die Ecke
Dich mit.
Deine treue Tochter Thilde."
chuhe an' und sieht sonst aus,__________________________________(Schluß folgt.)____—
Druck und Verlag: Brühl'sche LlniversitätS-Buch. und Steindruckerei. R. Lange, Gieb^
Verantwortlich: vr. Hans Thhriot. —
und die
Beklem-
^Jawoll, Fräulein", nickte der Packträger — er verbesserte sich aber rasch, denn er kannte sie von alter Nachbarschaft her ganz gut, und versprach dann, in einer halben Stunde da zu sein. . , .. .
v Als sie ging, sah er ihr einen Augenblick nach. „Was doch nich das liebe Geld alles tut. Die hat sich tüchtig rausgemausert, or ntlich n bißchen forsch, und sogar mit 'n Krimstecherl"
Während ihr diese Betrachtungen folgten, schritt Thilde über den Damm hin und sah auf das Haus und nach der dritten Etage hinauf. Es hatte sich nichts verändert, und doch kam ihr alles ganz anders vor. Em eigentümliches Gefühl beschlich sie, als sie sich sagte: sei froh, daß es ist, wie es ist, es könnte viel schlimmer sein. Wie war es vor zwei Jahren, da mußte ich noch alles selber tun.
Sie ging auf die rechte Seite der Straße und spähte hinauf, ob sie die Alte vielleicht am Fenster sähe. Aber sie sah nichts, auch nicht in den andern Etagen, überall waren noch die Rouleaus herunter. Es war ihr lieb ganz unbeachtet zu sein, aber sie war es nicht, und wahrend sie über den Damm auf die Haustür zuging, sagte oben die Rätin, die vom Frühstückstisch aufgestanden war und sich ein Guckloch in der angelaufenen Scheibe zurechtgemacht hatte: _, „ . ,
„Was sitzt du wieder über der Zeitung, Schultze, so was sieht man nicht alle Tage. Sie hat bloß schwarze Handschuhe an und sieht sonst aus,
^Mch j,ä,' Thilde, di« Beklemmungen, aber ich meine nich die mungen, ich meine, daß es so lange gedauert hat.
Samstag früh mit dem Achtuhrzug kam Thilde auf dem Friedrich- straßenbahnhof an. Den kleinen Handkoffer, den sie mit sich führte, gab sie einem Gepäckträger zugleich mit ihrem Gepäckschein und> wies ihn an, ihr alles in ihre Wohnung zu schaffen, drüben bei Schultzens, drei
als reiste sie nach Dresden und in di« Sächsische Schweiz. Regenmantel und Opernglas, es fehlt bloß noch der Alpenstock." .
„Ach, du hast immer was zu quängeln, Luise. Wenn sie mit einer langen Trauerfahne ankäme, dann wär es dir auch nicht recht.
Thilde stieg langsam eine Treppe hinauf, je höher ft« kam, desto langsamer, weil ihr vor der Begegnung mit der Alten bange war.
Auf dem letzten Treppenabsatz stand die Runtschen und nahm ihr, weil sie nichts anderes mit sich führte, wenigstens den Regenschirm ab.
„Na, Runtschen, wie geht es?" .
„Jott, Frau Bürgermeistern, wie soll et jehen — aber ehe sie das Gespräch fortsetzen konnte, war man oben, und Thilde lief auf die Mutter zu, die halb sonntäglich zurechtgemacht, in der offenen Tur stand und gleich zu weinen anfing. ., ~ t , „„„ „
„Mutter, so weine nur nicht gleich. Jeder kommt doch mal ran.
„Ja, bloß der eine zu früh und der andere zu spat. Wenn ich doch ^"önd'dabei trat Este vom Flur her in das Entree und vom Entree in die Wohnstube, wo vor dem Sofa schon der Kasse« stand und Semmeln ""^„Na,"komm, Thildchen, nu wollen wir «ine warme Taste trinken, und erzähle mir alles, wie es war."
Ja, Mutter, gleich. Ich möchte mir aber erst die Hande waschen, und das Haar ist auch in Unordnung, ich hatte den Wind ins Gesicht und wollte nicht zumachen."
Und dabei erhob sich Thilde wieder, legte Hut und Krunstecher beiseite und hing den Mantel an einen Ständer im Entree. Dann kam sie wieder und meinte: „So, Mutter, nun schenk^ uns em. Kalt war es ja, und der Mantel hat auch nicht viel geholfen. "
Ich dacht«, du würdest ein Umschlagetuch drüber nehmen und über» hauvt so etwas, was wie Trauer aussieht. Hast du denn gar keine Trauer getragen? Ich weiß ja, daß es hier sitzt aber wegen« der Leute. Und sie haben sich doch sehr anständig gegen dich benommen.
