Ausgabe 
7.7.1930
 
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Ankunft.

Viertes Kapitel.

8er Hand gleichfalls kontrapunktifch verbinde; so völlig verändert und so unvergleichlich liebenswürdiger erschien ihm Helene seit Haydns

Nur zu rasch verschwanden die Festtage, welche durch Haydns Besuch wie mit goldenen Lettern in die Chronik des musikalischen Schlosses eingezeichnet wurden. Der Freiherr und die Gräfin fanden sich aber auch nachher je in besonderer Weise angeregt von dem freundlichen Wesen des schlichten Mannes.

Helene hatte viel gelernt, nicht für die Musik, sondern fürs Leben. Sie hatte sich einen großen Künstler ganz anders gedacht: hoch hinaus, siegesbewußt, voll der eigenen Weisheit, lobbedurstig und schwer zu befriedigen, so etwa ein männliches Seitenstück ihrer eigenen Art. Statt dessen fand sie einen gemütlichen Alten, der sich nicht besser dünkte als andere Leute, ja, der sich's gar niemals merken ließ, daß er eigentlich ein berühmter Mann sei. Mit echt weiblichem Scharfblick erkannte sie sofort das Reizende dieses anspruchslosen Wesens, und mit echt weiblicher Geschmeidigkeit ging sie nachahmend alsbald selber darauf ein. S»e sah, wie sehr dies Haydn und dem Freiherrn gefiel, und so gefiel auch sie sich denn in der natürlichen Rolle und spielte sie so fein, daß Kunst und Na.ur dem schärfsten Auge nicht mehr zu unterscheiden waren.

Der Freiherr hatte diesmal von Haydn nichts gelernt, weder als Mensch noch als Bratschist, und so innig er sich an ihm erfreute, war doch seine Schwärmerei zu unmittelbar, als daß er gerade letzt besonders scharf über des merkwürdigen Mannes Worte und Wesen nachgedacht ^Sie Gäste reisten ab; es ward leer und still im Schlosse. Der Schloh- herr empfand diese Stille zum erstenmal in seinem Leben unbehaglich. Aber seltsamerweise vermißte er den alten Haydn weniger als die Gräfin. Sie mußte doch nicht so gar unausstehlich sein, denn sie hatte ja Haydn, dem gewiegten Kenner, schier besser gefallen als die ganze übrige Gesell­schaft; sie allein hatte ihn vermocht, das Menuett mitzugeigen, ja, beim Adagio in A sprach er gar von einem Vorschauen ihres Bildes Helene und ein Haydnsches Adagio! es muß doch Poesie auf diesem Bilde ruhen.

Und während der Freiherr solchen Gedanken nachhing, wurde es ihm bald kalt, bald warm, als schleiche ein leises Fieber durch seine Seele.

Einen Augenblick sprach er recht kühl und vernünftig:Helene dünkt mir fetzt so schön, weil sie mich an so schöne Tage erinnert. Ich bin ver­liebt in den Traum dieser Tage, soll ich mich darum in Helene ver­lieben? Sie gefällt mir, weil sie Haydn gefallen hat: liebt man jeweils ein Mädchen, weil sie einem anderen gefällt? Sie ist mir ein Sinnbild der verklungenen Musikherrlichkeit: soll ich wohl gar ein Sinnbild heiraten?"

Dann aber besann er sich, es ward ihm heiß, und er meinte, die Sache habe doch ein anderes Gesicht: Helenens treue Neigung hatte sich seit Jahren ausgesprochen in ihrer Quartetttreue; sie hatte ihren Ge­schmack dem (einigen geopfert; sie hatte sich veredelt durch seine Musik, sie war in die Quartettschule gegangen. Er hatte ihre Koketterie hinweg­gegeigt, und dies war allerdings in jenen schönen Tagen zum erstenmal klargeworden, wo Haydn ihr die Meisterschaft wahrer Anmut bezeugte, indem er ihr Spiegelbild aus dem Adagio in A-Dur hervorstrahlen sah.

Und dann blickte der Freiherr weiter in die Zukunft. Sollte er für alle Zeit so einsam, familienlos auf feinem alten Schlosse sitzen bleiben? Sollte er sich nicht auch einen Stammhalter wünschen, nicht sowohl seines Hauses und Wappens die Kunst hatte ihn über Standesvorurteile erhoben als einen Stammhalter seines Quartetts? Sollten feine Noten­schätze nach seinem Tode zerstreut, sollte auf Schloß Strüth nicht mehr gegeigt werden, wann einmal der Fiedelbogen seiner Hand entsunken war? Er stand im besten Mannesalter vierzig Jahre und bei der Gemütsruhe, welche ein regelmäßiges Hausquartett verleiht, hoffte er wohl über siebzig alt zu werden. Und in dreißig Jahren konnte er es nicht bloß zu einem quartettspielenden Sohne bringen, sondern zu einem ganzen Quartett von Söhnen. Dann mochte er seine letzten Tage in Frieden genießen und ruhig zuhören, wie die Kinder geigten.

