Ausgabe 
10.3.1930
 
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Druck und Verlag: Vrühl'sche Universitäts-Buch. und Steindruckerei, R. Lange, Gietze"-.

Verantwortlich: vr. Hans Thyriol.

Wir aber wollen nun endlich mal, nachdem wir es uns von außen angesehen, in das Haus hineingehen. Bei einem raschen Blick durch die Feilster, die das AlthochdeutscheAugentor, nannte, wahrend Gott­fried Keller die Augen als seine lieben Fensterlein bezeichnet, merken wir, daß das so heimisch anmutende Wort vom late.mschen ken^ira herrührt, und dies wiederum dem gr.echischenp^ine.n deu l.ch klar machen, seine Entstehung verdankt: und Meßllch f ndet sich so der Weg von unserem Fenster zum Phänomen. Rasch schreiten wir durch das Tor oder Portal die Treppe hinauf, deren altere Form Trappe noch deutlicher auf die Herkunft von trappen,durch lautes Treten sich sort- bewegen", hinweist. Auch an die Trappe, die Fußspur am bekanntesten die Roßtrappe im Harz möchten wir hier erinnern. Die bescheidenere Schwester der Treppe, die Stiege, deren Herleitung keine Schwierig­keit macht, ist auf Süddeutschland und Oesterreich beschrankt, in Nord­deutschland begegnet man ihr meist nur in der herabsetzenden Zu­sammensetzungHühnerstiege" Ehe wir die Treppe verlassen um d.e inneren Räume des Hauses zu betreten sei »och des seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts auftauchendenTreppenwitzes gedacht, mit dem die Gedanken benannt werden, die einem erst nach der Gesellschaft, der Beratung usw. auf der Treppe, also zu spät elnfollen.

Wir haben die Klingel gezogen, man hat uns die Tur geöffnet und uns durch den Korridor geführt, der aus Italien zu uns gekommen ist und nichts weiter alsLaufgang" bedeutet: und nun stehen wir im Zimmer. Der Weg zu seiner jetzigen Bedeutung ist recht weit. Wer sich an die Zimmerung im Bergwerk zum Schutz der Bergleute erinnert, wird nicht sehr erstaunen, wenn er hört, daß Zimmer ursprünglich Bau­holz, Holzbekleidung bedeutet, ein Sinn, den auch letzt noch das eng­lischetimber" behalten hat. Doch die Frage nach den Verwandten des Zimmers gibt uns Ausblicke in das griechisch-römische Altertum. Wir fin­den schon bei Homer das Zeitwortdemein", bauen, erbauen, von dem Das lateinischedomus",das Haus", herkommt, die wieder nut dem griechi­schendamoa" und dem lateinischendomo", bändige, züchte, zusammen- hängen und schließlich in unsermzahm" einen Abkömmling finden. Die Vertreterin des Zimmers, die Stube, gibt der Sprachforschung nicht weniger zu denken. Wenn wir sie im romanischen Sprachkreis alsBaderaum" und auch alsOfen" finden, im englischen «tove, gleich­falls den Ofen, sehen, so ist wohl sicher, daß die Stube ein heizbarer Raum ist, aber die Herkunft des Wortes ist noch unsicher. Das anspruchsvolle Synonym für Zimmer und Stube, das G e m a ch, geht von der Bedeutung: Ruhe, Wohlbehagen, Bequemlichkeit, die wir noch heute ingemächlich" erkennen, zu der des Bequemlichkeitszlmmers des Orts der Pflege über. Spaßig ist, daß im 14. Jahrhundert der -,1b tritt ein haimlicher gemach" genannt wird.

Uns mit anderen Räumen des Hauses, etwa dem Saal, dem Al­koven, der Küche zu beschäftigen, zum Keller hinab, zum Boden hinaufzusteigen, fehlt uns Zeit und Raum. och da vielen Hausbe­wohnern ein Haus nicht vollständig scheint, wenn es nicht auch Mög­lichkeiten zum Aufenthalt halb im Freien gewährt, seien den Ausbauten noch ein paar Worte gegönnt: der Balkon, der aus südlicheren Lan­dern zu uns gekommen ist, hat einen ganz deutschen Namen, er stammt vom althochdeutschenbalko", der Balken, der Erker verdankt seinen Namen der mittellateinischenarcora", die vom arcus dem Bogen ab­geleitet ist. Und die Loggia, bei deren richtiger Aussprache sich so viele Leute die Zunge zerbrechen, ist ein deutscher Auswanderer, der in verkappter Gestalt zurückgekommen ist: es ist unsere L a u b e, die nichts als ein Vorbau ist und sich ja in südlicheren Städten noch heute so ost und in langen Reihen findet.

Ob nun aber das Haus Ausbauten hat oder nicht, immer wird der Spruch sein Recht behalten, den wir in Goethes Fassung hersetzen:

Von Osten nach Westen Zu Hause am besten."

Oer entthronte Affe.

Von Dr. E. Feig e.

