Doch Juliane starb im ersten Kindbett. — „Wenn ich erst wieder tanzen kann!" hatte sie während ihrer Schwangerschaft mehrmals geauher^ aber sie sollte niemals wieder tanzen, und somit war für Earsten die Gefahr Lfeitiot Freilich auch zugleich das Gluck; denn mochte sie auch kaum ihm angehort haben, wie sie vielleicht niemandem angehoren konnte,^und rote man sie auch schelten mochte, sie war es doch gewesen, die mit dem Licht der Schönheit in sein Werktagsleben hineingeleuchtet hatte; ein ftemder Schmetterling, der über feinen Garten hinflog und dem seine Augen noch inuner nachstarrten, nachdem er längst schon seinem Blick entschwunden war. Im übrigen wurde Carstens wieder, und mehr noch, als er es zuvor gewesen, der verständige, ruhig abwagende Mann. Den von der Toten nachgelassenen Knaben, der sich bald als der körperliche und allmählich auch als der geistige Erbe seiner schönen Mutter herausstellte erzog er mit einer seinem Herzen abgekämpften Strenge; bem gutmütigen, aber leicht verführbaren Liebling wurde keine verdiente Züchtigung erspart, nur wenn die schönen Kinderaugen, wie es m solchen Fallen stets geschah, mit einer Art ratlosen Entsetzens zu ihm aufblickten, muhte der Baier sich Gewalt tun, um nicht den Knaben gleich wieder mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit in feine Arme zu schließen.
Seit Julianens Tode waren über zwanzig Jahre vergangen. Heinrich — so hatte man nach feines Vaters Vater den Knaben getauft — war in die Schule und aus der Schule in die Kaufmannslehre gekommen; aber in seinem angeborenen Wesen hatte sich nichts Merkliches verändert, ©eine Anstelligkeit ließ ihn sich leicht an jedem Platz zurechtfinden; aber auch ihm wie einst feiner Mutter, stand es hübsch, wenn er den Kops mit den lichtbraunen Locken zurückwarf und lachend seinen Kameraden -uries.
Muh gehen! Wir kümmern uns um nichts! Und in der Tat war dies der einzige Punkt, in dem er gewissenhaft sein Wort zu halten pflegte; er kümmerte sich um nichts oder doch nur um Dinge, um die er besser sich nicht gekümmert hätte. Tante Brigitte weinte oftmals seinetwegen und auch mit Carsten legte sich abends in seinem Alkovenbette etwas aus das Kissen/was ihm, er wußte nicht wie, den Schlaf verwehrte; und wenn er sich ausrichtete und sich besann, so sah er feinen Knaben vor sich, und ihm war, als sähe er mit Angst ihn größer werden.
Aber Heinrich blieb nicht das einzige Kind des Hauses — Eln en - fernter Verwandter, der mit Carstens durch gegenseitige Anhänglichkeit verbunden war, starb plötzlich mit Hinterlassung eines achtiahrigen Mädchens- und da das Kind die Mutter bereits bei feiner Geburt verloren hatte, so wurde nach dem Wunsche des Verstorbenen Carstens mch nur der Vormund der kleinen Anna, sondern sie kam auch völlig zu Kost und Pflege in sein Haus. Seine Treue gegen den Heimgegangenen aber bewies er insbesondere damit, daß er durch Leistung von Vorschüssen und derzeit nicht gefahrloser Bürgschaft für dessen Tochter derselben einen kleinen Landbesitz erhielt, der später unter verbesserten Zeitläuften zu erhöhtem Werte veräußert werden konnte.
Anna war einer anderen Mutter nachgeartet als der um ein Jahr ältere Heinrich. Dieser, trotz des besten Willens, brachte es me zustande, so wenig wie sein eigenes, so auch nur der Allernächsten Wohl und Wehe bei seinem Treiben zu bedenken; bei Anna dagegen — wie oft griff Tante Brigitte in die Tasche und gab ihr zur Schadloshaltung einen Dreiling und einen derben Schmatz dazu: „Du dumme Trine, hast dich denn richtig wieder selbst vergessen!" Zu ihrem Bruder aber, wenn sie ihn erwischen konnte, sprach sie dann wohl: „Der Vetter Martin hat s doch gut mit uns gemeint; er hat uns seinen Segen nachgelassen!"
Bei aller Herzensgüte war das Wesen des Mädchens doch von einer frohen Sicherheit, und wenn Carstens auf seine mitunter ängstliche Erkundigung nach Heinrich von Brigitte die Antwort erhwlt: Er ist ba Annas sie näht ihm Segel zu seinen Schiffen oder: ,Sie hat ihn sich geholt; er muh ihr die Kirfchbaumnetze flicken helfen dann nickte er und setzte sich beruhigt an seine Arbeit.--Zur Zeit, wo wir diese Er
zählung roeiterfütjrcn, an einem Spätsommervormittage, war das Mädchen eben mündig geworden und stand, eine voll ausgewachsene, blonde Jungfrau, mit ihrem grauhaarigen Bormunde auf bem Rathause vor dem Bürgermeister, um die infolgedessen nötigen Handlungen zu voll- 3k%n," hatte sie vor dem Eintritt in das Gerichtszimmer gesagt; „ich
fürcht' mich."
