begabt mit dem Feuer eines edlen Enthusiasmus und mit einer be- aeisternden Beredsamkeit, deutsches Wesen dem amerikanischen Volke eingepflanzt."
Lorenz Diefenbach am 29.Juli 1806 als Sohn eines oberhessischen Pfarrers geboren, hat sich vor allem als Sprachforscher einen Namen gemacht. Seinen freiheitlichen Anschauungen gemäß war er als Gießener Student Burschenschafter und wurde schon als 22jähriger Rektor der Laubachcr Lateinschule und Verwalter der gräflichen Bibliothek. Die Beschäftigung mit diesen Schätzen veranlaßte ihn zu selbständigen wissenschaftlichen Arbeiten, deren erste 1831 erschien und die fast alle von den Fachgelehrten günstig beurteilt wurden. In erster Linie sanden feine lexikographischen Forschungen Anerkennung, als deren äußeres Zeichen man seine Wahl in die Preußische Akademie der Wissenschaften (1861) ansehen mag. Seinem umfassenden Geist war es ein Bedürfnis, die Sprache im Zusammenhang mit dem Leben selbst zu erfassen. Die erste Frucht dieser Arbeiten war sein noch heute beachtliches Buch „lieber Leben, Geschichte und Sprache". In seiner Laubacher Zeit verfaßte Diefenbach auch Romane und Gedichte, welch letztere zuerst 1840 in Gießen erschienen. Sie sind heute ganz unbekannt; über ihren künstlerischen Wert kann man streiten; den meisten merkt man an, daß sie ein exakter Gelehrter geschrieben hat. Seit 1831 bekleidete er die zweite Pfarrstelle in Laubach, aber er sah sich 1843 zum Ausscheiden aus dem Amt genötigt, da seine religiöse wie seine politische Einstellung ein Verbleiben unmöglich machten. Die nächsten Jahre waren nur wissenschaftlichen und schriftstellerischen Arbeiten gewidmet, bis er 1865 Bibliothekar an der Frankfurter Stadtbibliothek wurde. Seinen Lebensabend verbrachte er in Darmstadt, wo er am 28. März 1883 starb. Ein heißes Herz hatte in dem Gelehrten und Künstler geschlagen; er war ein Mensch gewesen „von lebhaftem Temperament, der mit sich selbst und mit den Anschauungen seiner Zeit in heißem Kampfe rang".
„Ich komme zu den Hessen", heißt es bei Riehl in dem eingangs erwähnten Aufsatz. „Kurhessen und Hessen-Darmstadt sind nicht bloß durch den bunten Strich der Landkarte geschieden: die historische Entwicklung des Volkscharakters hat vielmehr dieselben Grenzmarken noch ungleich schärfer gezogen. Zwei Poeten repräsentierten beide Landstriche in schlagender Weise: Dingelstedt und Fallen.
Lautlose Resignation oder verbissener Groll, der sich zeitweilig in Sarkasmen und gallenbitterer Ironie Luft macht, ist bei den Kurhessen eingezogen, bedingt durch die politischen Verhältnisse einer langen Reihe von Jahren, daneben hat sich der sinnende Ernst und jene echt deutsche grundgründliche Beharrlichkeit des alten chattischen Stammes, größtenteils verflüchtigt in die französische Luft, die bei den Landgrafen des vorigen Jahrhunderts, bis auf Jeräme von Kassel aus über das Land hinwehte. Das aristokratische Parfum der Kasfelaner, ihre Vivazität, nebst ihrer eigentümlichen Gemütskälte, die jedoch manchmal mit einem plötzlichen hellen Auflodern zu kokettieren liebt — diese besonderen Eigenschaften haben sich bei Dingelstedt noch zu jenen allgemeinen gesellt, und der tiefe Groll des Nachtwächters hat sich mit wahrhaft französischer Leichtigkeit in kecken Humor und seine Satyre aufgelöst.
In Hessen-Darmstadt hingegen hat sich das derbe, kraftgedrungene, praktische Wesen des alten Stammvolkes viel reiner erhalten. Mit den Kurhessen verglichen sind diese Leute ziemlich plump, aber sie sind herzlich, treu, ehrlich und gerade, daß man sich leicht wohlfühlt bei ihnen. Wenn schon aber in der Sinnesweise des Volkes, wie in der Art, in welcher gegenwärtig das Land verwaltet wird, die praktischen Interessen ausfallend vorwiegen, so hat sich doch wiederum, gleichsam als Gegengewicht, ein wahrhaft krankhafter Idealismus bei einer großen Mehrzahl der Gebildeten eingeschlichen — etwas im schlimmen Sinne Demagogisches, das sich in überspannten politischen Abstraktionen und volltönend gewaltigen Phrasen kundgibt... Hier also ist Fallen der prägnanteste Lyriker, Fallen der Kämpe der Jahre 13 und 14, der die Deutschtümelei bis zur Karikatur verzerrt hat, der nicht mehr „Philipp" schreibt, sondern „Roßlieb"; eine kraftvolle, in schroffer Einseitigkeit frappierende, zuweilen aber auch wohltätig wirkende Erscheinung. Selbst Lorenz Diefenbach, ein Poet dieses Landes, der sich von politischem Pathos ziemlich ferngehalten hat, zugleich von durchaus moderner Bildung durchdrungen, kann in feiner Lyrik wie in seinen Novellen und Romanen den unseligen Hang zum Abstrakten und Reflektierten statt derber, frischer Sinnlichkeit oder echt spekulativer Begeisterung niemals verleugnen."
