Ausgabe 
11.4.1930
 
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SieheimZamilienblStter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1930 Sreitag, den N-April Nummer 29

Wiederkehr.

Von Diemar Moering.

Wieder muß ich zu euch Einkehr halten Mütter! Und ich tret aus eurem Schoß. Ach mich zogen magische Gewalten Auf aus stillen Traumgestalten, Und zu wandern ist mein tiefstes Los. Wieder muß ich euer Erbe tragen Väter! Und ich tret in euren Kreis. Ach mich rief der Ahnen banges Klagen, Der Geschlechter dumpfes Fragen Zu vollenden wurde mir Geheiß.

Und ich tret aus traumumlaubten Toren Wieder in der Erde Reiche ein. Aus der Geister Sphären herbeschworen. Und aus Schuld zu Schuld geboren. Muß ich Wahrer eures Fluches sein!

Wieder muß ich schreiten durch der Jabre Dunkles Raunen, Auf- und Niedergehn Und ich greife Stab und Hut und fahre Zeitverschollen durch die Jahre, Der Gezeiten weltgeheimes Wehn.

Wieder muß ich reisen mit den Winden, Welkt jahrtausendmüde auch das Blut. Ach, wann werd ich endlich zu mir finden. In die tiefsten Sterne münden Ruhn in blauer Flut?

Herri.

Bon Lucy Bernis.

Als Fräulein Eugenie Wendler, die in einer besuchten Sommerfrische Südbayerns ein kleines Geschäft mit Andenken unterhielt, an einem Abend eben ihren Laden schließen wollte, hörte sie ein klägliches Weinen.

Sie hielt in ihrer Beschäftigung, die soliden hölzernen Jalousien vor den Schaufenstern herabzulassen, lauschend inne, durchquerte den Laden und öffnete die Nebentür, die in das Stiegenhaus führte. Im dämme­rigen Halbdunkel sah sie dort die helle Gestalt eines weißgekleideten kleinen Knaben, der sich an das Geländer der Treppe lehnte.

Das Weinen verstummte jäh. Erschrocken sah das Kind auf die hohe dunkle Gestalt, die plötzlich aus der Tür auf es zutrat.

Wohin willst du denn ... ?" fragte Eugenie ein wenig streng, denn sie liebte es nicht, wenn die Gassenjungen, wie es häufig geschah, ins Haus drangen, die Stiegen beschmutzten und dort wüsten Lärm voll- sührten.

Nun kannst du nicht reden?" fragte sie noch einmal, als der Kleine nicht antwortete und sie noch immer neugierig anstarrte.

Sie trat noch etwas näher heran und sah nun doch wohl, daß es diesmal keiner der bekannten Gassenjungen war, für deren Uebermut sie keinerlei Verständnis hatte und mit denen sie sich in ständiger Fehde befand. Es war ein Herrschaftskind, hübsch und sauber.

Eugenie lächelte, und ihre Stimme ward milder.

Na Kerlchen, hast dich wohl verlausen?" schlug sie aufs Gerate­wohl vor.

Das Kind nickte.

Ich will nach Hause", sagte es.

Fräulein Eugenie war ein wenig ratlos und zögerte einige Augen­blicke. Dann nahm sie das Kind an der Hand und zog es in den Laden, wachte die Tür zum Treppenhaus zu und drehte den Schlüssel herum.

Nun gab sie sich zuerst daran, ihren Laden vollends zu schließen, denn es war schon zehn Minuten über sieben Uhr. Sie ließ auch vor dem Weiten Schaufenster die Holzjalousie herab und schob den oberen und een unteren Riegel der Ladentür vor.

^ann erst sah sie sich ihren Findling näher an.

5 war ein sehr hübscher Junge von ungefähr vier Jahren, mit foi erk glänzend dunklen Augen, einer weichen kleinen, nur angedeu- nen Nase und aufgeworfenem, halb offenstehendem roten Mäulchen, dein dunkelbraunes Haar war kurz geschnitten, nur über der Stirn nwas langer und leicht gelockt. Er war schlank und schon jungenhaft, ug einen weißen Leinenanzug, gegen den seine Haut sehr braun abstach. ShnxU. Eugenie maß ihn mit prüfend ernstem Blick. Sie liebte i>h © "'Hi. Sie schienen ihr eine Anhäufung von Unannehmlichkeiten beut»k°mp.I*t?tionen 3U bedeuten, waren für ihre Vorstellung gleichbe- m,L* Unordnung und wüstem Lärm. Sie nährte gegen sie einen mpien Groll, der mit den Jahren zunahm.

Sie war daher fürs erste unschlüssig, wie sie sich in diesem ihr auf­gezwungenen Fall verhalten sollte und wußte noch nicht, welchen Ton sie dem kleinen <Zast gegenüber anschlagen sollte. Da aber ergriff dieser schon die Initiative.

Er war mit geschäftigen Schritten im Laden umhergeeilt und hatte hier und dort mit neugierigem Staunen die vielfältigen bunten Dinge beschaut. Da waren Glaskugeln, durch die man Landschaften sah, bemalte Baumrindenstücke, Aschenbecher mit drallen Dirndln darauf, ebenso Salz­fässer und Tintenbehälter, die mit glockentragenden Kühen oder rosigen Schweinen verziert waren. Run aber wandte er sich um und fragte die ihn finster beobachtende Eugenie plötzlich:Sag ... gehört das alles dir ... ?"

