P- Aber an der Küste gibt es eine kleine Wasserstelle und die Men Naras. Als wir an unsere gewohnten Plätze tarnen, fanden wir keine Frucht, nicht eine. Spuren fanden wir von Leuten, welche wohl vor uns geerntet hatten, kleine Spuren; ich glaube, sie stammten von See­buschleuten. Du weißt, es ist dort unten immer neblig, dunkel und kalt. Wir gingen zur Wasserstelle und fanden das Wasser salzig, so salzig, daß wir mcht trinken mochten. Nun zogen wir nach Norden zum Sechomib weiter, dort waren größere Felder und sicheres Wasser. Am Morgen iahen wir, daß die kleinen Spuren auch nach Norden liefen. Wir mußten ®'c wimmernden Kinder tragen. Einige Frauen und alte Leute konnten kaum noch gehen, sie blieben dann auch zurück, daß wir ihnen Wasser bringen sollten. Gegen Abend war ich als erster in Sechomib, um noch bei Tage am Wasser zu sein. Die Stelle war trocken. Nachts kamen die anderen und klagten. Wir gruben, aber der Sand blieb trocken. Die Naras- busche waren leer. Wir lagen hinter Salzbüschen und warteten; wir sahen Neine Gestalten die Namib durcheilen, vielleicht waren es Geister. Nachts

roJa durch bas Brüllen der Brandung allerlei Stimmen und deut­lich das Geheul der Hyänen auf unserer Spur. Einige der Zurückgeblie­benen kamen noch und erfuhren, daß sie wohl sterben müßten. Ich rief In meiner Not meine Ahnen an und erhielt deren Weisung. Ich sagte meinen Leuten, daßich nach Sanitatas gehen wollte, um ihnen Wasser eickgegenzubrmgen. Wenige hofften noch; die anderen sprachen nicht mehr. Ich nahm dann diesen meinen Sohn, der damals noch Milch bei seiner Mutter trank, und ging in die Nacht hhiein.

Herr, ich war nun vier Tage ohne Wasser und so müde wie nie in meinem Lebern Aber meine Ahnen halfen mir. Ich ging im hellen Mond- djein den Sechomib aufwärts, hörte nur das Knirschen meiner Sandalen im Sande und das Getöse der Brandung, das ferner und ferner verklang. N mar fyifm und fühlte nicht das Gewicht meines Kindes. Als die Sterne verblaßten, hörte ich das Rufen der Wachteln, die zum Wasser flogen. Als die Sonne sich zeigte, war ich dort oben, wo das Revier in die Flache tritt. Ich sah den Berg von Sanitatas. Ein Rudel Zebras, bas nachts getränkt hatte, kam mir entgegen und gab mir frischen Mut. Noch ehe die Sonne warm wurde, stand ich auf dem Bergzuge vor der Quelle und sah zwischen gelbem Ried und grünen Bäumen klares Wasser. Aber ich bemerkte gleichzeitig einige Pferde; nur die Hottentotten hatten solche, unsere Todfeinde, die Mörder unseres Volkes. Jetzt merkte ich plötz­lich, wie müde ich war. Ich zögerte, weiterzugehen. Aber der Durst war hinter nur; er trieb mich vorwärts. Hinter Klippen gedeckt, schlich rJ?f**r* er' tranf ssod gab dem Knaben. Nun habe ich wohl etwas geschlafen. Dann trank ich nochmals und wollte Wasser nehmen, um es in die Namib zu bringen. Da hörte ich mein Kind schreien, daß ich unter einem Busche versteckt hatte. Durch die Zweige sah ich einen großen Mann neben ihm stehen mit der Büchse in der Hand. Er hatte helles Haar und helle Augen in einem guten Gesicht. Gerade als ich meinen Assegai werfen wollte, sah ich, wie sich der lange Mann zu meinem Kinde herab- bcugte und lächelte. Da wußte ich, daß dies ein Weißer sei; es war der erste Weiße, dem ich begegnete. Ich hatte gehört, daß diese so stark und Io anders seien als wir schwarzen Menschen. Es war der beste Mensch der Welt. Ich trat hervor und sprach mit ihm durch einen Herero, der ja unsere Sprache hat. Er gab mir zwei seiner Leute mit und einige Esel, die unseren Leuten Wasser entgegenbrachten. In der Nacht retteten wir Mei Männer vier Weiber und vier Kinder. Vier Männer, fünf Weiber unb fünf Kinder sind in der Namib geblieben. Wir mußten umkehren, weil ein Oststurm sich erhob, der das Reisen in der Wüste unmöglich

Das kalte dunkle Land dort ist das Land des Todes, das Grab meiner Familie."

