Puppentheater.
Don Dr. Hedwig Fischmann.
Theater! Wie des Rattenfängers von Hameln Schalmei unwidersteh- lich die Kinderschar in ihren Bann gelockt hat, so gräbt sich dieses Wortes geheimnisvolle Zauberformel, gräbt sich ein früher Blick in seine Wunderwelt in die. bildsame Kinderseele. Tief senkt sich die Saat in das weiche, von einer unbewußt schöpferischen Phantasie aufgelockerte Erdreich und treibt im Kinderspiel krause und grellfarbige Blüten, die doch schon des künftigen Mannes Lebensernte im Keime vorgebildet zeigen. Es ist kein blindes Ohngefähr, wenn in so vielen Dichtererinnerungen an die Jugendzeit mit innigster Liebe der Theaterspiele — sei es in Gestalt eines Marionettentheaters, sei es in eigener schauspielerischer Tätigkeit — gedacht wird. Und gerade aus den Lebensrückblicken unserer Dramatiker oder jener, die doch wie Gottfried Keller und Andersen mit heißem Sehnen nach dem Lorbeer des Bühnenerfolges gestrebt haben, leuchtet die Erinnerung an diese Kindheitseindrücke so hell, daß eines Menschenlebens reiche Leidens- und Glllcksfülle sie nicht zu verlöschen vermochte.
In doppelter dichterischer Brechung, in der schlichten Widerspiegelung in „Wahrheit und Dichtung" und als Teil der buntschimmernden Theaterwelt des „Wilhelm Meister", hat G o e t h e dem Puppentheater, dem Entzücken seiner Kinderjahre, aus dankerfülltem Herzen ein Denkmal gesetzt. Diese letzte Weihnachtsgabe der gütigen Großmutter, die Krone all ihrer Wohltaten, machte auf den Knaben einen überwältigend starken und nachhaltigen Eindruck, besonders als ihm das stumme Personal, das man ihm anfangs nur oorgezeigt, zu eigener dramatischer Uebung und Belebung übergeben wurde. Aber bald strebte der vorwärtsstürmende Betätigungsdrang aus den engen Grenzen des kleinen Puppentheaters hinaus, auf dem das ursprüngliche Hauptstück durch weitausgreifende direktoriale Pläne, durch selbstgeschasfene neue Requisiten und Kulissen gar schnell zugunsten kühnerer Unternehmungen verdrängt worden war, zu eigenen schauspielerischen Leistungen im Kreise der Gefährten. Aber noch der reife Mann auf des Lebens Höhe gedachte jenes lieben alten Puppenspiels als einer kindlichen Unterhaltung, die „auf sehr mannigfache Weise das Er- findungs- und Darstellungsvermögen, die Einbildungskraft und eine gewisse Technik geübt und befördert, wie es auf keinem andern Wege in so kurzer Zeit, mit so wenig Aufwand hätte geschehen können".
In dem gleichen Sinn wie beim jungen Goethe nahm auch Gottfried Kellers kindliche Laufbahn als Bühnenleiter, Schauspieler, Theatermaler und Dichter — alles in einer Person — ihren Ausgangspunkt von einem Puppentheater. Rur ließ es der kleine Gottfried nicht auf eine gewagte Improvisation ankommen, mit der Goethes Wilhelm Meister bei einer Dramatisierung des Tancred so kläglich scheiterte, sondern er arbeitete die Stücke sorgfältig schriftlich aus, die sich ebenso wie manche der Dekorationen von seiner Hand erhalten haben. Einen Glanzpunkt dieses Repertoires — im wahren Wortsinn — bildete der „Fridolin oder der Gang nach dem Eisenhammer", mit einem rotglühenden Feuermeer hinter dem schwarzen Ofenloch, bereit, den Bösewicht zu verschlingen. Dieser Effekt wurde, einmal gesunden, nach Art zugkräftiger Regiekünste für eine Teufels- und Höllenkomödie „Der Hexenbund" weiter ausgebaut, bei der die grausig-schöne Dekoration ganz aus feurigen Wänden, bekleidet mit Totengerippen, bestehen sollte. Wohl auch auf ein eigenes Erlebnis Gottfried Kellers aus dem zweiten Stadium seiner Bühnenwirksamkeit, da die Knaben selbst als Schauspieler auftraten, geht die tragikomische Theaterszene im „Grünen Heinrich" zurück. Die Kinder wählten in Ermangelung eines andern Schauspielhauses das Innere eines großen Fasses als Bühnenraum. Doch als sich einmal bei allzu naturalistischer Spielweise aus dem Kamps zwischen Goliath und David eine regelrechte Balgerei der beiden Hauptdarsteller entwickelte, geriet infolge des wilden Umherschlagens das rollende Haus ins Schwanken, und Gottfried, der auf der Außenwand hoch oben thronte und gleich einem Jupiter tonans Kolo- phanium-Blitze durch das Spundloch schleuderte, wurde plötzlich auf unsanfte Weise von seinem Himmelssitz auf die Erde befördert. Auf das Geschrei der Knaben eilte der Besitzer des Fasses herzu und vertrieb die Kunstjünger für immer aus ihrem Musentempel.
