den ersten primitiven Anfängen bis zu ihrer heutigen Vollendung vor aller Augen zur Schau zu stellen berufen ist.
Main ist die Heimat der Druckkunst. Mag auch in Ostasien schon mit Kupserwörtern gedruckt worden sein, als Gutenberg noch ein Knabe war; mögen auch einige die Theorie verteidigen, datz Laurenz Janson Coster in Haarlem vor Gutenberg Metallbuchstaben gegossen hat: in dem Punkte aber sind alle Gelehrten und alle Kulturvölker einig, daß d i e Druckkunst, die sich die Welt eroberte, in Mainz erfunden wurde und von Mainz aus ihren Siegeszua über den ganzen Erdball antrat.
In der ganzen Welt sollte daher keiner, der stch mit Stolz Jünger Gutenbergs nennt und der Kunst des Meisters sein täglich Brot verdankt, fehlen, wenn es gilt, seine Heimat zu verteidigen und sein Vaterhaus zu schützen; wenn es gilt, das Gutenberg-Museum als lebendiges Denkmal des gemeinsamen Vaters aller Drucker am Leben zu erhalten und auszubauen.
Das Gutenberg-Museum soll und muß werden: Die Ruhmeshall« der Stadt Mainz für ihren größten Sohn; Ne internationale Sammelstelle für alle Druckerzeugnisse und Druckgeräte, die für die Entwicklung der Druckkunst von Bedeutung sind; die wissenschaftlich« Zentralstelle für alle Arbeiten zur Geschichte der Buchdruckerkunst in allen Ländern der Erde; die Lehrstätte, an der jeder Jünger des großen Meisters, wo immer in der weiten Welt er auch wohnen mag, sein Herz mit neuem Stolz, seinen Kopf mit neuen Anregungen füllen kann. So soll das Museum dem Buchdruckerstande zur Ehre und zum Nutzen gereichen.
Am 500. Geburtstag Gutenbergs im Jahre 1900 in Mainz gegründet, wurde das Gutenberg-Museum am Johannistag 1901 im Kursürstlichen Schlosse daselbst eröffnet. Ende September 1912 siedelte es in den Neubau der Stadtbibliothek in der Rheinallee über, wo es im ersten Stockwerk allzu eng untergebracht wurde. Das erste Bierteljahrhundert widmete das Museum dem stillen inneren Ausbau. Erst bei seinem 25jährigen Jubiläum im Jahre 1925 beginnen seine starken Expansionsbestrebungen. Damals wurden feine Räume im Bibliotheksgcbäude durch Hinzunahme der großen Säle des Erdgeschosses, der Hall« im Zwischengeschoß und des Raumes der anderweitig untergebrachten Gutenberg-Bibliothek mehr als verdoppelt. Gleichzeitig konnte eine getreue Nachbildung einer vollständigen Druckwerkstatt aus der Zeit Gutertbergs mit Gießerei, Setzerei und Druckerei betriebsfähig eingerichtet werden. Eine groß« internationale Guten- berg-Festfchrift wurden von 78 der hervorragendsten Gelehrten und Praktikern der Buchdruckerkunst aus allen Ländern der Erde geschrieben. Dieser großen Festschrift folgen seit 1926 jährlich die internationalen Gute nbergjahrbücher, die von der Gutenberg-Gesellschaft in Mainz herausgegeben werden.
Man wird zugeben müssen, daß das Gutenberg-Museum aus dem Wege zu den oben angegebenen Zielen in den letzten Jahren bereits einige Männerschritte zurückgelegt Hot.
Seine Absicht, das Weltdruckmuseum zu werden, wird nicht nur von der Stadt Mainz, sondern mich von den führenden Männern des Vuch- druckgewerbes im In- und Ausland gebilligt. Die großen internationalen Ausstellungen der letzten Jahre haben die Unterstützung des Gutenberg- Museums erbeten und erhalten. So wurden auf der P r e s s a in Köln Si alte lz. T. rekonstruierte) Druckereien mit Schriftgießereien aus den ren 1450 und 1722 in Betrieb vorgesührt. Di« rekonstruierte Gutenberg-Werkstatt des Gutenberg-Museums ist auch auf der ibero-amerika- nischen Ausstellung in Sevilla ausgestellt worden.
Zurzeit läßt die Stadt Mainz das herrliche alte Patrizierhaus „Zum Römischen Kaiser" im Schatten des altehrwürdigen Mainzer Domes für die Erweiterung des Gutenberg-Museums herüchten und gedenkt auch später das schöne alte Haus „Zum König von England" dem Gutenberg- Museum zur Verfügung zu stellen. Bei der Neueinrichtung des Museums sollen seine Ausstellungen so ausgebaut werden, daß sie auch das schönheitsfuchend« Auge stärker befriedigen, als es bisher wegen des allzu gedrängten Raumes möglich fein konnte. Auch soll die Entwicklung der Buchdruchiechnik stärker gezeigt werden, als bisher. Neben einer Druckwerkstatt aus der Zeit Gutenbergs werden Druckereien aus dem 18., 19. und 20. Jahrhundert, eine Papiermühle des 15. Jahrhunderts usw. betriebsfähig eingerichtet. Mehrere öftere Druckmaschinen sind bereits geschenkt. Weitere Schenkungen stehen bevor. Neben der Stadt Mainz, der Heimatstadt der Druckkunst, und neben anderen berühmten Druckstädten sollen auch die einzelnen Länder der Erde eigene Räume erhalten, in denen ihre Druckgeschichte würdig und schön dargestellt wird.
