SiehenerZamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger
MrgangMO
Montag, den 8. September
Nummer 69
Anliegen.
Bon I. W. von Goethe.
D schönes Mädchen du, Du mit dem schwarzen Haar, Die du ans Fenster trittst. Auf dem Balkone stehst! Und stehst du wohl umsonst? D stündest du für mich Und zögst die Klinke los, Wie glücklich wär ich da! Wie schnell sprang ich hinauf!
Gerechtigkeit und Güte.
Bon Wilhelm Schäfer.
Als der Weimarer Bildhauer Weißer am 13. Oktober 1807 die Maske Goethes nach dem Leben abgoß, haben beide — der sich abgießen ließ, md der es tat — uns ein Geschenk gemacht. Denn alle gemalten oder Meißelten Bildnisse Goethes konnten nicht im entfernte ten seine Er- cheinung so verewigen wie diese Maske des Achtundfünfz gjährigen, die eitbem hinter allen Werken des Dichters sein großes Angesicht zeigt.
Es ist ja nicht nur so, daß damit unsere Neugier befriedigt wird, wie Goethe nun eigentlich ausgesehen habe, sondern wir besitzen sein Gesicht selber, zwar in der Erstarrung des Gipses, aber als Niederschlag, ja Niederschrift des Lebens. Wenn wir es betrachten, lesen wir darin wie in seinen Werken.
Den wenigsten mag bewußt werden, was für ein Geheimnis darin «erborgen liegt, daß wir ein Stück plastischer Form als Geistiges sehen; denn ein Gesicht spricht, auch wenn die Augen geschlossen sind. Sind sie geöffnet, senden sie Blicke ein und aus, das Wahrnehmbare einzufangen und von seinem Eindruck zu berichten; sie stellen .gewissermaßen Ohren Md Mund des Sichtbaren in einem vor, hörend und sagend, nehmend unb gebend. Sie können mich betrachten und können mir Liebe sagen; sie sind die eigentlichen Träger des Lebendigen und werden von behutsamer Hand geschlossen, wenn es geflohen ist. Aber ihre vielgerühmten Sterne mären dennoch stumm, wenn sie nicht das vom Gefühl kommandierte Mienenspiel um sich hätten. Liebe und Haß, Angst und Zorn, Verachtung unb Gleichgültigkeit: alles was die Augen sagen, wird von den Mienen begleitet, und erst diese Begleitung ist es, die ihre Sprache vernehmlich macht. Das Spiel der Mienen wiederum bildet die Miene des Gesichts als Eefchichtsbeschreibung, als Biographie ihres Trägers.
Seit den „Physiognomischen Fragmenten" Lavaters sind diese Dinge aufs gründlichste untersucht worden und schon der Spott seiner Zeitgenossen hat weggeweht, was daran Schwärmerei und Täuschung war. An der Tatsache, daß unser Mienenspiel dem Gefühlsleben automatisch als (ein äußerer Anzeiger verbunden ist, hat keine Kritik etwas ändern können. Vom Affekt bis zur Beschaulichkeit hat jede Gefühlsbewegung ihren Wetterbericht im Gesicht, und ob der Diplomat feine Mienen in die bekannte Undurchdringlichkeit hüllt, oder ob die Amerikanerin ihre lächelnde Unbekümmertheit darüber legt, beides sind nur unzureichende Larven, die ein Zahnschmerz, oder ein in die Seele treffendes Wort ab- tcifien kann, das Gesicht des Menschen darunter zu zeigen.
3st dies aber so, daß Zorn und Schrecken, Hohn und Vertrauen von her bösesten Verzerrung bis zum lieblichsten Lächeln ihren momentanen Ausdruck in den Mienen finden, so kann das unausgesetzte Stenogramm uicht ohne dauernde Folgen sein, sofern das Temperament den Zustand her Seele dauernd bestimmt. Der Sanguiniker wird seine Miene ebenso Mr Schau tragen müssen wie der Melancholiker, der Choleriker wie der Phlegmatiker. Und was für die Temperamente gilt, wird mehr oder Weniger für alles gelten müssen, was im Gefühlsleben, ja in den Geharrten Dauer gewinnt; es wird seine Spuren als Runen dessen ein- iWen, was der Mensch erlebt, also — wie wir sagten — seine Ge- Ichrchtsschreibung sein: Das Gesicht wird den Charakter zur Schau tragen.
Denn ob wir darunter nach der Wortbedeutung das eingegrabene deichen, das Geprägte verstehen, oder nach der heutigen Wortbedeutung M Persönlichkeit, soweit sie ihres Gepräges bewußt ist und danach han- helt: die Charakterzüge können durch keine Miene versteckt werden, Wern müßen in ihnen ihre Sichtbarkeit erleiden.^ Ein harter oder sicher, ein mutiger oder feiger, ein wahrer oder ein verlogener, ein »offener" oder ein „verschloßener" Charakter stehen im Gesicht des einzelnen geschrieben; mehr als dies, sein Schicksal, der innere Lebensweg, 7- feine Natur traft ihrer Anlage nahm, als die „geprägte" und gebend entwickelte" Form [einer Seele und feiner Geistigkeit: alles das W jeder in seinem Gesicht als Steckbrief herum
Vielleicht kann der Diplomat feine Gedanken und Gefühle im Augenblick wie ein Schauspieler hinter einer Maske verstecken, nicht aber das, was seine Seele und fein Gesicht aus ihnen int Zwang der anerzogenen Versteckung geworden sind; ebenso wie die lächelnde Maske der Amerikanerin ihr Wesen mehr offenbart als versteckt. So eng ist der automatische Zusammenhang, daß er auch rückwirken muß: die versteckte Miene des Diplomaten wird unzweifelhaft eine versteckte und die teere Miene der Amerikanerin eine leere Seele zur Folge haben. Der eine möchte nicht zeigen, was er denkt, aus politischen Gründen, und die andere nicht, was sie fühlt aus kosmetischen Gründen; der natürlichen Anschauung teilen sie durch ihre Maske mit, daß sie auch innerlich Masken sind, weder mehr recht zu denken noch zu fühlen vermögen. Der größte Diplomat der neuen Zeit, Bismarck, trug offen zur Schau, was er dachte: und die wirkliche Schönheit ist ihrer Seele gewiß.