Er drehte sich solchergestalt im fortlaufenden Zirkel zwischen Quartett und Helene, so daß er zuletzt beides gar nicht mehr voneinander trennen konnte, und obgleich es ihm von dieser steten Kreisbewegung fast schwin­delte, ließ er sich doch gegen niemand etwas merken. Nur fiel es den Quartettgenoffen auf, daß das Bild Eratos nicht mehr während des Spielens verhängt war, und daß der Freiherr auch nicht mehr zwanzig Takte statt zehn zählte, wenn er etwa beim Pausieren unversehens auf das Bild geblickt.

Plötzlich gab ein großes Ereignis den Ausschlag für Gräfin Helene, das war die Schlacht von Novi, in welcher Suwarow als Qberfeldherr des österreichisch-russischen Heeres die Franzosen niederwarf, am 15. Au­gust 1799. Schon im Juni und Juli waren kleinere Siegesbotschaften aus Italien gekommen und hatten das patriotische Herz des Freiherrn höher schlagen lassen. Während er's bei der Kunde des Rastatter Gesandten­mordes fast für fündlich hielt, in so greuelvoll schwerer Zeit einem hei­teren Künstlerstilleben sich hinzugeben, ward es ihm jetzt so frei und hoch zumute, daß er niemals reiner sein Quartett genoß, als in diesem Lenz und Sommer, welche Kunst, Liebe, Natur und Politik im gleichen gol­denen Sonnenschein erglänzen ließen.

Wären die Oesterreicher geschlagen worden, so hätte er sich als ehe­maliger Offizier wieder zum Heere gemeldet; da aber das revolutionäre Frankreich gebrochen war und die gute, alte Zeit wiederzukommen schien, war es denn doch besser, Quartett zu spielen und sich zu verlieben nach gutem, altem Brauche.

Der entscheidende Sieg in Italien hatte den Freiherrn in diesem Sinne bereits seit mehreren Tagen still und tief bewegt, als am 1. September

der Brief eines Freundes eintraf, welcher bei Novi mitgekämpft und Genaueres über die Schlacht meldete. Der Freiherr geriet in hellen Jubel der Begeisterung, fang und pfiff Quartetthemen und wurde von solch einem patriotisch-musikalischen Feuer ergriffen, daß er den Schluß des langen Briefes mit schwimmendem Auge und nur so obenhin aufs Ganze las, wie man am Klavier eine zwanzigstimmige Partitur zu lesen pflegt.

Dann ließ er satteln und sprengte zum Grafen nach Neuhaus; der Bediente mit einem schweren Pack Noten auf dem Mantelfack hinterdrein.

Dem Grafen eröffnete er sofort feine Kriegsneuigkeiten und gab ihm den langen Brief; der Gräfin hingegen überreichte er ein Notenheft aus dem großen Paket zum Geschenke und sprach:Dies sind drei Klavier­sonaten von einem jungen Manne namens Beethoven: eine tief­bewegte, seltsam aufregende Musik, hier und da etwas geschwollen und geschraubt, etwas eigensinnig und für den Spieler schwer zu behandeln, und dennoch voll bezaubernder Schönheit. Wenn der junge Mann erst einmal reif geworden ist für den Quartettsatz und feine Saunen im stren­gen Anschluß an Mozarts und Haydns Schreibart abgeschliffen hat, bann kann etwas Ausgezeichnetes aus ihm werden."

Der Freiherr dachte aber bei diesen Worten zugleich und fast mehr noch an die Gräfin, welche auch für den Spieler so schwer zu behandeln war, jedoch Hoffnung gab, daß sie in der strengen Mozart-Haydnschen Quartettschule ihre Launen immer mehr abschleifen werde. Und indem er über die leidenschaftliche Empfindung der drei Sonaten sprach, kam er unvermerkt auf feine und der Gräfin leidenschaftliche Empfindung, und als er die Kritik der Sonaten (Opus 2) zu Ende gebracht, hatte er zu­gleich der Gräfin feine Hand angetragen.

Gräfin Helene aber hatte diese Hand schon so lange erwartet, daß sie, nicht aus Ueberraschung, sondern vielmehr wegen völligen Mangels an Ueberraschung gar nicht wußte, wie sie antworten solle. Allein als sie so verlegen in wirklich bezaubernder Schönheit dastand, gab ihr der Freiherr die Hand und umarmte und küßte sie, und wie sie dies alles geschehen ließ und erwiderte, das war auch eine Antwort.

