Ausgabe 
12.5.1930
 
Einzelbild herunterladen

SiehenerZaMenbMer

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang {930 Montag, den 12. Mai Nummer 57

rden

wir des Ver«

wie

ife er daß wegs

viel-

), das

1 *** ingen, kehrte, a. Sie a war

fo ein :(e der eicfjnct ich den dungs- chmuck- if, uni

lüstern.

t.

> ihres

-den in iuf der

leiden- irrbare le seine machen. Helserin weinte n; auch n, nicht

Jung' !N Tod lust de-

Pistole

e Kerze Augen

Händen an ein anownn

iisawetn liege zn - sürchte

;ch *

e einen Weisung- risawet«

liehen.

An die Geliebte.

Bon Eduard M ö r i k e.

Wenn ich, von deinem Anschaun tief gestillt, Mich stumm an deinem heil'gen Wert vergnüge, Dann hör ich recht die leisen Atemzüge Des Engels, welcher sich in dir verhüllt, Und ein erstaunt, ein fragend Lächeln quillt Auf meinem Mund, ob mich kein Traum betrüge, Daß nun in dir, zu ewiger Genüge, Mein kühnster Wunsch, mein einz'ger, sich erfüllt? Von Tiefe dann zu Tiefen stürzt mein Sinn, Ich höre aus der Gottheit nächtiger Ferne Die Quellen des Geschicks melodisch rauschen.

Betäubt kehr ich den Blick nach oben hin, Zum Himmel auf da lächeln alle Sterne; Ich knie, ihrem Lichtgesang zu lauschen.

Tagebuchblatt.

Fragment aus einem unvollendeten Roman.

Von Hermann Hesse.

Vorgestern war der wichtigste Tag meines Lebens. Da habe ich zum ersten Mal etwas erlebt und zu spüren bekommen, was ich vorher gar nicht kannte und wovon mir doch jetzt scheint, ich habe es immer und immer gesucht und geahnt, mein Leben lang.

Es hängt mit den Träumen zusammen. Diese hatten mich ja schon immer beschäftigt, und oft war ich erstaunt und traurig darüber, wie flüchtig Träume sind, wie schnell sie am Morgen vergehen, wie schüchtern sie vor der leisesten Berührung mit der Vernunft davonlaufen. Wie oft, wie unendlich ost in meinem Leben bin ich in meinem Bett erwacht und hakte ein neues Gefühl in mir, etwas Schones, Anderes, unbeschreiblich Neues, Zartes, Liebes, Seltsames, Witziges! Zwischen mir und der ganzen Welt schien eine neue Beziehung aufgegangen zu sein, ein neuer Sinn schien mir geworden, der die Wahrnehmungen meiner alten, gewöhn­lichen Sinne ganz neu verband, bestätigte und auch veränderte. Ein Blinder, der an einer Rose riecht und sie betastet, und dem nun plötzlich die Augen aufgehen und zum erstenmal zum Getasteten und Gerochenen auch noch das sichtbare Bild der Blume zu eigen wird, der müßte Aehn- liches empsinden. Ich hatte zum Gesicht, zum Tastsinn, zum Gehör, Ge­ruch und Geschmack noch einen weiteren Sinn, ein weiteres Fühl- und Wahrnehmungsvermögen empfunden, oder erfunden! Wenn ich mich dann besann, so fiel mir ost ein Traum ein, den ich in der Nacht gehabt. Ich hatte fliegen können. Ich hatte eine Geliebte gehabt, die ich zu mir her ziehen und rufen konnte, ohne einen Ton oder Wink, nur durch meine Wunschkraft: zart und gefügig folgte sie jeder Regung meiner Seele. Oder ich hatte Luft trinken.können wie Wein, oder in Wasser atmen wie in Lust.

Mit dem Gedächtnis an den Traum leuchtete dann immer die neue Empfindung nochmals innig und verlockend auf, schon mit dem weh­mütigen Glanz des Abschiednehmenden und Unwiederbringlichen. Dann kamen die Gedanken hinterher, das völlige Erwachen und Bewußtwerden, und der Traum und fein Glück wurde ferner und unwirklicher, und wenn ich aus dem Bette stieg, war beinahe alles schon wieder weg und verloren, und nichts blieb mir zurück als ein leises und banges Gefühl von Ver­lust und Bestohlensein, gemischt mit einem Gesühl, das ähnlich schmeckte wie schlechtes Gewissen so als hätte ich etwas Dummes getan, als hätte ich mich selber geschädigt und betrogen.

Manchmal dachte ich dann, eben das Träumen sei es, das man als Selbstbetrug anklagcn und abtun müsse. Es war aber umgekehrt: das Traumen war das Wertvolle, und das Abtun, Richten und Verwerfen il5 Traumes war der Unsinn, war die Schädigung. Einige Male war ich Ichon ganz, ganz nahe bei dieser Erkenntnis, sühlte sie schon wie einen Wangenen Vogel mir in der Hand flattern, und verlor sie wieder, und , w" traurig und verarmt zurück. Jetzt aber halte ich sie in Händen, neme neue Erkenntnis, oder Erfahrung, oder wie man es nennen mag.

*

...Was ich für mich allein dachte und spann, ist wohl nicht des Er- sJ,,Hns wert. Aber je älter ich wurde, und je schaler die kleinen Befrie- m?,Un«cn m'r schmeckten, die ich in meinem Leben sand, desto mehr wurde

x Aar, wo ich die Quelle der Freuden und des Lebens suchen müsse.