II.
Dieser Aufsatz Riehls wurde in der in Darmstadt erscheinenden Zeitschrift „Das Vaterland" (vom 11.Juni 1846) kritisiert, und es erscheint geboten, nun auch diese Anmerkungen zum Abdruck zu bringen. Zur Erklärung des Schlußsatzes sei erwähnt, daß Riehl damals Mitredakteur der Frankfurter „Oberpostamtszeitung" war und einer sehr gemäßigten politischen Anschauung huldigte. „Das Vaterland" war kein eigentlich politisches Blatt, bemühte sich aber, „das Wehen einer frischen Zeit" in seinen Spalten, „soweit tunlich aufzunehmen", vertrat „die neuesten freien Bestrebungen" besonders in den beiden christlichen Kon- fessionen, und „schaffte dadurch dem Blatte einen Charakte r". Im Frühjahr 1846 verbot die obere Behörde der Redaktion die Aufnahme kirchlicher und religiöser Gegenstände. Dieses Verbot und die Schwierig- keuen „eines unabhängigen Blattes ohne Privilegien und ohne einen o ö0n Inseraten" zwangen die Schriftleitung das Erscheinen der Zeitschrift am 31. Dezember 1846 einzustellen.
. 3n-ber Kritik von Riehls Aufsatz im „Vaterland" heißt es: „Also — we sich Dingelstedt und Fallen verhalten, so verhalten sich Kurhessen t£emp n Großherzogtum Hessen. Gewiß ein nagelneues Regeldetri-
Es ist wahr, Hr. Riehl hat es sich etwas leicht gemacht mit dem a mrn°n^n- Fallens, denn er nannte feinen, während es bekanntlich
V "“rüber Fallen gab, welche bichteten. Indessen hatten die Brüder anches Gemeinschaftliche und so schmolz Hr. Riehl um so mehr ihre !tior= Ä &en(5bid)tetena^C brei6i0 Wc gangen sind, daß die
Beinahe dreißig Jahre! Und doch noch moderne Lyriker! Nun, der Name Söller darf sich gratulieren, daß er noch so frischen Klang und Hauch hat. Wie viel Modernes ist indessen antiquiert.
Die Art und Weise, wie Hr. Riehl den Hosrat, jetzigen Legationsrat Dingelstedt als Mikrokosmus des Kurfürstentums Hessen deduziert, wollen wir zur näheren Begutachtung einem kurhessischen Blatt überlassen ...
Wir Hessen-Darmstädter dagegen sollen uns „das derbe, kraftgedrungene, praktische Wesen des alten Stammvolkes" viel reiner erhalten haben. Nun,.derb — ich muß gestehen, daß ich noch nicht darüber nachgedacht, ... — nein, wir müssen bas Kompliment von uns weisen, und praktisch, — dieses können wir dann erst mit ganz gutem Gewissen akzeptieren, wenn die Eisenbahnen im Gang sind. Was aber das alte Stammvolk ber Chatten betrifft, so ist bekannt, daß sie sich süblich nicht weiter als bis zum Main und Rhein zogen und daß, ... doch auch schon viel alemannisches Blut darunter sloß.
Nachdem Hr. Riehl uns derb, kraftgedrungen und praktisch hatte sein lassen, nannte er uns — „diese Leute"! — „ziemlich plump", aber „herzlich, treu, ehrlich und grabe". Nun, das läßt sich schon eher hören. Wir Hessen-Darmstädter halten die Schwachen für „herzlich, treu, ehrlich und grade", vielleicht auch für „ziemlich plump", und die Nassauer, insofern sie preußischen Akzent sprechen (ober ist Herr Riehl kein solcher?), 'tun es uns; und von Beiden geschieht es vielleicht nur deswegen, weil den andern der Schnabel anders gewachsen ist.
Ader der „krankhafte Idealismus bei einer großen Mehrzahl von Gebildeten!" Um Himmels willen, wo steckt er? Sind wir auch nicht sehr praktisch in allen Dingen, so sind wirs doch in Religion, Kirche und Staatsdienst; wir sakrifizieren uns nicht, wir lassen die Sachen gehen. Und nun soll gar jener krankhafte Idealismus „etwas im schlimmen Sinne Demagogisches" haben... Nein, das ist denn doch zu toll! Treten Sie doch, Hr. Riehl, zu unfern Zweckeffen, zu unfern Wahlhandlungen, zu unfern Gesprächen in Kasinos, Lesegesellschaften, Klubs und Wirtshäusern, treten Sie zu unfern landständifchen, und, insoweit fie öffentlich sind, zu unfern gerichtlichen Verhandlungen und suchen Sie jenes Demagogische auf. Vielleicht exzipieren Sie, es habe sich zurückgezogen, es sitze, der augenblicklichen Erfolglosigkeit seiner Theorie sich bewußt, schmollend im Winkel; nun, es mag dies dahingestellt bleiben, aber dann können Sie jedenfalls nicht von einer „großen Mehrzahl der Gebildeten" sprechen ...
