Ausgabe 
12.9.1930
 
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SietzenerKmilienblStter

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang J930 Freitag, den l2. September Nummer 70

Du Wind -er Wett...

Von Leo Sternberg.

Heut ist mir immer das Herz zu Tränen bewegt. M Ich sitze am Meer, das die felsige Küste zersägt...

Hausschwalben umfliegen mich in den Klippen wild ich kann mir nicht helfen: Träne um Träne quillt.

Gebräunter Leib, auf fernes Kap gestreckt...

Ein Kind, dem zahm das Meer die Füße leckt.. *

Ein Wort, das weltenweit mir Treue schreibt Warum mir alles die Tropfen ins Auge treibt?

Aus den Fluten hebt sich ein Busen, den ich geliebt< Eine Woge wirft sich am Riff empor und zerstiebt.. *

Der mir die Tränen löst, du Wind der Welt, spiel auf mir! Spiele, was dir wohlgefällt...

Triumph -er Zufälle.

Von Albrecht Schaeffer.

Die vier Wände des ländlich kleinen und niedrigen Raumes waren zitronengelb mit einem himmelblauen Band unter der weißen Decke; der runde Eßtisch in der Mitte blinkte von glattem Geschirr um einen groß­farbigen Blumenstrauß, und in dem einzigen, sehr breiten und hohen Fenster roar die ganze Bläue des Sees, waren im Sonnendunste die grauen fernen Gebirgsketten, war in Septemberreine der blaue Himmel zu sehen so für den Gastfreund, der diesem Fenster gegenübersaß. In ihm bildete sich während des Speisens mit dem Architekten und seiner Frau wie er selber beide inmitten der dreißiger Jahre das Empfin­den, eine der zartbeschwingten und leicht sich wandelnden Duo-Sonaten von Schubert oder von Mozart zu hören, in denen Klavier und Violine sich wie himmlische Gespielen befehden. So gingen diese beiden mit­einander um, vollkommen vertraut, ineinander verzweigt, gerne uneins nämlich auf die friedlichste Weise, und in der Uebereinftimmung locker und jeder in sich, immer ihrer heiteren Paarigkeit sicher und frei von geschmeidigen Geleisen.

Der Tag war sonnenwarm. Eleonore, die junge Frau, legte sich nach dem Essen in den Garten unter Gesträuch, sagte, sie wollte allein sein. Als die Männer dann in einem Winkel der schattigen Bibliothek saßen hier glänzte der See nur in blauen Streifen durch Wipfelgrün in die kleineren Fenster bemerkte der Architekt:Sie zählt heute eben ihr fünftes Jahr unsere Ehe; darum haben wir uns bei Tisch mehr um uns als um dich gekümmert. Zur Entschädigung will ich dir nun berichten, auf welche Weise diese ersten fünf Jahre zustande tarnen. Mir scheint es denkwürdig nämlich durch vier Schläge auf meine Schulter; vier mäch­tige Schläge des Zufalls."

Ja, Edgar, laß mich das hören."

Vom Gymnasium in Hannover", begann der Architekt,sprang ich in ein Corps an der Technischen Hochschule in München und habe da mit Trinken, Fechten, Reiten und einer Menge ärgerer Torheiten soviel Zeit vergeudet, daß ich für meine letzten Studienjahre ganz einsam nach Berlin zog und mich in die Arbeit einkellerte. Es glückte mir denn, ich bestand meine Prüfungen gut, hatte aber am Abend der letzten keinen Gesellen, mit dem ich das Ereignis hätte feiern mögen. Schlenderte da also abgespannt, wenig froh, als Verbannter durch die abendlich strömende Menge dem Rathaus zu, um im Keller dort eine einsame Flasche mit mir Zu leeren, fast nur der Gewohnheit zuliebe, weil der Mensch, wenn er feiern will, trinkt. Da schlug mich eine Hand auf die Schulter.

Ein Schulkamerad war das, ein etwas leichter Geselle, aber redlich, Vertreter einer Firma, auf der Durchreise in Berlin. Nun, die Schulzeit schmiedet ja merkwürdig haltbare Bande, läßt uns den fremdesten Men­schen nach Jahrzehnten überall mit dem glücklichen Du begrüßen, und da saßen wir bald tief in Rheinwein und goldenherben Erinnerungen, schließlich aufs Beste berauscht, und Mensch! sagte mein Freund zu m'r, bu gefällst mir so, du sollst nun mein Schwager werden.

, Er hatte keine Schwester, sondern einen verheirateten Brüher mit emer Schwägerin, die er meinte. Er zeigte mir ein Bild dieser Schwestern, he lächelten mir beide; ich sprach: Diese oder die, welche zu haben ist, will ich nehmen. Dann schrieb er an diese eine Ansichtskarte mit der Be­nachrichtigung, und ich unterschrieb: dein zukünftiger Mann Edgar, herz- l'ch« Grüße.

Darauf tranken wir dann noch mehr, und am anderen Tag hatte id^ da ich ihn nicht wieder sah, das Verlöbnis, die Schwester, die Postkarte völlig vergessen.

Zwei Jahre später war ich in München bei einer Baufirma ein* getreten und spazierte eines Abends im Englischen Garten. Da hörte ich laufende Schritte hinter mir, eine Hand schlägt auf die Schulter. Mensch! sagte mein Freund, denn er war es, da bist du, wie kommst du her? Ich erklärte es ihm, und er sprach: Haben wir damals nicht eine Postkarts geschrieben? Ach, sagte ich, nun fällt es mir wieder ein. Da lachte er, drehte mich um und sagte Aber dort sitzt sie ja auf der Dank! Komm nur hin.