Nicht jede Verwandtschaft ist angenehm: fett aber Dar w t n, Haeckel und ihre Nachfolger so viele Uebereinstimmungen des Menschen mit dem Affen sestgestellt hatten, hat man sich daran gewohnt dteMen- chen"-Assen als unsere nächsten Verwandten aus dem Tierreich anzusehen und auch unsere Afsenabstammung anzuerkennen. Gewisse Zweifel er­hoben sich zwar immer wieder, vor allen Dingen deshalb, weil es nie gelungen ist, völlig zweifelsfreie Zwischenglieder zwischen Mensch und Affe aufzufinden. ,

Nun kommt aber eine neue Erschütterung der allmählich doch angenom­menen Verwandtschaft. Vor einigen Jahren bereits erregten neue Ent­deckungen einer ausgestorbenen Welt in der Mongolei berechtigtes Auf­sehen und der Leiter dieser Ausgrabungen, der amerikanische Paläonto­loge Osborn, streitet auf Grund dieser Funde und sonstiger Wahr­nehmungen ganz neuerdings jeglichen Vorrang des Affengeschlechtes bei der Menschbildung überhaupt ab. Er erklärt die ganze Mythe von der Asfenabstaminung des Menschen mit dürren Worten für ein Märchen, und die Argumente des Fachmannes lassen sich schon hören. Zwar besteht eine Aehnlichkeit, die aus sehr, sehr weit zurückliegende gemeinsame Ab­stammung zurückzusühren ist in der Gegenwart sind aber die Unter­schiede zwischen den Menschen und Menschenaffen größer als die gemein­samen Züge. Soviel ist sicher, daß auch die höchsten Menschenaffen echte Waldtiere sind, und neue Beobachtungen am Gorilla haben ergeben, daß at dieser unser vermeintlicher Vetter seinem ganzen Bau und seiner igen Veranlagung nach ein echter Viersüßler ist. Nicht einmal die Waldmenschen der Gegenwart, die Neger und wie sie sonst heißen mögen, find denMenschenaffen" noch vergleichbar, denn sie haben neben son­stigen sehr beträchtlichen Unterschieden durchweg ein Gehirngewicht von erheblich über 1000 Gramm, die höchsten Menschenasfen erreichen im

besten Falle aber nur 500 Gramm. Zwar lehrt uns die Cntwicklungs- ge chichte daß eine Aufwärtsbewegung möglich und in viele, vollen eingetreten ist. Hier find aber die Unwahrscheinlichkeiten zu groß.

Es ist zu beachten, daß im gemäßigten und kalten Klima Menschen­affen nie beobachtet worden sind, auch nicht in der fernen Vorzeit. Alle Affen, und ganz besonders die Menschenaffen, sind Angehörige tropischer ober subtropischer Waldgebiete, die in unserem Klima immer sehr hinfällig bleiben, wie die Erfahrungen in den Zoologischen Gärten lehren. Schon daraus, sagt Osborn, geht hervor, daß dieAffenmensch -Theorie falsch fein muß. Die Vorfahren der modernen Menschenrassen, die der Welt die Kulturvölker geschenkt haben, müssen Kinder der freien Steppe in ge­mäßigtem Klima gewesen sein: sie besaßen sicherlich eine große Wander­lust hatten allemenschlichen" Anlagen im Keime in sich und waren in verschiedenen Handfertigkeiten, besonders der Anfertigung von Gerät­schaften wohl bewandert. Bis zu diesem Stadium ist aber kein Men- chenaffe gelangt. Wohl haben sich die Menschenaffen manche körperliche Eigentümlichkeit bewahrt, die dem Menschen ähnlich ist, doch tue Ent­stehung dieser gemeinsamen Merkmale liegt so weit Zurück, daß von einer 'Gemeinsamkeit kaum noch gesprochen werden kann. In der geolo­gischen Periode, die als Pliozän bezeichnet wird man rechnet sie um etwa zwei Millionen Jahre rückwärts von der Gegenwart scheinen sich die beiden Stämme endgültig getrennt zu haben, vielleicht sogar noch früher. Das ist eine kaum ausbeutbare Zeit. Ja, gegen Ende des Pliozäns bat sich offenbar noch eine weitere Trennung innerhalb des Menschen­geschlechtes vollzogen. An verschiedenen Stellen Mittel- und Sudeuropas, aber auch Asiens und auf Java hat man aus dieser Zeit und spater Reste von sehr primitiven Menschen gefunden, die zum Teil dis in die Eiszeit reichen. Berühmt geworden ist der Neandertalmertzch aus der Düsseldorfer Gegend, der Mensch von Ehringsdorf bei Weimar, von Heidelberg und von Krapina in Kroatien, um nur die nächstliegenden Funde zu nennen vieil zahlreicher sind ia noch indirekte Beweise durch den Fund von Feuersteingerätschaften bis zur Eiszeit. Alle diese Men­schenrassen, mich die von Java, hält Osborn für eine gemeinsame Neandertalgruppe, die mit den modernen Menschenraßen ebenfalls nicht viel zu tun haben, obwohl sie ihnen näher stehen als den Menschenaffen. Ihre Schädelkapazität beträgt durchweg über 1000 Kubikzentimeter, sie müssen bereits über erhebliche geistige Fähigkeiten versagt hab en. ilber diese vorsintflutlichen Menschen lebten in einer ganz anderen Umgebung als die modernen Kulturrassen: sie waren Kinder des heißen Klimas, Zeitgenossen von Elefanten, Nilpferden und Nashorn, durchweg tropischen Formen. Sie hatten, wie die Waldbewohner Afrikas und Südamerikas immer reiche Nahrungsgründe, sie bedurften keinerKultur , das Leben bot ihnen keinen ernsten Daseinskampf. Deshalb ist bei diesen Rassen auch keine Aufwärtsentwicklung gewesen, sie sind mit, der Veränderung der Lebensbedingungen aus Europa verschwunden. Sie haben keme Baute hinterlassen wie die nach ihnen eindringenden Vorfahren der modernen Menschenrassen, und zweifellos standen sie kulturell noch erheblich hinter den nachträglich in die tropischen Waldgebiete eingedrungenen modernen Menschenformen zurück. Immerhin war d,e Verbreitung dieser Neandertalmenschen groß: Angehörige der Gruppe wurden nicht nur an verschiedenen Stellen Europas und Nordafrikas entdeckt sondern auch m China (Mongolei) und in Südafrika, aber immer in Gemeinschaft mit jener Tierwelt, die heute nur noch in den Tropen vorkommt.

