Verantwortlich: Dr. HanS Thyrivt. Druck und Verlag: Drühl'fche AniverfitätS-Buch- und Steindruckerei. R. Lange, Giehen.

Aus Bananen, Zuckerrohr und mil wildem Honig verfertigt. Sie tanzten stammweise nebeneinander, sonderlich bekleidet, wild und berauscht hin­gegeben.

Es war wohl noch Rest von Tabu und Natur in diesen Tänzen. An einer Stelle schwangen sie beschwörende Figuren um eine lebende Gift­schlange, die am Boden lag und die sie durch ein geheimnisvolles Mittel, das darin besteht, daß sie irgendwelche Kräuter kauen und der Schlange in den Rachen spucken, ungefährlich gemacht hatten. Vielleicht hatte das aber auch die grollende Regelmäßigkeit in der Musik der Trommeln und dem Taktschlag der Sohlen bewirkt. Die Schlange lag mit leicht erhobenem Kopfe inmitten der Tänzer, wie eine im Traum berauschte Seele, und es war, als ob sie nur mühevoll die Augen offen hielt. Ich stellte mich handbreit neben sie. Sie achtete es nicht...

Oer Schlund.

Roman von Alfred Bock.

(Fortsetzung.)

Allmählich kam der Neumüller dahinter, in welch unverzeihlicher Weise seine Frau die Menschen ausgebeutet hatte. Ihre Wucherhändel brannten auf seiner Seele, und er versäumte keine Gelegenheit, ge­schehenes Anrecht wieder gutzumachen.

Der Sandharmes höhnte am Wirtshaustisch:Der Neumüller ist ein Narr, wo ihn die Haut anrührt. He arbeit' für das Lumpenchor, 's dauert net lang, schätz ich, und sein Karren schnappt auf!"

tsine andere Mühle, die für ihn klapperte, hatte der Gauner unfern vom Dorf gesunden.

Durch die geringere Vermahlung wurde dem Hannwilm der Ver­dienst geschmälert, doch wies ihm der Kommunalverband größere Getreidemengen zu, so daß er zur Genüge beschäftigt war.

Abends sah er in seiner Stube und genoß den Frieden, der ihn umwehte. In solcher Stimmung holte er die Briefe hervor, die ihm die Wecklersanna ins Feld geschrieben hatte. Darin spiegelte sich ihr eigenstes Wesen. Was sie in ihrer kleinen Welt erlebte, wußte sie anschaulich darzustellen. Man spürte ihre Gemütsfreudigkeit und ihr gesundes Gefühl. Der Hannwilm las die Briefe, Wort für Wort. Es ward ihm ordentlich wohl dabei.

Er träumte sich in verflossene Tage zurück. Blauer Himmel und Sonnenschein. Die Anna in ihrer Jugendblüte flog über die Wiesen wie eine Feder im Wind. Kaum, daß er sie zu haschen vermochte. Mitsammen gingen sie durch das Nonnenwäldchen. Rings raunten und rauschten die Quellen. Die Anna hob zu fingen an:

Es stand eine Linde im tiefen Tal, Oben breit und unten schmal, Darunter zwei Verliebte faßen, Die vor Freud ihr Leid vergaßen."

Es war ein langes Lied. Die Anna wollte keinen Vers davon missen. Er schloß ihr den Mund mit einem Kuß. Neben ihnen schritt das Glück und lachte sie an.

Dessen gedachte der Hannwilm, und eine stille Freude verklärte sein Gesicht.

Seit dem Tod der Herrin führte die Kriegerfrau Hübner, eine rundbackige Dreißigerin, in der Mühle die Haushaltung. Sie hatte keinen Ordnungssinn, doch kochte sie, wie's dem Hannwilm schmeckte, deshalb drückte er ein Auge zu. Der Mann der Hübner, der als Pionier ins Feld gerückt war, wurde seit langem vermißt. Nach Berfluß der gesetzlichen Frist hatte seine Frau ihn für tot erklären lassen. Sin gefangener Russe, ein großer Schlackes mit rötlichbraunem Gesicht und riesigem Schnauzbart, war bei ihr Hahn int Korb. Sie trug sich mit dem Gedanken, ihn zu heiraten, sobald er in der Lage war, feine Papiere aus der Heimat zu beschaffen. Der Russe, der im Dorf dem Wagner Rüdiger einen Gesellen ersetzte, liebte nach getaner Arbeit einen deftigen Dissen. Jede freie Stunde brachte er in der Mühle zu, wo er von der Hübner gefüttert wurde. Während er sich eines Abends an Kartoffelpfannkuchen gütlich tat, erschien !der vermißte Pionier in der Küche. Bekannte im Ort hatten ihm ge­steckt, wie es mit seiner Frau und dem Russen stand. Wütend begann er auf die Treulose loszuschlagen. Der Liebhaber, der befürchtete, auch fein Teil abzukriegen, verteidigte sich mit den Worten:

Ich sie nicht heiraten wollen, sie mich heiraten wollen!"