Nun, er und feine beiden Schwägerinnen sein Bruder war eben; auf Reisen wir saßen zusammen am Chinesischen Turm am Abend. Eleonore war als Lebendige lieblicher und reizvoller als ihr Bildnis, aber ich habe ihr auch gefallen, ja beide gefielen wir uns so, daß wir uns auf dem Heimweg küßten und uns verlobten.

Sie kehrte bann in bas Rheinlanb, in ihre Heimat zurück; wir schrieben uns Briefe, aber alsbald ging es nicht gut. Wir kannten uns nicht, ver* standen uns nicht, wir klagten uns an und kritisierten uns, wir Jagten« das ist keine Liebel bei jeder Winzigkeit eines Mißverstehens, dann meinten wir beide, nur ins Licht wie geblendete Vögel geflogen zu fein,- und dann brach der Krieg aus. Da habe ich denn allen Ernstes von ihr und von allem Abschied genommen und habe sie nach sehr kurzer Zeit ebenso vergessen wie zwei 'Jahre vorher ihr Bild und jene Postkarte.

Nach dem Kriege erging es mir schlecht; meine Lebenskraft hatte ich bis zur Neige verbraucht, um die vier Jahre in Gräben und Lazaretten zu überstehen. Wer brauchte einen Architekten? Kaum daß die altere Wohnungen geflickt wurden, geschweige denn neue erbaut. Tatkraft, Lebensmut, Hoffnung alles war mir dahin mit den versickerten Wellen der Revolution, die mich noch eine Weile getäuscht und getragen hatten- Da schlug mich im Jahre 1920 wieder einmal eine Hand auf die Schulter, in München, die Straße vergaß ich, ein Kamerad aus den Gräben um La Bassse. Er war Bayer, hier aus der Chiemseegegend, von bäurischer Herkunft, aber gewieft, Inhaber eines Holzhandels; und da er Holz und etwas Kapital hatte, nahm er mich mit sich.

Wir bauten billige Landhäuser im Stile der Bauernhöfe, rissen auch von solchen Stall und Scheune und verwandelten sie in Landhäuser, dis Einnahmen stiegen hoch und zerrannen rascher, denn es war Inflation Ein Flickwerk des Lebens, nur um das Leben zu fristen.

Eines Tages fuhr nun mein Kamerad zu Verhandlungen nach Müret chen und siehe der Mann, mit dem er zu handeln hat, ist der Bruder meines Schulfreundes, der Schwager meiner Verlobten, Eleonorens. Meire Kamerad kam in fein Haus, Eleonore lebte jetzt dort, sie hörte meinen Namen, fragte nach mir, dann brachte mein Kamerad mir zurück­kehrend ein kleines Paket von ihr mit. Es war eines jener Feldpost­päckchen Schokolade, Zigaretten und etwas Gestricktes, wie der Krieg sie myriadenweis ausgefät hatte. Es war im Anfang des Krieges für mich zurecht gemacht, aber dann doch nicht abgeschickt worden. Eire Schamgefühl hatte sie damals gehemmt; nun war sie mit der freieren Zeit auch freier geworden und sandte mirs zu mit dem von damals datierten Gruß, der noch barinlag. Und daraus wurde ein Briefwechsel, in dem wir uns recht in dem gleichen Maß erkannten und verstanden, in dem wir uns damals verkannten und mißverstanden. Wir suchten uns nicht auf, schickten uns keine Bilder; wir erstanden uns aus unterere Worten, aus Nebeln unseres Wesens traten mir in Gestalten, und wir banden uns aneinander, so behutsam wie man verbindet, und langsam, immer inniger, immer leibhaftiger, endlich verlangend nach Wirklichkeit endlich zusammengepaart, unseres Lebens gewiß. Ich wenigstens erwachte eines Morgens mit der Entschlossenheit, zu ihr zu fahren, und führte sie aus.

Allein eben war es die Stunde, wo unsere Geldwahrung wieder fesk- gestellt wurde. Meine und meines Kameraden Einnahmen, die bis dahin scheinbar unermeßlich geströmt hatten, waren im Augenblick wie ver­dunstet. Wir würden zwar unser Geschäft weiter betreiben können, aber mit plötzlich sehr geringem Gewinn, viel zu gering schien miri für zwei, Eleonore und mich. Bis zu dem Augenblick aber, wo ich in der Eisenbahn sah, hatte ich noch in glücklicher Blendung nur auf meine Liebe gestarrt wie auf einen Zauberbaum, dessen Wachstum kein Ende nahnr. Nun sah ich mich plötzlich um, wohin ich den Riesen voll Blüte pflanzen sollte, da war nur ein winziger Tonscherben voll Lehm. Mittenwegs stieg ich da aus dem langsamen Zug, in einer größeren Station, wo auch Schnellzüge halten, hockte dann dort, einen Zug zur Rückfahrt erwartend, auf' einer Bank in der trüben Sonne, und schaute in mein inneres Dunkel den langen Weg zurück, der durch Tod, Zermalmung und Leidere, durch Wahrheit, Halbheit, Leichtfertigkeit in die Berliner Kellemacht zurückschrumpfte, zu dem Tisch voll Flaschen und Tabakasche unter Qualm- walken im rotglühenden Lampenlicht, wo die Ansichtskarte glänzte, der