Ich erfuhr, daß Geliebtwerden nichts ist, Lieben aber alles, und mehr und mehr meinte ich zu sehen, daß das, was unser Dasein wertvoll und lustvoll macht, nichts andres ist als unser Fühlen und Empfinden. Wo irgend ich etwas auf Erden sah, das manGlück" nennen konnte, da bestand es aus Empfindungen. Geld war nichts, Macht war nichts. Man sah viele, die beides hatten und elend waren. Auch die Gesundheit wog nicht so schwer; jeder war so gesund, als er sich fühlte, mancher Kranke blühte bis kurz vor dem Ende vor Lebenslust, und mancher Gesunde welkte angstvoll in Furcht vor Leiden hin. Glück aber war überall da, wo ein Mensch starke Gefühle hatte und ihnen lebte, sie nicht vertrieb und vergewaltigte, sondern pflegte und genoß. Schönheit beglückte nicht den, der sie besah, sondern den, der sie lieben und anbeten konnte.

Es gab vielerlei Gfühle, scheinbar, aber im Grunde waren sie alle eins. Man kann alles Gefühl Willen nennen, oder wie immer man es bezeichnen mag. Ich nenne es Liebe. Glück ist Liebe, nichts anderes. Wer lieben kann, ist glücklich. Jede Bewegung unserer Seele, in der sie sich selber empfindet und ihr Leben spürt, ist Liebe. Glücklich ist also der, der viel zu lieben vermag. Lieben aber und Begehren ist nicht ganz das­selbe. Liebe ist: weise gewordene Begierde. Liebe will nicht besitzen; sie will nur lieben. Darum war auch der Philosoph glücklich, der seine Liebe zur Welt in einem Netz von Gedanken wiegte, der immer und immer neu die Welt mit seinem Liebesnetz umspann. Aber ich war kein Philo­soph.

Auf den Wegen der Moral und Tugend war für mich kein Glück zu holen. Da ich wußte: glücklich machen kann nur die Tugend, die ich in mir selbst empfinde, in mir selbst erfinde und hege wie konnte ich da irgendeine fremde Tugend mir aneignen wollen?! Aber das sah ich: das Gebot der Liebe, einerlei, ob es von Jesus oder von Goethe gelehrt wurde, dies Gebot wurde von der Welt völlig mißverstandenl Es war überhaupt keinGebot". Es gibt überhaupt keine Gebote. Gebote sind Wahrheiten, wie der Erkennende sie dem Nichterkennenden mitteilt, wie der Nichterkennende sie auffaßt und empfindet. Gebote sind irrtümlich aufgefaßte Wahrheiten. Der Grund aller Weisheit ist: Glück kommt nur durch Liebe. Sage ich nunLiebe deinen Nächsten!", so ist das schon eine verfälschte Lehre. Es wäre vielleicht richtiger zu sagen:Liebe dich selbst so wie deinen Nächsten!" Und es war vielleicht der Urfehler, daß man immer beimNächsten" anfangen wollte.

Jedenfalls: Das Innerste in uns begehrt Glück, begehrt einen, wohl­tuenden Zusammenklang mit dem, was außer uns ist. Dieser Klang wird gestört, sobald unser Verhältnis zu irgendeinem Ding ein andres ist als Liebe. Es gibt keine Pflicht des Liebens, es gibt nur eine Pflicht des Glücklichseins. Dazu allein find wir auf der Welt. Und mit aller Pflicht und aller Moral und allen Geboten macht man einander selten glücklich, weil man sich selbst damit nicht glücklich macht. Wenn der Menschgut" fein kann, jo kann er es nur, wenn er glücklich ist, wenn er Harmonie in sich hat. Also wenn er liebt.

Und das Unglück in der Welt, und das Unglück bei mir selbst tarn also daher, daß das Lieben gestört war. Von hier aus wurden mir die Sprüche im Neuen Testament plötzlich wahr und tief:So ihr nicht werdet wie die Kinder" oderDas Himmelreich ist inwendig in euch."

Dies war die Lehre, die einzige Lehre in der Welt. Dies sagte des Menschen eigenstes Inneres: feine Seele, feine Liebesfähigkeit. Ist die in Ordnung, fo mag man Hirse oder Kuchen essen, Lumpen oder Juwelen tragen, dann klang die Welt mit der Seele rein zusammen, war gut, war in Ordnung.

Nichts vermag der Mensch so zu lieben wie sich selbst. Nichts vermag der Mensch so zu fürchten wie sich selbst. So entstand zugleich mit den anderen Mythologien, Geboten und Religionen des primitiven Menschen auch jenes seltsame Uebertragung- und Scheinsystem, nach welchem die Liebe des einzelnen zu sich selber dem Menschen für verboten galt und verheimlicht, verborgen, maskiert werden mußte. Einen andern zu lieben, galt für besser, für sittlicher, für edler, als sich selbst zu lieben. Und da die Eigenliebe nun doch einmal der Urtrieb war und die Nächstenliebe neben ihr niemals fo recht gedeihen konnte, erfand man sich eine mas­kierte, erhöhte, stilisierte Selbstliebe, in Form einer Art von Nächsten­liebe auf Gegenseitigkeit. So wurde die Familie, der Stamm, das Dorf, die Religionsgemeinschaft, das Volk, die Nation zum Heiligtum. Der Mensch der sich selbst zuliebe nicht das kleinste Sittengebot übertreten darf für die Gemeinschaft, für Volk und Vaterland darf er alles tun, auch das Furchtbarste, und jeder sonst verpönte Trieb wird hier zu Pflicht und Heldentum.

Solche Erkenntnisse kommen langsam, man windet sich zu ihnen in Spiralen hinan. Und wenn sie da sind, so ist es, als habe man sie im Sprung, im Nu erreicht.

Mer Erkenntnisse sind noch nicht Leben. Sie sind nur ein Weg dazu, und mancher bleibt ewig auf dem Wege. Auch ich ahnte den Weg, glaubte ihn bestimmt zu wissen, und kam doch nie so recht vorwärts auf ihm.