Die Sonne war hinter niedrigen Wolkenwänden verschwunden, welche braun mit feuerfarbenen Bändern über der fernen Küste tagen. Das Ge­birge glich einem versteinerten Meer, dessen Wellenkämme orange er- Slänzten und dessen Täler olivenbraun und violett dunkelten. Es war schön und gewaltig durch Weite, Farbe und Form, doch fremd dem menschlichen Wesen, unmehbar und unfaßbar seinen Gesetzen.

3m Meer des Port.

Ein Brief aus dem ehemaligen Deulsch-Oslafrika.

Von Norbert Jacques.

In Tanganjika, Ende Februar 1930.

. Dieses WortPori" ist fast Afrika. Steppe ... dürr, hart, arm, H aber an Maßlosigkeit das Gemüt des Menschen verzaubernd. Afrikas Landschaft setzt sich aus Strecken zusammen, so groß wie Europa, neun Zehntel des Gebiets des ehemaligen Deutsch-Ostafrika gehört dazu. Afrika reist man acht Tage durch eine Landschaft ohne ^Wechsel. Und wenn der Wechsel kommt, ist es ein dunkler, ungeheurer Stein, der einsam steht und an den die Einsamkeit ankreist und an den sich, wie -U°mem geistigen, gütig schützenden Vater, die Dörfer der Eingeborenen nuchttn. Oder es steht ein Berg allein auf und lädt alles Licht der unauf- yorlichen randlosen Ebene auf sich. Oder streng umschlossen errichtet sich , r Zug eines Gebirges, mit glückvoll begehrlichen Schwingungen, him­melhoch oder vom ewigen Wind besänftigt und halb abgetragen aus dem otoengrauen Meer des Pori.

Mit dem blutjungen, blonden, immer gespannten Burschen, her für fine Hamburger Firma in Moschi Häute und Kaffee kaufte und Tücher, Sturmlaternen unb* Buschmesser verkaufte, fuhr ich auf einem Lastkraft- w«gen non Moschi nach Äruscha burch dasPori", das wie vom ewigen des Gebirges vom Kilimandscharo bewacht wird und westwärts nuversehbar weiter um den einsamen Meruberg strömt, während es Jf,öen Süden ungehindert und grenzenlos dahinschwemmt. Hinten hatten üsLn r* ?en schwarzen Führer unb einen anderen braunen Jungen hi/? ivF ^ti Fall der Not, bereit, zu helfen. Denn die Straßen sind hier ni^t von Asphalt.

^nge sich die Straße an Moschi hielt, und links Sisal-, rtasfeepflanzungen hatte, die sich den Fuß des Kilimandscharo

hinanscharken, war sie breit und etwas In Pflege. Dann aber, nachdem an einer Hängebrücke über einen saftigen, am Kibo abstrudelnden Bach die Pflanzungen aufgehört, und ein paar letzte Negerhütten gestanden »«tten, waren wir mitten im Pori. In leichten Wellen floh seine Flachheit vor uns und eine Herde von Zebras, die wohl 200 Tiere stark mar unb roeibenb in her hier ftrauchlojen Steppe sich aufhielt, richtete die Kopfe auf unb fchaute her.

Ich sehe den Wind tief auf der Erde das graue Gras Staub auf- blasen unb rasch als einen Ballen hinwälzen. Aber balb faßt er ihn um die Taille, breht ihn herum; her Staub rollt nicht mehr weiter, sondern richtet sich auf, wie eine dicke, durchsichtige, aus dem Gras hoch- wirbelnde Schlange, [äutengerabe wirbelt er sich himmelan, steht wie ein kreisender Schlauch in der Luft unb beginnt dahinzuwanbern, erst auf» ne 3uJamm e n g ei) a tt en, sich steil rollenb, bis er allmählich in eine andere Luftschicht gerat, feine Kraft verliert und rasch verfällt.

Ein heißes Sengen umströmt uns jedesmal, wenn wir an eine solche Staubhose kommen, und man sieht sie zu Dutzenden aufkreiseln, meilen- 9°$ m den Himmel sich hinaufzwirbeln, bevor sie vergehen und neu entstehen. Spiele der Windsbraut im Pori ... ein leiser, fretnber Zauber geift mit Umen unb verweht... Zwei Sekretärvögel warten am Rand der Straße mit wichtigem Gehaben auf uns unb roenben uns streng bie großen Snabet entgegen. Es ist, als hielten sie bie Arme auf bem Rucken unter einem altmodischen Frack verschränkt.

... Straße ist jetzt ein Bruchfest» von Steintrümmern unb Sand- Ivchern. Ich muß mich mit beiden Händen festhalten unb werde oft klobig auf den federlosen Sitz hingehämmert.

Eine graue, unerkennbare Ansammlung liegt einige hundert Meter vom Weg in der Steppe.

