Ausgabe 
7.4.1930
 
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Wnen Atem mehr Mke, keine Taten mehr sehe, nun muß Wj mich wohl nn die armen, überholten Fetzen des Geschriebenen halten, aus denen ich mir, stet saufs neue, eine Welt der Wärme aufleben lassen kann, die einem sehr weit entfernten Ofen gleicht, dessen Hitze nicht mehr bis zu uns zu dringen vermag. Ich präge mir stets aufs neue die großen und kühnen Buchstaben ein, in denen so viele und so arme Worte geschrieben wurden. Und in all den vielen Briefen, Polly, stoße ich immer wieder auf das eine, seltsame und grausig« Phänomen, das du entdecktest und das mich nun immer verfolgen wird: Er setzte den Punkt nicht auf dast .

Verrücktheit als Beruf.

Bon Dr. Alfred Lehmann, Leipzig.

Jules Berne schildert in seinerReise um die Erde in achtzig Tagen" denKlub der Exzentrischen", eine Gemeinschaft von Leuten, deren Lebens­zweck es ist, Außergewöhnliches zu leisten. Außergewöhnliches allerdings nicht im Sinne des Außerordentlichen, sondern mehr nach der Seite des Ueberspannten hin, das im Auge des normalen Menschen als eine Art gutmütiger Verrücktheit erscheint. Das WortExzentrik" bezeichnet demgemäß im weiteren Sinne eine drastische Ausgeburt humorvoller Launen und hat in der Clownerie des Zirkus, in derExzentrik"-Nurnm«r des Varietes seine Verkörperung gefunden.

Wie auch immer Menschen und Zeiten fein mögen ob ausgelassen oder besonnen immer hat es Leute gegeben, deren exzentrische Späße die Mitmenschen zu unterhalten wußten. Der primitivste Bölkerstamm hat seinen Spaßmacher ebenso wie der gebildete von heute.

Wollte man historisch ausholen, so mühte man eigentlich schon beim Spaßmacher im indischen Drama, beim V i d u s a k a, beginnen, müßte den türkischen Hanswurst im Schattenspiel, den Karagöz und seine aus­gelassenen Zoten erwähnen und mühte schließlich auf die erste komische Figur im mitteleuropäischen Drama, den Knecht des Salbenkrämers im mittelalterlichen Osterspiel, zurückgehen. Im Volkstum liegt eigentlich viel Exzentrisches begründet so merkwürdig das klingt. Sitte und Brauch haben ja oft mit dem Tempo der Zeit nicht Schritt gehalten, so daß sie in späteren Zeitläuften aus dem Zeitrahmen herausfielen undexzentrisch" anmuteten. Schembartlaufen und Mummenschanz dürfen wir ruhig zu solchen parodistischen Clownerien rechnen.

Bleiben wir aber hier bei der heutigen Bedeutung des Wortes ruhig stehen und beschränken uns auf denExzentriker" im Variete, den Gro­teskkomiker und Parodisten, und auf seinen älteren Bruder in der Manege, den Clo w n.

Der Hanswurst und sein« romanischen Pantomimen-Kollegen Ba- sazzo, Harlekin und Pi«rrot sitzen an der Wurzel des Stamm­baums. Jede dieser Figuren hat eigentlich etwas zum Kostüm des Clowns, der vomDummen August" wohl zu unterscheiden ist, beigetragen. Was den Clown allmählich von seinen Ahnen unterscheidet, ist die Tatsache, dah er mehr und mehr seine artistischen Fähigkeiten in den Vordergrund £?Ut. Seillaufen wird für ihn eine ebenso charakteristische Betätigung wie e Parterre-Akrobatik.

Einer der berühmtesten Clowns aller Zeiten war zugleich ein vor­züglicher Akrobat: Louis Auriol, der am 11.August 1806 in Toulouse als Sohn eines Seiltänzers geboren wurde. Sein erstes Auftreten in Paris war ein großer Triumph, denn Auriol konnte nicht nur den stillsten Menschen zum Lachen bringen, sondern war vor allem auch trotz seiner Eigenschaft als Clown einer der schönsten Menschen der Zeit, den die Frauen umschwärmten wie einen Rudolf Valentina oder einen Adolphe Menjau unserer Tage. Seine Sprünge er drehte einen Doppelsalto über 12 berittene Pferde, sprang über 24 Soldaten mit aufgepflanztem Bajonett, durch Flammen usw., übertraf er noch durch seinen graziösen Flaschentanz" auf Flaschenhälsen. Im Jahre 1869 ist er gestorben.

