Ausgabe 
10.10.1930
 
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Ich habe nicht mehr vor, dos Abitur zu machen. Aber jedesmal, wenn ich nach Kassel komme, besuche ich den sehr alten Privatgelehrten Dr. Dotzauer. Wehmütig lächelnd, pagodenhaft schwankt das gute, kluge Vrillengesicht über einem Blatt Papier.Lehrvertrag" ist es überschrieben. Es ist das Dokument einer letzten Tollheit. Aber oben links in die Ecke hat die zittrige Gelehrtenhand in einer kleinmütigen Stunde mit roter Tinte den superklugen lateinischen Satz geschrieben: Quidquid agis, prudenter agas et respice finem! Was du auch tust, sei klug und bedenke das Ende! Und dann erhebt sich der alte Mann und schwankt zur Zimmerccke. Seine gebeugte Silhouette steht gegen das Abendlicht. Liebe­voll wischt er mit dem Taschentuch den Staub von dem polierten Holze des Propellers. Man sicht an der wunderlichen Haltung seines Hauptes, daß er eines Toten gedenkt...

Oer Spion Napoleons.

Von Alfons von Czibulka.

Liest inan die phantastisck) klingenden Berichte und Enthüllungen über die Spionage im Weltkrieg, so könnte nian glauben, daß es Aehnliches in früheren Kriegen unmöglich gegeben haben könne. Und doch ist es nicht so. Bei aller Verwegenheit und Schlauheit, ja Genialität, mit der die Geheimagenten aller Staaten, sei es aus ethisch reinen Motiven, sei es wie zumeist aus Geldgier handelten, hat die Spionage im Welt­kriege die Kriegsentscheidung doch nicht gebracht. Aber zumindest e i n Spion früherer Zeiten konnte sich dieses erreichten Zieles rühmen: der Geheimagent Napoleons I. Uebrigcns nicht erstaunlich bei einem Mann, der es, wenn man seinem sranzösischen Biographen glauben darf, zuwege brachte, als österreichifcher Generalintendant verkleidet, einem Kriegsrat unter dem Vorsitze des Kaisers Franz beizuwohnen.

Dieser Carl Ludwig S ch u l m e i st e r ein Deutscher ist vielleicht der gerissenste Geheimagent aller Zeiten geivesen. Sein Name und seine für Deutschland so verhängnisvolle Tätigkeit ist heute so gänzlich vergessen, daß ihn, mit Ausnahme der französischen, nicht einmal die großen Nachschlagewerke mehr nennen. Und doch erklärt seine Arbeit manches, was bei aller dämonischen Kraft Bonapartes uns an dessen Erfolgen noch rätselhaft erfcheint. Er war, wenn auch kein angesehener, so doch einer der wichtigsten Mitarbeiter Napoleons; was schon daraus Hervorgeht, daß ihn dieser mit Gold überschüttete.

Für Napoleon war aber Schulmeister auch mit Gold nicht auszuwiegen. Denn er war es eigentlich, der jenen ersten Krieg entschied, den Bona­parte als Kaiser führte und von dem fürs erste für sein Kaisertum alles nbhängen mußte. Weil kaum jemals ein Diktator über einen verlorenen Feldzug hinweg Diktator blieb.

Als Napoleon im Jahre 1805 sich anschickte, jene von Pitt geschaffene große Koalition Oesterreich, England, Rußland und Schweden niederzuwerfen, da betrat Schulmeister ans dem Schatten seines bis­herigen Daseins die Bühne der Welt. In einer Szene, die, ist sie vielleicht auch nur Anekdote, doch die Fähigkeiten dieses Mannes erhellend umreißt. Eines Tages erschien ein Deutscher, ein etwa dreißigjähriger, untersetzter Mann, bei Napoleon in Audienz und bat um Anstellung im kaiserlichen Geheimdienst. Er nannte sich Schulmeister. Er gefiel dem Kaiser nicht. Napoleon nahm Anstoß an den roten Haaren dieses Menschen. Denn dieser brandrote Schopf, der dock) bald als Erkennungszeichen in allen österreichischen Steckbriefen erscheinen würde, machte dieses Individuum nicht eben für den Posten eines Geheimagenten geeignet. Der Kaiser entlieh den Bewerber. Ungnädig, wie es scheint. Napoleon liebte es nicht, sich seine Zeit mit Zwecklosem stehlen zu lassen. Aergerlich wandte er sich seinem Schreibtische zu. Da hörte er Geräusch hinter sich, sah sich um und erblickte einen gebückten Greis. Der Kaiser herrschte ihn an, wie er es denn wagen könne, unangemeldet einzutreten. Mit zitternder Stimm« gab der Alts Antwort:Ick) habe das Zimmer noch gar nicht verlassen, Sire es ist immer noch Schulmeister, den Sie vor sich sehen."

