Ausgabe 
11.7.1930
 
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SichenerKunilienblötter

Unterhaltungsbeilage zum Sietzener Anzeiger

Jahrgang 1930 Freitag, den U.Iuli Nummer 53

Unbekannte Freundin

Von Peter Mendelssohn.

Einer meiner Freunde brachte eines Tages dieses Bild. Er brachte es aus Amerika mit vielen anderen, die er aus einem weiten braunen Um- ichlag herauszog und auf meinen Tisch legt«. Bilder aus Hollywood waren

genau genommen, auf einem jeden stand hinten der Titel des Films, oer Name des Regisseurs und der der Filmgesellschaft. Dabei ist ein -batum, Los Ageles, USA.

Ich habe Hibbie für dich mitgebracht", sagte mein Freund, und c~*m Un*<r &en Bildern; dann zog er eines heraus, stellt« es auf meinen Schreibtisch, betrachtete es noch einmal lächelnd aus der Entfernung, schob ie anderen wieder in das Kuvert und wünschte Guten Abend, lachend, °hne sich umzusehen.

äch fand, das war fast wie ein böser Streich, den er mir gespielt hatte. 7? M^rte mich, schließlich mußte ich lachen und knipste das Licht an.

'°^°mmerung wich aus dem Raum.

!e i,, $*bbie f° zum erstenmal. Viele tausend Menschen mochten sie e9tenmo[ gesehen haben. Mein Freund hatte einiges Raffinement Mii. hatte die schmale hohe Photographie unter den Strauß mit J en gestellt, der in einem blauen steinernen Krug sich sternengleich

Song auf Anna May Wong.

Von Anton Schnack.

O Wong, o Nam« wie ein Gong, Das sei mein heiser hingebebter Song."

In der Nacht sind Schiffe gekommen; ahoi rufen die Matrosen, Mit Salzgesichtern, kleinen Affen und lackschwarzen Chinadosen.

Sie schenkten mir für dich einen grünen chinesischen Fächer, Blüten sind darauf, Vögel, Drachen und gezackte Pagodendächer.

War dein Vater ein wächserner, hinkender Mandarin?

Oder ein Reiter im blauen Heere des großen Marschalls Tschangsolin?

Oder saß deine Mutter als Sängerin im elfenbeinernen Teehaus am Weiher Und fang, vor die Türe gekniet, zu der Traurigkeit einer klirrenden Leier?

Wenn ich dich sehe, ich Dichter mit dem katholischen Vornamen Anton, Fühle ich den Wirrwarr und die Zwiebelgerüche von Kanton.

Ich habe das donnernde Rauschen des gelben Flusses im Ohr Und den Einfall krähender Kraniche in das knackende Abendrohr.

Die Prinzessin Sin-Kiün bist du, Anna May, nicht;

Diese schrieb über den Herbst ein auf Silber gesticktes Vierzeilergedicht.

Du bist, eh wir dich sahen, durch die Steppen der Mongolei auf Kamelen geritten,

Du hast als 72. Frau eines Marschalls in den Reiterschlachten mit einem Säbel gestritten.

Du hast in der Sänfte gesessen, auf dem Schoße einen glühenden Molch, Es kam ein Entführer und seinen Hals durchschnitt dein geschmiedeter Dolch.

Dann hast du lächelnd nach den Schwänen am Abendhimmel geseh'n

Und nach dem Falle der Flocken und geweint über der Pfirsichblüten Vergeh'n.

Ich habe ein heiliges Glas, wenn sich das Mondlicht drin spiegelt, Sind die Dämonen des Klosters am grauen Berg Tschung Tang entsiegelt. Aber du bist wilder als sie und entsprossen der Dynastie der erhabenen Mandschu

Und beschenken würde mich schon der hinschwindende Duft von deinem zärtlichen Handschuh.

In dir glühen die Landschaften, mit blauen Pflaumenbäumen beladen, Mit Goldfasanen im Schnee, Sonnendächern aus Gold und Pagoden voll Göttern und Gnaden.

In deinem Gesicht ruht Asien, schweigsam, uralt, unenträtselt, grausam, ein Abenteuer:

Du bist ein Traum aus ihm, ein Licht daher, «in gelbes Lampionfeuer!

voller Majestät über meiner Schreibmaschine erhob. Ich besann mich einen Augenblick; ich wollte ja nicht, daß dieses Bild unter den Dahlien stand, di« Madeleine mir am Abend vorher geschenkt hatte. Aber ich nahm es dann doch nicht fort: zu seltsam, Madeleines Dahlien machten sich so liebevoll mit Hibbies zartem Antlitz heimlich. Ein feiner weißer Rand umschloß das Bild. Hibbie hatte einen grauen Flauschmantel an, oben in der linken Ecke, wo der weiche Kragen sich sanft von ihrem. Hals weg­bog, saß eine Stoffblume, müde und schwelgerisch. Eine graue, sicher aus feinstem weichen Filz geschnittene Kappe sah ihr schmiegsam um den Kopf, ihr schwarzes Haar schaute nur an einer Ecke unten in einer Welle heraus, dunkel und lebendig. Und schließlich eine schwarze Kette, aus großen dicken Perlen, senkte sich tief in den Ausschnitt ihres Mant«ls hinein.

