ohne weiteren Zusatz, um ihn auf diese Weise das Unpaffende des Bastard" fühlen zu 'lassen. Zu dem Plan, den sie sich ausgedacht hatte, gehörte durchaus Tugend. Sie hielt es deshalb, um ihrer Reprimande noch mehr Nachdruck zu geben, auch für angezeigt, das Gespräch abzubrechen, so schwer es ihr wurde. _ „ ,
Als sie wieder drüben in ihrem Zimmer war, fand sie die alte Nurtt- schen vor, die nicht durch das Entree, sondern durch die Küche gekommen war. Sie sah aus wie gewöhnlich: schmuddelig, Kiepenhut und eine schwarze Klappe über dem linken Auge. ,
„Guten Tag, Frau Runtschen. Nun, das is gut, daß sie da sind. Hat Ihnen Mutter schon gesagt?.. " .
„Ja, Thildechen, Mutter hat mir schon gesagt, daß wieder em Herr da is und daß ich reinmachen und einholen soll. Aber wann muß es denn sind? Bon sieben bis acht bin ich drüben bei der Leutnant Peter- mann und von acht bis neun bei Kulickes unten."
„Das paßt sehr gut. Neun bis zehn ist die beste Zett oder lieber noch ein bißchen später. Um die Zeit is er immer weg, und Sie können sich s daun einrichten, wie Sie wollen, und Sie w.ssen ja auch Bescheid, wo alles steht! Aber mitunter is er auch noch da und sieht aus dem Fenster — ja, Frau Runtschen, dann müssen Sie sich schon ein bißchen zurechtmachen."
„Zurechtmachen?"
, Ja Frau Runtschen. Ich meine natürlich nur ein bißchen. Sie können nicht kommen wie ne Prinzessin, so viel wirst es nicht ab. Aber doch so das Nötigste eine weihe Schürze und dann, daß Sie den Kiepenhut abnehmen. Wenn'er nicht da is, dann is der Kiepenhut ganz gut, unb man sieht nicht alles; aber wenn er da is, dann is doch ne Haube besser."
„Ja, Fräuleinchen, was heißt Haube?" „
„Natürlich sollen Sie sich keine mitbringen. Aber an unserem Stander, da finden Sie allemal eine." „
„Na, wenn's erlaubt is, dann nehme ich sie mir so lange.
„Ja, Frau Runtschen. Und denn noch eins. Die schwarze Klappe da dürfen Sie nicht länger als acht Tage tragen. Ich werde Ihnen Samstagabend eine neue geben. Ihr Schade soll es nicht sein."
*
„Die „Jungfrau" kam zur Aufführung mit Rybinski als Dunois. Aber weder Möhrings noch ihr Mieter Hugo Großmann wohnten der Aufführung bei, da dieser letztere krank geworden war. Er fieberte ziemlich stark und bat, nach einem Arzt zu schicken. Dieser kam und war mehrere Tage lang im unsichern, was es war, bis es sich eines Morgens heraus- stellte, daß es die Masern seien. Er ging zu Möhrings hinüber, und sagte: „Es sind die Masern, nichts Besonderes und nichts Gefährliches. Aber Vorsicht, liebe Frau Möhring. Sonst haben wir einen Toten, wir wissen nicht wie." ,
„Ach Jott, Herr Doktor, er is ja erst sechs Wochen bei uns. Und denn so was! Und wenn die Leute das hören, da will ja denn keiner mehr einziehen, und vertuscheln geht auch nid). Es sind immer so viele schlechte Menschen. Und Schultzes wird es auch nich recht sein."
„Wohl möglich. Aber nur nicht ängstlich, liebe Frau. Noch lebt er und wird wohl auch weiter leben. Ich habe Sie nur warnen wollen, daß Sie aufpassen und immer nasse Lappen über den Bettschirm hängen. Mit dem Bazillus ist nicht zu spaßen. Und vor allen Dingen keinen Zug, Zug ist das Schlimmste. Da tritt alles zurück und wirft sich aus die edleren Teile."
„Jott, is es möglich!"
„Und dann haben wir Casus mortis."
Mathilde war dabei nicht zugegen. Als sie von einem Gang in die Stadt nach Haus kam und hörte, was der Arzt gesagt hatte, meinte sie: „Mutter, du kannst doch auch gar nichts vertragen. Masern! Das is so gut wie gar nichts. Jedes kleine Wurm hat sie. Sie sollen sogar gesund [ein, es kommt alles raus, und das is immer die Hauptsache. Natürlich müssen wir aufpassen und auch sorgen, daß er die Runtschen nicht zu sehen kriegt. Er is so empfindlich in manchem und hat mir mal gesagt, er graule sich ordentlich vor der Aufwartefrau."