Der erste deutsche Clown war zugleich der letzte Hanswurst des Thea­ters: Wilhelm Q u a l i tz (geboren 1819 in Berlin), der als Malergeselle seinem Meister ausrückte und zu einem Panoramabesitzer flüchtete, bis er später sogar in den großen Zirkussen von W o l l s ch l ä g e r und Renz tätig war. Er trug das weiße Bajazzokostüm mit dem spitzen Filzhut. Besonders ulkig war seinSchlittschuhlaufen" in der Manege, wobei er Eisbahn und Schlittschuhe, die drückten, vortäuschte. Damit ist er Vor­läufer von den berühmten Grotesktänzern unserer Tage geworden. Berühmt war auch seinPepita-Tanz". Er starb 1870 als Bierverlegsr in Berlin.

Allmählich haben sich im Zirkusstil auch dieRessorts" der Clowns genau herausgebildet. Man muß den Teppichclown, der seine Späße beim Auflegen des großen Manegeteppichs losläßt, von dem Reprisenclown, der die kleinen Erholungspausen während der Pferdedressuren oder Arti­stennummern durch harmlose Scherze ausfüllt, wohl unterscheiden, wie auch die Entree-Clowns ihre besondere Aufgabe in der dialogisierten Dar­stellung parodistischer Szenen haben. Diese eigene Zirkusnummer ist sehr wichtig der Clown tritt hier oft in einem kostbaren glitzernden Mantel auf. Von ihm zu scheiden ist derDumme August", als dessen Schöpfer der englische Clown Widdicombe angesehen wird. Er parodierte den Stallmeister daher sein Kostüm: der zu weite Frack und di« weiße West« mit dem Zylinderhut. Nach Kober, einem der besten Kenner der Zirkusgeschichte, soll der berühmte Tom B e l l i n g der Schöpfer der Augustfigur fein. Zum mindesten hat er sie in Deutschland populär gemacht, so daß auch der englische Clown C h l a d w i ck (gestorben 1889) sein Recht an dieser Figur nicht mit Erfolg glaubhaft machen konnte.

Tom Setting, der 1835 als Sohn eines amerikanischen Zirkusdirektors geboren wurde, ist allerdings der berühmteste August. Der Ablauf feines Lebens ist ein richtiger Künftlerroman. Signor ©attarino, der alte Historiker des Artistentums, erzählt, wie er mit allen berühmten Zirkus­familien und russischen Fürstenhäusern verschwägert war, wie er von Tausenden heute beklatscht wurde, morgen in Sibirien armselig als Bett­ler wandern mußte, dann wieder eine Riesengage in einer Nacht ver­spielte ..,

Es fff selbstverständlich unmöglich, hier alle namhaften Clowns Welt Revue passieren zu lassen; folglich müssen Namen wie Gebrüd«, Daniels, dieGeigenclowns", D e lb o s q, die Dänen Gebrüder Olschansky, Moore u.a. hier unbeachtet bleiben.

Wie der akrobatischen Technik, bedienten sich die Clowns auch bald der Dressur. Ein hervorragender Dressur-Clown ist Jean Clermont der eigentlich Lokomotivführer werden sollt«. Aus der Klosterschule en|.' wischte er in den grünen Wagen eines Wanderzirkus, um ein Leben beginnen, das reich an Künstlerfreud' und Künstlerleid war. Einmal mußt, er seine Clownspäße im überfüllten Zirkus machen, als draußen fein Kitz im Sarge lag, das ein scheugewordenes Pferd totgetreten hatte. Sein, Zöglinge" waren vor allem das Schwein Böbs und ein klavierfpielench Pudel, der das Entzücken des Königs Humbert von Italien erregte.

Der russische Clown Durow, der Lehrer war, bevor er in bet zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts die großen Arenen beglüdte, dressierte Ratten und Mäuse und wollte denRattenfänger von Hameln' darstellen. Erstaunlich war, wie die Tiere ihm folgten. Auch führte et einen Haushahn vor, der auf Kommando kräht«, ferner ein Wildschwein, das sich auf die Hinterbeine stellte, und das Durow als Reittier benutzte

Von den drei Söhnen des alten Tom Belling ist Gobert heute betannt durch seine Stierkampfparodie und einen störrischen Esel.

Von den Clowns-Ensemble der Gegenwart sind unstreitig die berühr testen die drei Fratellini aus dem Cirque dHiver in Paris. 2# Fratellini besondere Bedeutung liegt in der Reinheit der Tradition, i« der Stilechtheit ihrer Darbietungen. Und nun könnte man hier in butte Folge alle die Clowns und Auguste anschließen, die wir in unseren Togii belachen: da ist das spanische Clown-Trio der Baracetas, da sinddit bei ©arrafanie arbeitenden Babusios, da waren bei Hagenb«i Price, Guigui, Georgi, die launigen Spaßmacher (der älteste ist der Schwiegervater des berühmten Jongleurs R a st«l l i), die sich sch um den weiblichen Clown N e t t y vergrößert haben. Sie sind bei Hagen, deck von den vier Brüdern Bromett abgelöst worden.

