Unterhaltungsbeilage zum Lietzener Anzeiger
Zahrgang <930 Montag, den r. April Nummer 28
Schreibtisch im Mond.
Von Leo Sternberg.
Wenn ich dich über mir fühle:
Der Vorhang flatternd zurückgeschlagen und das grüne Ampellicht des Himmelsinnern raucht hervor, wie leicht dann — die Stirn von oben beschienen — fliegt das Schiff der Gedanken dem Glühenden zum Ziel!
Die Wolken, die finster geballten^ zerklafsen zu siiberdampfenden Seen, durchspielt vom Getier« ungeborener Welten..« Sie jagen und jagen dahin in beglänzten Zügen, während mir hier beim Schein der Lampe - die Hand unsichtbar geführt — hinter dunkler Scheibe die rauschende Nacht entflieht —.
Oer Punkt auf dem
Von Polly Ti eck.
Ws ich meine Freundin Irene nach der vierwöchigen Pause meiner Men Reise wiedersah, fand ich sie auss eindringlichste und seltsamste verändert. „Irene", sagte ich zu ihr und betrachtete sie lange und voll Sorgfalt, „nur die Liebe konnte dich innerhalb von vier Wochen, innerhalb dieser — nach gewöhnlichen Zeitbegriffen gemessen — recht kurzen Zeit, so ungeheuerlich verwandeln. Es würde nicht ganz das Richtige und Entscheidende treffen, wenn ich sagte, daß du ausschaust wie in deiner Mädchenzeit — aber ich muh dir gestehen, dah dein längst verklungener, längst durch Zeit und Schicksal überholter Mädchenname es war, der mir auf die Lippen sprang, als du eben jetzt ins Zimmer tratest. Und doch bist du auch wieder eine Neue, du deckst dich nicht mit jener Irene, die »ar zehn Jahren, gläubig, schwerblütig und ganz Seele, ihr Leben begann. Noch viel weniger aber, das glaube mir, bist du mehr jene anmutige, leichtsertige und zynische Frau, die ich vor vier Wochen als meine vertrauteste Gefährtin verlieh. Du stellst einmal wieder, wie schon öfter in deinem Leben, «in« neue, aus fremden Stoffen gebildete Irene vor uns hin, und wir staunen, dich so anders zu finden — so anders in Ausdruck, Haltung, Sprache und Gang, daß wir, träfen wir dich flüchtig im Vor- übcrgehen, durch eine Aehnlichkeit an Irene erinnert würden, ohne Irene für sie selbst zu halten. Und da ich weiß, daß es bisher stets die Liebe war, die dies« Neuschöpfung deiner Person zu wieder einer anderen Frau wvglich machte, da ich weiß, daß die Liebe dein Weg, dein Wille, dein Schöpferisches ist, so zweifle ich nicht, daß auch heute dieselbe unendliche Krast dich nahm und dich in das neue, träumerische und doch wissende, klare und doch verhangene, gläubige und doch zweifelnde Geschöpf verwandelte, das hier vor mir steht."
„Du hast recht", sagte Irene und sah mich mit einem neuen Ausdruck von Unbeugsamkeit an, „du hast recht, denn ich liebe. Wenn man liebt, so liebt inan immer zum ersten Male — aber bei mir ist es nun doch vlwas anderes. Daß ich nicht zum ersten Male liebe, wissen wir beide, und wenn es mir heute auch so scheint, als habe der , Atem der Welt nach noch nie so überflutet wie dieses Mal, als hätte ich noch m« fo «rundlich, so ohne alle Reserven di« Besinnung verloren, so wirst du wir, weise und objektiv mein Krankheitsbild betrachtend, erwidern, daß du dich an ähnliche, wenn nicht dieselben Symptome, bereits mehrfach ?u erinnern vermagst. — Ich werde dir darauf antworten, daß du irrst, doh ich nie, nie für den oder jenen, den deine Erinnerung dir, prompt und lächelnd, heraufschickt, auch nur den Bruchteil dieser vernichtenden Öligkeit, dieses Sterbens und Geborenwerdrns empfunden habe, der wich hier, jede Stund« aufs neue, zerreißt. Darum laß mich gar nicht «von sprechen, dah ich liebe und wie ich liebe, denn vielleicht ist es das Ox? Wunder, dah ich glaube. Ich, bald dreißigjährig, erfahren, ent- „„x '' _,UW und dem Genuß ergeben — siehst du, ich glaube. Ich glaube „ ® "Assme so grenzenlos der neuen Kraft, dem neuen Leben, dem »...^.Willen, der sich, unentrinnbar und jeden Schutz zertrümmernd, in Ja M r verlorenes Leben hämmert. Daß ich lieben muß, ist süß — daß im*® s muR- ist fürchterlich, denn es reißt mich an eine stelle, wo
Gnbe kein neuer Weg mehr blüht.--Aber warum soll
1 °ust«re und bittere Dinge denken, wo der Weg so klar, so eindeutig
und so himmlisch hell vor mir liegt! Siehst du, wenn ein Zweifel mich beschleichen will, dann nehme ich diesen Brief hier aus der Tasche. Es ist der erste Brief, den ich von ihm bekam, denn ich würde ja nicht so geschmacklos sein, meine Liebesbrief« mit mir herumzutragen, sie gar dir noch zu zeigen und mich an den, längst durch heftigste Gegenwart überholten, schon nicht mehr gültigen Worten zu berauschen. Nein, dies hier ist «in ganz sachlicher Brief, er enthält nichts als ein paar Worte über unsere erst« zufällige Begegnung und die sehr formell vorgetragene Bitte, mich wiederzusehen. Hier, lies selbst, es sind nur zehn Zeilen, es ist der Brief eines nicht mehr jungen, keinen übermäßig guten Stil schreibenden und bestimmt ganz und gar nicht interessanten Mannes — eines Geschäftsmannes von Format, so konstatierte ich gleich — und ich hatte recht. Warum ich also diese zehn Zeilen Nüchternheit mit mir Herumschleppe? Nun, ganz einfach des Aeußeren wegen. Sieh dir einmal das Bild dieses Briefes an. Der Rand ist korrekt und sauber gehalten und an keiner Stelle überschritten. Die Zeilen stehen gerat«, sie fliegen weder nach oben (rote übrigens bei mir, du weißt es) — noch rutschen sie, ein trauriges End« verheißend, nach unten. Sie stehen gerade, klar und sauber, ein wenig pedantisch vielleicht, aber das ist nicht schlecht für die Liebe. Und nun die Handschrift selbst. Sieh diese großen, klaren, weit auseinanderliegenden Buchstaben! Kräftig, eindeutig, ohne Schnörkel, ohne besonders verdächtigen Druck, selbstverständlicku ruhig und doch von großer Linie! Und sage mir selbst, ob man sich der Hand, die diese Buchstaben formte, die sie für dich zusammenstellte und, Schritt für Schritt, in. ihre immer klar bleibende, kühle und reife Farm, langsam den glühendsten Inhalt goß, — ob man sich dieser Hand nicht, gläubig und geschlossenen Auges, übergeben könnte? Denn sich führen zu lassen, das ist doch der letzte Wunsch unserer Herzen, blind sein zu dürfen, die Hand zu nehmen und, ohne nach dem Weg« zn fragen, ganz einfach zu folgen."