Das Mainzer Gutenberg-Museum bestndet sich also in einer glücklichen Entwicklungstendenz. Es ist zu wünschen und zu Yosfen, daß den Anstrengungen, die von der Stadt Mainz und der Museums-Direktion gemacht werden, auch die Resonanz bei den Jüngern Gutenbergs, für die das Museum letzten Endes geschaffen wird, nicht fehlen wird, und daß di» Organisation der Buchdrucker in den einzelnen Ländern der Erde, die z T. das Gutenberg-Museum schon in großzügiger Weife unterstützen, in ihre Satzungen einen Paragraphen aufnehmen, daß der Ausbau ihres gemeinsamen Museums in Mainz mit zu den Zwecken ihrer Vereinigungen gehört. Dann werden auch zweistllos di« Kulturländer selbst und ihre Regierungen nicht zaudern, das Mainzer Gutenberg-Museum zu unterstützen und in ihm b:e DruckaescGcbte shres Landes aufbauen. Die internationale Gutenberg-Festschrift 1925 wurde durch die deutschen Botschafter und Gefandten im Auslande sämtlichen Staatsoberhäuptern persönlich ßberreid’t; die Internationalen Gutenberg-Jahrbücher wurden bereits in wer Jahrgängen den Regierungen der Kulturländer durch deren Berliner Botfehafter und Gesandten zugeleitet. '
Zur Unterstützung des Gutenberg-Museums trat im Jahre 1901 die internationale wissenschaftliche Gutenberg-Gesellschaft ins Leben, die in« zwiseben die wichtigsten Publikationen zur Geschickte der Buchdruckerkunst veröffentlichte, die überhaupt in dieser Zeit erschienen sind. Zahlreiche edelmütige Stifter haben die Gutenberg-Gesellfchaft fo stark unterstützt, daß sie zurzeit In der Laae ist, für den geringen Jahresbeitrag von 15 (Ausland 17) Mark den Mitgliedern wertvolle Publikationen in mustergültiger Form in die Hand zu legen, die mehr als den dreifachen Mert des Beitrages darstellen. Die Gutenberg-Gesellfchaft Ist also ihren Mit
gliedern gegenüber durchaus die Gebende. Außer den Gutenberg-Jahrbüchern, die jährlich zum Johannistag erscheinen, erhalten die Mitglieder jährlich mehrere kleiner« Drucke über Spezialfragen der Buchdruckgeschichte. Auch die großen Veröffentlichungen der Gutenberg-Gesellfchaft, die ihr internationales wissenschaftliches Ansehen verschafften, die aber in der Inflationszeit abgebrochen waren, haben bereits ausgezeichnet« Fortsetzungen gefunden. Wer immer sich dem Erfinder der Buchdruckerkunst verpflichtet fühlt — und wer mühte das nicht —, der sollte in den Mitgliederlisten der Gutenberg Gesellschaft nicht fehlen.
Wer aber in besonderem Maße der von Mainz ausgegangenen Buchdruckerkunst fein tägliches Brot verdankt und sich als Jünger und Nachfolger des großen Meisters fühlt, der sollte auch das Museum, das Gutenbergs Namen trägt, unterstützen, indem er abgelegte Druckgeräte und abzulegende Maschinen feines Gewerbes dem Gutenberg-Museum zur Verfügung stellt; indem er alte und neue Erzeugnisse der Druckkunst einsendet und in jeder Form hilft, die Kosten des Anbaues dieses Welt- museums der Druckkunst aufzubringen. Jede Gabe wird dauernd den Namen des Stifters tragen und fo dessen Namen mit dem unsterblichsten Namen eines Menschen, dem Gutenbergs, auf immer verbinden. Wen müßte ein solcher Gedanke nicht mit stolzer Freude und ehrfürchtigem Danke erfüllen?
Der Körper als Schicksal.
Line Stunde in einer Tanzschule.
Von Frank Warschauer.
„Die Erkenntnis des eigenen Körpers", hieß der Vortrag, den der junge Dozent aus der modernen Tanzstunde angesetzt hatte. Und dieses Thema war dort auch sehr aktuell. Denn es handelte sich um eine jener Schulen, in denen es wirklich darum geht, den Körper zu bilden — nicht ihn zu einigen Künstlichkeiten zu erziehen, wie es früher die Balletttechnik tat. Und da war es dann wesentlich genug, einmal einige wichtige theoretische Grundlagen des neuen Körpergefühls, das sich in unserer Zeit durchzusetzen beginnt, zu geben.
