Verantwortlich: Dr. Hans Thyrivt. — Druck und Verlag: Drühl'fche Llniversitäts-Vuch- und Steindruckerei. A. Lange, Gietzr"»
Habt ihr schon je einen Scherz mit ihm machen können? Nein. Er würde euch nur mit seinen kalten Augen ansehn, daß ihr euch abwenden müßtet. Er sitzt bei den Mahlzeiten mitten unter euch, aber er gehört nicht zu eurer Gemeinschaft. Er klagt niemals mit, wenn ihr etwas zu leiden habt. Aber er kann euch mit wenigen Worten zeigen, wie sehr ihr doch leidet. Er ist wie ein böser Geist unter euch, der euch heimlich aufhetzt und ~ ' ihr euch gegenseitig zerzaust. Es ist so,
-meinsamen Schicksal unbeteiligt sei. Es
dann seine Freude hat, wenn i , , „ „ . „ „ „ .
als ob dieser eine an dem gemeinsamen Schicksal unbeteiligt sei. kümmert ihn gar nicht. Er fürchtet das Ende nicht. Oder vielleicht kommt dieser Gedanke gar nicht in sein Hirn, daß er in Eisland verrecken könnte wie alle ... Irgendeine große Macht ist hinter ihm, die ihn alles ertragen macht. Kennt er vielleicht das große Geheimnis des Todes, daß er ihn nicht mehr fürchtet? Es muß wohl so etwas sein. Und als Arzt hat er sicherlich hundert Tote gesehn. Sterben hat für ihn seinen Schrecken
verloren.
Und doch, nein. Als es vor Tagen hieß, gleich nach dem Fest, das ste gefeiert hatten, daß die Wasserlöcher zugesroren seien und es keinem gelang, sie wieder aufzuschlagen, habt ihr ihn da gesehn, wie bleich er war, 'wie sehr eingefallen sein Gesicht?
Es gibt ja seltsame Menschen. Die einen fürchten die Kälte oder den Hunger. Diesen da könnt ihr nur schrecken mit Verdursten.
„Glaubt es oder glaubt es nicht, dieser Mann ist stärker als wir alle", erklärte Kislingbury.
Daß er mit Greely am meisten verkehrte, hatte seinen Grund, weil er philosophische und geistreiche Gespräche liebte und einen Gegner brauchte, mit dem er debattieren konnte. Er liebte das Wort als blitzendes Instrument in der Debatte.
Manner, die Heimweh bekommen, sind wie kleine Kinderk
Drinnen in der Hütte sprachen sie auch von Frauen. Sie schämten sich wohl voreinander. Irgend etwas brauchten sie aber in der Christ- nacht, das ihnen lieb war, das sie wenigstens mit Worten streicheln konnten. Jeder hatte etwas zu erzählen, von seinem Mädchen, seiner Schwester oder der Mutter. Liebevolles, Zartes, Unvergessenes.
„Damals, Kameraden, als ich noch klein war..."
„Meine Mutter sagte immer..."
Und die Bilder von vielen Frauen flössen ineinander und bekamen schließlich nur ein einziges Gesicht. Es war eine einzige. Unerreichbare, von der sie sprachen, die jedem gehörte, die sie anb.eteten.
„Mutter!" sagte Israel leise. „Mutter!"
Elison lag fiebernd auf seinem Lager und murmelte im Halbschlafe wirre Worte. . ,, .
„Mutter!" echote er; er war mit seinen Gedanken wohl auch in der ^Nur Dr. Pavy schlief traumlos und fest. Greely ließ ihn nicht wecken. Er kannte das Geheimnis dieses Zynikers, dem die Christnacht so wenig bedeutete wie jeder andere Tag. Dr. Pavy wollte dem heulenden Elend, wie er es nannte, entgehn. Er haßte Sentimentalität und Romantik.
Der Arzt hatte sich heimlich Morphium genommen und schlief. Es war auch ein Diebstahl, aber keiner erfuhr davon.
Croß und Lockwood kamen vom See zurück. Mit leeren Eimern.
„Habt wohl nichts gefischt, he?"
',Zu kalt draußen", sagte Croß grimmig.
„Es ist noch Wasser genug in den Kesseln. Kommt."
Gardiner schenkte nochmals die Becher voll, und sie mischten sich Rum hinein. Ganz sparsam. Sie wollten den Genuß ins Unendliche auskosten.
Nein, niemand hatte Mißtrauen, als sie ohne Wasser zurückkamen. Wer dachte heute auch an ein neues Unglück.
