SietzenerZamilienbMer
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1950
Montag, den 8. Dezember
Nummer 95
Lied vom Winde.
Von Eduard Mörike.
Sausewind, Brausewind, Dort und hier!
Deine Heimat sage mir!
„Kindlein, wir fahren Seit viel vielen Jahren Durch die weit weite Welt, Und möchten's erfragen. Die Antwort erjagen Bei den Bergen, den Meeren, Bei des Himmels klingenden Heeren: Die wissen es nie.
Bist du klüger als sie, Magst du es sagen, — Fort, wohlauf I Kommen andre nach, unsre Brüder, Da frag wieder!"
Halt an! Gemach, Eine kleine Frist! Sagt, wo der Liebe Heimat ist, Ihr Anfang, ihr Ende?
„Wer's nennen könnte! Schelmisches Kind, Lieb' ist wie Wind, Rasch und lebendig, Ruhet nie. Ewig ist sie, Aber nicht immer beständig. — Fort! Wohlauf! auf! Halt uns nicht auf!
Fort über Stoppel und Wälder und Wiesen! Wenn ich dein Schätzchen seh', Will ich es grüßen.
Kindlein, ade!"
Das stille Theater.
Von Sigismund v. Radecki.
Das war in diesen phantastischen Dezemberzeiten, wo der Alltag der Riesenstadt ein trübes Regengeriesel ist, durch dessen Schmutz die bläulichen Schatten der Autos einherspritzen; wo in den Bureaus den ganzen Tag über Licht brennt, und Autohupen, Zeitungsschreie, Schreibmaschinengeklapper und Telephongespräche zu einem einzigen Fieberrauschen im Öhre des Patienten Menschheit zusammenklingen. Solche Dinge, wie Sonnenlicht, Lämmerwölkchen und das Schaukeln einer Marschall-Niel-Dolde beim Bienenbesuch werden zu belächelten Unmög- lichkeiten, der Ameisenhaufen hat sich emanzipiert, und es kann noch von Glück sagen, wer da Zeit findet, in sein Zimmer zu flüchten, um dort das Anstößen einer Herbstfliege ans Fensterglas in Ruhe wahrzu- nchmcn.
Ich selber zog es vor, mich dieser Unwirklichkeit zu entziehen, indem ich sie verschlief; das Rauschen des Verkehrsstromes destillierte sich durch meine Fenstervorhänge zu einem summenden Wiegenlied, das unsäglich beruhigend zu neuen Träumen einlud.
Um die Zeit aber, wo das Fieber verdoppelt durch die Verkehrsadern jagt, die Lichtreklamen zu spielen anfangen, die Abendblätter erscheinen, die Vureaumädchen nach Hause trappeln und die Jazzbands in den Fünfuhrtees zirpen und klopfen — um diese Zeit ließ ich meine Träume auf dem Kopfkissen zurück und begab mich in das Leben hinaus, das nunmehr in der Dunkelheit zu Genuß und Licht, zum Gefühl seiner selbst hinsinden wollte.
Ich pflegte um diese Zeit mein Mittagsmahl einzunehmen unir sodann in eines der vielen Theater zu gehen. Hier, in diesen geschlossenen, halbdunklen Zuschaucrräumen schien sich die Unwirklichkeit zu einer verzehnfachten Unwirklichkeit hinauspotenzteren zu wollen, die nun mit bemalter Leinewand, farbiger Pappe und Gazeschleiern das Geschehen ins Rampenlicht zauberte. Und daraus konnte dann, halb aus dem Souffleurkasten geholt, sich ein Leben aufrecken, welches mit einem Griff uns arme betäubte Großftadtteufel in die Sphäre von Gras, Wald und Sternen hinauftrug. Mit dem Applaus und dem Gedränge In der Garderobe war dann alles vorbei, als wär' es nie gewesen.
An jenem Abend aber fühlte ich mich, als ich nach dem Essen fs langsam mit ber Menschenmenge fortschlenderte, ganz merkwürdig erregt; ich fühlte, daß ich diesem ganzen Straßengetriebe, diesem grundlosen Fieber nicht mehr standhalten konnte, daß ich wie ein willenloser Tropfen mitfluten mußte und eins geworden war mit dem trappelnden tausendköpfigen Tier. Ein Zettel wurde mir in die Hand gedrückt, ich steckte ihn mechanisch in die Tasche. Dann jedoch gab ich mir einen Ruck und beschloß, eine Stunde lang mit mir allein Billard zu spielen; ich wußte, daß das Grün des Tuches, das sanfte Klicken der Bälle und die strenge Geometrie ihrer Bewegungen mich wieder den Kopf über mich gewinnen lassen würden. Als ich den Paletot wieder anzog, kam mir 6er Zettel unter die Finger. „Börsen-Theater. „Der blankgewaschene Mond". Stradella und Sandmann in den Hauptrollen. Das muß man gesehen haben!!!" Das Auto fuhr mich durch unbekannte Stadtteile und hielt nach kühner Biegung mit einem scharfen Ruck vor drei blanken Glastüren. Die Vorstellung hatte schon angefangen; das Haus war nahezu ausverkauft, es gab nur noch drei Fauteuils, Loge 16, erster Rang. Als ich leise in meine Loge trat, spürte ich sogleich, daß das Publikum mit atemloser Aufmerksamkeit folgte, es gab „dicke Luft", zwischen Bühne und Zuschauerraum ging etwas vor. Außer mir befand sich in der Loge noch ein Herr. Er hatte ein glattrasiertes, markantes Gesicht, hielt ein Bein über das andere geschlagen und hatte dabei seine Hand leicht an die Schläfe gestützt. Er saß, mir halb abgewandt, in einer zusammengesunkenen, gebrechlichen Haltung auf dem Stuhl und hatte seine regungslose Silhouette gegen das strahlende Bühnenbild gerichtet.