Der wüste Auftritt fand erst fein Ende, als der Neumüller, von seinem Knecht unterstützt, die drei kurzerhand zum Haus hinauswarf.

Am andern Morgen machte der Hannwilm sich auf und sprach bei der Wecklersanna vor.

Sie war in ihr Bügelgeschäft so vertieft, daß sie den Eintretenden nicht gleich bemerkte:

Bist fleißig?" rief er, von Erregung durchzittert.

Sie schaute auf. Lieber ihr Gesicht lief ein freudiger Schreck.

Ei du himmlischer Vater, der Hannwilm!"

's ist eine Ewigkeit her, daß ich net bei dir war."

Sie stellte ihr Bügeleisen auf den Antersatz.

Du wärst mir immer willkommen gewesenl"

Das Weitz ich", antwortete er.Man kann als net, wie man will." Seh dich ein Wink!"

Er ließ sich nieder. Sie nahm ihm gegenüber Platz.

Wie geht dir's dann?" fragte sie teilnahmvoll.

Er strich mit dem Rücken der geballten Hand über die Stirn.

Wann ich denk, was ich all durchgemacht hab, mutz ich mich wundern, daß ich noch jappen kann."

Ja, Hannwilm, du hast viel durchgemacht!"

And hab mich doch erkobert. Wann's mich emal zwickt, geb ich kein Obacht drauf. Ich mutz mich an die Arbeit halten."

Tu dir nur net weh!"

Er warf fragend das Kinn auf.

Was macht dann der Karl?"

Er ist in Mainz bei der Fußartillerie", gab ihm die Anna Be­scheid.Bei den Dreiern. Er ist in der Schmied' ausgebild't worden und soll auch mit dem Schmiedewagen ins Feld. Wahrscheins in drei Wochen. Alleweil, liegt er in der Gaustratz' im Bürgerquartier. Seine Wirtin schreibt sich Luckhardt. 's muß eine herzensgute grau sein, ©je stopft ihm seine Sachen und sorgt für ihn wie eine Mutter. Sie hält sich in ihrer Stub Tauben. Die sind so zahm, daß sie dem Karl die Brotkrumen aus der Hand picken. Das macht ihm viel Spatz, Sie hat ihn auch auf dem Schiff mit nach Dingen genommen. Da hat er das Niederwalddenkmal gesehen und den Mäuseturm. In Mainz, schreibt er, läut's den ganzen Tag. And 's täten da mehr in den Weingläsern ertrinken als im Rhein."

Wie ich sellemal von Münster am Stein heimfuhr", erzählte der Hannwilm aufgeräumt,hatt ich in Mainz Aufenthalt. Und hab mir die Stadt angeguckt. Die ist ganz hübsch. Auf dem Marktplatz tat einer Birn' verkaufen. Ich fragt ihn: ,Was kost' das Pfund'?' .Zwei Mark', spricht er. ,Die sind mir zu teuer!1 sagt ich. ,Jch könnt sie ja auch ver­schenken', spricht er, .aber ich tu's net!' Und da war so ein Lausbub, der sang:

.Mir hawwe Birn un esse Birn

Un hawwe Birn aufs Brot zu schmiern!1

Und lacht' sich ein' Ast. Der Mittag kam ebeigerutscht. Und da bin ich in eine Wirtschaft gangen. Und hab was gessen. Und da haben sie mir Wein eingeschenkt. Ich nahm ein Schluck. Und da sagten sie, das wär hier net Mode, austrinken müßt ich. Was wollt ich machen? Und sie haben mir wieder eingeschenkt. Und da war ein barbarisch dicker Kerl. Der tat dem Teufel ein Ohr vom Kopf fluchen. Und schrie, in dem goldnen Mainz wär man an Hünd und Füß gebunden, man dürft net emal von Freiheit schwätzen. Und da waren ein paar Spaßvögel. Die zogen ihn auf. Er blieb ihnen aber die Antwort net schuldig und gab ihnen gehörig aufs Dach."