Es war doch ein froher Tag. Und draußen spiegelten die Sterne. „Was ist", fragte Greely leise.
„Die Eislöcher sind zugefroren, Kommandeur."
In dieser Nacht blieb es noch ein Geheimnis. Greely wollte keinem die Festfreude verderben.
Ein merkwürdiger Mensch dieser Dr. Pavy! Wahrhaftig. Kislingbury, der im ersten Winter im Fort Conger mit ihm im gleichen Raum geschlafen hatte, kannte ihn wohl am besten, aber er durchschaute ihn ebensowenig wie irgendeiner von der Mannschaft. Es hieß, daß er sich aus Leidenschaft zum Abenteuerlichen freiwillig zu dieser Nordpolexpedition gemeldet habe, nachdem er viele Jahre als Schisfsarzt in den Tropen gereist war. In Bolivien hatte er die Malaria bekommen, die durch den Stich einer bestimmten Mückenart ins Blut übertragen wird. Und viele Jahre lang waren die Anfälle immer wieder aufgetreten, auch als er längst wieder in Amerika war.
Ob diese Krankheit auch geistige Störungen auslöste, wär ungewiß. Zweifellos ober war dieser Arzt nie wieder gesund geworden, wenn er in Eisland auch nicht mehr unter seinen Fieberattacken zu leiden hatte. Er hatte, wie Henry, keine Freunde unter der Mannschaft, aber jeder wußte, daß er seine Hilfe nicht entbehren konnte und suchte sich mit ihm gut zu stellen. Dieser Arzt war ein ganz eitler Mensch, der sich keinen Tag vernachlässigte.
Brainard und Lynn hatten ihn im ersten Jahre täglich rasieren müssen. Und in seinem Arzneikasten hatte er alle möglichen Salben, die er für sich verwendete, um die Haut weich und geschmeidig zu erhalten. So sah man ihm die Leiden der Polarwinter auch am wenigsten an, während sich alle nach Möglichkeit verwahrlosen ließen. Auch später ließ er sich den langen, seidigen Vollbart schneiden und als er keine Hilse mehr fand, tat er es selbst.
Die Leute hielten immer Abstand von ihm und hatten vielleicht mehr Respekt vor ihm als vor Greely selbst, der in den Zeiten der Not seinen Offiziersrang ganz vergessen hatte und schließlich nur noch Kamerad sein wollte. Gleich jedem andern. Gut so. Die Leute anerkannten das. Aber ihr Respekt vor dem Arzte wurde nicht geringer.
Was konnte man in der endlosen Nacht im Fort Conger auch Besseres treiben, als zu plaudern, zu lesen oder Tagebuch zu führen. Die wenigen Bücher, die sie mitgenommen hatten, waren bald und zu oft durchstudiert; Schach konnte Greely nicht gut spielen und den Arzt reizte nur ein starker Gegner. Da war Israel, der Benjamin.
„Bitte, Doktor, wollen wir nicht mal unsere Kräfte messen?"
Als Antwort nur ein Nicken.
Israel gewann zwei Partien, weil Dr. Pavy nicht aufpaßte, verlor die dritte nach wenigen Zügen, weil er sich über seinen leichten Sieg freute und dann spielten die beiden Männer niemals wieder zusammen. Israel ragte nicht weiter. Er hatte begriffen, wie lästig er dem andern war.
Nein, er suchte ihn nicht.
Dr. Pavy hatte sich einen Vorrat wundervollen Tabaks milgenommen. Er konnte ihn weniger entbehren als Mahlzeiten. Als später das Rauchzeug knapp wurde und die Mannschaft anfing, Moose und Flechten zu trocknen, nur um die Illusion zu haben, daß die Pfeife noch brannte, rauchte er heimlich. Er hatte noch ein paar kleine Heftchen voll dünnen Papiers und drehte sich die Zigaretten selbst.
Kommandeur Greely hatte sich oft mit ihm beschäftigt, wenn er sein Tagebuch führte. Er hatte sein Wesen am besten erkannt, wenn er sich notierte, daß er ein unbeständiger und eigennütziger Mensch war, ein Mensch ohne Herz.
So etwa war er.