— ,/öu, Kind? Das ist nicht deine Art.
„Ja, Ohm; aber auf Herrendiele!"
Der alte, hagere Mann, der dort ganz zu Haufe war hatte lächelnd auf das frische 'Mädchenantlitz geblickt, das mit heißen Wangen zu ihm aufsah, und dann die Türe des Gerichtszimmers aufgedruckt.
Aber der Bürgermeister war ein alter, jovialer Herr. „Mein liebes Kind" sagte er, mit Wohlgefallen sie betrachtend, „Sie wißen doch, daß Sie noch einmal wieder unmündig werden müssen; freilich nur, wenn Sie sich den goldenen Ring an den Finger stecken lassen! Mag bann Ihr Leben in ebenso getreue Hand kommen!"
Er warf einen herzlichen Blick zu Carstens hinüber. Dem Mädchen aber obgleich ein leichtes Rot ihr hübsches Antlitz überflog war bet diesem Lobe ihres Vormundes alle Befangenheit vergangen. Ruhig ließ sie sich den Bestand ihres Vermögens vorlegen und sah, wie man es von ihr verlangte, alles sorgfältig und verständig durch; dann aber Jagte sie fast beklommen: „Achttausend Taler! Stein, Ohm, das geht nicht.
— „Was geht nicht, Kind?" fragte Carstens. .
„Das da, Ohm, das mit den vielen Talern" — und sie richtete sich in ihrer ganzen jugendlichen Gestalt vor ihm auf — „was soll ich damit machen? Ihr habt mich bas nicht lernen lassen; nein, Herr Bürgermeister, verzeiht, ich kann heute noch nicht münbig werden."
Da lachten die beiden Alten und meinten, das hülfe ihr nun nichts; mündig sei sie und mündig müsse sie für jetzt auch bleiben Aber Carstens tagte: „Sei ruhig, Anna; ich werde dein Kurator; bitte nur den Herrn Bürgermeister, daß er mich dazu bestelle." „
— „(Titrator, Ohm? Ich weih wohl, bah die Leute Euch so heißen.
„Ja, Kind; aber biesmal ist es so: Du behältst mein unb meiner alten
Schwester Leib unb Seele in deiner Obhut, und ich helfe dir wie bisher die dosen Taler tragen; so roirb’s wohl richtig sein."
Amen" sagte ber alte Bürgermeister; bann wurde die Quittung über richtige Verwaltung des Vermögens von Anna durch ihre saubere Ra- mensiinterschrift vollzogen. , r
Während sie und Carsten sich hieraus beurlaubten, hatte ber Bürgermeister, rote von Geschäften aufatmenb, einen Blick auf die Straße hm- aU5„S"roeb!" rief er; „Herr Makler Jaspers! Was mag ber Stabtunheils, träger mir roieber aufzutifchen haben!"
Carsten lächelte und faßte unwillkürlich die Hand feiner Pflegetochter.
Als die beiden draußen die breite Treppe ins Unterhaus hmabzu- steiqen begannen, stieg ein kleiner, ältlicher Mann in einem braunen, ab- qefdiliifenen Rock diefelbe in die Hohe. Auf bem Treppenabsatz angelangt, stützte er sich keuchend auf fein schwankes Stöckchen unb starrte aus kleinen, grauen Augen zu den Herabsteigenden hinauf, indem er ein paarmal feinen hohen Zylinderhut über einer fuchsigen Perücke lüftete.
Carsten wollte mit einem kurzen „Guten Tag vorbeipassieren; aber der andere streckte seinen Stock vor den beiden aus. „Oho, Freundchen! — unb es war eine wirkliche Altweiberstimme, die aus dem kleinen, faltigen Gesicht herauskrähte. — „So kommt Ihr mir nicht durch!
„Der Bürgermeister wartet schon auf Euch", sagte Carsten unb schob den Stock zur Seite. .. , n
Der Bürgermeister?" Herr Jaspers lachte ganz vergnüglich. „Laßt ihn warten! Dieses SJlat roar's auf Euch abgesehen, Freunbchen; ich wußte, daß Ihr hier herum zu haben wäret."
D Auf mich Jaspers?" wiederholte Carstens, und aus seiner Stimme klang eine Unsicherheit, die ihm sonst nicht eigen war.
(Fortsetzung folgt.)
Das werdende Wettmuseum der Oruckkunst.
Von Dr. A. Ruppel, Direktor des Gutenberg-Museums In Mainz.
