Ausgabe 
11.4.1930
 
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Max Reirchar-i führt Mgie.

Von Peter Hamecher.

Mit Max Reinhardt erschien etwas auf dem Theater, was es In diesem Sinne bisher nicht gegeben hatte: Primat der, Regie auf der Bühne der geniale Regisseur. Otto B r a h m gab einer Zeit den Buhnen- stil aber er hat niemals Regie geführt; seins Regisseure jedoch waren nur Mittelleute, Funktionäre, die nicht in den Vordergrund treten. Bei Rein­hardt aber kam eine Totalität von Eigenschaften zusammen, die der Spielleitung ein anderes Gewicht gegenüber Dichtung wie Darstellung verliehen. Die Regie wurde schöpferisch aus ursprünglicher, gefichibesessener Phantasie. Einzelfall einer außerordentlichen Genialität! In Reinhardt lebt der Dichter und der Schauspieler, der Maler und der Musiker. In seinen Inszenierungen verschwanden nicht die Einzelkräfte der Verkörpe­rung. Sie wurden keineswegs vergewaltigt und ausgelöscht. Sie ver­einigten sich nur in seiner Phantasie zu einer unerhörten Gesamtheit. Er gab erst den Glanz, den Rhythmus, den Stil und schuf das Ganz« aus seiner Vision, aus der gesteigerten impressionistischen Sensibilität des Wesens. m

Reinhardts Leistungen sind dem Gedächtnis einer ganzen Generation eingegraben. Wie zu einer großen heiligen Feier ging man ehedem ins Deutsche Theater, und wer je in seine Nähe kam, wer je den Atemzug der Persönlichkeit spüren durfte, war dein großen Magier ganz ver­fallen. Der Weg aber zur Leistung, die Arbeit, daraus das Werb in

fle fest ein Aber wirre Traume narrten sie. Sie träumte, daß sie nun Iran Lerbemaier sei, was doch völlig sinnlos war, denn wenn Herr Lerbemaier, der Witwer, ihr auch den Hof machte, so hatte sie an diese '^°Al^sie^um halb'sieben°ausstand, war auch Herri schon wach unb auf Entdeckungsreisen ausgegangen. Aber wohlerzogen, wie er war hatte e nichts Uebles angerichtet. Er lief auf die neue Tante zu, um ihr einen 'Ui^Sie^fruhsttickten. Danach wollte Eugenie mit dem Knaben ^ur Polizei­station aeben. Sie gestand sich, daß es ihr leid tat, ihn schon fortgeben L, müssen denn sie hatte ihn in der kurzen Zeit sehr heb geroonnen. Etwas aanz Neues und Frohes bedeutete ihr die Anwesenheit des kleinen Gastes So kam es daß sie zögerte, zu lange zögerte. Dann kamen die ersten'Kunden Das Geschäft durfte nicht vernachlässigt werden. Sie schickte die Aufwärterin fort und gab dem Kind einige der begehrten Spielsachen die ihm gestern im Laden so gut gefallen hatten.

toP6o ging es bis Mittag. Auch jetzt fand Eugenie eine Ausred , daß

(I$a!m Abend'las'sie^in der Leitung die ausicheicerregende Nochrttht dab

sich des hochragenden weißen Hauses, inmitten eines großen Parks, de ^"SS^Übe^ie'l'^.^Ißie sollte sie das Nichtabliefern des Kindes er­klärt, wie die vierundzwanzig Stunden Verspätung selnes Wiederauf- taucknms? Sie wußte es nicht. Das gute Fraulein Wendler fühlte sich als Schwerverbrecherin. Schon sah sie sich gestellt und m einem Kreuz­verhör elend verraten. Da sie nicht wußte, was sie unternehmen sollte, 3Ö96ae&enbeS5iage hin. Es mutzt? eine martervolle Zeit für die Eltern des Kindes feiiu Eugenie sagte sich dies. Und doch vermochte pe iick, diese ganze Zeit über zu keinem entscheidenden Schritt aufzurasstn. Bald war sie willens, ein Ende zu machen mit dieser Ungewißheit. Aber der nächste Augenblick fand sie schon wieder schwach, unfähig zu einem klärenden Entschluß. Dazwischen genoß sie das Gluck der Gegenwart des Kindes wie eine verbotene Frucht. Sie überhäufte den Klemen mit Lieb- kosunaen beschwichtigte seine wachsende Ungeduld, wieder nach Hause zu kommen' mit tausend Vorwänden, Tändeleien, Ablenkungen. Sie brachte ihm Spielzeug, bereitete Leckerbissen für ihn, und in den ungestümen Beweisen ihrer Teilnahme für dieses ihr noch vor kurzem fremden Leben lag eine Leidenschaftlichkeit, die ihr sonst völlig fremd war. Es schien ihr gerade so ohne daß sie es sich eigentlich klarmachie als müsse sie nun Abschied nehmen, unwiederbringlichen, schmerzlichen Abschied von-etwas Schöneyi und Lieblichem, wie es ihr nie im Leben wieder begegnen tDnSn diesen drei Tagen lebte sie derart von der Umwelt abgeschlossen, daß ihre Bekannten sich wunderten. Besonders Herr Lerbemaier, der stattliche Witwer von nebenan, der sie gern sah und ost zu einem Schwuß- chen kam, war erstaunt, an ihr eine beinahe ängstlich schroffe Zurück­haltung wahrzunehmen. Und eine Hoffnung, die er heimlich genährt, kam ins Wanken. Er sah traurig drein. ., . ' .

