GiehenerZamilienblötter
Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
Jahrgang 1930 Hreitag, dein«. Januar Kummer Z
Abendlied der Freundin.
Von Paul Appel.
Freund, wir sind irdisch. Komm, es wird Abend.
Lege dein Haar an meins Und ruhe recht.
Tu die Beschwerde ab, Ob sie auch treu hält; Ich bringe dir Stille. Die sei dein Kissen.
Wenn du ein Schlastuch willst. Da ist mein Lächeln.
Es deckt dich ganz, Es deckt dich völlig.
Nun sollst du ruhen.
Nun soll ich schweigen.
Lege dein Haar an meines? Wir ruhen gerecht.
Carsten Curator.
Novelle von Theodor Storm.
Eigentlich hieß er Carsten Carstens und war der Sohn eines Kleinbürgers, von dem er ein schon vom Großvater erbautes Haus an der Twicte (Twiete heißt die enge Straße, die vom Husumer Hasen zum Markt führt), des Hafenplatzes ererbt hatte und außerdem einen Handel mit gestrickten Wollwaren und solchen Kleidungsstücken, wie deren die Schiffer von den umliegenden Inseln auf ihren Seefahrten zu gebrauchen pflegten. Da er indes von etwas grübelnder Gemütsart und ihm, wie manchem Nordfriesen, eine Neigung zur Gedankenarbeit angeboren war, so hate er sich von jung auf mit allerlei Büchern und Schriftwerk beschäftigt und war allmählich unter seinesgleichen in den Ruf gekommen, daß er ein Mann sei, bei dem man sich in zweifelhaften Fällen sicheren Rat erholen möge. Gerieten, was wohl geschehen konnte, durch seine Leserei ihm die Gedanken auf einen Weg, wo seine Umgebung ihm nicht hätte folgen können, so lud er auch niemanden dazu ein und erregte folglich dadurch auch niemandes Mißtrauen. So war er denn der Kurator einer Menge von verwitweten Frauen und ledigen Jungfrauen geworden, welche nach der damaligen Gesetzgebung bei allen Rechtsgeschäften noch eines solchen Beistandes bedurften.
Da bei ihm, wenn er die Angelegenheiten anderer ordnete, nicht der eigene Gewinn, sondern die Teilnahme an der Arbeit selbst Vorstand, so unterschied er sich wesentlich von denen, welche sonst derartige Dinge zu besorgen pflegten; und bald wußten auch die Sterbenden als Vormund ihrer Kinder und die Gerichte als Verwalter ihrer Konkurs- und Erbmassen keinen besseren Mann als Carsten Carstens an der Twiete, der jetzt unter dem Namen „Carsten Curator" als ein unantastbarer Ehrenmann allgemein bekannt war.
Der kleine Handel freilich sank bei so vielen Vertrauensämtern, welche feine Zeit in Anspruch nahmen, zu einer Nebensache herab und lag fast nur in den Händen einer unverheirateten Schwester, welche mit ihm im elterlichen Hause zurückgeblieben war.
Im übrigen war Carsten ein Mann von wenig Worten und kurzem Entschluß, und wo er eine niedrige Absicht sich gegenüber fühlte, auch auf eigene Kosten unerbittlich. Als eines Tages ein sog. „Ochsengräser", der seit Jahren eine Fenne (Wiese) Landes-, nach derzeitigen Verhältnissen zu billigem Zinse, von ihm in Heuer gehabt hatte, unter Beteuerungen versicherte, daß er für das nächste Jahr bei solchem Preise nicht bestehen könne, und endlich, als er damit kein Gehör fand, sich dennoch zu dem früheren und, da jetzt auch dieses Angebot zurückgewiesen wurde, sogar zu einem höheren Heuerzinse (Pachtzins) verstand, erklärte Carstens ihm, daß es keineswegs feine Sache fei, jemanden mit feiner Fenne in unbedachten Schaden zu bringen, und gab hierauf das Landstück zu dem alten Preise an einen Bürger, der ihn früher darum angegangen war.
Und dennoch hatte es einen Zeitraum in seinem Leben gegeben, wo man auch über ihn die Köpfe schüttelte. Nicht als ob er in den ihm anvertrauten Angelegenheiten etwas versehen hätte, sondern weit er in der Leitung seiner eigenen unsicher zu werden schien; aber der Tod, bei einer Gelegenheit, die er öfters wahrnimmt, hatte nach ein paar Jahren alles wieder ins gleiche gebracht. — Es war während der Kontinental
sperre, in der hier sog. Blockadezeit, wo die kleine Hafenstadt sich mit dänischen Offizieren und französischem Seevolk und andererseits mit mancher Art fremder Spekulanten gefüllt hatte, als einer der letzteren auf dem Boden feines Speichers erhängt gefunden wurde. Daß dies durch eigene Hand geschehen, war nicht anzuzweifeln, denn die Verhältnisse des Toten waren durch rasch folgende Verluste in Ruin geraten; der einzige Aktivbestand feines Nachlasses, so wurde gesagt, sei seine Tochter, die hübsche Juliane; aber bis jetzt hätten sich viele Beschauer und noch keine Käufer gefunden.
