Wort über den jungen Menschen fallen lassen. Erst gestern, am Sonntag, war Heinrich von einer Geschäftsreise für seinen Prinzipal zurückgekehrt. Nein, nein; von Heinrich konnte Herr Jaspers nichts zu erzählen haben.

Dieser hatte indes mit offenem Munde zu dem weit größeren Car­stens aufgeblickt und voll augenscheinlichen Behagens dessen wechselnden Gesichtsausdruck beobachtet.He, Freundchen!" rief er jetzt, und es klang eine einladende Munterkeit aus seiner Stimme.Ihr wißt ja, 's kann immer noch schlimmer kommen; und wenn der Kopf auch weggeht, es bleibt doch immer noch ein Stummel sitzen."

Was wollt Ihr von mir, Jaspers?" sagte Carstens düster.Tut 5 nur hier gleich von Euch, so seid Ihr die Last ja los."

Doch Herr Jaspers zog ihn am Rockschoß zu sich herab.Das sind nicht Dinge, von denen man hier im Rathaus spricht." Dann sich zu dem Mäd­chen wendend, setzte er hinzu:Die Mamsell Anna findet wohl allein den Weg nach Hause."

Und mit seiner Haspeligen Hand, die immer nach etwas zu greifen schien, noch einmal den Zylinder lüftend, stapfte er geschäftig die Treppe wieder hinab.

Als sie aus dem Hause getreten waren, wies er mit seinem Stöckchen nach einer Nebengasse, an deren Ecke seine Wohnung lag. Anna blickte fragend ihren Vormund an; der aber winkte ihr schweigend mit der Hand und folgte wie unter lähmendem Bann demStadtunheilsträger", der jetzt an seiner Seite eifrig die Straße hinaufstrebte.

In dem kleinen Hofe hinter dem Hause an der Twiete stand außer dem Kirschbaum, für den die Kinder einst die Netze flickten, an der Längs­seite eines schmalen Bleichplätzchens ein mächtiger Birnenbaum, der die Freude der Nachbarkinder und zugleich eine Art Familienheiligtum war; denn der Großvater des jetzigen Besitzers hatte ihn gepflanzt, der Vater selbst fn seiner Lehrzeit ihn aus den in der Stadt beliebtesten Sorten mit drei verschiedenen Reisern gepfropft, die jetzt, zu vielverzweigten Aesten ausgewachsen, je nach der ihnen eigenen Zeit eine Fülle saftiger Früchte reisten. Was davon mit der Brunnenstange zu erreichen war, das pflegte freilich nicht ins Haus zu kommen; sonst hätten die Kinder bei Jungfer Anna nicht so freien Anlauf haben müssen. So aber, wenn von den nach Westen anliegenden Höfen aus die Nachbarn ein herzliches Mädchenlachen hörten, wußten sie auch schon, daß Anna an dem Baum zu Gange war, und daß die junge Brut sich auf dem Rasen um die herabgeschlagenen Früchte balgte.

Auch jetzt, als sie vom Rathaus kommend ins Haus treten wollte, hatte Anna ein solches Nachbarspummelchen sich aufgesackt. Im Pesel, einem.kühlen, mit Fliesen ausgelegten Raume hinter dem Hausflur, legte sie Hut und Tuch ab und trat dann, das Kind rittlings vor sich auf den Armen haltend, durch die von hier nach dem Hofe führende Tür in den Schatten des mächtigen Baumes.

Siehst du, Levke," sagte sie,da oben liegt die Katz'" die möchte auch die schöne, gelbe Birne haben! Aber wart' nur, ich will die Stange holen."

Als sie sich aber hierauf dem hinter der Hoftür des Hauses befindlichen Brunnen zuwandte, stieß sie einen Schrei aus und ließ das Kind fast hart zu Boden fallen. 2juf der vermorschten Holzeinfassung, deren Erneuerung nur durch einen Zufall verzögert war, saß ihr Jugendgenosse, ihr Kinds- gespiel, die Füße über der Tiefe hängend, den Kopf wie schon zum Sturze vorgebeugt.