Sie schrak auf, gerade hatte sie überlegt, ob sie nicht lieber ihren Nachbar, Herrn Lerbemaier, um Rat fragen sollte, oder das Ehepaar Winkelmann, das auf der Ecke das Anfichtskartengeschäft innehatte.3a natürlich ...", sagte sie nebensächlich.

Alles dir ganz allein ... die vielen schönen Sachen?"

Es klang dermaßen bewundernd, daß Eugenie lächeln mußte. Cs schmeichelte ihr doch ein wenig, die Besitzerin solcher Herrlichkeiten, wenn auch nur für ein Kinderauge, zu sein.

Es war wirklich ein sehr hübscher Junge. Aber nun mußte sie end­lich einmal fragen, wer er war und wohin er gehörte.

Wie heißt du denn?"

Herri."

Was war das denn für ein Name? Irgendeine dumme Abkürzung, wahrscheinlich von Herbert oder Heribert. Fräulein Eugenie haßte die Verstümmelung der Namen.

Wie heißt du denn noch mehr?"

Das wußte er nun freilich nicht. Ebensowenig vermochte er zu sagen, wohin er gehörte, oder woher er kam. Er sei dem Fräulein Gertrud weggelaufen, weil sie ein solch langes Gespräch geführt mit einem Mann, den er nicht leiden konnte, und weil sie überhaupt sehr böse war.

Eugenie erfuhr, daß er in einem schönen Haus wohne, mit einem Garten drumherum, daß die Mama gnädige Frau hieß und daß der Papa furchtbar viel Arbeit habe. Worin diese Arbeit bestand, konnte man nicht herausbekommen.

Sie saßen in Eugeniens kleiner Wohnstube hinter dem Laden, die, vollgestopft mit Möbeln und vielerlei Dingen, ein gemütlicher Winkel war.

Eugenie dachte nun daran, daß sie ihn auf die Polizei bringen müsse. Doch dann fiel ihr ein, es sei dazu schon reichlich spät, es war nahezu acht Uhr, der Weg zur Polizeistation ziemlich weit. Er würde dort die Nacht verbringen müssen. Das tat ihr Leid für ihn. Sie fand, bei ihr könne er es besser haben und bequemer. Morgen früh wäre dann noch Zeit genug, ihn bei der Behörde abzugeben. Herri selbst schien auch gar nicht ungeduldig nach Hause zu begehren. Und die Eltern die hatten Eugeniens Ansicht nach eine kleine Strafe verdient. Vertraute man sein Kind einer solchen Person an wie diesem Fräulein Gertrud?

Ein wenig sprach bei diesem Entschluß auch der Wunsch mit, ihn noch etwas bei sich zu behalten. Die Gesellschaft ihres kleinen Gastes behagte Fräulein Eugenie auf merkwürdige Art. Es war so etwas wie ein Aben­teuer in ihrem abwechslungslosen Leben, dessen Eintönigkeit sie manch­mal bedrückte. Eugenie sah nun schon, daß dieses Kind verschieden war von jenen, die ihr bösartig erschienen, gegen die sie solche Abneigung hegte. Sie begann den Jungen sehr nett zu finden. Er hatte einen eigenen Zauber, war verständig und doch kindlich, gut erzogen, aber nicht zimperlich. Wie ein kleiner Herr, dachte sie und fand seinen Namen plötzlich vortrefflich.

Hern, zunächst etwas beklommen von der Aussicht, die Nacht hier zubringen zu sollen, aber dann wieder beruhigt durch die Erklärung Eugeniens, er werde morgen früh seinen Eltern wieder zugeführt, taute mehr und mehr auf. Sein liebreizendes Wesen entfaltete sich vor Eugenie.

Sie hatte Küchlein gebacken ihm zu Ehren, die er sehr lobte. Eugenie lief ab und zu in einem ihr fremden Eifer. Von der Hitze des Herdes oder auch vor Freude hatte sie rote Apfelbäckchen bekommen. Bald saßen die beiden, als seien sie schon lange Freunde, einträchtig schmausend beisammen.

Wie heißt du denn?" fragte das Kind.

Ihren Namen Eugenie fand er so komisch, daß er mehrere Minuten lang lachen mußte, was wiederum so drollig aussah, daß Eugenie in dies Urlachen gern einstimmte.

Bist du eine Tante?" fragte Herri kurz darauf.

Eugenie bejahte es, und nun nannte er sie Tante Cu. Denn den schwierigen Namen konnte er durchaus nicht behalten. Nun hatte sie auch ihre Abkürzung. n m ,

Eugenie bereitete ihm ein weiches Lager auf dem Sofa der Wohn- stube bis Herri versicherte, hier schlafe es sich besser als zu Hause.

Eugenie konnte lange nicht einschlafen. Sie hatte die Wohnzimmertür osfengelassen, um einen etwaigen Ruf Herris zu hören. Schließlich schlief