Ausgabe 
7.3.1930
 
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per« Drüsen die e!n von Ihren Wirten besonders begehrtes Sekret aus- scheiden. In'der Umgebung dieser Drüsen stehen goldgelbe Haarbüschel, Trichome, deren Berührung durch die Fühler der Ameisen als Reiz für die Ausscheidung des Exsudats wirkt. Die Ameisen sind so versessen auf dieses anscheinend fuße, aber auch etwas narkotisierend wirkende Produkt, daß sie sich dauernd um ihre Gäste bemühen, dieselben füttern und darüber sogar die Sorge um die eigene Brut vergessen. Schon allein aus diesem Grunde ist die Anwesenheit solcher Ameisengäste für das Gedeihen des betreffenden Ameifenstaates von schädlicher Wirkung. Wir werden sogleich hören, wie schlecht manche derGäste" die Fürsorge ihrer Wirte lohnen. Schon vor bald hundert Jahren beobachtete P. W. I. Müller in den Nestern mehrerer kleinerer Ameisenarten einen kleinen blinden Käser, der wegen seiner keulenförmigen Fühler den Namen Claviger erhielt. Dieses Insekt hat verkümmerte Mundwerkzeuge, wie sehr viele Käfer, so daß er nicht imstande ist, selbst zu fressen. Die Ameisen füttern ihn, wenn er sie durch Beklopfen mit den Fühlern dazu auffordert. Beim Nestwechsel werden diese Käserchen, ebenso wie die eigenen Puppen, von den Ameisen nut hinübergetragen. In ganz ähnlicher Weise leben noch eine Reihe anderer Käfer mit den Ameisen zusammen. In den Nestern der blutroten Wald­ameise finden sich 3. B. Lomechusen. Wasmann beobachtete, daß diese Kä­fer in jedem Nest der genannten Ameisenart sofort aufgenommen werden, selbst von solchen Ameisen, die noch keine persönliche Erfahrung mit ihnen gemacht haben, und selbst dann, wenn die Lomechusen vorher mit einem aus zerquetschten Ameisen einer anderen Art gewonnenen Saft bestrichen waren. Es handelt sich also, wie Immer gegenüber den für die betreffen­den Arten charakteristischenGästen" um einen angeborenen Instinkt die­ser Ameisen, dieselben als Gäste zu hegen. Diese selbst sind ihrerseits so an das Leben im Ameisenstaat angepaßt, daß sie ihre Wirte nach deren Art um Futter bitten, indem sie sie mit den Fühlern klopfen und an den Kiefern belecken. Sie erhalten ihr Futter daraufhin genau so wie die Larven der Ameisen selbst. Auch die Larven der Lomechusa werden von den Ameisen aufgezogen. Bemerkenswert ist nun, daß diese so sorgfältig verpflegten Gäste ihrerseits die Brut ihrer Wirte verzehren. Und zwar sind es die Larven der Käfer, die dieses Zerstörungswerk verrichten.In weni­gen Tagen vernichten sie oft Hunderte und Tausende von Eiern und jungen Larven in einer einzigen Kolonie und zerstören manchmal die ganze junge Brut." Da hierdurch die Anzahl der künftigen Arbeiterinnen sehr wesent­lich geschwächt wird, so beginnen nun die Ameisen einen Teil der eigent­lichen zur Entwicklung von Weibchen bestimmten Larven nachträglich um- zuzüchten. Diese entwickeln sich nun aber nicht mehr zu normalen Arbei­terinnen, sondern zu einer seltsamen Mittelform, die in der Bildung von Vorderleib und Gehirn den Eindruck eines verkrüppelten Weibchens, in der Größe, der Hinterleibsbildung und der Beschaffenheit der Geschlechts­organe aber den einer Arbeiterin machen. Diese sind weniger leistungs­fähig als die normalen Arbeiterinnen, also stellt auch dieser wahr­scheinlich durch die Gefräßigkeit der Lomechusen bedingte Ersatz eine Schädigung der Kolonie dar. Trotzdem wenden die Ameisen diesen schäd­lichen Nestgenossen sogar mehr Sorgfalt zu als den eigenen Larven. Auch sollen sie bei Störung der Nester zunächst die Lomechusenlarven in Sicher­heit bringen. Cs handelt sich also bei dieser Gastpflege um eine Jnstinkt- irrung der Ameise», die zweifellos für die Erhaltung der Art schädlich ist.

Flibustier und Seeräuber.

Von Dr. Anton Mayer.

Noch in unseren vom Weltverkehr durcheilten Tagen ist das edle Geschäft der Seeräuberei nicht gänzlich erloschen: ziemlich regelmäßig kommt alle paar Wochen die Nachricht aus China, daß Piratendschunken einen Dampfer ausgeraubt oder eine Fischerflottille mit schwerer Kon­tribution belegt haben. Allerdings ist die Romantik, welche den See­räuberkapitän der alten Tage mit düsterem Schein zu umgeben pflegte, verschwunden, da die ostasiatischen Raubgesellen nur Angestellte oder aus­führende Beamte einer weitverzweigten und gut geleiteten G. m. b. H. für Piraterei sind, deren Leiter sicher und bequem am Lande sitzen.