Die Konsequenz dieser Betrachtung wäre, daß niemand sich über den Augenblick hinaus verstellen kann, weil ihm alles im Gesicht geschrieben steht, was er ist und was er fein möchte, weil er feine Tugenden und Laster zur Schau tragen muß, ob er will oder nicht, weil er buchstäblich fein eigenes Charakterbild ist.
Und mehr als dies: wie feinen Charakter vermag keiner den geistigen Zustand zu verbergen, den er sich damit errang. Wer die Totenmaske in dem bekannten Werk von Ernst Benkard „Das ewige Antlitz" aus der Kenntnis ihrer Hinterbliebenen Leistungen lesen und vergleichen kann, wird selten überrascht sein, daß die Erscheinungsform der Daseinsform nicht entspräche; und wo er Überrascht ist, wird er sein Urteil so oder so nachprüfen müssen: weil „die Hülle", die sich der Geist gebaut hat, das Gewisseste ist. Und wer je in einer Versammlung von „Spitzen der Behörden" oder sonst von Prominenten nach einem wirklich bedeutenden Kopf gesucht hat, ist der Rückbeziehung auf den Geist selbstverständlich sicher gewesen. Die „schlichte Hülle", in der sich ein Großer versteckt hält, mag in allem gesunden werden, in feinem Kopf, feinem Gesicht nicht. Darin läßt sich der Geist nicht verhüllen, sein Mangel auch nicht.
Wenn danach kein Ornat und Talar, keine Uniform und kein Prunkkleid darüber zu täuschen vermögen, „wes Geistes Kind" der einzelne ist, so befinden wir uns unvermutet vor einer Abgleichung aller äußeren Unterschiede, die der des Todes nichts nachgibt, aber vor ihr voraus hat, daß sie eine Gerechtigkeit schon im Leben ist. Der Dummkopf wie der Schlaue, der Weise und der Tor, der Eitle und der Bescheidene: alle die das Gewand ihrer äußeren Geltung selbst ober ungewiß tragen, alle sind durch das entlarvt, was wir Europäer zum wenigsten nicht zu verkleiden pflegen, sondern zur Schau tragen durch ihr Gesicht.
Wir alle ständen am Pranger nicht erst unserer Totenmaske, wenn eine gütige Hand nicht dennoch die Gerechtigkeit verhüllte. Wie jeder am Ende nur sich selber kennt, so kann er auch nur sehen, was er selber ist. Das Buch der Menschheit in den Gesichtern ist den einzelnen nur in den Blättern aufgeschlagen, darinnen er zu lesen vermag. Goethe sah die in Weimar um ihn waren, aber sie sahen Goethe nicht. Und die wir ihn nun in seiner Maske betrachten, uns hat erst sein Werk „mächtig angezogen", diesen Blick in sein Gesicht zu tun.
Das Ende des Prinzen von Trinidad.
Von Anton Schnack.
Er hielt feinen letzten Monolog vor der Welt, die er, größenwahnsinnig wie er war, zu sehen glaubte, die ihn aber schon lange vergessen hatte. Er schritt in dem elenden Loch des Gastzimmers von El Paso von Wand zu Wand, die nichts waren als blanke schwarze Steingefüge, Schwadronen von Fliegen surrten um die schwarze, zerfallende Zimmerdecke. Sein Schatten war so groß wie die ganze Breite dieses Raumes.
„Zeitgenossen von Paris, London, Neuyork, Großmächte des gigantischen Erdballs, vor euch stehe ich zum letzten Male, ich, Prinz von Trinidad! Wollt ihr oder wollt ihr nicht? Ich bin zum Aeußerften entschloßen. Noch Minuten... Ich warte auf den magischen Glanz eueres Goldes, um ein gewaltiges Reich unter den heißen Sternen des tropischen Ozeans aufzurichten. Wenn nicht: hier habe ich Gift, altes furchtbares Gift indianischer Götzendiener. Ich werde es schlucken, ihr aber werdet um ein glänzendes Genie und um ein herrliches Reich ärmer fein!
Ihr wißt, nie hat es mir an Mut und Verwegenheit gefehlt! Erinnert euch, spießige Pariser, an den dreiundzwanzigjährigen Harden-Hickey, der euch mit seinem Witzblatt Triboulet drei Jahre lang wie ein spitzer atzender Dorn im Fleische der Dickfelligkeit und der Dummheit saß!
Er riß sich die Brust auf, deren Haut von Narben verschnürt war. Heber der Stirne bis hinunter in bas Fleisch der rechten Wange hatte sich ein Riß verwulstet. Er schrie, leise rann ihm schaumiger Speichel aus ben Mundwinkeln: „Das alles, Fleisch, Haut und Herz habe ich hunderten Duellen hingehalten, Säbeln unb Pistolen, unb euere schwemigen Ritter, Makler Aristokraten unb Winbhunbe Haden nicht vermocht, mich zum Teufel zu schicken. Mir war's wohl unter euerem Haß; euere Regierenben,