Stiller und friedlicher mag es wohl bei den Puppentheateraufführungen des kleinen Hans Christian Andersen zugegangen sein, die des einsamen Kindes liebsten Zeitvertreib bildeten. Da saß er, während die Mutter ihrem kärglichen Erwerb als Waschfrau nachging, nähte Kleider für die Puppen und ersann zu dem Titel und den Personen eines wirklichen Theaterzettels, den ihm sein Freund, der Zettelausträger der kleinstädtischen Bühne, geschenkt, eine Komödie für seine Schauspielertruppe.
Sehr lange, weit über die ersten Knabenjahre hinaus, hielt das Puppentheater auch die kindhafte, versonnene Natur M ö r i k e s in seinem Bann, der, aus dem Tübinger Stift zu den Ferien heimkehrend, sich noch mit einer Aufführung von Tiecks „Zerbino und Rotkäppchen" auf der kleinen Bühne eifrigst beschäftigt«, die einst seiner Kindertage Lieblingsspiel gebildet und nun schon langst in den Besitz des jüngeren Bruders übergegangen war.
Richt die gleiche Treue wie Mörike hat Ludwig T i e ck dem Puppen- piel seiner Kinderjahre gewahrt, für das fein Bruder Friedrich, der pätere Bildhauer, die Dekorationen, er selbst die aufzuführenden Stücke chuf. Sehr bald gingen die Geschwister unter ferner Führung zur eigenen chauspielerischen Verkörperung aller Dramen über, die sie gelesen oder gesehen hatten. Dabei bevorzugten sie die dunkelsten und entlegensten Winkel als Schauplatz ihrer künstlerischen Taten. Da geschah es nun, daß Ludwig, als er eines Sonntags dem Gottesdienst in der Berliner Petri- kirche beiwohnen mußte, auf einem von der Langeweile veranlaßten Streifzug einen düstern, ganz menschenleeren Winkel im Chor entdeckte, zu dem Predigt und Orgelklang kaum herüberdrangen. War dieser Raum nicht wie geschaffen zum Komödienspiel? Und schon während des nächsten Sonntagsgottesdienstes wurde hier unter einem großen Familienregen- schirm, dem einzigen Dekorationsstück, von den Geschwistern die Bühne für Schillers „Räuber" aufgeschlagen, und in vollem Pathos ließ Ludwig sogleich seine Glanzstelle: „Menschen, Menschen, falsche heuchlerische Krokodilbrut!" ertönen. Aber, o Entsetzen! Wie rollender Donner hallten
dumpf grollende Töne aus allen Winkeln der Kirche zurück, die andächtige Gemeinde, die ein Borzeichen drohender Heimsuchungen zu vernehmen glaubte, mit wildem Schrecken erfüllend. Als Kirchendiener herbeistürzten, hatten die Urheber des Unheils bereits den Schauplatz in schleunigster Flucht verlassen. Niemals wohl hat das Theaterspiel jugendlicher Schau- pieler einen so tiefen, wenn auch unbeabsichtigten Eindruck erzielt!
Auf ein höheres künstlerisches Niveau, über das Kindlich-Dilettantische hinaus, wurden die jugendlichen Bühnenversuche im Grillparzer- ch e n Elternhaus durch die hier herrschende musikfreudige Atmosphäre lehoben. Die improvisierten Ritterstücke der Kinder, bei denen von vornherein nichts festgelegt war als der Ausgang der Kämpfe, da sonst keiner der Streiter hätte unterliegen wollen und die Recken bis an den jüngsten Tag gestritten hätten, erhielten durch das bereitwillige Mitwirken des bekannten Klavierlehrers Gallus, durch seine in freier Phantasie geschaffnen Ouvertüren und melodramatischen Begleitungen eine Art Berühmt- ;eit im damaligen Wien. Mancher Musikfreund sand sich bei diesen Auf- ührungen ein, ohne sich freilich viel um das „Theater" der Kinder zu kümmern.
Auch der künftige Reformator des Wiener Burgtheaters, Heinrich Laube, war schon frühzeitig mit der dramatischen Kunst in Berührung gekommen. Nicht nur hat er als Regisseur seinen Kameraden, die in der Schule vorzutragenden Dialoge des öfteren erfolgreich einstudiert, sondern er verstand es auch, als in seinem weltabgeschiedenen Heimatsort Sprottau eine Theatergesellschaft gastierte, sich durch die Beschaffung der notwendigen Requisiten — vom Handspiegel für den zweiten Liebhaber bis zu einem lebendigen Pferd — so nützlich zu machen, daß ihm freier Eintritt vor und hinter den Kulissen gewährt wurde. Und hier auf dem bescheidenen Boden der Schmiere, erwarb sich der künftige Direktor der ersten deutschen Bühne in unmittelbarer Anschauung die Grundbegrisfe seines Lebensberufes.