Indessen lenkt ein bedeutsames Geschehnis der letzten Wochen, die Londoner Flottenabrüstungskonferenz, den Blick auf eine der größten Seeräuber-Innungen zurück, die jemals bestanden haben: aus den west­indischen Bukaniers und Flibustiern des 16. Jahrhunderts gingen jene gefürchteten Piratenkapitäne hervor, zu deren Bekämpfung im 18. Jahr­hundert der erste internationale Flottenzufammenschluß erfolgte.

Die Entwicklung der westindischen, von Columbus entdeckten Inseln als spanische Kolonien machte bereits nach kurzer Zeit die Einfuhr von Negersklaven notwendig, da die törichte Grausamkeit der Eroberer bald die ziemlich hilflose und nicht widerstandsfähige Bevölkerung der Großen Antillen, die Arawacks, ausgerottet hatte (die Kariben der Kleinen Antillen, tapfere Menschenfresser, verteidigten ihre Inseln nach sehr lange mit bestem Erfolg). Obgleich der Sklavenhandel ganz in den Händen der Portugiesen lag, sahen auch andere Nationen ein, daß mit demschwarzen Elfenbein" sehr gute Geschäfte zu machen seien, da Arbeitskräfte in immer steigender Menge auf den Antillen verlangt wur­den; den smarten Engländern wurde es zuerst klar, daß es viel prak­tischer sei, die Neger in Afrika einfach zu rauben, als erst von den Por­tugiesen zu kaufen. Also rüstete der unternehmende Captain John H a w - k i ns Expeditionen aus, die er auf seinem ,Hesus" genannten Schiff be­fehligte: er fuhr an die Küste von Guinea in Afrika, raubte Neger, was nicht immer ohne Blutvergießen auf beiden Seiten abging, packte sie schon nach der Art moderner Sardinenlagen in die Schiffsräume und brachte sie nach Westindien wenn es hohe See gab, war er recht besorgt um seine kostbare Ladung, schrieb aber bann, wenn wieder gutes Wetter war, voll Dankbarkeit in sein Logbuch, daß Gott gnädig gewesen sei, derden Auserwählten" nichts geschehen lasse; wobei es zweifelhaft scheint, ob er die Räuber oder die Geraubten meinte ... Die Spanier widersetzten sich dieser englischen Einmischung in ihr« Angelegenheiten

und verweigerten den Briten die Handelserlaubnis; indessen half es ihnen nicht viel, da Hamens Gewalt g.gen Gewalt setzte unv in den sich entwickelnden Kämpfen der zweiten Reise die Oberhand behielt. Später ging es ihm allerdings schlechter, und er verlor den Hauptteil seiner Flotte.

Aus dieser Bewegung des Sklavenhandels entwickelte sich ein System von Kaperei, Schmuggel und Seeraub, das sich gegen die Spanier richtete; Engländer, Franzosen und Holländer waren an ihm beteiligt. Da nun die Regierungen der genannten Länder entweder alle zusammen oder einzeln im Kriege mit der spanischen Krone lagen, unterstützten sie erst heimlich, später ganz öffentlich die verwegenen Abenteurer, die sich in den westindischen Gewässern herumtrieben und den spanischen Handel zum eigenen Vorteil auf illegale Weise schädigten, indem sie Schiffe weg­nahmen und Städte brandschatzten. Diese Banden, welche sich selbst Strandbrüder" nannten, hießen zunächst mit holländischem Wort vrijbuiters"; daraus wurde englischfreeboaters" und französisch (mit stummens") fri- ober flibustiers. Der andere NameBukanier stammt vom Eingeborenenwortebucan", das einen hölzernen Rost zum Dörren von Fleisch bezeichnet; die Seeräuber setzten Landabteilungen aus, die für Proviant sorgen mußten und das auf diese Weise gedörrte Fleisch an Bord brachten.