„Ach, das hat er bloß so gesagt!"
„Nein, ganz im Ernst, Mutter. Solche, die immer Stücke lesen und ins Theater gehen, die sind so. Na, und das schwarze Pflaster — es is ja auch zum Graulen."
„Ach, Thilde, was unsereiner auch alles erleben muß, und das nennen sie bann Fügung, und man soll auch noch dankbar dafür sein."
„Red nicht so, Mutter, das bringt Unglück, denk an Hioben. Und Fügungen! Die Leute haben auch ganz recht, wenn sie von Dankbarsein reden — wenigstens wir. Denn das kann ich dir sagen, für uns is es eine sehr gute Fügung. Und wenn ich mir was hätte denken sollen, auf so was Gutes wie die Masern wäre ich nie gekommen."
„Meinst du wirklich?"
„Ja, das meine ich."
„Aber wie denn, Thilde?"
„Das erzähl' ich dir ein andermal, wenn es erst da is. Wenn man drüber red't, dann beruft man’s."
„Ach, Thilde, du rechnest immer alles, aber du kannst auch falsch rechnen."
„Kann ich. Aber du sollst sehen, ich rechne richtig."
Hugo Großmann überstand seine Masern und war im Abschülberungs- zustand, als der Doktor sagte: „Ja, liebe Frau Möhring, den haben wir nun mal wieder raus, das heißt, aus dem gröbsten. An gesund ist noch nicht zu denken, und die Vorsicht muß verdoppelt werden. Der kleinste Fehler, und es wirft sich auf die Ohren, ober, wenn er zu früh Licht kriegt, auf die Augen, und dann ist er blind. Anderseits hätte ich gern, er könnte hier raus. Die nassen Lappen sind gut, aber immer nasse Lappen geht auch nicht. Könnten Sie ihn nicht 'umbetten? Ich meine umlogieren? Vielleicht etwa in das Entreezimmer? Sie müssen bann freilich zusperren und allen Verkehr mit ber Welt abschneiben, unb wer zu Ihnen
sie nicht.
(Fortsetzung folgt.)
will, muß durch die Küche. Aber Krankheit entfd)ü(bigt alles. Ueberlaffen Sie's man Fräulein Mathilde, die ist findig, die wird schon Rat wissen."
Und damit ging er.
Mathilde rechtfertigte wirklich das gute Vertrauen, das bet Doktor zu ihr hatte, und sagte: „Doktor Birnbaum Hai ganz recht. Er muß raus, ich kann die Lappen schon gar nicht mehr riechen. Aber das mit dem Entree, bas geht nicht. Entree! Das sieht so weggesetzt aus, so nickst hü unb nicht hott. Er is doch ein studierter Mann unb ein Bürgermeistersohn, und seine Masern hat er bei uns gekriegt. Er muß in unsere Stube. ."
„Aber, Thildchen, bas geht doch nich! Wir haben ja doch bloß die eine. Und denn ein Bett und ein fremder Mann drin, es geht doch nich."
„Es geht alles, aber bas mit dem Bett is gar nicht nötig. Das Beit bleibt stehen, roo’s steht, unb abends bringen wir ihn rüber und packen ihn ein unb feine Neifedecke brüber, daß er sich nicht bloßwirft."
„Und bei Tage..."
„Bei Tage is er bei uns hier drüben. Er wird nichts tun, was uns genieren kann, unb ich kann immer rausgehen. Du freilich, na, bu bis! eine alte Frau, und er könnte dein Sohn sein, unb an dich muß er sich wenden Aber er wird nicht, er is viel zu anständig, er schadet sich lieber. Und da haben wir ihn denn, solange die Rekonvaleszenz bauert, immer brüben und müssen die Rouleaus halb runterlassen, daß er kein Licht kriegt, und müssen ihm was erzählen ober was vorlesen. Aber erzähl nicht so viel von Vatern, du gehst immer so ins einzelne, unb so was Interessantes war Vater nicht."
„Aber er war ein sehr guter Mann."
„Ja doch. Das 'war er."
, .. ein sehr guter Mann. Und dann, Thilde, was ich sagen wollte: wie"denkst du dir das eigentlich mit ihm? Sein Bett bleibt drüben, unb auf einen Stuhl können wir ihn doch nicht setzen. So lange kann er sich doch nicht geradehalten, er is ja doch noch krank und schwach.'
