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Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
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Jahrgang MV Mitas, den Y.Mai Nummer 56
Nacht im Frühling.
Von Diemar M o e r i n g.
Im Abendpark die Amsel schluchzt mit goldnem Schnabel traumverzückt, Sternbrunnen rauschen tief und wunderbar.
Mondwandler gehn auf schwankem Pfad, mit Stirnen, bleich und weltentrückt — Die Frauen öffnen sehnsuchtweit dem Wind das strahlenschwere Haar.
Blau glüht die Nacht in Vogelschall und sanft wie pfirsichwarmer Samt, Die Liebenden ruhn hold von Duft betäubt,
Von süßem Duft, der zauberisch aus Blütengärten schäumend flammt. Aus hyazinthnen Kelchen schwärmend stäubt.
Der Föhn, der junge Harfner, greift ins Saitenspiel mit Traumeshand, Der Wald, verschollen, rauscht befiedert auf —
Weltchöre lodern hymnisch auf, in Lust und Schwermut heiß entbrannt, Akkorde schwingen groß im Sphärenlauf.
Verschließ die Pforte! Laß das Haus! Ein Fremdling warst du nur am Ort! Ein Vogel lockt in meinem Blut ohn Ruh!
O blaue Nacht! O Windesruf! Sternbrunnen rauschen immerfort — Die hohe Straße streift mein Pilgerschuh —
Begegnung im Mai.
Von Friedrich Schreyoogl.
Copyright 1930 by I. L. A. Wien.
Zu beiden Seiten der Praterallee grüßt das erste Grün der Bäume. Auf den Kieswegen durch die Wiesen leuchten weiße Kleider, ist Lachen, Fröhlichkeit und Verliebtheit. Die Stadt dämmert im Dunst der heißen Straßen; von hier schneiden nur ihre höchsten Mauern als sanfte Silhouetten in das Blau des Himmels.
Ich gehe langsam die Fußwege, die sich seitwärts in Einsamkeit verlieren' Alle Verwundung des Lebens ist ferne. Namen sind plötzlich da und frühe Begegnungen. Begegnung im Mai!
Ich war fünf Fahre alt und der Prater ein Wunder, das sich niemals erschöpfte. Straßenkehrer kehrten feierlich die breite Fahrbahn blank, auf der sich die Welt in ihrer Erhabenheit Stelldichein gab. Ein alter freundlicher Herr mit einem Adjutanten, der immer in fester Haltung blieb, wenn die Kappen vom Kopf flogen: Der Erzherzog Ludwig Viktor. Und der Herr Praterinspektor, der zwei Rappen hatte mit langen Schweifen, die im schnellen Fahren vom Wind zerzaust waren. Und der Wachmann am Praterstern, mit großem Säbel und unantastbarer Ruhe.
Damals war die Welt so klar. Das waren große Herren, wie die Könige in dem Volkskalender der Köchin. Und alles paßte zusammen. Die Kappen, die voin Kopf flogen, die langschweisigen Pferde, der Säbel des Wachmanns. Eines Tages kam in diese reine Ordnung ein Riß, der seither nicht recht zugeheilt ist.
Am Eingang des Praters, dort wo er zum Wurstelprater führt, stand ein Maronibrater. Seine Stufe in der Weltordnung war mir vom Anfang klar. Er hatte einen Ofen, der rote Glut sehen ließ, wenn ihm sein Herr mit Herrschermiene glänzende Kohlenstücke ins Feuer warf. Daneben stand ein Sack Maroni. Ein ganzer Sack! Fünf Maroni waren das Maß, für das ich kaltherzig meinen besten Freund verraten hatte. Ein Sack war für mich so viel, wie die Schlüssel der ganzen Welt besitzen ...
Ein zweites kam dazu, das mich zugleich mit Staunen und mit vollster Bewunderung erfüllte. Der Maronibrater konnte sich selbst überwinden, er, wuchs sozusagen über seine eigene Größe hinaus. Im Mai stand der vsen dort, ohne daß er Kohle zu fressen bekam. Dafür lagen auf dem blitzend geputzten Rost Aepfel und über sauberem weißem Papier verzuckerte Früchte. Der Sommer und Winter hatten Frieden geschlossen und der Maronibrater stand wie ein unvergleichlicher Philosoph, über jwt und Veränderung erhaben, vor seinem Reich und teilte Gnaden aus. eines Tages traf das Fräulein, das mich spazieren führte, eine Bekannte n w ict) gewann einen Augenblick Freiheit, während sie sprachen. Ich pelite mich vor den Marvnimann und aus meinen Augen sprach ver- füllte 605 Übermaß an Bewunderung, das mein Herz zum Bersten
?er Herr des blanken Ofens grüßte patriarchalisch. „Willst du was?" > bekam eine Angst, die ebenso groß war, wie meine Beschämung. er wichtigste Augenblick meines fünfjährigen Lebens drohte ungenützt
zu verrinnen. Der Maronibrater lächelte zwar gnädig. Aber ich hatte nicht einmal fünf Kreuzer, um einen schicklichen Vorwand für ein Gespräch herzustellen.
Der Maronibrater kannte die Irrwege der kapitalistischen Welt und war ihrem niedrigen Götzendienst entrückt. „Komm her", sagte er und streckte mir seine breite Hand entgegen. „Grüß Gott, kleiner Mannt"
Schritt für Schritt ging ich ihm entgegen. Ich kostete die Nähe des Gewaltigen wie ein Feinschmecker.