So schlingen sich von frühem Spiel, von ersten Jugendtagen die Faden unlöslich um die Erfüllung einer dramatischen und theatralischen Sendung ausstrahlend, von dem schimmernden Zauberwort „Theater", dessen magische Macht Sudermann in seinem „Bilderbuch" aus der Seele des seine künftige Berufung dunkel vorausahnenden Kindes so lebendig geschildert hat. „Was das war: Theater? Meine Mutter mochte es mir noch so oft erklären, ich wurde daraus nicht klug. Nur, daß es etwas unfaßbar Schönes und Herrliches fein mußte, begriff ich bald. Die Geschichten, die sich irgend einmal zugetragen hatten, die Märchen, die ich mir heimlich weiterspann, zu Gegenwart, zu Wirklichkeit geworden, erfüllte Sehnsucht, sichtbar gewordene Gottheit, berghohe Marzipantorten und ewige Weihnacht — das war Theater."
Vogelbeobachtung.
Vom Rotkehlchen ober Rotbrüsichen.
Bon Anton Schnack.
Ich sehe es im ungenauen und vielstimmigen Abend als einen Schatten im regungslosen und alten Gehölz. Der Bogel ist ein lautloser Flieger, lautlos wie die Fledermaus, die ihren fahlen, schnellen und unberechenbaren Flug um die Hausgiebel hält. Beiden, der geflügelten Maus und dem huschenden und flüchtigen Bogel ist eine Liebe zum Zwielicht, zum unausgeprägten Niederfall der Dämmerung gemeinsam.
Der Arm des Abends fällt immer tiefer auf die üppige Pflanzenerde. Das ganze glühende Fliedergebüsch ist in die blaue Dämmerung zurückgesunken. Der Bogel aber, mit den übergroßen und wie angenahten schwär- gen Perlenaugen, huscht noch hin und her wie ein Kobold, der Flügel bekommen hat. Er liebt den Abend. Er liebt die Morgendämmerung. In der Blumenwelt findet sich vielfach die Neigung von Pflanzen zur Dunkelheit und zum fahlen Licht. Auch er wiegt sich in den Uebergangen und Brechungen des Lichtes am liebsten. ...
Seine rote, verockerte Brust, rund wie ein ausgedruckter Pinselsleck, leuchtet schön im Duft der bleiernen Dämmerung. Der Vogel ist so eigentümlich, weil er so lautlos ist. Er gibt kein Flügelschlagen von sich. Sem ganzes Gefieder gehört zur Farbe des Zwielichtes; es ist verblichen, aschgrau, dunkel, zwittersarben, am Unterleib fahlweiß, nur mitten auf feiner kleinen, gewölbten Brust liegt das gebrochene Rot der untergehende» Sonne mit eigentümlichem Glanz. #
In der Dunkelheit eines unbetretenen Schuppens hat er fein Genift, das er mit scheuen Kreisen umfliegt. Wenn ich hinzutrete, Schritt für Schritt, steigt der Rotbrüstige vor mir auf und {liegt von Zaunlatte M Zaunlatte, wobei er tief in die zwirnsdünnen Beinchen einknickt. £>« kleine, graue, etwas auseinanderfächernde Schwanz geht so viel m die Höhe, als der Vogel einfinkt. Er kobolzt mit einer entzückenden Annm. Er hat etwas von einem Hofzeremoniell an sich, das tief in die Kme H^Sefn^efang ist ein Flüstern, dünn wie Glas und zart wie der Hauch der Dämmerung. Es ist keine Kraft in ihm. Die Strophe fallt unaussaii und mit versplittertem Ton aus den Zweigen. Er wispert vor sich hin u»" bringt in seinen wetzenden, geschliffenen Pfiff etwas von Trauer un Müdigkeit. , ,
Einmal sah ich das schöne Männchen und das grauere, einfache chen am Zaun, den bald ein Sturm stürzen wird, entlangfpielen. w Tummelplatz des Vogels ist nicht groß. Er überfliegt, eigentümlichen besetzen folgend, nie den Raum des Gartens, wo der Schuppen nut seine» Neste steht. Der Garten, eine Verwilderung von vielen Bäumen un" Büschen, schattenvoll und dunkel selbst an den strahlendsten Sonnentagen, kommt seiner Neigung für das Lichtgebrochene entgegen. Die «on fällt selten auf diesen Zaun, an den sich an der anderen Seite Schupp und für den Winter bestimmtes Holz lehnen. Hier hat, was aus °e Boden liegt, den grünen Schein des Zerfalls: Schutt zerbröckelte una haltsam unter den Regengüssen des Frühlings; zerschlitzte Dachpappe st der Wind heruntergerissen, Holzspäne haben Feuchtigkeit eingefaugt sind aufgedunsen. Kastanien sind, wie sie niederfielen, kreuz und g aufgegangen und bilden ein breitblätteriges Bodendschungel. Da IP1