Die Vorläufer der modernen Rassen müssen in einem nördlicheren Gebiete gesucht werden, wo sie sich an das rauhere Winterklima, nötigen­falls mit Hilfe von Tierfellkleidung, angepaßt haben. Es ist immerhin auffällig, daß diese ganze Gruppe, fast immer hellfarbig ist und nur bort, wo sie sich ganz dem tropischen Waldleben anpaßte, eine buntlere Haul- färbung annahm. Die unbekannte Heimat der modernen Menschenrassen läßt sich nur in den weiten Steppengebieten des eurasischen Kontinents suchen wo härtere Lebensbedingungen einen Kultursortschritt erzwangen. Dort lernten diese Vorläufer der heutigen Kulturmenschheit sicherlich den Nutzen des Feuers, die Zubereitung der Nahrung und die Vorteile des sozialen Zusammenschlusses in großen Verbanden durchweg Kenntnisse, die selbst dem primitiven Waldmentchen der Gegenwart nicht fremd sind, die aber keinAffenmensch" gehabt haben kann Ob noch Reste d- primitiveren Vorläufer des heutigen Menschengeschlechtes der Neandertal- rasse, vorhanden sind, wissen wir kaum. Möglicherweise stehen die, prnm- tivsten Stämme des indomalaiischen Gebietes mit ihnen in Verbindung, und lange mag sich die auf Java gefundene Neandertalsorm erhalten haben. Sie lebten aber in einem Gebiete, das den allen Lebensbc- bingungen des Neandertalmenschen bis heute noch gleicht und kein n Anreiz zu irgendwelcher höheren Entwicklung bot Durch das Vordringen der Vorläufer der modernen Menschen sind diese alten Formen, soweit s> sich nicht von selbst zurückzogen, nusgerottet worden, wie sich noch m o« iwuesten Zeit die Eingeborenen Amerikas und Australiens vor der weihe" Rasse zurückziehen mußten. Jedenfalls müssen die Vorläufer der modern Menschenrassen, die sich irgendwo in den nördlichen eurasischen Ebcm entwickelten, bereits die Anlagen für alle wirtschaftlichen.Entdeckungen und Ersindungen besessen haben. Mit dem Ende der Eiszeit machen M in Europa ja die grundlegenden Umwälzungen bemerkbar, die noch yem- unfere Kultur bezeichnen: Haustiere, Nutzpflanzen, alle möglichen Gew - schäften und Wohnbauten treten auf, es konnten Gebiete besiedelt werde' die dem empsindlichen Neandertalmenschen verschlossen blieben, denn kannte kaum eine Vorratswirtschaft. Die Vorläufer der modernen Ra l ' derNiedermensch", wie Osborn sagt, muß sich noch irgendwo an ajiaii scheu Hochplateau entdecken lassen, sobald dort eingehendere UntersuW gen vorgenommen werden. Bis jetzt ist ]a erst Stückwerk geleift , , ober zu der Entdeckung des vorzeitlichen Talgaimenschen m der Mong , geführt hat. DieAffenmensch"-Theorie kann als ernstlich er [mutt . gelten, es läßt sich jetzt ebensogut der Affe vom Menschen abletten to® die Uebereinstimmungen beider gehen auf so unendlich ferne ZcU 5 i rück, daß man weder von einem eigentlichen Affen- noch von e> t Menschengeschlecht reden kann. ______.