Ausgabe 
7.11.1930
 
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erleben, bei einem Mann, den er hochhielt, sich auszuschütten. Und er erzählte von seinem häuslichen Unglück, von seinem Nachgang zur Weck- lersanna 'und von der Frucht des Verhältnisses, dem Karl. Die Neu­müllerin versorgte ihn, seit er im Feld stand, reichlich mit Lebens­mitteln, hie und da schwang sie sich zu einer Postkarte auf. Die Briefe der Wecklersannä waren so wunderschön, daß er sich wahrhaft daran erquickte. Der Geistliche erwiderte:Die Umstände mögen viel verschuldet haben, daß Sie in die mißliche Lage geraten sind. Was Ihre Frau Ihnen auch angetan haben mag, Sie haben das Eheband zerrissen, und Ihre Frau hat alle Ursache, gekränkt zu sein. Manch einer hat im Krieg den alten Adam ausgezogen, hat sein Leben umgeschmolzen. Wenn Sie heimkehren, müssen Sie Ordnung schaffen, müssen Sie einen Weg finden, daß Sie wieder zu Ruhe und Frieden kommen!" Tags darauf begann eine furchtbare Schlacht. Kanonen, Mörser und Haubitzen öffneten ihre Schlünde. Er stand mitten in der Hölle. Es war ein Sausen, ein Heulen und Schnauben. Sein Herz ging im Galopp. Hageldicht schlugen die Geschosse ein, daß die Erde erzitterte. Vor ihm zerriß ein Krach die Luft. Ein Granatsplitter traf ihn. Er sank um. Lag ein paar Stunden in seinem Blut. Sanitäter trugen ihn aus dem Getümmel. An toten Kameraden vorbei Hart am Wege hatte eine Kugel seinen Kompanie­führer hingestreckt. Bei der Leiche winselte des Hauptmanns Schäfer­hund. Ferner klang das Rollen und Grollen. Er kam ins Feldlazarett. Blieb dort sieben Tage. Wurde dann nach Münster am Stein abtrans­portiert. Von Schwestern mit wahrer Treuheit gepflegt empfand er, was es heißt, Barmherzigkeit üben. Nachts konnte er kein Auge zutun. Schwarze Gedanken bestürmten ihn. Was wartete seiner zu Haus? Wenn Sie heimkehren, müssen Sie Ordnung schaffen!" hatte der Feld­geistliche gesprochen. Er hatte gefehlt, wollte es nicht bemänteln. Er hatte den festen Willen, inskllnftige sich rein zu halten. Und wenn er drum mit der Wecklersanna brach. Als er von seinen Pflegerinnen Abschied nahm, weinte er wie ein Kind. Ein Tag Eisenbahnfahri und er war wieder daheim. Auf dem Hausgang stand ein Sack Mehl. Den hob er, wie er's tausendmal vor dem Krieg getan. Gleich mußte er husten und spuckte Blut. Seine Frau tischte auf, daß es blinkte, aber es kam kein freundliches Wort über ihre Lippen. Das halbe Dorf besuchte ihn. Vor all den Menschen ward ihm ganz durmelig. Lauter wie das Gebabbel rief eine Stimme in ihm:Du mußt in deiner Eheschaft Ordnung schaf­fen!" Ein paarmal machte er den Versuch, sich mit seiner Frau aus­zusprechen. Immer wich sie ihm aus. Es schien ihm, als habe sie eine Scheu, mit ihm allein zu sein. Meist brachte sie das Stadtmädchen, die Helene Kampmann, mit in die Stube. Er hatte einen Widermut gegen das altkluge Ding. Die Zeit hatte lange Beine. Sechs Wochen schon war er zu Haus. Das Eis, das zwischen ihm und der Neumüllerin sich türmte, wollte nicht brechen. Der Lehrer war bei ihm gewesen, ein auf­rechter Mann, der kein Blatt vor den Mund nahm. Er sprach von dem sträflichen Treiben, das, während der Neumüller abwesend war, der Krieg im Dorf herbeigeführt hatte. Wenige Häuser ausgenommen, darin noch Treue und Redlichkeit wohnten, guckte der Eigennutz aus den Fenstern heraus. Die Selbstsucht erwürgte den Rechtlichkeitssinn. Gerade die Wohlhabenden waren groß im Beschummeln. Das Gesetz zu um­gehen, entwickelten sie eine Geriebenheit, vor der die Nullmacher und Advokaten einpacken konnten. Unter den geringen Leuten, die von der Hand in den Mund leben mußten, war die Erbitterung grenzenlos. Noch war nicht aller Tage Abend. Das End' trug die Last. Auf dem Mam­monsgut ruhte kein Segen. Der Neumüller hatte in seinem Geschäft nie anders als ehrlich gehandelt. Daher vor dem Krieg die Zwistig­keiten mit feiner Frau, die nahe daran war, seinen guten Namen aufs Spiel zu setzen. Etliche aus der Gefreundschaft hatten geäußert, seine Frau könne ihn versollerieren, sie schaffe nicht für die Gänse, sei mit ihren Preisen auf der hohen Schule. Wenn in einem Menschen das Hachige steckte, kratzte es kein Fummelholz heraus. Der Argwohn ließ ihn nicht los, daß' seine Frau ihrem Hang nachgegeben, sich unrecht­mäßig bereichert hatte. Er bestand darauf, daß sie ihm die Geschäfts­bücher zeigte. Das tat sie. Ob sie alles ordnungsgemäß eingetragen hatte, vermochte er nicht nachzuprüfen. Doch fiel ihm auf, daß sie, obwohl sie weit mehr als im Frieden vereinnahmt, nur wenig ins Geschäft ge­steckt hatte. Wo war das Gell geblieben? Als er darüber Auskunft be­gehrte, verwickelte sie sich in Widersprüche. Er redete gütlich auf_ sie ein, sie solle ihm reinen Wern einschenken. Sie machte übergescheite Sätze, ließ sich Hintertürchen offen. Da wurde er grob. Sie vergalt Grobes mit Grobem. Andre ins Vertrauen zu ziehen, seine Frau bloßzustellen, hieß das eigene Nest beschmutzen. Daß er mit Zucken und Klopfen hier saß, zur Untätigkeit verurteilt war, wollte ihn schier tiefsinnig machen.