Und jetzt hättet ihr ihn sehen sollen, als sich ganz unerwartet die Hütte zur Krankenstube wandelte. Oh, sie alle hatten ihm auf einmal vieles abzubitten, sie hatten seinen wahren Wert wohl nicht erkannt, weil eine ärztliche Hilfe noch niemals recht erprobt worden war. Elison, der arme Teufel, war bisher der einzige gewesen, der ernsthaft zu leiden hatte. Und wie hatte er diesen Dr. Pavy hassen gelernt. Es war nicht so gewesen, daß da ein gütiger und besorgter Mensch an ein Krankenlager kam und mitleidend helfen wollte.
Hart und grausam war jedes Wort, das er sprach.
„Du hast den Brand in den Füßen, Elison!" sagte er nur. „Du mußt dich in acht nehmen, daß er nicht weitergeht."
Als wenn sich ein Kranker hüten könnte, daß sein Leiden um sich greift. Als Elisons Füße brandig geworden waren und ganz gefühllos, als der Frost rote Striemen hinaufzog bis an die Knie, sagte Dr. Pavy:
„Wenn du noch weiterleben willst, Elison, dann mußt du mit allem einverstanden sein, was ich dir sage."
Elison wollte weiterleben. Er hatte Frau und Kinder zu Hause, die aus ihn warteten. Er war noch lange nicht zermürbt und müde.
„Mit allem, Doktor", ächzte er.
„Wir müssen dir die Füße amputieren, Elison."
Sergeant Elison fürchtete das Messer nicht so sehr wie den Tod.
Welch ein bewundernswerter Arzt dieser Dr. Pavy doch war! Und wie er sich auf sein Handwerk verstand!
Henry Bierderblck, den sie den Mann ohne Nerven getauft hatten, weil er vor nichts zurückschreckte und gegen jeden Schmerz unempfindsam schien, sollte ihm assistieren. Er hielt es keine Viertelstunde aus. „Da drinnen ist die Hölle", sagte er nur und kotzte in den Schnee, was er aus dem leeren Magen herauswürgen konnte.
Dr. Pavy arbeitete allein weiter.
So hatte es bei Elison angefangen. Er hatte nur noch zwei Bein- stumpfe, auf denen er nicht einmal mehr stehen konnte. Er kroch nur noch wie ein verwundetes Tier. Aber die Wunden heilten in der Wärme der Hütte. Der Brand fraß nicht weiter, und der Krüppel Elison war gerettet. Der Frost, der ihm bei der Flucht von Grinnelland in die Glie- der gefahren war, ließ sich aber nicht so leicht vertreiben. Jetzt begann die eine Hand sich zu verfärben, und später die andere.
„Wir müssen dir auch die Hand abnehmen, Elison."
Elison heulte auf vor Wut. . „ .
Und dann hatte er nur noch zwei Stümpfe an den Armen, em Wrack war er geworden, und Brainard schnallte ihm täglich mit einem Riemen den Löffel um den Stumpf, damit er wenigstens essen konnte.
Kein Arzt sonst hätte Elison wohl gerettet. Es waren Meisteroperationen und er blieb am Leben. Wie er es gewollt hatte.
Elison war ein Held. Der größte von diesen allen. Er hatte ein großes Herz. Er wollte von keinem bemitleidet sein, aber er haßte Dr. Pavy wegen der Sachlichkeit. Von diesem einen hätte er ein mitleidiges Won hören mögen. Rur von diesem einen, der ihn gerettet hatte.
„Du bist ein bewundernswerter Kerl!" hätte er sagen sollen. Dann würde Elison geantwortet haben: „Nicht der Rede wert, Doktor, l» gibt noch Schlimmeres."
Aber Dr. Pavy sah nur die Krankheit und suchte sie zu überwinden. An die Seele des Leidenden dachte er nicht. Er war ein Chirurg, er mar ein Metzger. , , „„
„Gibt es nicht irgend was, das mir die Schmerzen nehmen kann, Doktor? Nur ein paar Tage lang, bis die Wunde verheilt ist?"
Dr. Pavys kalte Augen starrten über ihn fort.
„Du wirst es überstehn, Elison, verlaß dich drauf. Du wirst noch leben, wenn die andern verreckt sind. Glaub mir. Nein, ich kann dir nid)*5 geben, was dir die Schmerzen nimmt. Ich muß mit dem bißchen Morphium sparen, verstehst du?"
„Für wen? Für wen denn?"
„Es gibt auch noch andere."
helfen sie doch. Heute. Jetzt. Was morgen ist ..."
„Das verstehst du nicht, Elison."
„Es gibt nichts Schlimmeres, Doktor."
Er erhielt keine Antwort mehr.
(Fortsetzung folgt.)