Ja Mutter, natürlich habe ich Trauer getragen. Schulze hat mir alles besorgt und hatte das meiste auf Lager. Ich war ganz schwarz mit Schleier und Schleppe, alles wie sich's gehört, aber als ich mich für die Reise zurechtmachte, hab ich alles eingepackt, und du kannst es sehen, wenn es nachher kommt."
Am dritten Osterfeiertag bei untergehender Sonne wurde er auf dem Woldensteiner Kirchhof begraben. Alles war da: der alte Graf, der es auf den Arzt schob und dann wieder versicherte, er habe es schon am Neuiahrstaq gewußt. Der Landrat, der, weil Osterferien waren, gerade in seinem KrAs sein konnte, viel Adel aus der Nah« und die ganze
hatte, wurde auf das Grab gelegt. ,
Der Geistliche geleitete Thilde in ihreWohnungi, unb> >»oj)renb “g® tHrnf im Aenoa Kasimir" eine Flasche herben Ungar ausstach, saß -vyuoe ?uf dem Trittbrett ihr^s Wohnzimmers und sah auf den immer dun er werdenden Marktplatz, über den ein Westwind ermge braune Winier-
Dann'wurden ein paar an Ketten hängende Laternen angesteckt, und im Schatten des Rathauses, da wo die Stiege hinaussuhrte, staub plaudernd ein Lieb spaur Sie liehen sich durch den immer heftiger werdenden Wind nicht stören, der die Laternen hin und her bewegte, so daß sie an ihren Ketten quietschten und knarrten.
Als Thilde wohl eine halb« Stunde lang auf das alles hmausgestarrt hatte, zündet« sie die Lampe an und setzte sich an ihren Schreibtisch, ein paar Zeilen an ihre Mutter zu schreiben:
„Liebe Mutter!
Heute gegen Abend haben wir Hugo begraben. Es war sehr schön und feierlich, alle Welt erschien, auch der Adel aus der Umgegend. Prediger Lämmel hielt die Rede. Sie wird gedruckt und wird uns dann denn bis dahin denk« ich wieder in Berlin zu fein — von hier aus zugestellt werden Wie ich Dir gleich bemerken will, kostenfrei, auch der Druck. Denn Du wirst wohl sehr in Angst sein. Ich muh Dich aber ernsthaft bitten, mid) mit dieser Angst nicht quälen zu wollen. Ich habe von hier au-> für Dich gesorgt, und ich werde weiter für Dich sorgen. Du denkst unmer an jämmerlich zugrundegehen, aber solange Deine Thilde lebt, solange wirst Du zu leben haben, dessen sei versichert.
Ich empfang« noch das Gehalt bis Jahresfchluhunddie Witwen- pension vom ersten April an. Dies wird Sir einen. Stein von der Brust nehmen und wenn Du erst weißt — und deshalb habe ich dies , alles vorausqefchickt —, daß Du nicht ins Spittel kommen und nicht wi« die alte Runtschen reinmachen und einholen brauchst, wirst Du vielleicht auch zuhören, wenn ich Dir sage, daß Hugo gut gestorben ist. Ganz wie em feiner Mensch, der er immer war. Denn er war aus eurem guten Haus was immer die Hauptsache bleibt. Er hat mir °»ch n°ch gedankt, als ob ich wunder was für ihn gewesen wäre. Das macht, er hatte so was Edles. Und Dich hat er grüßen lasten.
Dah er bloß schwächlich war, dafür konnte er nicht. Wenn es nach ihm gegangen märe, wäre er stärker gewesen. Alle Leute hier haben ihn sehr geachtet, weil alle sahen, dah er sehr gut war, und selbstSchulze von dem ich Dir schon geschrieben, hat an seinem Grab gesprochen, so dah sogar Pastor Lämmel zufrieden war und ihm die H°nd gab Kaufmann Schulz« wird auch alles besorgen, es sind sehr reell« Leut«, fortschrittlich aber sehr reell. Und was aus dem Mobiliar herauskommt, das werden wir kriegen auf Heller und Pfennig Ich l^be noch em paar Tage hier zu tun und Briefe zu schreiben auch an den alten Grafen der mir eine Stellung als Hausdame in seinem Haus angeboten hat — natürlich mit Gehalt —, aber all dies wird in drei oder mer Tagen beendet [ein, und spätestens Sonnabend früh gedenk« ich m Berlin etn- zutreffen. Ich schreibe aber noch eine Karte vorher, damit Du ganz sicher bist und die Runtschen zu rechter Zeit bestellen kannst. Ich bringe Dir auch ein kleines Andenken von ihm mit, em kleines Kreuz, vorn mit einer Perle. Die Perle hat einigen Wert.