Da nahm ihn Napoleon in seine Dienste, denn er hatte Schulmeisters Begabung erkannt: seine Züge, seinen Blick, seine Stimme so virtuos zu verändern, daß er in wenigen Sekunden einen völlig anderen Men­schen aus sich zu machen verstand. Nur eine silberweiße Perücke hatte er über seine Haarflamme gezogen.

Was er gewesen war, ehe er so bedeutsam in die Geschichte eingriff, weih man nicht recht. Er wurde als Sohn eines deutfchen Pastors im Jahr« 1770 auf dem rechten Rheinufer unfern Straßburgs geboren. Welche Herkunft ihm aber nicht genügte, denn er verbreitete später das Märchen, sein Großvater wäre ein ungarischer Edelmann gewesen, der aus Not Schulmeister geworden und fortan die Bezeichnung seines Be­rufes als Namen geführt hätte. Schulmeister selbst wollte Reiteroberst in den Revolutionsarmeen gewesen sein. Was noch gründlicher erlogen ist. Denn in einer Zeit, in der man wieder einmal sein Glück im Sattel machen konnte, hätte ein Mann, der so verwegen war wie Schulmeister, sicherlich nicht als kaum dreißigjähriger Oberst den Dienst quittiert, um Schmuggler am Rhein zu werden. Das war er nämlich wirklich; nach­dem er sich als Krämer in Straßburg und später als Marketender in einer sranzösischen Armee fein Brot verdient hatte. In diesen Berufen scheint «r in Berührung mit der napoleonischen Geheimpolizei gekommen zu sein, di« seine Begabung erkannte. Als Spitzel hotte er seine Finger wohl auch in jener Justizkomödie, in deren Verlauf der Herzog von Enghien erschossen oder besser gesagt ermordet wurde.

Nachdem Napoleon ihn in seine Dienst« genommen hatte, ging Schul­meister im August 1805 als Spion zum österreichischen Heer« nach Ulm. Dor! bot er dem Kommandierenden dieser Armee, dem unfähigen Feld- marschalleutnant Baron Mack, seine Hilfe an. Er hat dann diesen erbärm­lichen Feldherrn so gründlich über bi« Ohr«n gehauen, daß es, obwohl die Truppe sich Heldenhaft schlug, eben zu jener Katastrophe von Ulm kam, zur Wasfenstreckung eines Heeres von fast 40 000 Mann. Der General von Mack glaubteseinem" Spion, wie er Schulmeister nannte, auch di« dicksten Lügen.

Es waren die abenteuerlichsten Nachrichten, die Schulmeister ihm brachte. Ausbruch der Revolution in Frankreich, Landung der Engländer

in französischen Kanalhäfen, fluchtartiger Rückzug Napoleons über den Rhein. Diese letzte Meldung glaubte Mack noch, als der feindliche Ring um Ulm sich immer enger schloß, als von allen Seiten schon die Staub­wolken der napoleonischen Heersäulen gegen die Festung sich wälzten und man bereits in den Vorstädten' kämpft«. Noch knapp vor der Kapi- tnlation gab er Schulmeister einen Passierschein und hundert Gold­dukaten Belohnung. Dann schickte er ihnzwecks genauerer Nachrichten über den Feind" nach Stuttgart,von wo Schulmeister ober nicht zurück­kehrte", wie der begabte General während seiner Untersuchungshaft entrüstet bemerkte.

Mit der Kapitulation von Ulm war der Eröffnungsfeldzug entschieden. Vermutlich aber mehr. Ohne diese Katastrophe von Ulm wäre es wohl kaum zu jener von Austerlitz gekommen.

Daß Schulmeisters Tätigkeit in Ulm nicht nur eine Legende ist, geht daraus hervor, daß Napoleon den Spion kurz nach der Wafsenstreckung der Oesterreicher mit einem Vermögen belohnte und ihn bei der nun folgenden Besetzung von Wien zum Polizeipräfekten der Kaiserstadt ernannte. Was Schulmeister freilich beinahe nicht erlebt hätte. Denn als er jetzt als Edelsteinhändler verkleidet, ins Oesterreichifche ging, wurde er entlarvt und verhaftet. Doch entkam er.

Im kommenden Jahre, es war das Jahr von Jena und Auerstedt, als dann die preußischen Generale sich ebenso unfähig erwiesen wie der ver­blendete Mack, auch im Norden die Festungen kapitulierten und selbst Blücher sich mit seinem Korps ergab, wurde Schulmeister Polizeipräfekt von Königsberg. Kurz zuvor hatte er an der Spitze von 14 (!) Husaren das nod) von preußischen Bataillonen besetzte Wesel erobert, indem er nachts in die Stadt sprengte und die auf dem Hauptplatz lagernden Truppen zur Waffenstreckung brachte.