Auf der Bühne ging eben eine Auktion vor sich. Der Auktionator stand in Hemdsärmeln vor einer Schar dicker Interessenten und pries schwitzend die verschiedensten Gegenstände an: Gobelins, Tizians und sogar ein veritables ausgestopftes Krokodil. Alles das ging wie warme Semmeln ab; schließlich wischte er sich mit einer Armbewegung den Schweiß von der Stirn, räusperte sich, machte eine Kunstpause und erklärte, daß jetzt der Clou des Ganzen, etwas Nochniedagewesenes unter den Hammer käme. Allgemeine Erwartung —: der Auktionator schlägt ein Tuch zurück, und es steht dort eine wunderschöne Frau, die also nun versteigert werden soll. Der Auktionator weist mit großer Geste auf sie hin und schildert pathetisch ihre Vorzüge. Die 6icken Interessenten fangen an zu murren und riskieren Zwischenrufe; sie scheinen in dem Punkte ihre eigenen Erfahrungen zu haben. Wie es zum Bieten kommt, bieten sie jedoch alle mit, und zwar mit einer Leidenschaft, welche den Preis wie ein Eichhörnchen klettern läßt. Und alle legen das Geld vor sich hin. Da tut sich die Tür auf, und der Dichter stürzt herein (gespielt von Sandmann; dar Weib war natürlich die Stradella; das wußte man ohne Theaterzettel!). Er fängt an mitzubieten; er, mit seinen ausgefransten Hosen! Er nennt die phantastischsten Zahlen, er glüht. Da fordern ihn die dicken Interessenten auf, doch einmal Geld zu zeigen. Der Dichter wird bleich, greift in die Tasche — und zieht einen großkalibrigen Coltrevolver hervor: Hände hoch! Die dicken Interessenten folgen dieser Aufforderung sofort und werden ganz ä la Wildwest in eine Ecke gescheucht. Der Dichter schwelgt in seiner Macht: er läßt die dicken Interessenten exerzieren und Purzelbäume schlagen; aber unterdessen schleicht sich der magere Auktionator von hinten an ihn heran — die schöne Frau warnt den Dichter mit einem Schrei, aber, ach, zu spät! — und er hat ihn mit einem Handgriff in der Gewalt! — Nun triumphieren die Interessenten. Die schöne Frau und der Dichter werden nebeneinander an zwei Schandpfähle gefesselt, und die Herren entrieren nun mitsamt dem Auktionator eine wüste Örgie in hochgradigen Spirituosen, wobei den beiden hohnvoll zugewunken und zugetrunken wird. Und werden alle müde und schlafen ein.
Nun beginnt ein zartes Liebesduett zwischen den Gefesselten, und im Höhepunkt des leidenschaftlichsten Ausbruchs beugt sich der Dichter zu ihr hin, um sie zu küssen — sie aber hält ihm die gefesselten Arme hin, deren Schnüre er zerbeißt und zerreißt. Mit ein paar Schlangen- bewegungen ist sie frei, der Dichter jubelt: sie wird ihn vom Schandpfahl erlösen! — Aber nichts dergleichen geschieht. Sie hat ihn schon vergessen, sie huscht durch die schlaftrunkenen Leiber, rafft die Banknoten auf, und ist bereits auf und davon. Monolog des tiesgekränkten Dichters. Vorhang. Applaus. Vorhang. Applaus ... sieben Vorhänge konnte ich zählen. Dann kam die Pause; mein Logengenosse lehnte sich seufzend in seinen Stuhl zurück und verschränkte die Arme.
Ich stürzte In den Korridor, ich mußte diese unaussprechlich schöne Stradella sehen, und zwar sofort! Vom ersten Rang aus gibt es gewöhnlich eine Tür zum Bühnenraum; ich rüttelte daran — sie war fest verschlossen. Der Logenschließer konnte mir merkwürdigerweise keine Auskunft geben, „vielleicht geht es durch den Hof", meinte er, „versuchen Sie ..."
Ich lief in den dunklen, nassen Hof hinaus. Es regnete abscheulich. Alle Dachröhren wimmerten, alles tropfte; was nur irgend tropfen konnte, — aber eine Stradella war wertvoller als zwei Lackschuhe. Der Hof war