Da kam das Fräulein auch schon im Laufschritt. „Rasch!" schrie fle und zog mich mit einem bösen Seitenblick auf den Maronibrater fort. „Steh nicht bei fremden Leuten herum!"
Alles übrige verschwamm in Tränen. Die Welt war zum ersten Male erschüttert. Vor den wässrigen Augen tanzte das Tegetthos-Monumentz versank rasch der blanke, schwarze Ösen und der Mann, an den ich mich seither nicht wieder erinnere. Er hat bei dieser Szene traurige Augen gehabt, aber vielleicht denke ich es mir heute dazu.
Im Prater selbst gab es einen alten Herrn, der alle Morgen einen großen mürben Wecken auf die Wege bröselte. Dann kamen die Spatzen und die Singvögel und der alte Herr stand glücklich unter ihnen.
„Der Vogelfreund", sagte mein Fräulein mit dem anspruchsvollen Hochdeutsch, zu dem sie laut Zeugnis verpflichtet war. Der Vogelsreund strömte für mich unendliche Güte aus. Es war so traurig, daß die Vögel erschreckt aufflatterten und fortslogen, wenn man in ihre Nähe kam- Das war so eine deutliche Abwehr und Abneigung. Der Vogelfreund hatte eine geheimnisvolle Kraft, die diesen Fluch überwand. Es war nicht das mürbe Brot allein. Eine höhere Gnade umspielte das tägliche Bild, machte den Morgen freundlich und die Welt gut.
Eines Tages kam der Vogelsreund und trug einen kleinen Hund am Arm, der zärtlich die Hand leckte, die ihn behutsam streichelte. Bor dem Eingang des Praters setzte er das kleine Tier aus die Erde. Es machte hilflose, lustige Bewegungen und schmiegte sich auf den Boden, der von der Maiensonne warm und hell war.
Der Wachmann kam dazu, freute sich einen Augenblick, dann wurde er amtlich. Er sah scharf auf den kleinen Hund und fragte sehr streng: „Hat der Hund eine Marke? Wem gehört er?"
Der Vogelsreund schluckte erschrocken. „Ich habe ihn gefunden", sagte er. „Ich weiß nicht."
Der Wachmann war wie die fleischgewordene Ordnung: „Dann haben Sie ihn beim Fundamt abzugeben. Verstanden?"
Der Vogelfreund sah mit Furcht, wie der Wachmann das Notizbuch zog. Eine Amtshandlung begann: Das Fräulein zog mich fort und ich weiß nichts über ihren Ausgang.
Aber die Welt hatte ihren zweiten Riß. Der bewunderte Wachmanu, die feierliche Ordnung stand jedenfalls im Widerspruch mit der Güte. Sie verstanden sich nicht. Zum ersten Male begreift man das so schwer.
Den dritten Riß bekam mein Herz und die Welt noch in der gleichen Woche. Ich saß in der Nähe des Konstantinhügels im Gras und grub mit einem alten silbernen Suppenlöffel, den man mir dazu geschenkt hatte, in der feuchten Erde. Das Fräulein saß mit einer Handarbeit aus einer Bank und war in ein Gespräch vertieft.
Da spazierte das Wunder vorbei. Ein kleines Mädchen. Blonde Haar« waren wie ein Goldschein um ein Gesicht von solcher Kinderschönhett gelegt, daß noch heute meine Träume um jenes Bild schweben.
Das kleine Müderl ging vorbei, sah neugierig auf meinen silbernen Lössel und blieb bei dem nächsten Fliederbusch stehen. Ich stand langsam auf, hatte richtiges Herzklopfen und wartete.
Wir sprachen irgendein Kindergespräch. Ich weiß keines, das mich im Leben wieder so glüMch gemacht hat. Dann huschte das Mäderl fort. Erna!
Am nächsten Tag wollte das Fräulein nicht zum Konftantinhügel. In mir war abgrundtiefe Verzweiflung. Die Äugen waren sofort voll Tränen. Ich erinnere mich nicht, wie ich es angestellt habe, aber schließlich saß ich doch wieder mit meinem silbernen Löffel am alten Platz.
O dieses erste Warten! Nach einer Stunde gingen wir heim. Als wir in die Hauptallee kamen, fuhr gerade ein schöner Wagen mit Gummirädern vorbei. Der Kutscher trug einen matten Zylinder und der lang« Schweif der Schimmel flog im Wind. Im Wagen aber saß — meine kleine Freundin und suchte mit unruhigen Augen etwas auf dem Fußsteig. Sicherlich mich, wie ich noch heute meine ... ,
„Fräulein!" schrie ich in Herzensangst und zeigte der Erzieherin den Wagen. Der war schon weit fort und bog fern auf den Praterstern. Noch einmal sah ich den kleinen blonden Kopf, dann war er vorbei.
Ich habe ein paar Monate lang gewartet und vor jedem kleinen Mädchen, das ein ähnliches Kleid trug, hat mein Herz gezittert. Aber ich habe eigentlich doch gewußt, daß das rasche Fortsahren das Richtige war, daß das irgendwie das Leben ist, das mich damals früh gegrüßt hat.
Warum ich das erzähle?