Der Hannwilm brach ab, als sei ihm zum Bewußtsein gekommen, daß Zeit und Stunde nicht dazu angetan waren, derlei Erinnerungen auf« zufrischen.

Die Wecklersanna erriet seine Gedanken und sagte:

Wie man emal von so was spricht!"

Der Hannwilm lehnte sich zurück, fuhr mit der Hand durch das Haar. Der Anna fielen seine eingefallenen Züge ein.

Eine Weile verharrte er schweigend, bann klagte er der Jugendfreundin seine häusliche Not. Mit Wirtschafterinnen von der Hübner ihrer Sorte mochte er nichts mehr zu schaffen haben. Er brauchte eine Kraft, die in das Wirrsal Ordnung brachte. Er kannte nur eine, zu der er das Ver­trauen hatte, daß sie der Aufgabe gewachsen war: die Wecklersanna.

Ich töt dir gern ein' Gefallen", erwiderte sie, von einem frohen Gefühl erhoben,'s ist aber auf den Stupp net möglich, dann ich hab doch die Wäscherei."

Ich schätz, da wird sich ein Ausweg finden", meinte der Hannwilm. Die Eulerskett, hör ich, will ihre Aecker verpachten, 's könnt sein, daß ihr's mit deinem Werks paßt, und daß sie deine Kundschaft übernimmt."

Ich werd mit ihr schwätzen", versprach ihm die Anna.

Als er sich entfernt hatte, suchte sie ihre Hauswirtin auf und legte der die Sache dar.

Der Eulerskett, die sich kümmerlich nährte und nach dem Tod ihres Sohnes sorgenvoll in die Zukunft schaute, kam der Vorschlag gelegen. Die Wäscherei warf einen Nutzen ab, der ihr den Unterhalt sicherte. Nach Bauernart griff sie nicht gleich zu, zwei Tage später aber sagte sie Ja.

Eine Woche darauf wanderte die Wecklersanna wieder in die Mühle, die sie als junges Mädchen verlaßen hatte, und trat ihre neue Stelle an. Doch behielt sie ihre Wohnung bei und kehrte abends dahin zurück.

Der Karl, von der Wendung der Dinge unterrichtet, schrieb:

Gestern hatte ich einen schlimmen Tag. Wir haben einen Fahnen­schmied, einen Krippenbisser, der mich peinigt, ich weiß nicht, warum. Er gab mir einen Schmisser zum Beschlagen. Das Tier zu bändigen, hatte Ich meine liebe Not. Hundsmüde ging ich in mein Quartier. Da brachte mir die Frau Luckhardt deinen Brief. Ich habe ihn nicht einmal, ich habe ihn oftmals gelesen und bin so glücklich wie lange nicht. Nun brauche ich mir wegen dir keine Gedanken zu machen und gehe ruhig ins Feld. Du hattest dein Recht und hast geschwiegen. Jetzt hast du den Platz, der dir gehört, und wirst ihn nicht mehr verlieren. Hoffentlich ist es bald so weit, daß ich vor den Leuten den Neumüller Vater heißen kann!"

11.

Weihnachtsabend. In der Wohnstube, deren blank gescheuerte Dielen mit weißem Sand bestreut waren, steckte der Neumüller die Lichter am Christbaum an. Dann rief er seine Leute herein.

Auf dem Tisch lagen die Geschenke: für die Wecklersanna Stofs zu einem Kleid, für den Knecht Handschuhe und Gamaschen, für die beiden Mägde Schürzen und Taschentiick)er. Alle freuten sich der nützliche» Gaben.

In seiner Jugendzeit, plauderte der Hannwilm behaglich, wußte man im Dors von Christbaum und Beschersel noch nichts, höchstens, daß am Weihnachtsabend die Kleinen getrocknete Birnen und Apfelschnitzen bekamen. An die Armen wurden Kleidungsstücke und Backwaren nettem. An den Häufern flogen die Heerwische mit feurigen Flügeln vorüber. Die Kinder hielten ängstlich die Fenster verschlossen. Der alte Rödiger, der Wagnermeister, der halb Deutschland durchwandert hatte, war der erste, der" Weihnachten ein Bäumchen putzte. Im nächsten Jahr machte es dieser und jener ihm nach. Allmählich bürgerte sich das Christbäumchen ein, und auch die Bescherung fehlte in keinem Haus.

(Fortsetzung folgt.)