Da Irene schwieg und mir mit geschlossenem Auge und lächelndem Munde ihren Brief entgegenhielt, nahm ich ihn und schaute, befangen und neugierig, auf die fremde Handschrift dieses fremden Mannes. Ich sah sie lange an und nahm das Bild ihrer Kühnheit, Größe und Gesetzmäßigkeit in mich auf. Dann aber, da Irenes nun aufgeschlagenes Auge Erwiderung verlangte und ich sprechen mußte, sagt« ich: „Das Bild dieses Brieses, liebe Irene, ist eindrucksvoll genug, und ich kann dir nur beipflichten, daß ein festes, großes und inännliches Herz aus ihm spricht. Aber ich bitte dich, eine winzige Kleinigkeit zu beachten, die dir vielleicht entgangen ist. Er fetzt den Punkt nicht auf das „i". Ueberall, wo du ein „i" siehst, steht der Punkt rechts oben oder er hängt sogar fast an dem nächsten Worte. Nirgendwo ist er auch nur einmal, präzis und gewissen- hast, auf das „i" gesetzt. Ich möchte nicht symbolisch werden, noch weniger möchte ich in die selige Umnachtung deiner Liebe einen unwillkommen Hollen Lichtstrahl schicken. Liebe ihn, beste Irene, so viel und so rasend es dir gefällt — aber mit dem Glauben und mit dem Vertrauen, mit der Blindheit und mit dem Sichführenlassen fei — ich bitte dich von Herzen — etwas vorsichtig. Ich gäbe gern ein wenig Kühnheit, ja sogar ein wenig Klarheit der Handschrift dafür, wenn er einmal, ein einziges Mal nur, zuverlässig, still und sauber, den Punkt auf das „i" setzen wollte," ---
Irene war offenbar zu klug, um mir bös« zu fein, jedenfalls aber war sie liebenswürdig genug, um es mir nicht zu zeigen. Sie lächelte nur ein wenig und verschloß ihre Reliquie wieder sorgfältig in ihrer Handtasche.
Si« ging dann mit ihrem Freunde auf Reisen, und ich traf sie erst gestern wieder, trotzdem ich sie schon seit einigen Tagen zu Hause vermutet hätte. Ich fand sie wiederum bis zur Unkenntlichkeit verwandelt, nur daß die Veränderung diesesmal entsetzlich und unerträglich erschien. Ihr Gesicht war wie von einer Kälteschicht vollkommen überzogen, und man sah, daß sie es nicht auftauen lassen durfte. Denn was aus dem gelösten und befreiten Gesicht an Schmerz, Elend und Verzweiflung her- ausgebrochon wäre, wäre wahrscheinlich ein schwer und bitter zu ertragender Anblick gewesen. So stand sie mir auf mittäglich heller Straße, . wie in eine Isolierschicht von Kälte, von gefrorenem Schmerz gehüllt, gegenüber.
„Daß er mich plötzlich, ohne Erklärung, ohne Uebergang, ohne Wort fallen ließ", sagte Irene, „das wär« zu ertragen gewesen. An enttäuschter Liebe gehen wir nicht mehr zugrunde, denn leider oder gottlob sind wir keine Gretchen mehr. Was nicht zu überwinden ist und roas in meinem Leben stehen wird wie ein großer Block aus Steinen, den ich weder fort« wälzen kann noch ihn zu umgehen vermag, das ist mein getäuschter Glaube Wie soll ich weiter leben, da der Glaube an die goldene Waage meines eigenen Gefühls mir so zertrümmert wurde? Wie soll ich den Weg in eine Welt zurückfinden, in der dies Auge, diese Hand und die Schrift dieser Hand so zu lügen vermochte?"
Irene stockte bei ihren letzten.Worten und sah mich, sehr langsam aus ihrer unendlichen, kalten Einsamkeit bis zu mir kommend, lange an. „Ja', sagte sie und versuchte, die Reste ihres Mundes zu einem Lächeln zu ammeln „was di« Schrift betrifft, da habe ich in diesen letzten Tagen viel an dich denken müssen. Denn nun, da ich keine Worte mehr.höre,


