Ausgabe 
7.11.1930
 
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Oie erste Nacht.

Von Isolde Kurz.

Jetzt kommt die Nacht, die erste Nacht im Grab. Oh, wo ist aller Glanz, der dich umgab?

In kalter Erde ist dein Bett gemacht. Wie wirst du schlummern diese Nacht? Vom letzten Regen ist dein Kissen feucht. Nachtvögel schrein, vom Wind emporgescheucht. Kein Lämpchen brennt dir mehr, nur kalt und sah! spielt auf der Schlummerstatt der Mondenstrahl. Die Stunden schleichen. Schlässt du bis zum Tag? Horchst du wie ich auf jeden Glockenschlag?

Wie kann ich ruhn und schlummern kurze Frist, wenn du, mein Lieb, so schlecht gebettet bist?

Teilchen ist. t ..... ... , .

Solche Bestrebungen aber sind nicht nur die müßigen Ausgeburten eines einzigen. Wenn an einer Kunstform etwas nicht stimmt, pflegt sich | überall allgemeines Unbehagen einzustellen. Während James Joyce noch an seinemUlysses" arbeitete, erschien ein deutscher Roman, der ,Mal­len st ein" von Alfred Döblin, der an Seitenzahl den Roman von James Joyce beinahe erreicht: zwei Bände mit insgesamt neun­hundert Seiten. Einhistorischer" Roman gewiß, und Doblin hat einmal erzählt, er sei zu ihm durch jene Visionangeregt" worden, wie Gustav Adolf mit seiner Flotte übers Meer zum Ostseestrand stoßt aber etwas anderes ist jene erste intuitive Empfängnis und die letzte Bedeutung, die diesem Werk zukommt: es ist ein Roman der Massen, der Burger in den Städten, der flutenden Landsknechtsscharen, der davonziehenden Auswan­derer. Dahinter verschwindet das individuelleSchicksal". Damals Wallenstein" erschien 1920 konnte Döblin die Bekanntschaft mit James Joyce noch nicht gemacht haben, um fo besser. Beweist doch diese Unabhängigkeit voneinander, daß an verschiedenen Stellen das gleiche versucht wurde, wenn auch mit anderen Mitteln: den Roman der Masse zu schreiben. , ....... . ,

Aus der Bekanntschaft mit James Joyce aber wurde Doblin hat sich selbst dazu bekannt ein anderes Werk:Berlin Alexa n der- platz, die Geschichte vom Franz Biberkopf". Hier ist die Joyce-Technik also die ehemals vom konsequenten Naturalismus überkommene, durch neueste Seelenforschung unendlich verfeinerte und komplizierte sozu­sagen volkstümlich gemacht und ins Populäre gewandelt worden. Joyce ist keine Lektüre für dasLesepublikum": ihn zu bewältigen, leinen analysierten Gedankenassoziationen und interpunktionslosen Phantaste-

Ein grämlicher Morgen nach einer schlechten Nacht. Der Himmel über der Kuppel des institut optique ist grau, verwaschen hat tne alte, erfroren/Farbe der Winterfrühen. Keine Spannung ""hr sim s"kostbare teuer- B°n der Freude, die hochstiea, als sich an der Kasse^das kostbare blaue Billett näherschob, mit der Zauber-Inschrift:ParisMarseille,

W' in'S ersten Stunden der Schlaflosigkeit war die Spannung noch da. Warf das Herz in Alarm und gab dem Gehirn die Klarhe t vergleichender Erinnerung: diese Frage, dw elementarste, größte viel-

aleiche Unruhe der gleiche Alarm, als der Kinderfuh zum ersten LV"»-. >><-. 5 $

Pferdckib anvertraute, als zum ersten Male die Schiffs,>rene, zxdw

es Heldentum bedeutet. Sport, der sich kommerzialisiert hat. Der: F,h plane, Prospekte, Tickets kennt. Wozu also das Angespanntsem der 9 v-n das Herz hämmert, wozu, wozu der Alarml