Am dritten Tag endlich entschloß sich Eugenie Sie schrieb einen B«f an den Vater des Kindes, den Herrn Generaldirektor. Sie klagte sich selbst ihres verwerflichen Tuns an und erbat Verzeihung. Sie ging allem aus und gab den Brief an dem Gittertor der Villa einem Diener

Eine Stunde später hielt das Auto des Herrn Generaldirektors vor ihrem Hause. Der Vater Herris stand vor ihr. Er sprach wenig und sah hochmütig aus, wenngleich er sich offensichtlich muhte, liebenswürdig zu sein. Herri wirkte gegen ihn unsäglich winzig.

Er dankte Fräulein Wendler herzlich für ihre Bemühung und all. $r$errUtmftommerte sie und wollte seiner lieben Tante Eu noch einen Abschiedsknß geben. Er versprach, sie zu besuchen, wozu Eugenie skeptisch Iad,2)ann saßen sie im Wagen. Herri winkte noch. Es war Mittag und still in der Straße. Nur Herr Lerbemaier stand in der Tur und sah zu.

Gerade wollte er verdrossen wieder hineingehen, aber da grüßte Eugenie ihn so freundlich, daß er vor Ueberraschung einen roten Kops bekam.

vollkommener Gestatt entsteht, entzieht sich dem allgemeinen Blick. Rein- Hardts Arbeit auf den Proben ist zwar oft genug beschrieben worden. Vor den Proben aber liegt schon die erste visionäre Gestaltwerdung des Werkes, liegt die Arbeit am Regiebuch, die einer Beschreibung wohl ^Manche Regisseure kommen mit einem ganz unfertigen Buch zu den Proben. Die Durchschutzblätter find vollkommen weiß. Das Stuck ent­wickelt sich diesen Spielleitern erst während und an der Probenarbeit, unb so gewinnt auch das Buch erst allmählich seine Gestalt, wenn es nicht überhaupt ein Chaos von Andeutungen und Zufallsbemerkungen bleibt. Reinhardt aber kommt mit einer vollkommen festgelegten VorsteMmg von dem Stück zu den Proben. Er sieht jede Gebärde, jeden Zug des Gesichtes; er hört den Tonfall der Stimmen in jedem Augenblick M feinem Ohr, und das alles ist in den Regiebüchern mit der peinlichsten Genauigkeit verzeichnet. Die Regiebücher Reinhardts find an sich schon Kunstwerke und Zeugnisse auch einer vorbildlichen Hingabe an die Arbeit.

Das Regiebuch ist ein Exemplar des Stückes, das mit weißen Blattern, meist größeren Formats, durchschossen ist. Die Bucher Max Reinhardts sind in ein dünnes, braunes Saffian gebunden. Wenn man em solches Buch ausschlägt, sind die Blätter mit Reinhardts runder voller Schrift in violetter Tinte ganz bedeckt. Aber auch die Ränder des eigentlichen Text­buches sind beschrieben, und noch zwischen den Zeilen stehen Bemerkim- aen Zahlen und Zeichen, Hindeutungen auf die geschriebenem Seiten. Unterstreichungen, Zeichen, Abbreviaturen deuten Modulation, Einschnitt usw. an. Auf den weißen Seiten aber stehen Beschreibungen des Raumes, Skizzen, die die Stellungen der Personen festlegen, Charakterisierung der Gestalten bis hinein in den Stimmfall und tausend andere Dinge. Nun, es mag Regisseure geben, die ihre Bücher nicht weniger sorgfältig anlegen. Das Merkwürdigste an einem Reinhardtschen Regiebuch ist aber das, nws zwischen den Zeilen, über den Zeilen ist, und was sich bei der Durch arbeitunq eines solchen Buches unerhört aufdrangt: das Zwingende und überfüllt Gesichthafte der Gesamtvision. Reinhardt inszeniert nicht nur ein Stück, sondern dichtet es aus eigener Phantasiefulle m eine neue Wirk­lichkeit hinein.