Auch Anno Neun war er in Wien und Oesterreich. Teils als General­kommissär der sranzösischen Geheimpolizei, teils als Spion. In der Schlackst von Wagram erkannten ihn österreichische Feldgendarmen. Sie stürmten hinter ihm die Holzstiege eines Bauernhauses hinauf. Da kam ihnen ein österreichischer Feldwundarzt entgegen. Sie fragten ihn, ob er den Spion nicht gesehen hätte. Die Antwort lautete, daß, wenn sie den Mann oben in der Dachstube meinten, Eile nicht mehr not täte, denn der habe sich eben eine Kugel durchs Hirn gejagt. Natürlich sanden die Gendarmen die Dachkammer leer. Wieder einmal hatte sich Schulmeister durch seine Verwandlungskünste gerettet.

Ein anderes Mal nahm er, als irgendein deutscher Duodezfürst mas­kiert, eine Truppenparade ab. Als dann Serenissimus wirklich erschien, muhte er zu seiner Verwunderung hören, daß er eigentlich schon da- gewesen wäre. Selbst seinen Mops verkleidete Schulmeister als Zwerg­pudel. Zwischen dem falschen Pudelfell und der echten Mvpshaut schmuggelte der Spion wichtige Aufzeichnungen durch die Linien.

Kein Wunder, daß er sich bald ein Schloß bei Paris erwerben und ein zweites, noch großartigeres auf dem Gute Meinau bei Jllkirch nahe von Straßburg bauen konnte. Nach diesem Schloße nannte er sich, als er sich von seinem gesährlichen Handwerk zurückzog, Herr von Meinau. Den Namen Schulmeister unterschlug er allmählich.

Sein durch Schmuggel und Spionage erworbenes Vermögen muß ungeheuer gewesen sein. Er verlor es aber bald durch verfehlte Speku­lationen. Da er erst im Jahre 1853 starb, so hat er auch noch Jahrzehnte eines kärglichen Daseins gekonnt.

An sein dunkles Gewerbe ließ er sich nicht gerne erinnern. Als ter berühmte Joseph von Görres einen Artikel über Schulmeisters Vergangen­heit veröffentlichte, rannte der alte Spion wütend in die Wohnung des Gelehrten und ohrfeigte ihn.

Aber allmählich vergaß man doch feinen einstigen Beruf. Freilich |o sehr, daß auch Frankreich sich nun, da er in Armut geraten war, feiner Verdienste nicht mehr erinnerte. Nur eine letzte Ehrung erlebte er noch, als Napoleon III. im Jahre 1850 damals Prinzpräsident den einstigen Agenten seines Oheims in seiner ärmlichen Dachwohnung besuchte. Durch diese Geste den Ehrendank nachholend, den Napoleon I. trotz aller fürstlichen Geschenke seinem Spion zu zollen nicht übers Herz gebracht hatte. Er schätzte Schulmeister, den erCharles" zu nennen pflegte, aber er verachtete ihn zugleich; obwohl sein Agent von tfriw land her eine Narbe an der Stirne trug und Wesel als Soldat erobert hatte. Darum bekam auch Schulmeister, als er für einen geleisteten Dienst um das Kreuz der Ehrenlegion bat, di« ihn und den Kaiser charakten- fierenbe Antwort:Nein, Charles! Verlange eineMillion ober mehr, ich werbe sie dir geben, aber bas Kreuz niemals!"

Im Grunde befrachtete ihn Napoleon eben doch nur als eine Kanaille, die dieser merkwürdige Monn schließlich auch war.

Das wiedererstandene Smyrna.

Von Dr. Leonore K Ü h n.

Wenn man in den riesenhasten Golf van Smyrna, fern umgrenzt vom eigentlichen Festland Kleinasiens und einer langen gebirgigen 5)albtn|et, einläuft, so staunt man über dessen Dimensionen; sicherlich ist er auf off Landkarte zu klein eingezeichnet, möchte man meinen. Man ftaunt aua; über die Gewaltigkeit der Stürme, die in ihm toben können, giganmm wie von entfesselten Urgewalten des rätselvollen Asien hergesandt, heulen und schreiend, in den Stunden und Stunden der Einfahrt. Und riesenU hingestreckt und geruyig umziehen imposante Bergketten die weit |U dahinlagernde Ebene, in der Smyrna sich ausbreitet, noch mit eine ziemlich entfernten Villenteil, Kordelio, am gegenüberliegenden Ufer o hier endenden Bucht. Regsame Lokaldampfer, recht stattlich, überkreuz häufig das Gewässer; eine weniger regsame Pferdebahn mit tru.oje» dahintrottendem Gaul bildet das einzige öffentliche Verkehrsmittel Ml des ganzen sehr ausgedehnten Kais. Nach dem mächtigen Sturm war viel zu niedrig angelegte Kai fast völlig überflutet, und diePstrdev ' platschte durch Wasser; man kann übrigens bequem im Fahren emim«- Der Wandergewohnte muß sich an das unebene Sinyrnioier wla|ter __ die oft mitten in neuen Straßen stehengebliebenen Niveauunterscy>e durch irgendwelche Märchen ober Schuttlager erst gewöhnen.