Um das 1445 geschah zu Mainz am Rhein eine welthistorisch Tat, die berufen war, das Angesicht der Erde zu verändern. Das große Ereignis bestand in der unscheinbaren Tatsache, bas der Mainzer Burger Johann Gensfleisch genannt (Butenberg die Kunst erfand, mit beweglichen, gegossenen Metallbuchstaben die Handschriften, die bisher nur wenigen zugänglich waren, mit unheimlicher Schnelligkeit und m schier imbegrenzter Zahl zu vervielfältigen unbsodasWlssenderWet. zum Allgemeingut der Menschheit zu machen. Nicht erst die Entdeckung Amerikas (1492) ober die noch spatere Reformation (1517) leiteten di« neue Zeit ein — denn beide Ereignisse hatten nur für emeg Xeil ber Welt und auch nur für Teilgebiete des kulturellen rmbwirisck)astl,chen Lebens Bedeutung. Die Quelle, aus ber das gesamte Leben ber Neuzeit in der ganzen Welt Befruchtung und Nahrung erhielt, war die Buch- druckerkunst. Gutenbergs Erfindung ist es gewesen,^« das Gesicht der Neuzeit formte unb auf die Entwicklung aller Gebiete des menschlichen Lebens den entscheidenden Einfluß ausübte: auf Denken und Sein, W>s- senlcbaft unb Kunst, Wirtschaft und Technik. Wenn irgendein JRenfd) oer« bient Vater der Neuzeit zu heißen, so ist es weder Christoph Columbus noch'Martin Luther, sondern Johannes Gutenberg; denn diesem gottbegnadeten Genie vor allem wird der <sortschritt verdankt, der die Neu- neit von dem Mittelalter cheidet. Wir mögen uns dessen bewußt sein oder ni-bt wir alle wären nicht, was wir sind, ohne die alles beherr- "*•£ M-»n- Wbdifkto
schickliche Gelegenheit vorübergehen lassen, ohne ihm dankbar zu huldigen, sie errichtete ihm zahlreiche Denkmäler, erinnerte sich 1640, 1740 und 1840 in herrlichen Jahrhundertfesten an die Große feiner Erfindung, feierte in nie gesehener Pracht im Jahre 1900 seinen 500. Geburtstag und wird in 10 Jahren bei der Halbjahrtausendfeier der Divckkunst (1940) diesem großen Wohltäter der Menschheit keine geringere ^“‘^“ml ^^murbe
Als lebendiges Erinnerungsmal an den unsterblichen Meister wurde ^tnhr; inrn in m a i nx bas Gutenberg-Museum gegründet, Lse^Zweck es 'ist, alles, La7 für die Erfindung Gutenbergs Zeugnis ablegt aber auch alles, was die Geschichte ber gesamten Druckkunst in allen Kulturländern der Erde betrifft, zu sammeln, zu sichten, zu bear- beitV auszustellen unb in wissenschaftlichen Veröffentlichungen weitesten "°47- bÄÄ ®ufc*r«.w.um6 I-I, lntetnatiomil9©eln Sammel, und Arbeilegebiet bekckmnkl "Jf'1
auf Gutenberg allein, sondern auf alle Drucker der Welt, nicht auf einzelne Länder sondern auf alle Länder "der Erde; nicht auf eine beftimmte Kit sondern auf die gesamte Geschichte der Druckknnst von Gutenbergs Zeit' bis in unsere Tage; nicht auf eine bestimmte Druckart, sondern auf aUe brud'ierbniid’eu Vervielfältigungsmoglichkeiten.
Dieses Programm aber schließt den Anspruch des Gutenberg-Museums in sich, das Weltmu seum ber Drückkunst zu fein oder es doch me3ntMne5Uanbere<!6tabt der Erde aber gehört d«s Weltdruckmuseum als nach Mainz In Mainz wurde kurz vor dem Jahre 1400 iin Hofe zum Gutenberg der große Erfinder ber Druckkunst als Sproß der alteingesessenen Patrizie'rfamilie der Gensfleisch geboren: in Mainz hat er im Schösferhof (eine unsterbliche Erfindung vollendet; in Mainz steMe er'1445 in „Fragment vom Weltgericyi oen ersten Itroenbrrct Europas her; in Mainz schuf er 1452 55 in ber 2 zei?igen Bibel das Meisterwerk ber Buchbri'ckerkunst aller Zeiten- in Mainz, In der Franziskanerkirche, wurde im Februar 468 was an'ihm sterblich war, zur letzten Ruhe gebettet; in Mainz lebt das A - teufen an das unvergleichliche Genie in unverminderter Starke f > Mainz erhebt sich sein stolzestes Denkmal, das der große Th orwcilb- ien bem nrbVeren öutenberg schuf: in Main lebt unb arbeitet seif meyr als einemOVierteljahrhundert das Gutenberg-Museum, das Heinmt-und Vaterhaus aller Drucker der ganzen Welt fein unb Edsn will. Mainz^st also der gegebene Ort für jenes Museum, das die Kunst Gutenbergs von