Der Saal war ziemlich gut gefüllt. Vorn am Podium standen die Tanzschülerinnen, vorläufig noch ziemlich durcheinander, nachher sollten sie nach eigentümlichen Gesichtspunkten geordnet werden. Unten saßen einige fremde, am Thema interessierte Besucher.
Der Vortragende begann historisch, aber mit einer sehr lebendigen Historie, die wirklich zur Gegenwart gehört. Er sprach von den Bemühungen, die man in früheren Zeiten gemacht hatte, um die Gesetze der äußeren Erscheinung über das Maß des Intuitiv Erfaßbaren in wissenschaftlicher Form darzustellen. Und er erwähnte den Titel eines berühmten Werkes das von einem Arzt und Philosophen der romantischen Epoche stammt: „Die Symbolik des menschlichen Körpers" von C a r u s. Das ist ja nun mehr als ein Titel — das ist ein Wort,- hinter dem merkwürdige Erkenntnisse verborgen sind. Symbolik — was bedeutet dies? Es heißt, daß hinter der äußeren Erscheinung des Menschen gleichsam ein tieferer Sinn verborgen liegt, eine Beziehung zum Schicksal, zu seinem äußeren und seinem seelischen Schicksal. Und dies war das Thema, das der Vortragende an diesem Abend behandeln wollte.
Jahrzehnte, nachdem dieses Buch erschienen war, kamen Psychiater zu merkwürdigen Beobachtungen und Erkenntnissen. Sie stellten fest, daß gewisse Geisteskrankheiten immer und immer wieder bei Menschen von bestimmter körperlicher Eigenart austreten. Allmählich war di« Wissenschaft dahin gelangt, den Körperbau des Menschen zu studieren und im wesentlichen zwei große Grundtypen zu unterscheiden: den {»genannten asthenischen und den pyknischen. Einfacher ausgedrückt: Menschen von untersetzter, kräftiger Figur und ander« von länglicher Körperb'ldung und zarterem Gliederbou. Und es ergab sich nun die merkwürdige Beobachtung, daß dem einen Typ eine andere Geisteskrankheit gewissermaßen zuaeorbnet ist. als.dem anderen. Man war ursprünglich nickst geneigt, anzunehmen, daß zwischen der geistigen Struktur eines Menschen und seinem Habitus überhaupt ein Zusammenhang bestände; nun aber zeigte es sich durch sorgfältige Statistiken, daß Menschen des einen Typs im allgemeinen, wenn überhaupt, bann an anderen Geisteskrankheiten leiben, als die des anderen Typs.
Und diese merkwürdige Tatsache führte nun dazu, daß man suchte, die hier bestehenden Zusammenhänge genau zu erforschen. Daß hier ein reiner Zufall im Spiele war, konnte nicht angenommen werden. Vielmehr Prangte man zu der Annahme, daß Ne körperliche Snrft tutinn mit der geistigen aufs engste zufammenhängt. Woraus bann weiter geschlossen werben konnte, baß die Körperform gewissermaßen in sich einen bestimmten Charakter unb damit auch das Schicksal eines Menschen bestimmt.
Als der Vortragende soweit gekommen war, rief er die Schülerinnen der Tanzstunde auf das Podium und begann, die Unterschiede an ihnen zu demonstrieren. Unb siehe da: Tatsächlich waren bei den 30 bis 40 Schülerinnen die verschiedenen Typen mit großer Deutlichkeit zu erkennen. Die jungen Damen kletterten in wenig bekleidetem Zustand auf das Podium, und waren nun tatfächlich sehr brauchbare Obsekte für die Demonstration des Lehrers.
Deutlich waren die lang und schmal Gebauten von den unterfetzten unb kräftigen zu unterscheiden. Unb nun setzte der Vortragende auseinander, daß nach seiner Ansicht es noch mehrere Ergänzungstypen gäbe, er nannte Ne arazi'en und die athletischen. Wi°der rief er einige Mädchen aufs Podium. Aeußerst zart unb charmant standen Ne grazilen da, als Untertyp des asthenischen, sich jedoch solcher Einordnung feines« tveqs bewußt — und die athletischen auf der anderen Seite ließen in der Tat den Gedanken auftommen, daß sie eines Tages einen widerspenstigen Ehemann kräftig zu Boden boxen könnten. .
Bis hierhin war der Vortrag noch so ziemlich ohne Widerspruch verlaufen; NUN kam der zweite Teil. In dem versucht wurde, den Charakter, d-r sich mit dem körperlichen Typ verbindet, näher zu bestimmen. Die : Asthenischen, so erklärte der Bortragende, die könne man auch Ne Opfer« I typen nennen; sie seien sehr bereit, sich, sei es einem einzelnen Menschen,