Ich freue mich. Dich wiederzusehen so schmerzlich auch die Sferan- lassung ist, denn die Pension reicht mcht an das Gehalt. Ach muß Dir das sagen, mir ist es gleichgültig. Ich bringe Mich schon durch und
„Ja, gerade ein Vierteljahr."
„Und wenn auch in einer kleinen Stadt der Doktor Roß um wohnt, die Länge hat die Last, und zuletzt macht es doch was aus. Und dann die Medizin! Und gerade wenn es mal schon besser war, da müssen sie dann immer gestärkt werden. Aber es hilft meistens nich mehr un is "^Thllde nahm ein Stück Zucker, brach es zweimal durch und sah in Gedanken auf die vier Krümel, die da vor ihr lagen. In den mer 5tr mein hatte sie nun wieder ihr Leben, und die Mutter, die noch Wort von dem armen guten Manu gesprochen hatte, rechnete schon wiedeN was seine Krankheit gekostet habe. So nüchtern sie selber war, idas war ihr doch zuviel. Sie nahm der Alten Hand und sagt«: ,Mutter, brmg der Runtschen den Kaffee raus, sie wird wohl noch nichts Warmes geh haben. Ich will in die andere Stube gehen und mich einen Augen hinlegen. Vielleicht schlafe ich ein, mir ist doch n bißchen übernächtig.
Sie dacht« nicht an Einschlafen, sie wollte nur allem sem und einen Augenblick andere Gedanken haben. In Hugos sruherem Zunrnergm sie auf und ab. Da war das Stehpult, darauf d,e juristischen Bucher immer so verstaubt umhergelegen hatten, und da war der 5 l auf dem hochaufgeschichtet die kleinen Reclamhefie lagen und em pa Bleistifte daneben, um immer gleich Notizen an den Rand Reiben können. Und da war das Fensterbrett, an das gelehnt sie ° sondern^ sentimental ihre Verlobung angesichts des Mondes gefeiert - noch halb krank und verlegen, sie nüchtern und berechnend.
,Jch habe mich ihm immer überlegen geglaubt sann sie vor_ >
,Es war nicht fo. Wenn das ewige Nachrechnen klug ist, dann 11.w die klügste Frau. Von den andern, zu denen Hugo gehörte, hat man^^ mehr, und ich will versuchen, daß ich ein bißchen davon wegkr g ■ es wird mir wohl nicht viel helfen. Von Natur bin ich gev Mutter. Sie berechnet immer, was es kostet, und ich reqne > Vorteil aus. Die vier Krümel Zucker will ich mir in eine Scharm und hier in das offene Sekretärfach stellen. Da habe ich es wm Augen und will dran fernen, daß das ganz Kleine nun wieder und wenn Mutier weimeri, will ich nicht ungeduldig werden.
„Und unterwegs wolltest du nicht..."
Nein, Mutter, unterwegs nicht. Und ich wollte auch nicht hier so anf'ommen Das sieht gleich so gefährlich aus, und die meisten glauben doch nicht dran, und ich habe schon gesehen, daß sie zudringlich wurden, bloß wegen zu viel Trauer."
Aber willst du es denn einfach so liegen lassen, es kriegt ja flecke, und" von Schulze hast du's doch auch nich umsonst.
Aufträgen will ich es nicht, aber tragen werde ich es doch, wo s hingehört, wenn ich ernste Besuche mache. Denn wenn ich auch die Pension habe, so muß doch etwas geschehen." .
Ach, Thilde, daß du nun davon gleich sprichst. Ich habe es ja nich gewollt und habe mir diese ganze Nacht gesagt: Sprich nich davon, Thilde mag es nich, Thilde war immer großartig, und nu is fie es erst recht. Aber da du nu selber davon anfängft, sage, Kind, was soll nu werden. Denn es war ja doch eine furchtbare Krankheit.
„Ja, Mutter, das war es. Immer die Beklemmungen