Vor der Tür knarrte die Diele. Es klopfte.

Herein!"

Möckel, der Schmied war's.

,,Gu' Morse, Hannwilm!"

Großen Dank!"

No, wie tut's?"

Ich damer so hin."

Das wird sich schon ecken."

2)u in deiner guten Haut hast gut schwätzen."

Der Schmied schlug mit der Hand gegen die Stirn.

Bald hält ich's vergessen. Diese Nacht hat mir's von dir ge­träumt."

Der Neumüller horchte auf.

Von mir?"

Jawohl, von dir. Du hielst Ihit deinem Fuhrwerk norm scheppen Bender seinem Haus und tatst mit der Peitsch knallen. He kam ans Fenster und sagt': ,Du kannst's mitnehmen.' Wupp! sprangst du her­unter, bolzestrack. Es war der Staat all. Weißt du, was das bedeut'?"

No?"

Du schaffst dich wieder in die Reih!"

Der Neumüller suhr mit der Hand über die Stirn.

Ich wollt, 's wär wahr!"

Der Schmied ließ sich auf der Ofenbank nieder.

Ebbes anders. Ich tüt dir gern den Wecklerskarl emal schicken. Aber deine Frau steht Schildwacht. Die läßt ihn net herein Der Bub hat Martini ausgelernt. Er kann was und hat ein gut Gemüt. Nun hab ich belutt, euer Stadtmädchen, die Kampmann, schwänzelt um ihn herum. Ich kenn den Jung durch und durch. He ist die ganz' Zeit schon merk­würdig zerfahren und bei der Arbeit latsch. Meinem Bedunk nach geht da was vor. Ich hab's auch seiner Mutter gesagt. Die ist blind für ihr Fleisch und Blut. Ihr habt die Kampmann im Haus. Du könnt'st da ein Machtwort sprechen."

Um den Mund des Müllers legte sich ein bitterer Zug.

Ich ein Machtwort sprechen? In meiner Hilflosigkeit? Das wär den spitzen Mäusen gepfiffen?"

Der Schmied runzelte die Stirn.

Hannwilm, 's ist dein Jung!"

Eine Röte flog über des Neumüllers Gesicht.

Die Bochumern kann machen, was sie will, meine Frau hält ihr dieStang. Geh zum Lehrer, geh zum Burgemeifter. Schaff die Schlunz

Der Schmied spreizte die Finger.

Daß sie den Karl verschammeriert hat, dadefür hab ich noch kein' Bewei-- Wann ich sie tapp, fliegt sie!"

Er schwieg eine Weile, dann redete er weiter.

Was etz all passiert, ist untcrm Aff. Du kennst doch den alten Schlapp in Seibertenrod?"

Der Neumüller nickte.

Ich kenn ihn."

Er hat kürzlich sechs Monat gekriegt."