Schon am anderen Vormittag gelangte von dieser die Bitte an Carstens, sich der Regulierung ihrer Angelegenheiten zu unterziehen; aber er wies das Ansuchen kurz zurück: „Ich will mit den Leuten nichts zu tun haben." Als indessen der alte Hafenarbeiter, der dasselbe überbracht hatte, am Nachmittage wiederkam: „Seid nicht so hart, Carstens; es ist ja nur noch das Mädchen da; sie schreit, sie müsse sich ein Leides tun", da stand er rasch auf, nahm seinen Stock und folgte dem Boten in das Sterbehaus.
In der Mitte des Zimmers, wohinein ihn dieser führte, stand der offene Sarg mit dem Leichnam; daneben auf einem niedrigen Schemel, mit angezogenen Knien, saß halb angekleidet ein schönes Mädchen. Sie hatte einen schildpattenen Frisierkamm in der Hand und strich sich damit durch ihr schweres, goldblondes Haar, das aufgelöst über ihren Rücken herabhing; dabei waren ihre Augen gerötet, und ihre Lippen zuckten von heftigem Weinen; ob aus Ratlosigkeit oder aus Trauer über ihren Vater, mochte schwer entscheidbar fein.
Als Carstens auf sie zuging, stand sie auf und empfing ihn mit Vorwürfen: „Sie wollen mir nicht helfen?" rief sie; „und ich verstehe doch nichts von alledem. Was soll ich machen? Mein Vater hat viel Geld gehabt; aber es wird wohl nichts mehr da sein! Da liegt er nun; wollen Sie, daß ich auch so liegen soll?"
Sie setzte sich wieder auf ihren Schemel, und Carstens sah sie fast staunend an. „Sie sehen ja, Mamsell," sagte er bann, „ich bin eben hier, um Ihnen zu helfen; wollen Sie mir die Bücher Ihres Vaters anvertrauen?"
„Bücher? Ich weiß nichts davon; aber ick) will suchen." Sie ging in ein Nebenzimmer und tarn bald wieder mifeinem Schlüsselbunde zurück. „Da," sagte sie, indem sie es vor Carstens auf den Tisch legte; „Sie iollen ein guter Mann sein; machen Sie, was Sie wollen; ich tümmre mich nun um nichts."
Carstens sah verwundert, wie anmutig es ihr ließ, da sie diese leichtfertigen Worte sprach; denn ein Aufatmen ging durch ihren ganzen Körper und ein Lächeln wie plötzlicher Sonnenschein über ihr hübsches Angesicht.
Und wie sie es gesagt hatte, so warb es: Carstens arbeitete, und sie kümmerte sich um nichts; wozu sie eigentlich ihre Zeit verbrauchte, konnte er nie erforschen. Aber bie frischen, roten Sippen lachten wieber, und der schwarze Traueranzug ward an ihr zum verführerischen Putze. Einmal, da er sie seufzen hörte, fragte er, ob sie Kummer habe; sie'möge es ihm agen. Sie sah ihn mit einem halben Lächeln an; „Ach, Herr Carstens," agte sie und seufzte noch einmal;* „es ist kanAweilig, daß man in den chwarzen Kleidern gar nicht tanzen darf!" Dann, wie ein fpieHuftiges Kind, fragte sie ihn, was er meine, ob sie dieselben nicht, mindestens für einen Abend, einmal würbe wechseln können; ber Vater hab' sie immer tanzen lassen, und nun sei er ja auch längstens schon begraben.
Als Carstens demungeachtet es verneinte, ging sie schmollend fort. Sie hatte längst gemerkt, baß sie ihn so für feine Sittenstrenge am besten strafen könne; benn während unter seiner Hand bie Vermögensverwirrung bes Toten sich wenigstens insoweit gelöst hatte, baß Gut und Schuld sich auszugleichen schienen, war er selbst in eine anbere Verwirrung hineingeraten; bie lachenden Augen der schönen Juliane hatten den vierzigjährigen Mann betört. Was ihn sonst wohl stutzen gemacht hätte, erschien in dieser Zeit, wo ber gleichmäßige Gang bes bürgerlichen Lebens ganz zurückgedrängt war, weit weniger bedenklich, und ba andererseits bas ber Arbeit ungewohnte Mädchen einen sicheren Unterschlupf den sie sonst erwartenden Mühseligkeiten vorzog, so kam trotz Schwester Brigittens Kopfschütteln zwischen diesen beiden ungleichen Menschen ein rasch geschlossener Ehebund zustande. Die Schwester freilich, bie jetzt in ber Wirtschaft nur um so unentbehrlicher war, hatte nichts als eine doppelte Arbeitslast dadurch empfangen; den Bruder aber erfüllte ber plötzliche Besitz von soviel Jugend und Schönheit, worauf er nach feiner Meinung weder durch feine Person noch durch seine Jahre einen Anspruch hatte, mit einem überströmenden Dankgefühl, bas ihn nur zu nachgiebig gegen bie Wünsche seines jungen Weibes machte. So geschah es, baß man den sonst so stillen Blann bald auf allen Festlichkeiten finden konnte, mit denen die stadt- und landfremden Offiziere bemüht waren, bie Ueberfülle ihrer müßigen Stun- ben zu beseitigen; eine Geselligkeit, bie nicht nur über seinen Stanb und seine Mittel hinausging, sonbern in bie man ihn auch nur seines Weibes wegen hineinzog, während er selbst dabei eine unbeachtete und unbeholfene Rolle spielte.