Im selben Augenblicke aber war sie auch schon dort, hatte von hinten mit beiden Armen ihn umschlungen und zog ihn rückwärts, daß die mor­schen Bretter krachend unter ihm zusammenbrachen. Sie war in die Knie gesunken, während der blasse, fast weiblich hübsche Kopf des jungen Menschen noch an ihrer Brust ruhte.

Dieser rührte sich nicht; es war, als wenn er sich allem, was ihm ge­schähe, willenlos überlassen habe. Auch als das Mädchen endlich aufsprang, blieb er, ohne sie anzusehen, mit aufgestütztem Kopse zwischen den Bretter- trümmern liegen. Sie aber sah ihn fast zornig an, indem ein paar Tränen in ihre blauen Augen sprangen.Was fehlt dir, Heinrich? Warum hast du mich so erschreckt? Weshalb bist du nicht auf deinem Kontor beim Senator?"

Da strich er sich das seidenweiche Haar aus der Stirn und sah sie müde an.Zum Senator geh' ich nicht wieder", sagte er.

Nicht wieder zum Senator?"

Nein; denn ich habe nur noch zwei Wege; entweder hier in den Brunnen oder zum Büttel ins Gefängnis."

Was sprichst du für dummes Zeug! Steh auf, Heinrich! Bist du toll geworden?"

Er stand gehorsam auf und ließ sich von ihr nach der kleinen Bank unter dem Birnbaum führen. Aber da war noch das Kind, das mit verwunderten Augen dem allen zugesehen hatte.Armes Ding," sagte Anna,hast noch immer keine Birne! Da, kauf' dir heute einen Drei­lingskuchen!"

Unb als das Kind mit der geschenkten Münze davongelaufen war, stand . das Mädchen wieder vor dem jungen Menschen.

Nun sprich!" sagte sie, während sie sich den dicken, blonden Zopf wie­der aufsteckte, der ihr vorhin in den Nacken gestürzt war.Sprich rasch, bevor dein Bater wieder da ist!"

Mit fliegendem Atem harrte sie einer Antwort; aber er schwieg und sah zur Erde.

Du kamst am Samstag von Flensburg!" sagte sie dann.Du hattest Geld für den Senator einzukassieren!"

Er nickte, ohne auszublicken.

^Sag's nur! Ich kann's schon denken du bist einmal wieder leicht­sinnig gewesen; du hast das Geld umherliegen lassen, im'Gastzimmer oder sonstwo! Und nun ist's fort!"

Ja, es ist fort", sagte er.

Aber vielleicht ist es noch wiederzubekommen! Warum sprichst du nicht? So erzähl' doch!"

Nein, Anna es ist nicht so verloren, wie du es meinst. Wir waren lustig; es wurde gespielt"

Verspielt, Heinrich? verspielt?" Die Tränen stürzten ihr aus den Augen, und sie warf sich an seine Brust, mit beiden Armen seinen Hals umschlingend.

Oben in der Krone des Baumes rauschte ein leiser Wind in den Blättern; sonst war nichts hörbar als dann und wann ein tiefes Schluch­zen des Mädchens, in der alle kurz zuvor entwickelte Tätigkeit gebrochen schien.

Aber der junge Mensch selbst suchte sie jetzt mit sanfter Abwehr zu entfernen; die schöne Last, die das Mitleid ihm an die Brust geworfen hatte, schien ihn zu erdrücken.Weine nicht so," sagte er;ich kann das nicht ertragen."

Es hätte dieser Mahnung nicht bedurft; Anna war schon von selber aufgesprungen und suchte eilig ihre Tränen abzutrocknen.Heinrich," rief sie,es ist schrecklich, daß du es getan hast; aber ich habe Geld, ich helfe dir!"

Du, Anna?"

Ja, ich! Ich bin ja mündig geworden. Sag' nur, wieviel du dem Senator abzuliefern hast."

Es ist viel", sagte er zögernd.

Wieviel denn? Sprich nur rasch!"

Er nannte eine nicht eben kleine Summe.

Nicht mehr? Gott sei Dank! Aber" und sie stockte, als sei ein neues Hindernis ihr aufgestiegendu hättest heute auf deinem Kontor fein sollen. Wenn er fragt, was willst du dem Senator sagen?"