Statt vieler Worte sei hier ein Beispiel gegeben. Eine der größten Leistungen war Reinhardts Inszenierung von Pirande losvechs Personen suchen einen Autor. Der Untertitel des Stuckes lautete:Ein Stück - das gemacht werden soll^ Der streckenweise imaus- gesührte Text des Italieners verlangte nach For entwicklung, und hier konnte sich auch das dem Dichterischen ursprünglich Nahe in Reinhardts Westn zeigen. Die Aufgabe war, dem Stück und seinen Personen sinnltth- Siditbcirteit und Rundung zu geben, und Reinhardt leistete das. Er erst entwickelte die Situation; er gab der Mutier die Leidtone, die man ans den Blättern der Handschrift förmlich herausseufzen hwte; er schuf eigent- lief) erst die seltsam unwirkliche Figur der kupplerischen Madame Pac« und gab dem Theaterdirektor den Humor der Schusieligkeit. Was Piran- MIo angebeutet hatte, aber ohne Lösung liegen hetz,, bekam erst hi seinen vollen Ausklang. Man konnte sich aus dem Regiebuch bei einiger Phantasie die Aufführung ganz wirklich vorstellen, und man sah auch, ohne die Besetzung zu kennen, jeden Darsteller, den Reinhardtmm> Au aehabt- das ist Pallenberg, das die Höflich, das JJiargar® Kupfer und das ist Gülstorfs. Reinhardt sah in seiner Wntafi bi" Mauren so stark in diesen Verkörperungen, daß er leden Ton und jede Geste mit fast nachtwandlerischer Sicherheit festlegen konnte. Ei- Vergleich illustriert. Bei Pirandello lautet die Eintrittsszene bei Madam

sßacc foz

»ater: Sehen Sie, Herr Direktor, vielleicht wird Madame Pace, Mim wir ihr so den Eintritt etwas besser vorbereiten durch die Gegenstand ihres eigenen Geschäftes angezogen! Wer weih, ob sie nicht..plötzlich J uns steht... (Fordert die Anwesenden auf, nach der Tur >m Hinter­grund zu sehen.) Sehen Sie, da ist sie schon!... (Die Tur tm $intert|ni gebt auf; Madame Pace erscheint und tritt wenige schritte vor. Sie >! ein dickes Weib mit rotblond gefärbtem Wuschelkopf geschminkt unb etw aufgetakelt; sie trägt ein Kleid von schwarzer Seide, um die Taille ew lange silberne Kette, an der eine Schere hangt. Wahrend tue Schau,pe ftarr vor Staunen sind, läuft die Tochter ihr rasch entgegen:Da ist st ja! Hier'und Reinhardts Ausführung, die dem Auftritt erst das Gespm stische und Erregende gibt:

Vater (halblaut und erregt zum Direktor): Sehen 'eie, Arr Direkt-, wenn wir den Austritt recht gut vorbereiten (geheimnisvoll, aber y i selbstverständlich dabei), dann wird Madame Pace angezogen durch - Atmosphäre ihres Berufes, vielleicht unter uns erscheinen. Vordeck " einer Handbewegung auf, zur Tür im Hintergrund des Ummers blicken. Packt unwillkürlich die Hand des Direktors starrt nack)^ wärts, leidenschaftlich erregt.) Sehen Sie nur! Sehen Sie haben wir Madame Pace. .

(Die Tür springt auf, Madame Pace tritt rasch ein uud kommt« Schritte nach vorn. Sie erscheint m «'nem scmd°rbaren. Licht,M zu schweben, in einer merkwürdigen Mischung von absolut realem gespenstischem Wesen. Sie ist eine fette Megäre, gefärbte Monte»»J geschminkt, in salopper Eleganz. Sie tragt ein schwarzseidenes M b um die Taille eine silberne Kette, an der eine Schere hangt- Dw tochtcr läuft ihr entgegen. Die Schauspieler stssb starr vor Staunens

Stieftochter (wie elektrisiert, wahrend sie lauft): Da ist sie ja- s Uie sechs Personen erwachen,, sobald ihre ,^,S?ntliche Handl-.^ beginnt, erst zu einem verblüffend intensiven, merkwürdig 3 Leben. Sie zittern vor Aufregung, auch diejenigen,, die noch.mau w telbar an der Handlung teilnehmen. Sie sind wie im üteo«, . aber dabei in einer auffallend theaterfernen, akzentlosen Wm -J

Vater (zitternd vor Erregung, halblaut zum Direktor - andern, auf die Erscheinung der Madame Pace weisend): S W ich's nicht gesagt? Hab' ich's nicht gesagt? Madame Pace? Ma

. Da ist sie! Da ist sie! Da ist fiel