... Gießen ist Herrn Riehl nur deswegen die Wurzel alles im Darmstädtischen verbreiteten Demogogismus, weil Fallen dort als moderner Lyriker vor dreißig Jahren sich hören ließ, begeisterte, fortriß. Herr Riehl schmiedet Lorenz Diefenbach an Fallen an, er leitet ihn, einen Mann von ganz verschiedenem Zeug, aus denselben Vordersätzen ab. Nun, es hat schon allerlei Menschen und allerlei Behauptungen gegeben, und am Ende sind wir Hessen-Darmstädter derb, weil wir m8 Sachsenhausen auf dem linken Mainufer liegen, praktisch, weil doch auch die Frankfurter unfere Nachbarn sind, und kraftgedrungen — ja, wer ist denn heutzutage traftgebrungen?"
Ameisen als Viehzüchter.
Von Professor Dr. R. von Haustein^).
Leicht zu beobachten sind die Beziehungen zwischen Ameisen und Blattläusen. Die Blattläuse nutzen ihre aus Pflanzensäften bestehende Nahrung nur sehr unvollständig aus. Die Rückstände find noch sehr reich an Nährstoffen, namentlich an Zucker. Wo viel Blattläuse sind, da findet man die Blätter oft mit zahlreichen, glänzenden Flecken bedeckt, bei starker Ansammlung tropft die Flüssigkeit sogar als „Honigtau" ab. Diese süße Flüssigkeit ist nun ein Gegenstand lebhaftester Begierde für die Ameisen. Sie folgen den Blattläusen bis hoch auf die Bäume. Sieht man auf den Blättern eines Strauches oder Baumes Ameisen in größerer Zahl um- herlaufen, so wird man in der Regel auch Blattläuse dort antreffen und kann bann ein interessantes Schauspiel belauschen: die Ameisen nähern sich den Blattläusen und fud)en diese durch Beklopfen ihres Rückens mittels ber Fühler zur Hergabe eines solchen Tropfens zu veranlassen, den sie bann begierig auflecken. Ja, die Ameisen tragen Eier und Larven von Blattläusen in ihren Bau; ich beobachtete vor einigen Jahren an einem Baurn eine große Anzahl heradwanbernder Ameisen, bereit jede zwischen den Kiefern eine Blattlaus trug. Da diese Tiere in der Regel aber mit tief eingefenftem Rüssel an den Zweigen und Blättern sitzen, so reißt dieser bei dem gewaltsamen Transport häufig ab, so daß die Freundschaft ber Ameisen den Blattläusen oft verhängnisvoll wirb. Mehrfach ist auch beobachtet worben, baß bie Ameisen ganz bireft zur Verbreitung dieser dem Gärtner höchst unerwünschten Tiere beitragen. Taschenberg erzählt, wie Ameisen direkt dabei abgefaßt wurden, daß fie mehrere Exemplare der berüchtigten Blutlaus auf einen Obstbaum übertrugen. Und in Amerika sind neuerdings Ameisen durch diese eigenartige Gewohnheit der Blattlauspflege den menschlichen Anpflanzungen so schädlich geworden, daß man ernstliche Maßnahmen zu ihrer Ausrottung treffen mußte. Kann man bie Pilzzüchterei der Ameisen unb Termiten als eine Art Gärtnerei ober Ackerbau ansehen, so hat man bei ihrem Verkehr mit Blattläusen von Viehzucht gesprochen unb die Blattläuse geradezu als die Melkkühe ber Ameisen bezeichnet. Auch bilden die Ameisen in gewissem Sinne eine Schutztruppe für die Blattläuse, indem sie bie diesen nachftellenden Insekten angreifen.
Zahlreiche kleine Käfer werden von den Ameisen nicht nur im Nest geduldet, sondern sogar gefüttert und verpflegt. Alle diese Käser, die von den Ameisen gehegt werden, besitzen an verschiedenen Stellen ihres Kör-
*) Die hier wiedergegebenen Ausführungen dürften das Interesse des Lesers für biologische Absonderlichkeiten rond)rufen. Wir verweisen daher auf des Verfassers „Biologie der Tiere", deren 2. Auslage Professor Hempelmann herausgibt. Diesem interessanten Buch entnehmen wir einen Abschnitt mit Genehmigung des Verlages Quelle & Meyer in Leipzig (443 Seiten, in Leinenbavd 16 Mark).