So betrachtete ich Hibbie, die mein Freund so genannt hat, ob sie so heißt oder nicht, wer weiß. Ich habe von ihrem Gesicht noch nichts gesagt, ich kann auch wenig sagen, denn ich kenne ihr Gesicht zu wenig. Vom vielen Anschauen wird es immer strenger und verschlossener, nicht böse eigentlich, nein, aber es ist dann fast, als senkten sich ihr« weit geschwun­genen, dunklen Lippen m«hr und mehr gegeneinander, als hebe sich ihr verweilender Blick aus der Tiefe herauf und würde von den tiesschwarzen Brauen mehr und mehr umschlossen, als zeige der Schwung der Rase keine feine Erregung mehr, als wende sie ihr Antlitz von mir in ein« fremdere, seitliche Stellung.

Vielleicht mag sie mich nicht, weil ich sie so viel betrachte, vielleicht ist Hibbie mir wirklich böse.

Ich versuchte, das Bild zu vergessen: aber es geschah, daß ich es nicht von seinem Platz bewegte. Ja, es fügte sich zudem, daß ich schließlich mehr und mehr an Hibbie dachte. Sie sieht mich, dachte ich, wie ich dies und jenes tue, sie blickt mich an, während ich mein Geld zähle und fie lächelt, wenn sie gewahrt, wie ich arbeite, wie meine Finger über die Tasten der wen sie gewahrt, wie ich arbeite, wie meine Finger über die Tasten der Schreibmaschine laufen, und es ist, als wollte sie eigentlich sagen: Lieber, mußt du dich so quälen? Dann lächelt sie selbst manchmal, scheint es mir, wenn ich des Abends nach Hause komme, wie neulich, vom Regen trief­naß, und den Schlafrock anziehe und die Zigarette im Dämmern anzünde. Dann lächelt Hibbie, dann ist sie ganz bei mir.

Wie es so geschehen muhte, sah ich in jenen Tagen Madeleine nicht. Am Tage vor Hibbies Ankunft so nenne ich es schon hatte sie mir di« Dahlien gebracht. Seltsam, sie waren noch nicht welk, noch immer nicht. Dann sah ich Madeleine nicht. Ich macht« sie auch nicht anrufen. Sicher war es ja fast, daß sie nicht zu Hause war.

Aber Hibbies dunkles Gesicht machte sich Gedanken über meinen Wandel. Warum kränkst du Madeleine? fragte sie mich, die dir die Blumen geschenkt hat, unter denen ich stehe. Ohne sie wäre ich sicher nicht so schön, und du liebtest mich nicht s« sehr. Ja, antwortete ich, Hibbie, aber es kommt nicht alle Tage aus Amerika eine, wie du bist zu mir sieh, ich ahne das Fremde aus dir, ich denke, ich träum«, du gibst mir die Sehn­süchte, Hibbie, kleine Hibbie, ich arbeite viel besser, seit du da bist, du weißt es selbst. Nein, antwortete Hibbie jetzt, es ist nicht recht du mußt Madeleine rufen, sie wartet auf dich, sie hat dir die Blumen geschenkt, weißt du, vergiß es nicht. Ja, aber sie wären längst ver­welkt, wenn sie nicht um dich stehen dürften, Hibbie. Dahlien halten nie­mals in aller Welt so lang und Madeleine wird sagen, ich soll die Photographie weg tun.--

Photographie ich vergesse wirklich zu Stunden, daß Hibbie nur eine Photographie ist nur eine Photographie? Die schönste, leben­digste, die man sich denken kann also doch Hibbie so lebendig!

Aber es ist wahr ich muß es gestehen Madeleine kommt nicht. Viele Nächte unterhalte ich mich mit Hibbie, die mir viele Spässe und verliebte Scherze erzählt. Sie lacht, ihre Stimme erfüllt das Zimmer, ich küsse sie; ich schaue sie an. Ja, darin bleibt es dann zumeist am Ende beschlossen. Ich schaue sie an. Ich sehe sie so viel und so gern, daß ich sie nicht mehr wegdenken kann. O Madeleine wird sich trösten müssen. Aber sieh, sagt« Hibbie unter den Blumen, die Dahlien wollen nicht verwelken.

So kam ein Abend, an dem Hibbie müde und mit gläsernen Augen traurig aus dem weißen Rahmen zu mir blickte. Was ist dir, Hibbie, fragte ich und sah auf ihre Augen, die so traurig zu glänzen schienen. Aber an diesem Abend gab Hibbie mir keine Antwort, auch kein Blick von ihr hatte eine Bedeutung außer jener immergleichen Zärtlichkeit, mit der sie mich jetzt umgab. Ich konnte keinen Vorwurf, kein Leid, keinen Schmerz entdecken. So löschte ich das Licht, und Hibbie verfolgte mich vom Schreibtisch aus, wie ich mit der glühenden Zigarette im Mund im Zimmer auf und ab ging und mich schließlich weinend zu Bett legte.

Andern Tages war dann Madeleine doch plötzlich da. Sie sagte, sie sei verreist gewesen, aber sie habe sich doch wundern müssen, daß ich ihr nie