Da also di« Regierungen die Flibustier unterstützten, bildete sich eine Art Staat dieser Gesellen in Westindien, das mit seinen vielen Inseln, Kanälen, schmalen Durchsahrten und Buchten ein ideales Land für Ver­stecke, Ueberfälle und Hinterhalte zu Wasser und auf dem Trockenen dar- stellte. Anfangs war der Hauptsitz und Stapelplatz der Bukanier auf der Insel Tobago, als sie später indessenoffiziell^ wurden, siedelten sie nach Jamaica, dem Hauptort der englischen Herrschaft, über und übten eine vollkommeneAufsicht" über das Meer aus, die den spanischen Seehandel in der Tat völlig ruinierte. Sie bildeten eine wilde, malerische und vor nichts zurückschreckende Kumpanei, die wie Pech und Schwefel zusammen- hing;einer für alle und alle für einen" war unverbrüchliches Gesetz. Aeüßerster Brutalität, Grausamkeiten schlimmster Art gegen Gefangene oder eroberte Städte stehen ritterliche und großherzige Züge im Kampf und gegen tapfere Gegner gegenüber; Menschen aller Gesellschaftsklassen, tollkühne Naturen, denen Europa damals schon zu eng war, entsprungene Verbrecher, hoher Adel, der inkognito sein Wappen vergolden wollte, Matrosen, Soldaten: alles kam zusammen und trug dazu bei, den Namen der Flibustier gefürchtet zu machen. Ihr letzter Führer, Captain Henri Morgan, ein Engländer, eroberte Panama an der Pazifischen Küste und trug ihre Macht auf die Wogen des Stillen Ozeans hinüber, da es im Karibischen Meer und auf dem Atlantik kaum noch etwas zu rauben gab. Als dann England und Frankreich mit Spanien Frieden schlossen und die Regierungen infolgedessen das Interesse am Flibustierstaat verloren, wurde Morgananständig", b. h. er trat offiziell in englische Dienste, wurde geadelt und zweimal Gouverneur von Jamaica ein Posten, zu dem er sich vermutlich besser als irgendein anderer eignete, da wohl niemand sonst mit aller Ober- und Unterwelt Westindiens genauer ver­traut war als der alte Piratenhäuptling. Die Tatsache beweist übrigens die sehr gesunde englische Anschauung, den richtigen Mann ohne weitere Bedenken auf den richtigen Fleck zu stellen. Auch der oben erwähnte John Hawkins wurde späterSir" und M. P., Mitglied des Parlaments, her feine Reichtümer in Ehren verzehrte.

Während die Bukanier sich ausMießlich gegen die Spanier gewendet hatten, griff nach Aufhören ihres Staates die private Seeräuberei Schiffe aller Nationen ohne jeden Unterschied an. Aus der politischen Sphäre rutschte das Piratentum in die Erwerbsniederungen und wurde zum Kampf einzelner Kapitäne gegen alles, was Geld hatte und Handel trieb. Auch unter diesen, den eigentlichen Piraten im wahrsten Sinne des Wor­tes, finden sich Gestalten, die anziehend und abstoßend zugleich find; eine seltsame Mischung scheint Captain Bartholomew Roberts repräsentiert zu haben, der eine ArtDienstvorschrift für Piraten" her­ausgab; sie enthält sehr beherzigenswerte Regeln, so daß z. B. nicht um Geld gewürfelt werden durfte vermutlich taten es die Herren See­räuber bann um Schokoladeplätzchen, keine Frauen und keine Knaben wurden an Bord geduldet, die Lichter mußten um 8 Uhr gelöscht fein, und die Waffen stets geputzt und in handlicher Nähe gehalten werben. Sehr berühmt wurde Edward T e a ch, genanntBlackbeard" nach sei­nem langen schwarzen Barte, der ihm bis an die Augen wuchs und lang über die Brust hinunterhing. Er pflegte ihn in kleine Zöpfchen zu flechten, die er dann über die Ohren zurückstrich die Gehörorgane müssen von entsprechender Größe gewesen sein. Im Kampf steckte er sich brennende Späne unter den Hut, deren Feuer neben dem Glanz seiner Augen un­heimlich loderte; er war von unbezähmbarem Mut und unberechenbarer W'ldheit. Seine Tapferkeit und Ausdauer wird am besten durch die Tat­sache gekennzeichnet, daß er an 14 verschiedenen Stellen Wrstindiens uns Amerikas 14 angetraute Gattinnnen besaß, die er wahrscheinlich mit her Kraft seines Bartes bezwungen hatte. Schließlich wurde ein hoher Breis auf seinen Kopf gesetzt, den ein cngtifd^r Marineoffizier gewann; Bla* beard wurde gehenkt, und fein Haupt am Bugspriet des siegreichen Schh fes angenagelt, so daß fein schwarzes Wahrzeichen zum letzten Mole über den Wellen wehte, die seinen blutigen Ruhm gesehen hatten.

Den Beschluß der großen Kapitäne bildet die Erscheinung Captain Kidbs, der Marineoffizier war und als Kommandant derAdven­ture" zur Piratenverfolgung ausgesandt wurde; er zog indessen vor, uw zusatteln und selbst Seeräuber zu werden. Seine gute Erziehung keß w1 Rücksicht auf seine alten Kameraden nehmen. Er verschwand aus den wässern Mittel-Amerikas und verlegte den Schauplatz seiner Taten na® Ostasien und der Südsee, die sein Andenken lange mit Furcht, Schrecke» und Bewunderung hochoehalten haben. Die westindische Seeräubern dauerte noch bis ins 19. Jahrhundert, bis sie endlich den Bedingungen oc neuen Zeit das Feld räumen mußte.

Verantwortlich; Dr. HanS Thyrivt. Druck und Verlag: Brühl'fch« UniverfikätS--'Luch- und Steindruckerei. R. Lange, Gieße»-