„Nein, bas kann er nicht. Und da siehst du nu wieder, wie gut es is, baß wir die Chaiselongue haben. Ich wußte, bah sich das verlohnen
Ja meinst bu, daß das geht? Es is doch sozusagen unser Prachtstück. Der Stehspiegel hat den Riß unb sieht nicht recht nach was aus. Aber die Chaiselongue — du darfst doch nicht vergessen, vierzehn Tage ober vier Wochen dauert es, unb dann is sie hin. Er wird Kuten einliegen unb alles eindrücken, denn Kranke sind unruhig unb liegen mal hier unb mal da."
Das is ja gerade das Gute, da verteilt es sich aufs Ganze, und von Kuteneinliegen ist keine Rede. Und wenn auch, Mutter, wer was will, der muß auch was einfetzen. Er sieht bann, bah wir ihm unser Bestes geben unb wie ich ihn kenne, wird es ihn rühren, beim er hat was Edles, bas heißt so auf feine Art. Zu viel darf man von ihm nicht verlangen." *
Gleich an dem Tage, an dem dies Gespräch geführt wurde, mürbe Hugo Großmann in die Möhringsche gute Stube herübergenommen unb, auf der Chaiselongue installiert. Er nahm sich da ganz gut aus. Gin kleines Tischchen stand neben ihm mit einem Heliotrop darauf, es roch aber zu stark und wurde durch weiße Astern ersetzt. Auf einem grünen Weinblatteller lagen zwei Apfelsinen, daneben stand eine Klingel, aber bloß als Putzstück, denn Mutter unb Tochter waren immer ba unb bramh ten nicht erst zittert zu werben. Der Arzt war mit dieser Umlogierung sehr zufrieden unb sagte, als er mit Hugo allein war, allerlei Verbinb- liches über so „gute Menschen", in deren ganzem Verhalten sich die einzig wahre Bildung ausspräche: die Herzensbildung. Fräulein Maihstbe sei übrigens überhaupt gebildet, und, wenn man ihren Kopf öfter anseh- und sich so mehr hineingelebt habe, beinah eine Schönheit.
Draußen im Entree standen Mutter und Tochter und stellten allerlei Fragen, was für den Kranken erlaubt sei und was nicht. „Immer >m Dämmer", sagte der Doktor, „am besten ist es, wenn er auch in einem geistigen Dämmer bleibt."
„Aber wir dürfen doch mit ihm reden?"
„Gewiß, liebe Frau Möhring, alles was Sie wollen, nur nichts Aufregendes."
„D du mein Gott, wie werd' ich denn was Aufregendes...
„Und vorlesen ist vielleicht auch erlaubt?" unterbrach Thilde, die sch daß sich die Mutter noch weiter über das „Aufregende" verbreiten wollte.
Ja, vorlesen geht, aber nicht viel unb nichts Schweres.
Als sie wieder bei Hugo eintraten, erzählte ihm Thilde, was der Dol- tor alles erlaubt habe: nur immer abends ein grüner Lichtschirm, em grüne Lampenglocke sei nicht genug, und wenn er Lust hätte, so durfi ihm auch was vorgelesen werden. Drei-, viermal des Tags, aber n länger als eine halbe Stunde. ...
Hugo lächelte erfreut, denn seine Krankheit fing an, ihm tangwei.! zu werden, und als Thilde fragte, was er denn wohl wünsche, .oW seien ja da die Hülle und Fülle, ba sagte er: ja, die Geschichte von , wo das Paradies drin vorkomme, die möchte er wohl hören, er I gerade bis dahin gekommen, wo das Paradies beschrieben wurde, v sich, es käme noch so manches darin vor, und er wisse nicht, ob er Fräulein Thilde bas Ansinnen stellen dürfe... ,
Thilde merkte gleich, daß er dies in Erinnerung an das kurze GesprM über den „Bastard" von Orleans sagte, und wenn sie damals gegi hatte, sich den sittlichen Standpunkt sichern zu müssen, so hatte pe . das Gefühl, daß sie den Bogen der Sittlichkeit nicht überspannen nicht den Eindruck des Engen und Spießbürgerlichen wecken durs. sagte denn also, während sie sich an bas Fußenbe ber Chaiselongue i • in der Schilderung des Paradieses, wenn auch ein Sündenfall oari käme, sehe sie kein Hindernis. Aus einem so niedrigen Standpum i
Schriftleitung: i. V. Dr. Fr. W. Lange, Gießen. — Druck unb Verlag: Brühl'sche Aniversitäts-Buch- und Steinbruckerei, N. Lange in ®'e 91