Der Graf hatte in einer Fensternische den Brief gelesen. Er trat im selben Augenblicke hervor, als jene beiden die zärtliche Gruppe bildeten, und las laut:Unter den Gefallenen beklagen wir leider auch den Ritt­meister von--; der Name ist so undeutlich geschrieben, wie liesest du

ihn? Gnetenheim oder Grebenheim?"

Gretenstein?" rief der Freiherr, ließ Helenens Hand fahren und griff nach dem Briefe.Gretenstein! den Satz habe ich ganz übersehen; Gretenstein, das ist der Gemahl Babettens!"

Allein was habt denn ihr beide miteinander?" fragte der Graf, welcher nun erst ahnte, was vorgegangen. Sein Freund aber war so betroffen von jenem Satz im Briefe, daß er nicht zu antworten vermochte, und Helene, welche vorhin die Sprache nicht gefunden hatte. Ja zu sagen, mußte jetzt erzählen, daß sie Ja gesagt, weil der Freund nun hiefür die Sprache nicht fand. Doch kam er nach wenigen Minuten wieder zu sich selbst und zu Helenen zurück, und sie konnten sich alle drei erklären und aussprechen, sich freuen und beraten, hoffen und Pläne spinnen, und was man sonst bei Verlobungen zu tun pflegt.

Als der Bräutigam spät abends wieder nach Hause ritt, wußte er kaum, wohin er sein Pferd lenkte. Er fürchtete sich entsetzlich vor feinen eigenen Gedanken, die ihm grundschlecht vorkamen, vor denen er sich hätte ins Grab verstecken mögen, und die ihn doch nicht verließen. Der Ritt­meister, welcher vordem zur rechten Zeit niemals hatte fallen wollen, muhte jetzt gerade zur unrechtesten Zeit gefallen sein. Die Schlacht von Novi hatte ihn den Freiherrn zum Bräutigam gemacht, und in dem Augenblick, da er eben Bräutigam geworden, erfährt er, daß durch dieselbe Schlacht von Novi seine frühere, nie ganz vergessene Braut Witwe geworden war. Im Jubel über den Brief aus Novi war er nach Neu­haus geritten, und doch wäre er vielleicht zu Hause geblieben, wenn er den Brief nicht gar zu musikalisch begeistert gelesen hätte, sondern Wort für Wort, wie man Briefe lesen soll, und nicht bloß ins Ganze, wie man eine zwanzigstimmige Partitur am Klaviere lieft.

Zum erstenmal in seinem Leben räsonierte er über die Musik, tat aber sogleich wieder bei sich selber Abbitte, denn er wußte kaum, was freventlicher [ei, daß er jetzt noch und wieder an Erato denke, oder daß er die Musik anklage, als habe sie ihm Helene für Erato untergeschoben.

Fünftes Kapitel.

Im Spätherbst war die Hochzeit auf Neuhaus natürlich reich mit Musik geschmückt. In der Kirche sang der Schulmeister:0 Isis und Dfiris, schenket der Weisheit Geist dem neuen Paar", mit Drgelbegkitung und etwas verchristlichtem Texte. Bor den Fenstern des Schlosses ftimnv ten Bauernmädchen das Lied an, welches Haydn so wohl gefallen. Außer­dem aber hatte der Graf ein kleines Orchester zusammengebracht, das während der Tafel jene überaus frische und heitere V-Dur-Symphoni! Mozarts spielte, die derselbe 1778 für das Fronleichnamskonzert in Pans geschrieben, obgleich sie eher an Figaros Hochzeit als an den gronw nam erinnert. Das Allegro begann bei denBackhändeln", uni) das Finale schloß beim Pudding, und ungeachtet die Tischgesellschaft wahrem des so überaus zarten Adagios gerade einen überaus zarten Aehbrme» verarbeitete, genoß sie doch die Musik nicht minder als den Braten. M bot damals die höchsten Gaben der Tonkunst noch anspruchslos dar u« nahm sie harmlos hin, wo und wie man sie fand, und glaubte noch m b daß eine gute Musik besser und eine schlechte gut werde, wenn man 'M viel Umstände damit mache. Zum Schlüsse Hütte der Freiherr noch SJ« ein kleines Quartett gespielt; der Graf aber widerriet das dringend u behauptete, für ihn fei heute der vierstimmige Satz durchaus ungeetg und nur der zweistimmige zulässig.

Nach der Hochzeit kam gar vieles anders, als es der Freiherr erroa hatte. Dem sonnigen Sommer folgte ein kalter, stürmischer Winter.

(Fortsetzung folgt.) ___-

Verantwortlich: Dr. HanS Thyriot. Druck und Berlag: Brühl'sche Univerfitäts--Duch- und Steindruckerei. A. Lange, Gieße"-

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