Am Morgen nichts von alldem mehr. Die übliche Abiahrtsnervosiat die nicht besser wird mit den Kilometertausenden, die Erfahrung friß > Gabelfrühstück das gekauft, Thermosflasche, dre gefüllt werden mutz. Telesonanrufe' Im letzten Augenblick die Post. Dann itn Taxi durch grämlichen, kühlen, feuchten Vormittag, durch die sonntagsleeren «traß b5 (F[lfr Uhr Der^Enr jagt durch verlassene Häuserschluchten LeBourgct m Schluckt da" gigantische Band der rue Lafayette, rattert über mj- aerissenes Pflaster am Gare du Nord vorbei. Unter dem trüben Jm- mel entfächert sich das trostlose Bild Quai de Jemappes, rußig, duster, qeduckt Baggerfchisfe, Fabrikschlote, blinde Fensterscheiben. Neber all Kälte, 'der Schwärze, den schorfigen Mauer,y de» schmutzigen Sch b K 5SXÄÄ ttÄ» Ä* und Oelreklamen. Die Häuser haben sich geduckt, verschwinden, P> Bretterschuppen, Hangars wachsen empor.

fagden nachzuspüren, ist eher eine Arbeit (aber eine ergreifende und hm- reifcenbe) denAlexanderplatz" kann jebermann nach anfänglichem Befremden lesen: James Joyce ist burch Döblin salonfähig geworben. Nebenher sei angemerkt, daß sich dieses Werk auch an Umfang in ge­wissen Grenzen hält: fünfeinhalbfyunbert Seiten. . Aber biefe Umfange müssen jeweils registriert werben; Romane, die nicht einige inbivibuelle Schicksale", sondern Komplexe von Massen, Städten, Landschaften be­handeln, schwellen naturgemäß an. Der Roman wird zum Epos der Menge. DerUlysses" hat, zunächst nur unter denLiteraten, in der ganzen Welt aufrührend gewirkt, auch in Amerika.

Hier ist sein Vertreter John Dos Passos mit seinen Buchern Manhattan Transfer" undDer 42. Breite ngrad . Han­delte es sich im ersten Buch um das Schicksal der Gemeinschaft Neuyork, so erweitert sich das andere zu einem Kaleidoskop des ganzen amerikam- , dien Kontinents. Aus einer großartigen Beobachtungsgabe und unmittel­baren Lebensnähe entwirft er einzelne Lebensbilder, keineheldischen , sondern solche, die für die Mafse, den Durchschnitt des amerikanischen Lebens charakteristisch sind. Diese eindringlich gegebenen Dasemsabrisse hören plötzlich auf, um anderen zu weichen, sie heben uueder an, ver­schlingen sich, gehen auseinander, versinken: sie sind uur die Reprasen

Revolution des Romans. kanten mannigfaltiger Gesellschaftsschichten der amerikanischen »mhfa .on,

juwimwn VVV Wogen sie emporgetragen und hlnabrelßen. John Dos Passos jchil-

Von Felix Panten. I kritische Zeit: der Weltkrieg droht Amerika. Wahrend er bas

Revolution bes Romans. . s 6f, _. innere Leben des neuen Kontinents an Beispielen auszelgt, dienen ihm

Auch die politischen Umwälzungen beginnen nut den kleinen Sturm- regelmäßig eingestreuteWeltwochenschauendazu, d'eEregnmeber

zeichen, denen endlich der Ausbruch folgt. Es .ft nut den literarischen Welt in Stichworten aufzuzählen, eine literarische Montage °u- SchIag-

nicht anders bestellt. Wir stehen heute vor der vollendeten Tatsache des j( Zeitungsnachrichten, jeweils geläufigen S'W.e.rn. revolutionierten Romans. Wer begann die Revolte, wohin soll sie fuhren? I bie tönenbe Wochenschau bes Films auf das Buck) ubertragen.

Damit fing sie an, daß ein Mann mit Namen James Joyce m den biefer nur scheinbar unromantische Amerikaner braucht em Ven il für

Jahren 1914 bis 1921 bedeutungsvolle Jahre für dieses Thema! ^,ine Romantik, dazu dient ihm dasKamera-Auge .lyrische, persoiüche

feinen RomanUlysses" schrieb. In diesem Werk das m zwei Banden ^innerungen an die Zeitumstände unter denen die Ha blung iewe s

im Format und Umfang kleiner Bibeln, auf nahezu brelzehnhundert Sei- f ieIt _ unb in diesen eigensten Erlebnissen fmben fid) Seiten non sarter

ten, einen einzigen Tag in ber Stabt Dublin schilbert ist die Roman- !LUifd)er unb ergreifender Schönheit, denn auch aus d'estr Chromk