. "®5 ist ein Massaidorf!" und unser Führer lenkt den schweren Wagen in die Steppe hinein unb gerabe darauf zu. Wir finden es teer unb verlassen. Aber ich habe noch nie in meinem Leben so merkwürdige Hutten gesehen. Sie umstehen in einem Kreis einen Platz, unb sehen rate runde, graue Schalen aus, die umgeftülpt auf den Boden gesetzt sind. In der Farbe sind sie wie Wespennester: so grau. Sie sind aus Flecht­werk gebaut, das dicht mit getrocknetem Kuhmist umstampft ist. Dieser macht sie regendicht. Das Dorf ist verlassen, weil die Massai Nomaden sind und die Weideplätze dieser Gegend gerade gewechselt haben.

Das Land dieser Massai erstreckt sich von hier bis zum Viktoria- See, so groß wie die Schweiz, unb es ist nichts brin, wie sie, Tiere ihrer Herden und her Wildnis. Das Pori unb her Schatten der hohen Berge im Norben. ö

__Drei stauben am Wege, als wir bie Straße wieher erreicht hatten. Sie ftanben frei unb selbstbewußt hort, zwei junge Männer unb ein Mädchen. Sie waren alle drei von einer seltsamen Schönheit des Kör- pers Ich hatte gerade in einer Zeitschrift Aufnahmen von Bali-Leuten gesehen, die als besonders schön gefeiert wurden. Doch diese Glieder waren schmaler und wie zum Sprung schlanker und stählerner. Die Nasen waren fein unb gezogen, her Mund ebenmäßig, stolz unb von einer großen Süße der Form. Die Augen in einem geheckten Licht, tief, ruhig, nicht von bem kindlich grellen Glanz der Negeraugen. Die Männer trugen ihre langen Speere, in die sie den Löwen im Sprung einfallen laffen, unb bas Mädchen hatte an den Fußgelenken hohe Manschetten von polierten Eisenbandern und um den Hals einen breiten Kragen von großen kupfernen und eisernen Ringen. Ihre Hüften waren von einem, mit mettsen Glasperlen bestickten Ueberrourf aus dünnem Schafleder umhüllt, der in zwei Zipfeln abfiel und mit roter Erde bestrichen war.

Sie ließen sich ohne den geringsten Widerstand von mir öfters photo- grapbisren. Wenigstens Frauen wehren sich sonst mit Schrecken dagegen. Das Mädchen schaute mit Augen wie von einem verzauberten Vogel heldenmütig vorbei unb erbulbete es. Sie wollten mitgenommen werden unb sie setzten sich hintenauf.

Sie fuhren zehn Meilen mit unb baten bann plötzlich, abgesetzt zu werben. Das Mäbchen hatte kein Wort gesprochen. Aber sie hatte stets gelacht, wenn sich her Wagen burch bie Löcher warf. Jetzt traten sie alle drei nochmals zu uns nach vorne an ben Führersitz, unb her eine, her Suaheli sprach, bankte unb sagte: Kommst hu nicht mit in mein Dorf Milch trinken?

Dann gingen sie quer in bie Steppe hinein, bie hier mit Busch bestauben war. Die schönen Tellerakazien, bie wie große grüne Schüsseln über bem Lanb schwebten, unb bie buntten Kanbelaber-Euphorbien mit ihrer schweren Feierlichkeit machten ben schütteren Walb schön. Und bahinter waren sie halb verschwunhen.

Viele Gazellen steht man; große, plumpe Hirsche, Kongoni genannt, die Kühe sehen mit ihren großen Ohren aus wie Maulesel; furchtlose Nashornvögel, Termitenhügel, von vier Meter Höhe; nochmals eine starke Zebraherbe, Antilopen mit mannshohen Geweihen, starr unb grab wie Lanzen ober in Spiralen unb Knäufen gerounben ... bie Spannung verläßt bie Augen kaum einen Augenblick.

Dann sagte ein Schwarzer: Da finb Giraffen! Wir sahen ste. Zwei ... eine junge hin unb her zwischen ihnen ... vier, fünf. Sie ftanben Zwischen ben Bäumen, wie bie Bäume so reglos, sie äugten her, ganz oben zwischen bem Geäste burch, wie aus einer fremben Luft herab, ohne sich zu rühren.

Neunzig Kilometer waren wir burch bas Pori mit bem Lastwagen gestolpert, da schwemmte vom Meruberg fruchtbare Erde herab, die die Gier unb hie Sehnsucht her Europäer angezogen hatte, bie hier Kaffee pflanzten.

Unb es war gleich unb fast am Rande her Steppe ein Dorf. Cs gehört einem beutschen Pflanzer, unb in indischen Schuppen werden die lockenden Tücher an bie Neger verkauft, derentwillen sie den Sünbensall über sich nahmen.

In diesem Dorfe war gerade, als wir tarnen, ein großer Negertanz im Gang. Ader es war kein einziger Massai dabei, sondern nur Neger, wie sie die Pflanzer von überall herholen mußten, um Arbeiter zu haben. Es waren mehr als dreitausend Männer, unb Frauen aus ver­schiedenen Stämmen. Sie waren betrunken von dem Met, ben man hier