Der weibliche Clown ist durchaus jung. In Amerika feiert da<S o o Coo" Triumphe, di« aber schon das Variete und die Music-Hall zu ihm Wirkungsstätte gemacht hat.

Es ist unmöglich, auf die Menge der Musikal-Clowns hier einzugehen Aus ihrer Schar ragt Robins als internationale Berühmtheit beson. ders hervor, der sich während seiner Vorträge in alles mögliche verum, beit. Er tut das mit ganz eigenartigen, zumeist pneumatischen Masken und Apparaten, während er den seltsamsten Gegenständen Töne entlotft. Eine Weltberühmtheit ist auch Grock, der für einen Abend tausend Mark Gage einstreichen darf, und der jetzt seine Memoiren schreibt.

Den komischen Jongleur, der die Barietebühne dem Sand der Manez« vorzieht, schuf gegen Ende des vorigen Jahrhunderts der Däne Sagge f e n: wenn er gearbeitet hat, bleibt ein Scherbenhaufen auf der Bühne zurück. Mac Tnrc hat ebenfalls feinen eigenen Stil.

Das Gebiet der Exzentrik auf der Barietebühne ist nahezu unbegrenzt vom Solo geht es über das Duett bis zum vollen Ensemble, z. B. die seit Jahren beliebte Alex Piccards Co. mit ihrer Exzentrik-Pantomim Die Einbrecher von Neuyork". Viele Equilibristen bedienen sich eines Exzentrikers als komischen Partners (Green, Wood & Violet); wieder andere treten im equilibristischen Duett auf (Hum psti> Bninpsti). Die köstlichsten Parodisten, die jemals auf der Barietebühne standen, sind wohl Läpp und Habel. Ihre mißglückten Zauberkünste sind wahre Attacken auf das Zwerchfell. Auch komische Radfahrer-Akte gilt es in Fülle, gar nicht zu reden von den vielen Balancekünstlern, die o(i The man who falls" eine wacklige Pyramide von Stühlen erbauen uni sich zuletzt mitsamt dem ganzen Bau hintenüberfallen lassen. Da arbeiten auch ganz geschickte Stelzenläuser, unter denen Melas jetzt besonder hervorragt.

Sind die Stelzen verlängerte Deine, so gibt es auch Holzbretter, die die Stiefeln bis zu einem Meter verlängern. Der jüngst oerftorben« Link Tich vollbrachte mit diesen Brettern ganz unglaubliche Leistungen. Er P niete Nachahmer gefunden (Klein-Zick, Paddy 8- Paddy), oh« daß feine Originalität wieder erreicht wurde. Wenn hinter all dem Hum ein Stück Weltklugheit durchschimmert, wird auch die bescheidenste Len stung ihres Beifalls sicher fein. Und Beifall ist bekanntlich der fchöch Dank, den Artisten ernten können...

Kaukasische Bilder.

Von E. v. Ungern-Sternberg.

Im Südosten, an der Grenzscheide zwischen Europa und Asien, H ein gewaltiges Gebirgsmassiv, der Kaukasus, der einst die Urheimat K- weißen Rasse war. Don dort aus begann sie ihre Wanderung nach Nom« und machte Europa zu ihrem Erdteil. Der zürnende Zeus hatte Pro» theus an die Felsen des Kaukasus geschmiedet, weil er der Menschheit o« Fener vom Himmel geraubt hatte. Sie Arche Noah wurde von sinkenden Wasser der Sintflut auf die Berge des Kaukasus getragen, I sagt die Ueberlieferung, aber alles bas liegt Tausende von Jahren M im Abgrund der Vergangenheit und ist Sage und Mythos geworden, m doch glauben die Tscherkessenstämme, die um den höchsten Gipfel des W kafus, um den Elbrus (5652 Meter), leben, daß sich auf seinen das Reich des Gott-Adlers, des greifen Samurg, befindet, des furchtbar Gottes, der im Sturm die Felsen erzittern macht und in seinem Stein- und Eislawinen in die Ties« schleudert. Es ist derselbe Adler, im Auftrage des Zeus dem Prometheus tagtäglich die Leber mußte, der nun in der Volksüberlieferung unsterblich geblieben. M- stufenförmig sich erhebenden Gletschern, die den Elbrus durchsurv^ gelangt man auf schwindelnden Graten zu dem Palast des Gou-no Samurg, der aus Eis und Gold erbaut ist. In der untergehenden « J kann man feine Zinnen blinken sehen und dienstbare Djins, o« Nebelwolken reiten, umschweben den Sterblichen, der sich in K"c ;