revolution zugleich angekündigt und beschlossen. Daß mit der Form des Amerikas läßt sich das Menschliche, Innere, Gefühlvolle nicht ganz ver

alten" Romans etwas nicht stimmte, daß verändernde Bestrebungen I bannen ,

ällenthalben im Gange waren, konnte auch vorher schon nicht übersehen 2(ber an dieser Art ber stofflichen Glieberung den willkürlich ab- werben. Als einen solchen Versuch, dessen Tragweite w,r erst heute er- gebrochenen unb plötzlich einsetzenden Lebensbildern, den E.M)iebseln oer kennen, möchte man Thomas MannsZaüberberg ebenso wie §8Atwochenschau und des Kamera-Auges sieht man, daß auch?JAn Dos

Ralph H. M o t t r a m sSpanischen Pachthof bezeichnen, die- | Passos an der Form des Romans rätselt. Daß auch hier Joyces Schatten

fern, einem englischen Kriegsroman, bescheinigt Galsworthy in einer A 9 überschwebt, ist unverkennbar: bte mtc,rPn°n.51^erh2.gnb®9SnuL

Vorrede ausdrücklich, dem Verfasser sei hier eine neue Kunstform ge- Rechtschreibung verrät den Urheber. Man Ucst bieses versucchnbe B )

lungen ... aber James Joyce, was hat er getan? mit anhaltender, mit steigender Spannung. Auch ^ diesem Roman

Er geht, wollend ober nicht, auf bte Anfänge von Arno Holz und ^ährt sich bie Kraft bes Dichters tne schon in '-Manhatt n Transer Johannes S cf) l a f zurück. Man nannte bas bamalskonsequenten Natu- 'obt' roJar auf weiterer und weitester Flache. Der Anstoß, den James ralismus"; Rezept: man begleite das Dasein eines Menschen von e.netn ^ qZben hat, wirkt fort. Bald werden auch die Kleinereil und Augenblick zum nächsten, zeige seine Umgebung, seine augenblicklich wech- linsten leine Art versuchen. Eine gefährliche Wirkung wie lebe J1

selnden Launen, Empfindungen, Eindrücke, man treibeSekunden- af;m ' c-ner äußeren Form, die der Epigone nicht mit dem Leben und Malerei". Nach vierzig Jahren ist aus dieser Vorschrift derUlysses von I Piönlichkeit eines Riesen zu erfüllen vermag.

James Joyce entstanden. Der Held heißt Leopold Bloom, aber er ist keine I -------------

heldische Gestalt, sondern ein Mensch wie du und ich; er erlebt ulysseisch

einen Tag durch die Stabt Dublin streifenb, bas Leben bieser Stabt unb FlUg ^«aNeU»e.

seiner Bekannten mit; er erlebt? er wird erlebt! Seme Erlebnisse sind eiijabe«) Janstein.

nicht romantisch-romanhaft, sondern platt, alltäglich, gemein. Er ist kein I ....

Heros er wird vom Getriebe der Stadt und ihrer Bedingungen gestoßen, er geht mit den Menschen mit, Mensch wie sie alle; er ist ein winziger Bestandteil ber Masse. Die Masse, ber Menschenstrom beherrscht ben neuen Roman, in ihr versinkt ber einzelne wie ein Wassertropfen im Fluß.

Dieser Roman wäre unbentbar ohne bie moberne Seelenforschung aus ©ieqmunb Freub unb seine Schule kann hier nur hingewiesen werben. Einer sieht im Schaufenster Bananen ober bas Plakat eines Fleisch­ertraktes: seine Gebauten irren aus ber Gegenwart zu den tropischen Wälbern ber Früchte, zu ber Heimat ber Rinber. Solche Phantasien können über ben Phantasten mehr aussagen als ein Roman. Wenn bie Gebankenjagben ber Joyce-Menschen roilb unb ganz ausschweifenb wer­den, überwältigen sie alle Hemmungen (auch Interpunktion und Ortho­graphie) und derUlysses" endet mit einer schriftstellerischen Hochleistung: Frau L. Bloom läßt in der einsamen schlaflosen Nacht ihre ganze Ver­gangenheit erstehen, so unverhüllt und nackt, wie man sich vor sich selbst preisgibt; Umfang dieser Erinnerung nahezu hundert Seiten ... Halten wir fest: der neue Roman gehört der Masse, von ber ber einzelne nur ein

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