Ich hab was läuten hören, hab mir's aber net zurechtlegen können." Ich will dir verzählen, wie das zusammenhängt. Der alte Schlapp hat sein Werk schon lang abgeben. Dadefür mußt ihn fein Jung unter­halten. Das war schriftlich gemacht. Der Martin ging ins Feld. Die Sohnsfrau gab ihrem Schwiegervater schimmelig Brot und schlechte Kar­toffel. Dadrauf tat he sie auf sein' Auszug verklagen, 's wird gemunkelt, sie hat's mit einem Franzos. Da paßt ihr der Alte net im Haus. Und da ging sie u. Gericht und zeigt ihn an, he wär Wildpretsknapper, hüll unterm Rock Rehfleisch heimgetragen. Ob da was dran is, kann ich net sagen. Sie nannt sechs oder sieben Zeugen. Die haben gegen den Alten ausgesagt. He wurd verknurrt, ist aber noch auf freiem Fuß. Sein Advo­kat hat ein Gnadengesuch für ihn eingereicht. Nu ist sein Martin aus Urlaub kommen. Meine Frau', spricht er wider sein Vater, .verschand- lappt sich mit keinem Franzos. Wann du sie nochemal verkreischst, schlag ich dir alle ^"ochen kaputt!' Der Schlapp wurd auch kollerig. Da nahm der Martin cm Lattenstück und flatscht auf den alten Mann los. Der stürzt zusammen, und das Blut schoß"

's ist genug!" fiel der Neumüller dem Schmied ins Wort und streckte wie abwehrend die Hände aus.Ich will nix mehr hören!"

Möckel stand auf.

Die Welt ist alleweil von Grund aus verdorben. Hier im Dorf ist's doch schon so weit, daß sie die Religion fortschmeißen wollen. Das rächt sich. Wann alles wackelt, uns' Herrgott steht fest.' Das ist mein Glaube. Und den schwätzt mir keins ab!"

4.

Die Neumüllerin begann ihr Tagewerk damit, daß sie geringes und besseres Mehl durcheinandermengte. Das körnige, mit blauen Punkten durchsetzte Gemisch wog sie alsbesseres" Mehl mit unerhörtem Nutzen Leuten zu, die der Mangel in die Mühle trieb, die, obwohl sie sich betrogen wußten, froh waren, etwas heimbringen zu können. Der Gen­darm, der die Mühle zu überwachen hatte, drückte ein Auge zu. Ein­mal brauchte er selber Mehl, dann wollte er sich diesem und jenem seiner Vorgesetzten gefällig erweisen, wozu die Verbindung mit der Neumuhle die beste Gelegenheit bot. Die Zeiten, da der Aeltervater Schüttler den Zentner für drei Irumpeln vermahlen hatte, waren vorbei. Die Neu- mülf-rin saß bis über die Ohren im Geld. Sie hielt einen eisernen Bestand, der im Weißzeugschrank wohl geborgen war. Daneben hatte ihr der Agent Leopold Falk galizische Petroleumaktien verschafft. Die sollten einen großartigen Gewinn abwerfen. Der Falk war ein gescheiter Kerl, man tonnte sich auf ihn verlassen. Von dieser Kapitalsanlage abgesehen, lieh die Neumüllerin Geld aus. Nicht aus Freundschaft. Sie wollte hohe Zinsen haben und bekam sie auch. Ihre Schuldnerinnen waren zumeist Kri-gcrstauen, auf deren Schultern schwere Lasten ruhten. Sie hatten nicht nur den Haushalt, sondern auch den Pflug zu führen, gingen mit Sorten zu Bet', und standen mit Sorgen auf. Waren sie nicht imstand, bi# jrrtfen zu bezahlen, erklärte sich die Neumüllern bereit, Getreide an Zicht-ntzsst-rtt zu nehmen, und zwar nach dem Preisansatz des Kom- aMnoiorrbc^bes. Dabei machte sie wiederum ihren Schnitt. Der Agent Leopold Falk, der in ihre Geschäftshandhabung Einblick gewann, flat­tierte ihr:Frau Schüttler, Sie haben Nachdruck, wissen, was fünf und drei ist. Ihr Mann", setzte er mit saurer Miene hinzu,hat für and« Leute den Weizen getragen, für sich keine Spreu!" Von Woche zu Woche nahm die Vermahlung zu. Das Rad war geschmiert und lief ohne Knar­ren. Dennoch ging die Neumüllerin mit zusammengepreßten Lippen, die Stirn in Falten gezogen, umher. Ihr Helfer, der alte Ohrlitz, rasaunertck Du machst ein Gesicht, als wann dir das Korn verhagelt wär! Ich möcht wissen, warum dich die Grillen stechen. Du hast alles, was du begehrst. Ich schätz, du denkst zuviel. Viel Denken macht Kopfweh. Kannst mir's glauben!" Sie ließ den Alten schwätzen. Kannte der ihren Brost: Er wäre der letzte gewesen, vor dem sie das Töpfchen aufgedeckt HW- Als Tochter eines dicken Bauern war sie in Ruttershausen ausgewachsen- Vier Pferde standen in ihres Vaters Stall, zehn Kühe lieferten die Much-

(Fortsetzung folgt.)

Verantwortlich: Dr. HanS Thtzrivt. Druck und Verlag: Drühl'sche Llniverf itätS-Buch- und Steindruckerei. Jt. Lange, ®iefi«n.