Heinrich schüttelte sich die weichen Locken von der Stirn, und schon flog wieder der alte Ausdruck sorglosen Leichtsinns über sein Gesicht. Dem Senator, Anna? O, der wird nicht fragen; und wenn auch, das laß meine Sorge fein."

Sie blickte ihn ernsthaft an.Siehst du; nun müssen wir auch schon lügen!"

Nur ich, Anna; und ich versprech' es dir, nicht mehr, als nötig ist. Und das Geld"

Ja, das Geld!"

Ich verzins' es dir, ich stelle dir einen Schuldschein aus; du sollst keinen Schaden bei mir leiden."

Sprich nicht wieder so dummes Zeug, Heinrich. Bleib' hier im Garten; wenn dein Vater kommt, werd' ich ihn um die Summe bitten."

Er wollte etwas erwidern; aber sie war schon ins Haus zurückge- gangen. Behutsam schlich sie an der Küche vorüber, wo heute Tante Bri­gitte für sie am Herd hantierte, und bann hinauf in ihre Kammer, um sich zunächst die verweinten Augen klar zu waschen.

Nicht viel jüngeren Datums als der alte Birnbaum waren Einrichtung und Gerät des schmalen Wohnzimmers, das mit seinen Ausbaufenstern nach dem Hafenplatze hinauslag. In dem Alkovenbette, dort in der Tiefe desselben, dessen Glastüren über Tag geschlossen waren, hatten schon die Eltern des Hausherrn sich zum nächtlichen und nacheinander auch zum ewigen Schlafe hingelegt; schon derzeit, wie noch heute stand in der Westecke des Ausbaues der lederbezogene Lehnstuhl, in dem nach be­endigtem Einkauf die alten Kapitäne vor dem ihnen gegenübersitzenden Hausherrn ihr Gespinste abzuwickeln pflegten. Die Sachen waren die- selben geblieben; nur den Menschen hatten sich unmerklich andere unter­geschoben; und während einst dem weiland Vater Carstens derlei Berichte aus fremden Welten nur einen Stoff zum behaglichen Weitererzahlen ge­liefert hatten, regten sie in dem Sohne oft eine Kette von Gedanken, für deren Bearbeitung er nur auf sich selber angewiesen war.

Auch der Tisch, der zwischen einem Stuhle und dem Ledersesiel unter den Ausbaufenstern stand, hatte seinen alten Platz behauptet; nur waren die ausländischen Muscheln, welche jetzt auf demselben als Papierbe­schwerer für allerlei Schriftwerk dienten, früher eine Zierde der seitwärts stehenden Schatulle gewesen; statt dessen hatte auf dieser der jetzige Be­sitzer ein kleines Regal errichten lassen, auf welchem außer einzelnen mathematischen Werken und den Chronikei* von Stadt und Umgegend auch Bücher, wie LessingsNathan" und HippelsLebensläufe in auf- und absteigender Linie", zu finden waren. .

Ein Kanapee war nicht ins Zimmer gekommen; es wäre auch kein Platz dazu gewesen. Andererseits aber sehlte.es nicht an einem ziemlich stattlichen Ahnenbilde, in dessen Anschauung der kleinbürgerliche Mann, wenn auch nicht in der französischen Formulierungnoblesse obhge , in chweren Stunden sein wankendes Gemüt zu stärken pflegte.

Es war dies freilich kein farbenbrennendes Oelbild, sondern ganz im Gegenteil nur eine mächtig große Silhouette, welche, in braun unter­malten Glasleisten eingerahmt, an der westlichen Wand zunächst dem Ausbaue hing, so daß der Hausherr von seinem Arbeitstische aus die Singen darauf ruhen lasten konnte. Sein Vater, von dem freilich nicht viel mehr zu sagen ist, als daß er ein einfacher und sittenstrenger Mann gewesen halle es bald nach dem Tode seiner Ehefrau von einem durch­reisenden Künstler anfertigen lassen; so zwar, daß es einen Abendspazier- gang der nun halb verwaisten Familie barftettte.

(Fortsetzung folgt.)

Verantwortlich: Dr. HanS Thyriol. - Druck und Verlag: Vrühl'sche Universität^ Buch- und Steindruckerei, V. Lange, Gießen.